Ausgabe 
19.4.1895 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr 91 Zweites Blatt. Freitag den 19. April

Der -lehtnrr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS Montags.

Die Gießener mtlien vlatter werden dem Anzeiger -wöchentlich dreimal brigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerak-Mnzeiger.

1893

Liertelsahriger Aöountmentspreisr 2 Dlark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Aedaction, Expedition und Druckerei:

KchutKraße Ar.7.

Lernsprecher 51.

Zlnrts- und Anzeigeblutt für den Tireis Giefzen.

Hratisöeitage: Gießener Aamilienbtätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer blS Borm. 10 Uhr.

Alle Annoucen-Burcaur deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Nord-Ostsee-Canal.

DaS noch unter der Regierung Kaiier Wilhelms I. begonnene gewaltige Unternehmen deS Nord-Ostsee-CanaleS steht jetzt vollendet da, die kommenden Junitage werden die feierliche Einweihung deS groben Werkes schauen. Glänzende Festlichkeiten, zu denen die deutsche Regierung alle seefahrenden Nationen Europas, ja auch mehrere der bedeutendsten tranS- oceanischen Völker, zu Gaste geladen hat, sind bestimmt, den EröffnungSact zu umrahmen und hierdurch schon äußerlich die besondere Wichtigkeit der neuen Wafferstraße in den Nord­marken deS Deutschen Reiches vor aller Augen zu führen. In der That besitzt der Nord-Ostsee-Canal sowohl eine hohe volkswirthschastliche alß auch militärische Bedeutung, die noch über die Interessen Deutschlands, welche sich an den Canalbau knüpfen, hinausragt und darum dem Werke auch die rege Aufmerksamkeit des Auslandes zulenkt.

WaS zunächst die wirthschaftliche Seite deS Nord-Ostsee- CanaleS anbelangt, so ist da vor Allem hervorzuheben, daß er den Seeweg zwischen der Ostsee und der Nordsee künftig erheblich abkürzt. Denn nach der Eröffnung des Nord- Ostsee-CanalS würde für den allergrößten Theil des Schiff- fahrtSverkehreS zwischen den beiden Meeren die bisherige alte Route, die bekanntlich um die Nordspitze Jütlands herum- führte, einen wesentlichen Umweg gegenüber der Linie Kiel- BrunSbüttel repräsentiren, den man nunmehr selbstverständlich vermeiden wird.

Nur für jenen Seeverkehr, der sich zwischen den Häfen deS nördlichen Schottlands und den Ostseehäfen bewegt, gewährt die Benützung des neuen Canals entweder gar keine oder höchstens ganz unmerkltche Abkürzung der Fahrt. Aber für die gesammten anderen Routen, die zwischen Nordsee und Ostsee hin- und hersühren, bringt die Fahrt durch die neue Wafferstraße eine Abkürzung bis zu 400 Seemeilen und noch mehr mit sich, und der entsprechende Zeitgewinn wird begreif­

licher Weise dem betreffenden Gütertransport usw. ungemein zu Statten kommen. Die durch die Eröffnung des Nord- Ostsee-CanaleS bedingte Verschiebung der Schifffahrtslinien zwischen Nordsee und Ostsee wird allerdings zunächst der Sundschifffahrt und den an letzterer betheiligten Hasenplätzen zu Gute kommen, sie wird dann aber auch die tranSoceanische Fahrt durch den Aermelcanal nach den Häfen der Neuen Welt zweifellos günstig beeinfluffen, sodaß die von dem neuen Canal-Unternehmen zu gewärtigenden voctheilhaften wirth- schaftlichen und verkehrspolitischen Wirkungen schließlich sehr weite Kreise berühren dürften.

Aber der allgemeinen volkSwirthschaftlichen Bedeutung des Nord-Ostsee-Canals hält deffen militärische Wichtigkeit mindestens die Waage, sein Bau ist ja auch vornehmlich zuerst auS schwerwiegenden strategischen und militärisch politischen Erwägungen in die Wege geleitet worden.

