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Mittwoch den 20. November
Zweites Blatt
1891
Gießener Anzeig er
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Die Grohmächte^ und die türkischesCrisis.
In der fortgesetztLdas^politische TageStnteresse hervorragend beanspruchenden Angelegenheit der Wirren im türkt- schen Orient steht anscheinend eine neue und bedeutungsvolle Wendung bevor. ^Oesterreich-Ungarn hat bet den übrigen Großmächten ein weiteres gemeinsames Vorgehen gegenüber den türkischen Dingen angeregt, nachdem bereits durch die wiederholten gemeinsamen Vorstellungen der in Stambul beglaubigten Botschafter bet der Pforte das Einvernehmen der Mächte in der diplomatischen Behandlung der türkischen ErifiS bis zu einem gewissen Grade dargethan worden war. Nach Wiener Meldungen hat die österreichtfch'ungarifche Regierung bei den anderen maßgebenden europäischen Regierungen den Vorschlag gemacht, eben diesem beharrlichen Zusammenwirken der Botschafter in Constantinopel ein weiteres Einvernehmen der Mächte nachfolgen zu lasten, um eine Bedrohung des Friedens Europas durch die Vorgänge in der Türkei bei Zetten abzuwenden. Die Wiener Anregung soll bei allen Cabineten sofort die günstigste Aufnahme gefunden haben, und handelt eS sich nun darum, durch die hierüber bereits eingeleiteten Verhandlungen das Nähere wegen der im Orient etwa vorzunehmenden gemeinsamen Schritte der Mächte zu bestimmen/
Angesichts der friedlichen Dispositionen, welche alle Eabinete gegenüber dem orientalischen Problem bekunden, kann eS schon jetzt als gewiß angenommen werden, daß die begonnenen internationalen Unterhandlungen zu dem gewünschten Ergebnisse führen. Hie und da wird allerdings die Möglichkeit angedeutet, daß England es vorziehen könnte, auf eigene Faust im Orient zu handeln, aber erstlich würde em solches gesondertes Auftreten nicht mit den von Lord Salisbury noch jüngst in seiner Rede beim Londoner Lord- majorS-Bankett feierlich verkündeten Anschauungen überein- stimmen, und zweitens dürften fich'S die Engländer doch reiflich überlegen, ob sie den anhebenden europäischen Einmischungen wirklich fernbletben sollen.
Es steht eine Vereinbarung zu erwarten, welche bezweckt, daß in allen das türkische Reich betreffenden Angelegenheiten keine einzelne Macht und auch keine Gruppe der Mächte selbständig und ohne daS Einverständniß der übrigen Mächte irgend eine Action unternimmt, daß vielmehr jeder etwaige Schritt der vorherigen Abmachung unter sämmtlichen Groß
mächten unterliegen soll. Hierzu kann bereits daS Ueber- etnkommen gerechnet werden, daß die nach den levantinischen Gewässern dieser Tage abgehenden einzelnen europäischen Geschwader sich in gleichmäßiger Entfernung von den Dardanellen zu halten, aber erforderlichenfalls mit einander zu cooperiren haben. Die Entsendung dieser Flotten selbst ist indessen noch als keine gemeinsame Handlung der Mächte aufzufassen, jede Macht hat vielmehr diese Maßregel aus eigener Entschließung zunächst zum etwaigen Schutze ihrer eigenen Angehörigen und Interessen im Orient ergriffen.
Die Tragweite eines gemeinsamen Auftretens der Großmächte im Orient liegt auf der Hand, es verbürgt tfle Friedenserhaltung für den Welttheil, gleichviel, wie die Unruhen in der Türkei auch enden mögen. Selbst wenn die drohende Katastrophe im Osmauenreiche, der Sturz des Sultans Abdul Hamid, eintreten sollte, so könnte nachher die Einmüthigkeit Europas doch verhindern, daß dieses Er- eigniß seine beunruhigenden Wellen über die Grenzen der Türkei hinaustrüge. Nur muß man lebhaft wünschen, daß die im Zuge befindlichen diplomatischen Verhandlungen über die vorgeschlagene gemeinsame Action der Großmächte zu einem raschen Abschlüsse gelangen, denn die blutigen Unruhen in Kleinasien und Syrien nehmen ihren Fortgang und rücken die Gefahr neuer und größerer Massenschlächtereien unter den dortigen Christen näher. Als ein Curiosum sei das Verlangen Griechenlands erwähnt, ebenfalls eine Flotte nach den türkischen Gewässern entsenden zu dürfen, die Mächte werden sich jedoch wohl schwerlich darauf einlassen, diese Prätension des griechischen Gernegroß zu erfüllen.
Der Krieg von 1870f71,
geschildert durch Ausschnitte «u8 ZeitungS-Nummern jener Zeit.
(Nachdruck verboten.)
