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Nr. 117 Drittes Blatt. Sonntag den 19. Mai
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Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit An-nahme dcS Montags.
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Feuilleton.
Wochendriefe sus der Residenz.
(Ortginalbertcht deS ^Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 17. Mai.
ZatiläumSfest des Radfahrervereins. — Vom Odeuwaldclnb. Au8 dem Kunstleben. — Verschiedenes.
Der Radfahrerverein Darmstadt beging am verflossenen SamStag und Sonntag die Fei<r seines zehnjährigen Bestehens durch eine Reihe von wohlgelungenen Festlichkeiten, an denen daö Publikum den größten Antheil nahm. Am Samstag fand im weißen Saale der „Stadt Pfungstadt" ein Festabend statt, bei dem es nicht an Toasten auf die rührige und leistungsfähige Vereinigung fehlte. Dann folgte am Sonntag nach obligatem Frühschoppen ein großer PreiScorso, der sich vom Paradeplatz auS durch die Haupt« siraßen der Stadt bewegte. Ein Festessen im Hotel „Prinz Earl" vereinigte dann vor Beginn deS Rennens die Mitglieder und Freunde deS Vereins, dann brach man zum Beginn der sportlichen Kämpfe nach der Rennbahn auf. Diese, Eigenthum deS Vereins, besitzt eine mächtige Ausdehnung und ist ausgezeichnet in Stand gehalten. Ein viel- huudertköpfigcs Publikum hielt alle Plätze besetzt und harrte der angekündigtcn Wettkämpfe. Nach 3 Uhr begann daS Rennen, über deflen Verlauf wir an dieser Stelle natürlich nicht berichten können. Im Ganzen fanden acht Rennen statt, die ausnahmslos vorzüglich gefahren wurden. Namentlich errangen die Darmstädter Sportgrößen Haun und Lau ter mann wiederum große Erfolge. Auch ein sehr praetikabeles Vehikel, ein Motorzweirad, wurde dem Publi- tum am Sonntag zum ersten Male durch den Vertreter einer Münchener Firma vorgeführt und eS functionirte vor- ttefflich. Abends fand im städtischen Saalbau große Preis- ven-eilung und Ball statt. Sämmtliche Veranstaltungen verliefen recht gelungen und daS Jnterefle des Publikums an den Bestrebungen deS tüchtigen Vereins gab sich in dem zahlreichen Besuche kund.
Am gleichen Tage waren die Mitglieder des Oden-
waldclubS auf dem Zipfen, am Fuße des OtzbergS, zur Generalversammlung des Clubs vereinigt. Der Odenwaldclub hat in der verbältnißwäßig kurzen Zeit seines Bcstchens für die Erschließung unserer heimischen Berge ganz außerordentlich viel gethan. Namentlich seitdem die Wegmarkirungen von opferwilligen Mitgliedern im ganzen Gebiet unseres hessischen Gebirges durchgeführt sind, hat sich der Fremdenverkehr sehr gehoben und den Bewohnern ist dadurch eine reiche Erwerbsquelle erschlossen worden. Diese nützliche Thätigkeit des Clubs ist denn auch aus der General-Versammlung und in der Presse gebührend anerkannt worden und so sei ihr denn auch an dieser Stelle mit warmem Lobe gedacht. Wie sich die Ausflüge des Vereins im Sommer großer Beliebtheit erfreuen, so auch seine winterlichen Veranstaltungen, die DecorirungSfeste, über die wir unseren Lesern schon wiederholt berichten konnten. Demnächst wird nun auch das von dem Club gewidmete Denkmal deS Gründers, deS verstorbenen Oberbürgermeisters Albrecht Ohly, von dem jungen hessischen Bildhauer Ludwig Habich geschaffen, in Neunkirchen enthüllt werden.
DaS Kunstleben der abgelaufenen Woche brachte eine Reihe schöner Darbietungen. Am Freitag fand eine classische Vorstellung von Lessings Meisterwerk „Minna von Barnhelm" statt, in der Herr Heine von Königsberg und Fräulein Walther von Bremen auf Engagement gastirten. Beide Künstler gefielen ungemein und namentlich zur Gewinnung deS Fräulein Walther kann man unsere Hofbühne beglückwünschen, denn die Künstlerin errang auch am DienStag in Wilbrandts Lustspiel „Die Maler" einen großen Erfolg. Die letzten Vorstellungen der Saison erregen deßhalb ein besonderes Interesse, weil fich in ihnen mehrere beliebte Mitglieder unserer Hofbühne verabschieden. Wir kommen auf diese Ehrenabende im nächsten Briefe zurück und berichten dann auch über den Verlauf der letzten Premiöre, der Cor« neliuS'schen Oper „Der Barbier von Bagdad". Im Sommer wird, wie schon früher mitgetheilt, eine Bühne im Saalbau ihr Heim aufschlagen, um hauptsächlich leichtere Erzeugniffe, wie Operetten und Posten, vorzuiühren. z
Auch im alten Skating Rink ist neues Leben er- ! wacht. Dort hat ein unternehmungslustiger Director ein !
großes Varivtötheater errichtet, daS allabendlich feine Vorstellungen geben wird. Der Erfolg wird zeigen, ob damit einem Bedürsntß abgeholfen ist.
Reges Leben herrscht bereits in dem Neubau unserer Technischen Hochschule, der zum Theil bereits zu Unterrichtszwecken benutzt wird. DaS rasche WachSthum dieser Anstalt bedeutet gleich einen großen Aufschwung für die Residenz. Die Besucherzahl har sich wieder ganz bedeutend gehoben, so daß im kommenden Semester die Zahl 1000 wohl überschritten werden wird. Die Räume deS alten Baues reichen denn auch nun gar nicht mehr auS, viele Collegien müssen, wie schon seit langer Zeit, doppelt gelesen werden, und Professoren wie Studtreude harren sehnsüchtig der Eröffnung deS ganzen Neubaues am Herrcngarten. — DaS studentische Leben machte sich in den letzten Tagen schon recht geltend. Der Darmstädter D. C., dem drei Burschenschaften angehören, feierte vor Kurzem seinen AntrittS- CommerS und die Zeitungen konnten über einen glänzenden Verlauf berichten.
Die Frühjahrsmesse ist am letzten DienStag zu Ende gegangen. Die Geschäftsleute konnten diesmal mit dem Himmel zufrieden sein, er hat ihnen daS schönste und günstigste Wetter bescheert, erst am Mittwoch traten Regenwetter und recht empfindliche Kälte ein. Die Darmstädter Bade- satson im „Woog" ist durch diesen Witterungsumschlag nach ihrer kürzltch erfolgten Eröffnung wieder unterbrochen worden.
Am Großherzoglichen Hofe weilte in der letzten Woche noch fürstlicher Besuch. Das Groß herzogliche Paar fährt öfters spazieren und allgemein freut man sich über daS vortreffliche Befinden der Frau Großherzogin, die nun wieder oft in der Oeffentlichkeit erscheint. Wie verlautet, beabsichtigen die Herrschaften, Ende Mai nach England zu einem Besuche der Königin Victoria zu reisen, doch soll vorher noch ein großes Frühlingsfest im sogen. Beffunger Herrengarten stattfinden, das, wie verlautet, Seine Königliche Hoheit der Großherzog selbst arrangiren wird, lieber daS Programm für diese Veranstaltung kann ich Ihren Lesern hoffentlich im nächsten Briefe ausführlicher berichten.
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