Die deutsche Wehrkraft zur See und mit ihr die deutsche Küstenvertheidigung erfährt durch den Canal eine höchst bedeutsame Verstärkung, denn er gewährt den Abteilungen der deutschen Flotte in der Nordsee und in der Ostsee für den Kriegsfall die Möglichkeit, sich ungehindert rasch vereinigen zu können und entweder dort ober hier mit imposanter Macht zu erscheinen. Der Nord-Ostsee-Canal sichert also dadurch, daß er der deutschen Marine in jedem der beiden Meere das Auftreten mit größerer Macht ermöglicht, wenigstens bis zu einem gewissen Grade die Seeherrschast an den heimischen Küsten. Die vaterländische Flotte wird sich dann in Stand gesetzt sehen, selbst einem größeren feindlichen Geschwader die Spitze zu bieten, ferner eine Blokade der deutschen Küsten oder die Versuche zur Landung größerer feindlicher Truppen­massen an einem ober an mehreren Punkten des deutschen Gebietes erfolgreich zu verhindern. Selbst bei einem gleich­zeitigen Seekriege Deutschlands in der Nordsee wie in der Ostsee würde der Canal der vaterländischen Marine immerhin noch eine zweckmäßigere und der jeweiligen Situation ent­

sprechende Verwendung ihrer Schiffe gestatten, als dies bislang möglich war. Gewiß werden es aber alle Friedensfreunde nur aufrichtig wünschen, daß Deutschland die Erprobung deS militärischen Werthes deS Nord-Ostsee-CanaleS noch lange erspart bleiben und dafür lediglich deffen friedliche Bedeutung für die völkereinigenden Zwecke des Handels und des Verkehrs hervortreten möge. ________________________

Vermißtes.

* Ein lebendes Schach. Gelegentlich des diesjährigen Winterfestes derBerliner Schachgesellschaft" wurde zum ersten Male in Deutschland das Schauspiel einer Schachpartie mit lebenden Figuren geboten. Auf einem großen Schach- brett, welches auf dem Boden des Festsaales auSgebreitet war, nahmen die Figuren selbstthätig Aufstellung, von denen die weißen durch Helle, die schwarzen durch dunkle Domino« und entsprechende Papiermützen in sehr geschickter Weise ge­kennzeichnet waren. Die Könige wurden durch die beiden größten Herren und die Königinnen in majestätischer Weise von zwei Damen dargestellt. Neben ihnen wandte sich aber daS allgemeine Interesse weniger den durch Kraft und Ge­wandtheit ausgezeichneten Offizieren, den durch Mauerkronen, Bischofsmützen und Pserdelöpse kenntlich gemachten Thürmen, Läufern und Springern, als vielmehr den einfachen Bauern zu, welche allerdings auch durch 16 der reizendsten Bäuerinnen dargestellt wurden. Wohl zumeist auS Galanterie gegen diese jungen Mädchen wurde von den beiden Spielführern, den Herausgebern deSDeutschen Wochenschach" A. Heyde und H. Ranneforth, eine Variante derFranzösischen Partie" gewählt, in welcher den Bäuerinnen zahlreiche Züge und somit auch die Gelegenheit zu anmuthigen Bewegungen gegeben wurden. Zwei Herolde standen bereit, diegeschlagenen" Figuren vom Brette zu führen. Der Festvorstellung folgte ein Tanzvergnügen, bei dem die Schachfiguren etwas mehr

1 Beweglichkeit als auf dem Brette entfalteten.

Feuilleton.

Aus vergangenen Tagen.

Von Karl Daniel.

(Nachdruck verboten.)

II .*)

Mit dem GedichtHelbenmüthigkeit der Gießener Bürger" betritt Alois der Taunide den Boden der Geschichte. Er erzählt hier, wie sich unsere Stadt im Jahre 1327 aus den Händen des Erzbischofs Matthias von Mainz, der sie mit Sturm genommen hatte, befreite. Diese Episode ist eine der intereffantesten unserer vaterstädtischen Geschichte und dazu wenig bekannt. Wir wollen sie daher ausführlicher schildern:

