Ausgabe 
16.10.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 243

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Gießener Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener M««tlte»VtLtler werden dem Anzeiger »öchmtlich dreimal beigrlegt.

Zweites Blatt. Mittwoch den 16. October

1891

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

vierteljähriger ASonnemeutspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kch»tstr«ßeAr.7. Fernsprecher 51.

Amts- und Airzeigeblatt fflr den Akveis Gietzen.

folgenden Tag erscheinenden «XUS w ab" | Hratisöeitage: Hießener Aamisienblätter I

21 mt lieber Tbeil.

Gießen, den 11. October 1895. Betr.: Verpachtung der Pfarrgrundftücke.

Sei GkMerzogtiche Kreisamt Meßen

au die evaug. Kirchenvorstände des Kreises.

In verschiedenen, in letzterer Zeit bei und eingelaufenen BerpachtungSprotocollen haben wir bet Art. 8 der Pacht­bedingungen den in dem Ausschretben Großh. Oberconfistortums Nr. 3 vom 5. Februar 1894 angeordeten Zusatz vermißt, wonach die auf die Grundstücke entfallenden Beiträge zur land- und forstwirthschaftlichen Berufsgenoffenschast von den Pächtern getragen werden sollen. Wir beauftragen Sie daher, die Beifügung dieses Zusatzes für die Folge nicht zu unter­lassen und lenken Ihre Aufmerksamkeit außerdem auf daS Verordnungsblatt Großh. OberconsistoriumS Nr. XI von 1882; hiernach ist insbesondere siede Verpachtung von dem Gesammtkirchenvorstand zu begutachten; eS genügt nicht die« jentge des Vorsitzenden allein.

Auch auf die Vorschriften des Art. 26 der Verordnung vom 6. Juni 1832, besonders des letzten Absatzes, möchten wir bet dieser Gelegenheit Hinweisen und Ihnen empfehlen, darauf zu halten, daß bet Versteigerungen von Crescentien eine Taxation derselben stattfindet und |un8 vorgelegt wird.

Schließlich erinnern wir daran, daß Sie nach dem oben citirten Ausschreiben Nr. 3 die Formulare zu den Pacht­bedingungen bet Großh. Oberconsistortum unentgeltlich erhalten, wodurch Ihnen die Mühe des Schreibens derselben erspart wird.

v. Gagern.

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS- Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.)

16. October.

Der heutige Nachmittag brachte uns wieder einmal Kunde von franzöfischen Stegen. Herr Gambetta, der nach seiner Flucht mittelst Luftballons jetzt in Tours die erste Geige spielt, hat gestern eine Proclamatton erlaffen, in welcher er mit unbeschreiblicher Freude daS Nachfolgende erzählt:

Paris, 12. October. Das Volk, ungeduldig, sollte dem Feinde entgegengehen. Hier der Bericht über den ersten Sieg. Die Preußen sind aus den Stellungen gedrängt, welche sie seit drei Wochen einnahmen. Der Feind ging zurück bis Versailles. Der Feind weiß, was es heißt, wenn das Volk entschlossen ist, seine Selbstständigkeit und seine Ehre zu retten. Mögen nun die Provinzen ihre Pflicht thun!

Die Phrasen, mit denen dieser StegeSbericht schließt, mußten sofort allen Zweifel an der Richtigkeit der gemeldeten Vorgänge rege machen; und in der That: ein amtliches Telegramm macht bekannt, daß die obigen SiegeSnachrichten erfunden sind, um auf die schwachen Gemüther Frankreichs stärkend einzuwirken. Die deutschen Truppen halten genau noch die Stellungen ein, welche fie bisher gehabt. Am 14. und 15. October haben vor Paris kleine Vorpostengefechte stattgefunden. Dagegen liegt eine Nachricht Über einen deutschen Sieg vor: Einem amtlichen Telegramm aus V e n i z e l vom Morgen des heutigen Tages zufolge hat die feste Stadt Soissons nach viertägiger hartnäckiger Vertheidigung capttultrt.

Neubretsach ',und Schlettstadt in dem oberen Elsaß sind seit dem 9. October von deutschen Truppen etn- geschloffen. Heute früh 5 Uhr machte die Besatzung von Neubreisach einen Ausfall mit 2000 Mann; er wurde, obwohl von starkem Nebel begünstigt, zurückgewiesen.

In Paris trifft man einzelne Vorbereitungen gegen die FeindeSmacht, von denen man sich ungewöhnliche Erfolge verspricht. So ist mit der neuesten Luftballonpost aus Paris in Tours die Kunde eingetroffen, daß in den Werkstätten der bekannten Catl'schen Maschinenfabrik eine Lokomotive nach neuem Muster gebaut wird und ihrer Vollendung entgegen« geht, welche 6000 Kilogramm wiegt, den Heizer und Maschinisten durch ein bombenfestes Schilderhaus schützt und hinter einer etsengepanzerten Brustwehr zwei furchtbare Mitrailleusen birgt. Diese neue Höllenmaschine soll die Brücke am Point du Jour auf und ab fahren und ihre Kugeln bis nach den Höhenzügen von Meudon hinausschleudern. Times.