20. November.
Eine gelungene Parodie der Victor Hugo'schen Proclamation findet sich in dem vlämischen, in Brüssel er- scheinenden Blatte „de Zwerb". Sie führt den Titel: „DaS neueste Manifest Victor HugoS" und beginnt mit folgender Ansprache:
„WaS thut ihr, wenn ihr mit einem Bein aus dem Bette gestiegen seid? Ihr töbtet einen Preußen! — WaS thut ihr, ehe ihr euer Abend-Butterbrod verspeist? Ihr
töbtet einen Preußen! — WaS thut ihr, wenn ihr auf dem Ohre liegt? Ihr träumt, daß ihr einen Preußen töbtet I Pariser, Franzosen, Bürger! Wachend und schlafend fechtet ihr, siegt ihr, sterbet ihr! Wißt ihr, waS ihr sei seid, wenn ihr wachend und schlafend hechtet, siegt, sterbt? Dann seid ihr Vaterland! Ich bin nicht mehr ich und ihr seid nicht mehr ihr — wir find alle Vaterland! Wir find Vaterland, weil wir fechten, sterben und siegen, und wir fechten, sterben und siegen, weil wir Vaterland sind! Weil wir fechten, sterben wir,- weil wir sterben, siegen wir- weil wir siegen, fechten wir. Mitbürger, wie groß sind wir, ich und ihr! Ich schaudere vor unserer Größe. Ihr denkt hier in Paris die „Großherzogin von Gerolstein" und „Orpheus", „Theresia" und die „Schöne Helena" zu finden, ihr wollt Cancan in Madille tanzen. Aber ihr werdet zwei Millionen Engel finden, die Teufel seiu sollen. Unsere Herbströcke sollen Panzerplatten, unsere Regenschirme Kugelspritzen werden. Gestern sind wir als Helden aufgestanden, morgen legen wir uns als Sieger nieder. Europa soll vor uns davon- lausen, so schrecklich sind wir. Unsere eigenen Kinder sollen uns nicht mehr kennen, weil wir Frankreich geworden find, und unsere Frauen sollen unS nicht mehr küssen dürfen, weil wir glühendes Eisen geworden sind." Unterzeichnet: Victor Frankreich, vormals Hugo, im Dienste der Republik."
Dertntfdttese
♦ Eine Uuiverfit'atSbehörde gegen die Duelle. AuS Halle a. S. wird der „Frkf. Ztg." geschrieben: Rector und Uni- versitätSrichter erlassen am „Schwarzen Brette" folgende Bekanntmachung: Die Herren Studirenden werden an die Strafbarkeit der Duelle erinnert, und besonders darauf aufmerksam gemacht, daß alle Diejenigen, die sich nicht scheuen, mit ihren von Duellen herrührenden und unverheilten Wunden sich auf öffentlicher Straße, in der Straßenbahn rc. zu zeigen, strengste Bestrafung zu erwarten haben. Es sind nicht bloß die Pedelle angewiesen, hierauf besonders zu achten, sondern cS sind auch die Polizeibeamten um ihr sofortiges Einschreiten bei derartigen Zuwiderhandlungen ersucht. Halle a. S. 11. November 1895. Der Hector der Universität: Droys en. Der Universitätsrichter: Jbbecke.
Fenilleton.
Frankfurter Thestcrbries.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
Das Gluck im Winkel.
Dr. M. Sudermann arbeitet nicht schnell. Gegen die Productivität zeitgenössischer Collegen, nehmen wir nur einmal die federgewandten Herren Blumenthal und Moser, ist sein Fleiß nicht bienenartig zu nennen, und doch gehört er zu unseren fleißigsten Autoren, zu solchen, die mit ihren Stoffen ringen, sich nur schwer selbst befriedigen können und das eben vollendete Werk stets als Ausgangspunkt für ein neues, besseres ansehen.
Der halbe Erfolg der „Schmetterlingsschlacht" hat Sudermann keine Ruhe gegönnt, Tag und Nacht hat er gearbeitet, um wieder auf der Höhe seiner Erstlingsschöpf- ungen zu stehen, und das ist ihm gelungen! „Das Glück im Winkel" überragt die „Schmetterlingsschlacht" um ein Bedeutendes, ja, ich möchte ihm sogar den Vorzug vor der „Heimath" geben, weil eS entschieden mit weniger äußeren, theatralischen Effecten arbeitet und in der ganzen Anlage innerlicher wirkt.H
Der Inhalt wäre bald erzählt und vielleicht ist er auch schon zu Ihren Lesern gedrungen, aber mit der Skizzirung des Sujets, der Aufzählung der Thatsachenfolge, ist eigentlich wenig geschafft, denn in allen unseren modernen Stücken, die Anspruch erheben dürfen, nicht nur der Couliffen-, sondern auch der Literaturwelt anzugehören, läuft neben der äußeren eine innere Geschichte her, und eben auf diese kommt es an, sie ist die Hauptsache!
