Ausgabe 
16.8.1895 Zweites Blatt
 
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Rr. 191 Zweites Blatt. Freitag de» 16. August

189»

Der

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Ainttt^ev Theil.

Beklmntmachmlg, betreffend: die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.

Der Ortsvorftand zu Friedberg beabsichtigt mit dem am 22. und 23. October l. I. stattfindenden Herbst-Fohlen- und Pferdemarkt eine Verloofung von Fohlen und sonstigen Gegenständen zu verbinden. Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloofung unter der Bedingung er theilt, daß nicht mehr als 12 000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenftänden zu verwenden sind.

Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestattet worden.

Gießen, am 14. August 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.

Deutsche» Reich.

Berlin, 14. August. Der Kaiser hat zur Stunde seinen diesjährigen Sommeraufenthalt in England, bet welchem er zuletzt der Jagdgast des Lord Lonsdale zu Lowther Castle in Westmoreland war, beendigt. Im Laufe des Donnerstag gedenkt der Monarch in Leith wieder an Bord derHohen- zollern" zu gehen und die Rückreise nach Brunsbüttel am Westausgange deS Kaiser Wilhelm Canals anzutreten, von welchem Orte aus sofort die weitere Heimfahrt nach Berlin mittels Sonderzuges fortgesetzt werden soll. Die Kaiserin wird mit den beiden ältesten kaiserlichen Prinzen voraus­sichtlich am SamStag früh aus Wtlhelmshöhe im Neuen PalaiS bet Potsdam wieder eintreffen. Kaiser Wilhelm hat seinen Gastgeber Lord Lonsdale zur Herbstparade des Garde- corpS bet Berlin am 2. September und zu den Kaisermanövern bet Stettin eingeladen, welche auözetchnende Einladung von dem Lord auch angenommen worden ist.

Eine besondere Weihe wird die Feier des 25. Jahres­tages der gewaltigen Schlacht von Gravelotte in der Reichs­hauptstadt erhalten durch die am Sonntag stattfindende Grundsteinlegung zum Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. Nach dem festgesetzten officiellen Programm werden der Grundsteinlegung das Kaiserpaar mit den kaiserlichen Prinzen, die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen HauseS, oaS Großherzoglich badische Paar und sonstige Fürstlichkeiten, ferner der Reichskanzler Fürst Hohen­lohe nebst den anderen höchsten Würdenträgern des Reiches und Preußens, die Generalität und zahlreiche wettere Fest- gäste beiwohnen. Auch Fürst Bismarck war bekanntlich zur gedachten Feier in aller Form etngeladen worden und sollte er bei der Ceremonte deS Hammerschlags sogar den Ehren­platz unmittelbar hinter den Fürstlichkeiten erhalten. Der Altreichskanzler hat indessen, wie jetzt gemeldet wird, unter Hinweis auf feinen Gesundheitszustand dankend absagen lassen.

Metz, 14. August. Bestem Vernehmen nach beabsichtigen die Franzosen unter Mitwirkung deS Bischofs von Nancy nächsten Freitag bei MarS-la-Tour eine große Gedenkfeier abzuhalten.

Metz, 13. August. Der Metzer BezirkSpräfident unter­sagte den Veteranen-Deputationen das Ueberschreiten der französischen Grenze. Der Groß Herzog von Hessen besuchte heute tncognito die Schlachtfelder bei Gravelotte.

tecetes «nd provinzieller.

n. Friedberg, 13. August. In der gestrigen General- Versammlung der SparkasseMathtldenstift" für Fried­berg und Butzbach wurde der Zinsfuß für Hypothekenschulden von 41/, auf 4Vi PCt. herabgesetzt, ferner wurden aus dem 84 462 Mk. 49 Pfg. betragenden Einnahmeüberschuß aus 1893 für Verpflegung verwahrloster Kinder 6000 Mk. und für Ausbildung zweier Krankenpflegerinnen auS dem Spar- kaffenbeztrk 500 Mk. verwilligt. Das Gesammtvermögev der Kasse beziffert sich auf 4 634 156 Mk. 20 Pfg.

n. Bon der Ridda, 13. August. Bei dem seither herr­schenden trockenen Sommerwetter haben die Feldmäuse^ in einzelnen Gemarkungen so überhand genommen, daß vor der Herbstausstellung eine allgemeine Vergiftung vorgenommen werden muß.