Nach dem plötzlich in Italien erfolgten Tode des Kaisers Heinrich VII. (1313) wählte der eine Theil der Kurfürsten Ludwig den Bayern, der andere Friedrich den Schönen von Oesterreich zum deutschen König. Der mächtigste der Wähler Ludwigs, Erzbischof Peter Aichspalter von Mainz, der alte Rivale der Landgrafen von Hessen, hatte sich von Ludwig als Preis für feine Stimme schon vor der Wahl u. a. auS- bebungen, daß alle Lehen des Landgrafen Otto, nicht nur die Reichslehen, sondern auch die vom Erzstift Mainz her- rührenden, die Otto von seinem Bruder Johannes über­nommen hatte, als heimgefallen erklärt würden. Otto, aller Hoffnung beraubt, vom König die Belehnung zu erhalten, trat auf die Seite deS GegenkönigS. So lange der Kampf der beiden Parteien dauerte, vermochte Peter nicht gegen Otto einen entscheidenden Schlag zu führen. Er mußte sich damit begnügen, gegen den Landgrafen In deffen eigenem Lande zu schüren. Aber nur der Tod hinderte ihn an weiteren Unternehmungen. Bald darauf erfolgte die Nieder­lage Friedrichs des Schönen bei Mühldorf und Ludwig suchte sich nun seinen ehemaligen Gegner, den Landgrafen Otto, dadurch zu versöhnen, daß er ihm die bei Lebzeiten des Erz­bischofs Peter zurückgehaltenen Lehen in demselben Umfange, wie sie sein Vater und fein Bruder besessen hatten, übergab. PeterS Nachfolger, Matthias, war nicht so versöhnlich ge­stimmt. Er erklärte alle von Landgraf Johannes, Ottos Bruder, beseffenen mainzischen Lehen mit deffen Tode für heimgefallen und verbündete sich mit Erzbischof Balduin von Trier, Johann von Naffau-Dillenburg, den Solmsischen Grafen und vielen kleineren Dynasten zum Einfall in Heffen. Auf der Seite des Landgrafen standen seine Neffen, die Grafen Johann I. von Ziegenhain und Heinrich von Waldeck,

) Vergl. Nr. 4 dss. Bltts.

J und andere, unter denen er Johann von Westerburg zum ©rbburgmann von Gießen machte. VermittelungSversuche des Abts von Fulda, der unter seinem Vorsitz ein Schiedsgericht von vier Richtern im Kloster Arnsburg vereinigte, blieben erfolglos. Denn das Manngericht, dem jene SchiedSleute den Spruch über des Landgrafen Lehengüter übertragen hatten, erklärte parteiisch die Güter für heimgefallen. Im Jahre 1327 brach der Kampf aus. Den Oberbefehl führte auf hessischer Seite deS Landgrafen ältester Sohn, Heinrich, nach­mals der Eiserne genannt. Auf der feindlichen Seite be- fehligten Erzbischof Matthias und sein Verbündeter, Erzbischof Balduin von Trier, persönlich. Nach Scharmützeln in der Gegend von Amöneburg und Marburg rückten die beiden streitbaren geistlichen Herren vor Gießen und erstürmten die Stadt im August desselben Jahres. Ein trierischer Chronist erzählt, Landgraf Heinrich habe damals in Gießen einen Fußfall vor Matthias gethan, aber es ist durchaus unwahrscheinlich, daß Heinrich sich zu dieser Zeit in Gießen befunden habe. Auch sämmtliche hessischen und sogar die mainzischen Quellen wiffen nichts von einem solchen Acte zu berichten. Dagegen stimmen alle Quellen überein in der Beschreibung der Gräuel, die die von den verbündeten Erzbischöfen in der Stadt zurück- gelaffene Besatzung verübt hat. Eine Chronik meldet von diesen Begebenheiten im trockensten Tone Folgendes:Der Erzbischof (Matthias) belagerte und eroberte eine Stadt Gießen (genannt) und legte seine Anhänger in dieselbe- diese mit großer Grausamkeit wüthend verübten Mord und Raub, ver­gewaltigten Jungfrauen und Mädchen und brachten viel Elend über die Städter." Wenn wir der Riedesel'schen Chronik glauben dürfen, so war daS ganz im Sinne des Mainzers gehandelt, denn nach dem Bericht des Chronisten hat der Erz­bischof öffentlich verkünden lassen, daß nichts geschont werden solle, weder Städte, Dörfer, Klöster u. s. w., noch Priester, Mönche, Jungfrauen und Nonnen- wer viel Schaden, Mord und Uebel thue, dem sollen seine Sünden vergeben sein. Doch die streitbaren Gießener ließen sich die Vergewaltigungen der mainzischen Besatzung nicht lange gefallen. Sie erhoben sich einmüthig, warfen in gewaltigem Kampfe die Fremden zu den Thoren hinaus und übergaben die Stadt wieder ihrem rasch herbeieilenden Landgrafen. Dem Kampfe zwischen Otto und Matthias machte der Tod der beiden Gegner ein Ende, nachdem noch Heinrich der Eiserne am Linsenberge bei Hermann­stein einen Pyrrhussieg über Matthias davongetragen hatte. Otto starb im Januar, Matthias im November 1328.