Ich erinnere an einen Ausspruch, zu dem ich in einem meiner früheren Theaterbriefe veranlaßt wurde- daß die immer mehr in Aufnahme gekommene Gepflogenheit unserer modernen Dramatiker, die gefallene Frau oder die am Fehltritt hart vorübergleitenbe Frau in den Mittelpunkt ihrer Drücke zu rücken, die geistige Höhenlage unserer Dramen- Iiieratur stark beeinträchtige. Wer nun vom „Glück im
Winkel" nichts weiter kennt als eine trockene Inhaltsangabe, möchte glauben, es handle sich im neuesten Sudermann um einen ähnlichen Fall, und doch hat gerade in diesem letzten Werk der Dichter gezeigt, daß er sich immer weiter von den Aeußerlichkeiten der französischen Schule entfernt, die er zwar in Hinsicht auf ihre Technik gründlich genug studirt hat. Das Psychologische herrscht im „Glück im Winkel" über die theatralische Action. Die Menschen, die Sudermann uns vorführt, sind nicht eine Gesellschaft von Bühnenfiguren, die zur Beweisführung einer bestimmten These auf die Dauer eines Theaterabends zusammengetrommelt wurden, es sind Personen, die sich vom Hintergrund einer bestimmten BerufS- unb Gesellschaftssphäre loSlosen, ihre Abhängigkeit von dem Milieu, ber Umwelt keinen Augenblick verleugnen.
Kommen Sie nur in bie kleinen Provinzialstabte des preußischen Nordens, da finden Sie en mässe jene pflichttreuen, gedrückten subalternen Geister, wie der Rector Wiedemann (Herr Bauer) einen repräsentirt, die vor der obersten Schulbehörde, vor dem directen Vorgesetzten Ordre partren wie der Rekrut. Ein Gespräch, wie es hier im Eingänge deS ersten ActeS zwischen dem Rector und dem Kreisschul- inspector stattfindet, der mit hochmütiger Gönnermiene indiScret in die Privatangelegenheiten einbringt, muß den freieren Regungen süddeutschen Dolksgeistes höchst seltsam vorkommen. Im Zwischenact traf ich mit Bekannten zusammen- wir diS- cutirtcn gerade diesen Punkt- in der Gruppe befanden sich oftpreußische Landsleute, und wir stimmten darin überein, daß Sudermann hier treu nach dem Leben gebildet habe.
Einen solchen Mann, wie erwähnten Rector — er hat etwas vom Candidaten Cramer in „Sodoms Ende" und vom „Paul" im Roman „Frau Sorge", Sudermann hat eine Vorliebe für diese innerlichen Kernnaturen, diese refignirten Pflichtmenschen — heirathet nun ein armes, adeliges Fräulein, die einen Schutz suchte vor den Verführungen ihrer Welt, in welcher die strahlende, burschikose Siegernatur des Baron von Röcknitz (Herr Barthel), des Mannes ihrer Freundin Bettina, ihr thatsächlich gefährlich zu werden drohte. Sie rettete sich in daS „Glück im Winkel", in stille, bescheidene Verhältnisse, die ihr allerdings nicht jene jauchzende Seligkeit
geben können, von welcher eine träumende Mädchenphantasie voll ist, die aber den Frieden und bie innere Vesriebigung bergen. Frau Elisabeth (Frl. CH. Boch) ist eine zu be- beutenbe Natur, um das nicht einzusehen. Ein warmer Sonnenschein des Glückes geht von ihrem friedlichen Walten für Mann und Stiefkinder aus. In ihrem Hause hält man sie wie eine Königin und Glücksspenderin. Da, als sie sich schon geborgen und Alles im ruhigen Geleise der Arbeit und Gewohnheit geglättet glaubt, dringt abermals die Versuchung auf sie ein, in Gestalt desselben Mannes, und ungleich stärker als zuvor, denn Elisabeth erfährt durch den Mund deS Barons selbst, daß er keinen Augenblick daran gedacht, sie zur Geliebten zu machen, daß er drauf und dran gewesen wäre, um ihretwillen die Ketten einer unbeglückenden Ehe zu brechen. Elementare Leidenschaftsausbrüche füllen diese Stunde gegenseitiger Bekenntnisse, daS „Glück im Winkel" droht in Trümmer zu finken. Elisabeth, die nicht das Zeug in sich hat, auf Kosten Anderer glücklich zu werden, ist drauf und dran, den Tod in den Fluthen zu suchen. Da ist es denn die sittliche Größe und stille Dulderkraft ihre- einfachen, schlichten Mannes, bie sie im letzten Act vor biesem äußersten Schritt bewahrt unb ihr wiederum den schützenden Hasen deS „stillen Winkels" erschließt, den sie schon mit dem tosenden Meere wilder Leidenschaften vertauschen wollte.
Einem würdigen, tief sittlichen Abschluß ist der Conflict zugeführt worden. Wir stimmen durchaus nicht mit Denen überein, welche dies Ende ein gezwungenes nennen. Wir haben in den letzten Jahren in so vielen Variationen das „Recht der Leidenschaften" vertreten hören, daß wir froh sind, auch wieder einmal einem Dichter lauschen zu dürfen, der Kraft besitzt, das hohe Lied der Pflicht anzustimmen!
Ein feineres, verständnißvolleres Eingehen auf Sudermanns Intentionen als eS die Frankfurter Künstler darlegteo, kann man sich kaum denken. Ein näheres Eingehen auf Spiel und Auffassung der Haupt- unb Nebenrollen gestatten Sie mir wohl noch bei nächster Gelegenheit, zumal sich der hiesige „Theater-Verein" das Werk kaum entgehen lassen dürfte.