DertttifdtttSe

Das Lied vom Seat. Solches ist der Männer Weise Abends vom Familienkreise Heimlich sich hinweg zu schleichen Und daS Freie zu erreichen. Dies geschieht bei Englands Söhnen, MeistentheilS dem Sport zu fröhnen; Rußlands ungeratene Knaben Sehnsucht nach dem

Wudkt haben; Italiener, Portugiese. Serenaden klimper" diese; Der Franzose, stets voll Feuer, Sucht sich Liebesabenteuer. Doch der Deutsche, fromm und bieder, 'Hütet sich, daß er so lieber« lich jemals den werthen Seinen Oder Nachbarn möcht' erscheinen. Ihm genügt eS, mit noch Andern Still zur Kneipe hinzuwandern, Darzubrtngen zum Verftändntß Sein politisches Bekenntniß, Oder aber auch hingegen, Die Geselligkeit zu pflegen Und bei einem vollen Schoppen Schlicht und einfach Scat zu kloppen. Jeder, der zu guten Stunden Den Hausschlüssel hat gefunden Was die Gattin nicht bezweckte, Da sie sorgsam ihn versteckte. (Dies jedoch in Paren­these), Ob bei Tag er Acten lese Oder auch im CourSberichte, Ob er Liebeslieder dichte Oder Wasser­röhren, fei er Schuster, Schneider, Pfänderleiher, Kammerjäger, Todtengräber, Schutzmann, Hofrath, Düten- kleber, Möbelhändler, Zahnarzt, Lehrer, Oder abtr Rauchfangkehrer, Jeder, wie er, wo er, was er Hnße, wohne, thu' und laß er, Ob er edel sei wie Keiner Oder aber, ob er einer Von der ersten Schwefelt ande, Ob er Städter, ob vom Lande, Ob er male, backe, brate, Jeder huldiget dem Scate. Erst nach guter, alter Sitte Fehlet stets der Mann der dritte, Doch gelingt es diesen letd'gen Uebelstand stets zu beseit'gen Und nun mag die Welt in Trümmern Geh'n, die Schwiegermutter wimmern, Mag die theure Gattin lauern Feste sitzen sie und mauern.Also um den viertel Pfennig."Lehmann, mogle nicht, Dir kenn ich!" Bring mir Keiner nich im Zorne!"Reizt mich doch, ich sitze vorne!"Solo? Tournez!"Rothen",Grünen". Bitte, richtig zu bedienen !"Herz, mein Herz, gieb dich zufrieden,"Kreuz und Leid ist mir beschteden!"Schellen", Eichel",Langt es?"Leider."Wir find nicht 'mal aus dem Schneider."Grand mit Vieren."Gott )ei gnädig!"Ja, so spielt man in Venedig." Kommt der Eh'mann dann nach Hause, Harret fein in stiller Klause Treu die Gattin und entledigt Jetzt sich der Gardinenpredigt, Die fie sorgsam memorirt, Während er sich amüfirt. Und hier zeigt sich durch die That noch, Wie erziehlich wirkt der Scat doch: Er erwidert keinen Ton Auf die Interpellation, Folgt dem Rathe so, dem alten, Regel ist: Den Mund zu halten!

^uUlchn.

A « s alter Zeit.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Nachlaß eines theueren Anverwandten, mit dessen Ordnung ich betraut war, fanden sich in großer An­zahl ältere Drucke in braunledernen und Pergament-Ein­bänden, Weißheit längst vergangener Zeiten in deutscher oder holländischer Zunge, meist dem 17. und 18., nur wenige dem 16. Jahrhundert entstammend. In vielen dieser Bücher war vorne der ehemaligen Besitzer Namen eingeschrieben, und waren die Schriften für mich von besonderem Interesse, so konnte ich gewiß sein, den Namen Gerhard oder GerharduS S. ringezetchnet zu finden.

Wer dieser Gerhard war, ergab fich aus alten Testa- menten und auS einem Geburtenregister, welches ein Vorfahr Im 18. Jahrhundert über feinen Familienzuwachs geführt. Des Großvaters Oheim führte diesen Namen und muß in der Erinnerung der Voreltern einen guten Platz gehabt haben, so etwa wie eine Blüthe der Familie, denn sogar seine alten lateinischen und franzöfischen Wörterbücher und Gram- matikev, die oft außer feinem Namen noch ein Zueignung-- sprüchlein enthielten, waren aufbewahrt worden. Verehelicht ist Herr Gerhard nicht gewesen, dagegen ein Mensch regen Interesses für alle alten wunderbaren Nachrichten, Bücher und Skripturen. Wie er derartiges, namentlich solche hand­schriftliche Mittheilungen erworben, kann ich nicht sagen, doch wird man mir gewiß verzeihen, wenn ich ein solches Schrift« stück aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentliche, das, wie der Schreiber selbst sagt,ein gar wundersam brlebnih" erzählt.