Mainz, 14. August. Heute früh fand bei Biebrich ein Pistolenduell zwischen einem Biebricher und einem Gießener Offizier statt. Ersterer wurde durch einen Streifschuß verwundet. Frkf. Ztg.

Mainz, 14. August. Die Mainzer Handelskammer ist mit den Handelskammern der Nachbarstädte zu dem Zwecke in Verbindung getreten, um eine anderweite und für Rheinhessen thunlichst einheitliche Festsetzung der für die Ladengeschäfte an Sonntagen freigegebenen Geschäfts­stunden herbetzuführen. Wie nun bekannt geworden, besteht bei der Regierung in Darmstadt die Absicht, aus eigner Entschließung der Frage einer Aenderung näher zu treten, sobald von den Behörden der benachbarten preußischen Landes theile auf Grund von Erhebungen, die von dem preußischen Handelsministerium eingeleitet find, eine neue Festsetzung der Geschäftsstunden stattgefunden hat. Die hiesige Handels kammer beschloß, unter diesen Umständen zunächst von weiteren Schritten abzusehen, dagegen das Ministerium zu ersuchen, vor Erlaß einer neuen Anweisung den beteiligten Handelskammern Gelegenheit zur gutachtlichen Aeußerung zu geben._______________________

PemWo«

Eine gefällige Spielerei auf dem Gebiete der Gas­beleuchtung bringt eine Pariser Firma in den Handel. Dieselbe besteht aus einem senkrecht stehenden Gasbrenner, der eine hohle, oben geschlossene Röhre mit seitlicher Oeff- nung darstellt; um diesen, etwa 7 Zentimeter langen Stutzen ist eine tulpenartige, mit Wasser gefüllte Glocke gesetzt, von welcher das beschriebene Gasrohr also immer die Mitte bildet. Auf die obere scharfe Spitze deS Rohres ist ein oben geschloffenes, unten in das Wasser eintauchendes Rohr aufgehangen, welches in einer horizontalen Ebene unterhalb der Spitze eine Anzahl winklig gebogener AuSströrnungS- rohre mit feinen Spitzen trägt. Wird der GaShahn ge­öffnet, so tritt das GaS auS der seitlichen Oeffnung deS inneren Rohres in die Ausströmungsrohre des übergehängten Rohres, wird daselbst angezündet und bewirkt die Reactions- Wirkung des auSströmenden Gases eine Drehung der brennen­den Spitzen, wodurch ein sehr angenehmer Effect erzielt wird. (Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin N.W.)

Ausverkauf wegen erfolgter Aufgabe deS Geschäfts. Die Stadt Paris läßt demnächst versteigern: 10,000 Ge­wehre, 9000 Tornister, 6000 Gürtel, 70 Pfeifen, 100 Trom­peten, 100 Trommeln, 80 Degen für Feldwebel, 100 Säbel, mehrere 1000 Mützen, Feldschüsseln und sonstigen Nachlaß der Schüler-Bataillone. Welche Begeisterung herrschte nicht vor zwölf, fünfzehn Jahren für die Schüler Bataillone, welche schon als künftige Sieger gefeiert wurden!

Die Stärke der europäischen Heere. Nachstehende Statistik der europäischen Heermächte möchte von einigem Interesse sein. Der Dreibund verfügt Deutschland über 593 530 Mann, 120 000 Pferde, 2964 Kanonen- Oester­reich 319 235 Mann, 65 500 Pferde, 1000 Kanonen - Italien 238 000 Mann, 52 000 Pferde, 860 Kanonen, zusammen 1 150 399 Mann, 237 500 Pferde, 4824 Kanonen. Die französisch-russischeAllianz" ergiebt folgende Zahlen: Rußland 1 033 661 Mann, 150000 Pferde, 2220 Kanonen - Frankreich 538 738 Mann, 122 000 Pferde, 2810 Kanonen, zusammen 1 572 399 Mann, 272 000 Pferde, 5010 Kanonen. Diese fünf Länder haben demnach im Augenblick unter Waffen 2 723 184 Mann mit 509 500 Pferden und 9834 Kanonen. Im Falle eines Krieges würden sich die ins Feld gesandten Streitkräfte wie folgt beziffern: Deutschland 2 440 000 Mann, 562 150 Pferde, 4430 Kanonen- Oesterreich 1 590 000 Mann, 292 000 Pferde, 2140 Kanonen - Italien .1 253 200 Mann, 134000Pferde, 1620Kanonenzusammen 5283 200Mann, 988 150 Pferde, 8890 Kanonen. Rußland 2 411105 Mann, 463 000 Pferde, 5200 Kanonen- Frankreich 2 715 600 Mann, 800 000 Pferde, 4500 Kanonen zusammen 5 126 705 Mann, 1 263 000 Pferde, 9700 Kanonen.