Der Enkel Ottos, Hermann der Gelehrte, so genannt, weil er ursprünglich dem geistlichen Stande bestimmt war und schon die niederen Weihen erhalten hatte, verdankte einem Gießener Bürger Leib und Leben. Er lag um das Jahr 1377

mit dem Grafen Johann von Nassau-Dillenburg wegen Driedorf und Itter in heißem Streit. Johann schloß 1375 mit dem gleichnamigen Grafen von SolmS ein Bündniß gegen Her­mann. Vorher schon hatte er gegen denselben einen Ritter­bund gestiftet, den Bund der Gesellen von der alten Minne, und sich alß Hauptmann an dessen Spitze gestellt. So glaubte er sich stark genug, denBacealaureuS", wie er den Landgrafen verächtlich nannte, überwinden zu können. Aber er hatte sich getäuscht. Der Landgraf baute Wetzlar gegenüber, das von Johann von SolmS besetzt war, den Hermannftein, trotz aller Anstrengungen der Gegner, den Bau zu vereiteln. Eine Niederlage hessischer Reisige vor Wetzlar vermochte den Landgrafen nicht zu schwächen, aber dieser konnte auch nicht verhindern, daß das ganze Gebiet zwischen Wetzlar, Gießen und Königsberg verheert wurde. Um dem Landgrafen, der sich wegen des Baues von Hermannstein oft in Gießen aufhielt, auf anderem Wege beizukcmmen, hatten sich einige Gesellen von der alten Minne verschworen, ihn auf der Landstraße hinterrücks zu überfallen und zu ermorden. In einem Walde bei Gießen beredeten sie ihren Mordanschlag - aber ein gütiges Geschick wachte über de« Leben des Land­grafen, dessen Tod, da Hermann damals noch kinderlos war, für Heffen unabsehbare Folgen gehabt hätte. Ein Gießener Bürger, Eckhard Holzschuher mit Namen, hatte sich vor den herannahenden Rittern in einem hohlen Baume versteckt und den ganzen Anschlag mitangehört. Er hinterbrachte dem Land­grafen, was er vernommen, und rettete so ein kostbares Leben. Zum Dank dafür befreite der Landgraf demEckarde Holz- schuer und Ermelude, finer eliche Wirthin und ihrem rechten erben die Hofstatt, die gelegen ist zu Gissin zwischen der Lone (Lahn) und der Wiske (Wieseck) vor der Seltirs stad porthen", für alle Zeiten von Abgaben und Steuern. Diese Geschichte von der Treue deS Gießener Bürgers ist zum großen Theil UeberHeferung, aber nach Nebels Zeugniß existirte die Urkunde noch im Besitze der Erben jenes Holzschuher.

Um unsere Skizzen nicht zu weit auszudehnen, wollen wir nur noch erwähnen, daß uns Henninger In seinem Büchlein auch von dem großen Brande erzählt, der infolge eines zün­denden Blitzstrahls am 27. Mai 1560 ein ganzes Viertel in Asche legte. Aber wie von allen Begebenheiten, die wir hier berichtet haben, die Spuren längst, langst verwischt find, So schwand auch hier gar bald die Spur Von jener Schreckensftunde - Noch geben uns die Namen nur Von jenem Brande Kunde."