Mit geringen sprachlichen Aenderungen lasse ich die Handschrift folgen und bitte die geneigten Leser, fich selbst in irgend einer Weise mit den Geschehnissen abzufinden. Ich selbst aber enthalte mich jeglicher Kritik. Die Umgegend Marburgs ist der Schauplatz der Begebenheit.

Siu gar wundersam Erlebuiß.

Ja, ein wundersam Erlebniß ist's gewese, möcht auch sagen ein verwundsameS, denn itzo noch blutet mir das Herz, obgleich ein Jahrzehnt feit damals vergangen. Für wen ichs aufzeichne, ich weiß eS nit; möcht aber gar wünschen, daß in späther Zeit ich mehr Glauben fänb, denn ich funben hab mit mündlichem Bericht bei] Freunden und Bekannten. Dahero ich auch schon seit langem nimmer versuchet, ein Menschenkind zu finden, baß solcherlei^Bericht mehr benn ein ungläubig ober gar verächtlich Lächeln gezollet hätt, benn müssen meinen thüringischen Bäuerlein solches erzählen, wo­durch ich aber leichtlich bie Gemüther verwirret, den ich doch allhie ein Seelenhirt soll sein und meiner Gemeind wahrlich bessere Kundschaft zu bringen hab, denn daS, so mir in früheren Tagen ist begegnet.

Meines lieben Herrn Vater Wunsch ist gewest, sein JustuS Danill solle dereinst die Kanzel besteigen und der andächtigen Gemeind Worte deS ewigen Lebens verkündigen dürfen, so ihm felbften war verwehre,, maaßen der Kandidat Kalbenus wol gar voll Wissens unb eines frommen Herzens gewesen, allein ein also schwächlich Stimmlein gehabt, daß ihm nientalen ein Pfarramt geworben, daß er so heiß be­gehret. Hat fich Zeit seines Lebens damit befaßet, die Jugend zu lehren, und ob gleich solches ein gar schmal Brodllein gebracht, ist er dennoch unter seinen Buben fröh­lich worden, mocht er doch also auch seinem Herrn Gott dienen.

Sein Sohn aber hat bie Universität Jena beziehen unb allba gar fleißiglich der GotteSgelahrtheit obliegen gemüßt. Die letzten Semester hab aber zu Marpurg sollen ftubtren.

Bin denn auch alsbald nach dem heiligen Osterfest anno domini 1606 mit deS Herrn Vater und meiner lieben Mutter Segen über die Berge dahin gezogen, daß ich zur guten Zeit, so die Vorlesungen begonnen, möchte in Marpurg sein.

Zum Letzten auf solcher Wanderung hab zu Nacht in Alsfeld im Bären Quartier nommen. Bin aber, so ich noch ein gut Stücklein Weges vor mir gehabt, früh Morgens, da die Hähne gefchrieen, allda aufgebrochen. Ist noch gar still

gewest auf der Gassen, unb bin ich. keiner Seelen begegnet, hat mir aber ein kläffenb Hünblein bas Geleit geben bis unter ben Thorbogen.

DraußeS hat dichter Frühnebel gelagert über Berg und Thal, so daß ich abermals eines sonnigen Tages gewärtig gewesen, wie ich denn auf meiner Reiß keinmal bin von Regen überfallen worden.

Hoch in der Luft jnbilireten die Lerchen, wenn ich sie gleich nicht mocht entdecken ob des Nebels. Hat mich aber solch Vögleinsang gemahnet, ein gleiches zu thun, so doch die unverständig Creatur also weiß, ihren Schöpfer zu loben. Die Festlieder haben mir noch gar in den Ohren klungen, und in den Nebel hinaus und den stillen Morgen ließ laut erschallen daS alt Lieblein

Christ ist erstanden

Von der Marter alle

Deß sollen wir all froh sein Christ will unser Trost sein KyrieleiS."

lieber solchem Sang ist mir gar fröhlich worden, hab nit mögen aushören, und da das Lieblein zu Enbe gewest, flugS ein aabereß begonnen, so Dr. Martinus gemachet, Nun freut euch lieben Christengemein". Hab alle Verse jungen und bin dabei rüstig gewandert. Die Lerchen haben immer noch tririliret, und itzo ist der Nebel zertheilet, und mochte ich je wann freie Rundschau halten in baß sonn« beglänzet Land, wenn auf der Höhe eine Waldlichtung ge­wesen. Solch Blick in bie weite ungekannte Ferne hat mein Herz gar sehr entzücket, also baß ich in Freub unb Wander« lüft nit vermerket, wie so gar eilfertig ich meine Straß ge­zogen. Auf den Felbern zog bie Pflugschar ihre Furchen inö feuchte schwarzbraune Lanb, daß sie geglänzet, gleich als triefe der Acker von Fett. Mocht ein gar gesegnet Laub sein, maaßen in ben Flecken, so ich durchzogen, das stattlich Bauerngehöft wol ein wenig anders ausgeschaut, denn die Lehmhütten der Thüringer.

Fortsetzung folgt).