CHeratur wttb Kunft.

Der von der Redaction der(Gartenlaube" im Verlage vou Ernst Keils Nachfolger in Leipzig herausgegebene ,®artenlatt6e== Kalende«" ist soeben tn seinem 11. Jahrgang für 1896 erschienen. DaS vortreffliche Volksbuch ist zu bekannt, um hier seine Vorzüge noch besonders hervorheben zu müssen; findet cd doch seinen Weg ebenso wie dieGartenlaube" in das entlegenste Dorf, über Gebirg und Ocean, und ist der HauSfteund so mancher Familie geworden, deren Mittel die Beschaffung kostspieliger Bücher ausschließen. Neben der Unterhaltung bringt derGartenlaube-Kalender" Belehrung auB den verschiedensten Wissensgebieten in verständlicher, klarer und fesselnder Form und practtsche RathschlSge aller Art für die Bedürf­nisse deS täglichen Lebens, aus denen heraus er gewachsen ist und denen er in ungemein verständiger Weise gegenüber tritt. In dem

neuen Jahrgänge fesselt neben einer gemüthvollen und herzlichen Er­zählung von W. Heimburg namentlich die Geschichte eines Schwarz­wälder Hirtenknaben, der durch Talent und Fleiß ein berühmter Maler geworden ist. Diese ErzählungJohann Baptist" von A. von Freydorf ist dem wahren Leben entnommen und ist wie selten eine geeignet, ein leuchtendes Beispiel aufzustellen, wie die Wurzeln der geistigen und künstlerischen BlÜthe unserer Nation in der Tüchtig­keit und Kernhafttgkeit der breiten Schichten unseres Volkes beruhen. Auch dem Humor ist Rechnung getragen durch die lustige Geschichte Maien" von Ernst Lenbach und durch zahlreiche Scherze und Anecdoten. Größere und kleinere Aufsätze populär-wissenschaftlichen Eharacters wechseln ab und vortreffliche Illustrationen berühmter Künstler schmücken diesen empsehlenswerthen Volkskalender, der trotz seines billigen Preises von einer Mark eine Zierde für jeden Bücher­schrank ist. ________________

Das Kostümfest in Sansfouct, da« der Kaiser jüngst zu Ehren des Altmeisters Menzel veranstaltete, veranschaulicht uns das Heft 23 der »Moderne« Pttttü* (Berlin W. 57, Verlag von Rich. Bong). Der imposante Parademarsch der frtdericianischm Grenadiere mit dem spontonbewaffneten Offizier an der Spitze darf wohl auch außerhalb des Kreises der militärischen Sachver­ständigen auf allgemeines Interesse rechnen. An erster Stelle bringt das Heft einen neuen Beitrag zu der in Wort und Bild so an­schaulich und packend gehaltenen ArtikelserieLondoner VerkehrS- leben". Von originellem Reiz ist das BildchenStraßenballet Heine, Mädchen in London". Das NachtstückEine Reisebeschreibung' von Ernst Hardt ist eine poetische Skizze aus der Feder eines Vertreters unserer jüngsten Schriststellergeneration, die an Stelle farbloser Alltagsbeobachtung und nüchterner Wirklichkeitsmalerei wieder glänzende Phantastik und hochgespannte Träumerei auf den Schild ihrer Ideale und Neigungen zu erheben beginnt. Das Zickzack enthält diesmal eine besondere Fülle von PortraitS und Illustrationen zu aufsehenerregenden Zettoorgängen. Unter den Kunstblättern heben wir die in zwei discreten Farbentönen gehaltene Wiedergabe der reizenden Hecht'schen SculpturPan und Bacchantin", sowie daS großartige BildDer Angriff der Macdonalds" von Harrington Mann hervor. Dieser Angriff der wilden jakobitischen Hochländer - Clans auf daS vereinigte Heer der Engländer und Nieder schotten erfolgte unter Wilhelm III bei Killtecranie. Die durch Heimathliebe, Glaubenseifer und Fremdenhaß zur Raserei gebrachten Hochländer stürmten, ihre breiten Schwerter in der Faust, mit so unwiderstehlicher Wucht von den Bergen herab, daß das ganze gegnerische Heer im Zeitraum von zwei Minuten theilS vernichtet, theils auseinandergefprengt war. Den Augenblick der höchsten Kampfeswuth des todesmuthigen Macdonals unmittelbar vor dem Zusammenprall mit dem Feinde schildert das Mann'sche Gemälde, das sowohl in England wie in Deutschland förmlich epochemachend gewirkt hat. _________________________________

Zur Anzucht der Mostbirnbäume.

H W..1, Wieseck, 14. August.

Der Herbst naht und mit ihm die Zeit, in der die Bereitung des Aepfelweins geschieht. Soll derHohenastheimer" ein ganz vorzüglicher Trank werden, so gibt man ihm einen Zusatz von Speierlingsmost. Alljährlich werden tn der Provinz Oberhesien Tausende von jungen Aepselbäumen gepflanzt, aber an das Setzen eines Speierlingsbaumes denkt Niemand. In Folge davon wird über kurz oder lang ein Mangel dieser den Obstwein so prächtig verbessernden Obstart eintreten, und ein richtigerSpeierling" so nennt man kurzweg den mit Speterlingen versetzten Aepfelwein wird schließlich nur noch eine Seltenheit fein. Ein praktischer Baumzüchter beugt vor und sorgt zeitig für Ersatz Diesen finden wir in den herben Wein- und Mostbirnen, die beim Genüsse den Gaumen zusammenziehen und im Volksmunde mit der Bezeichnung Würger" oderWürgebirnen" belegt werden. Taufende von (Zentnern dieser Birnen werden jetzt schon zur Herstellung des Aepfelweins benutzt, ohne daß der SpeierlingStrinker auch nur die leiseste Ahnung davon hat. Der Mostbirnbaum hat vor dem Speier­lingsbaum höchst schätzbare Vorzüge; er kostet höchstens Mk. 1.50, findet noch in den rauhesten Lagen, in feuchten Böden und sogar an Wasserläufen sein Fortkommen, wachst kräftig, schnell und prachtvoll in die Höhe, trägt früh und reich und ist namentlich zur Anpflan­zung an Straßen und belebten Plätzen unübertrefflich, denn die Langmäuler", welche einmal die Frucht gekostet, werden kein Ver­langen danach mehr empfinden und den Baum in Ruhe lasten. Der Speierlingsbaum dagegen wird nach mir vorliegenden Preisverzeich­nissen verschiedener Baumschulen zu Mk. 6 pro Stück berechnet und erliegt leicht der Krebskrankheit. Die Mostbirnen, welche neben der Gerbläure auch noch eine bedeutende Quantität Zuckerstoff besitzen, ve'leihen dem Aepfelwein eine glänzend goldgelbe Farbe wie die ©Peterlinge auch und machen ihn wohlschmeckend und haltbar. Empsehlenswerthe Sorten sind die Champagner-Bratbirn, die Weiler'sche Mostbirn und der Wlldling von Einsiedel.

Die Landwirthe, welche beabsichtigen, eine größere Obstanlage zum Zwecke der Weinerzielung zu machen, sollten deshalb darauf Bedacht nehmen, auch Mostbirnbäurne zu pflanzen und zwar auf 12 Aepfelbaume etwa 3 bis 4 Mostbirnbäume. Damit leisten sie nicht nur sich selbst, sondern auch dem guten Ruf deS deutschen Obstweins einen großen Dienst.

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