Ausgabe 
16.7.1895 Zweites Blatt
 
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M. 164 Zweites Blatt. Dienstag den 16. Zuli

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Antrag auf Feldbereinigung in der Gemarkung

Obbornhofen.

Bei der am 13. Juni 1895 erfolgten Abstimmung der betheiligten Grundeigenthümer über den Antrag des OrtS- vocstandes auf Feldbereinigung der Gemarkung Obbornhofen und die Anlage von Zufuhrwegen in den Obstbaumstücken haben von 293 in der Gemarkung begüterten Grundeigen- thümern 254, also mehr als 4/5 aller Betheiligten, gegen den Antrag gestimmt. Der Antrag gilt demnach als abgelehnt.

In der Zeit vom 17. bis 24. l. Ms. liegt das Ab­stimmungsprotokoll nebst der Zusammenstellung des Abstim« mungsergebniffes auf dem Amtszimmer der Großh. Bürger­meisterei Obbornhofen zur Einsicht offen.

Einwendungen gegen die Zulässigkeit oder Rechtsbeständig­keit des Ergebniffes sind binnen 14 Tagen von der Ver­öffentlichung dieser Bekanntmachung im Kreisblatt an ge­rechnet, mittels schriftlicher Beschwerde bei der Großh. Oberen landwirthschaftlichen Behörde in Darmstadt geltend zu machen.

Friedberg, den 13. Juli 1895.

Der Bereinigungscommissär.

6078] Dr. Göttelmann.

Bkklnmtmachmlg,

betreffend Antrag auf Feldbereinigung in der Gemarkung

Bellersheim.

Bei der am 15. Juni 1895 erfolgten Abstimmung der betheiligten Grundeigenthümer über den Antrag des Orts-

vorstandeS auf Feldbereinigung der Gemarkung Bellersheim und die Anlage von Zufuhrwegen in den Obstbaumftücken haben von 229 in der Gemarkung begüterten Grundeigen- thümern 201, also mehr als */5 aller Betheiligten, gegen den Antrag gestimmt. Der Antrag gilt demnach als abgelehnt.

In der Zeit vom 17. bis 24 l. Mts. liegt das Ab- stimmungsprotocoll nebst der Zusammenstellung des Ab- stimmungsergebniffes auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Bellersheim zur Einsicht offen.

Einwendungen gegen die Zulässigkeit oder Rechtsbeständig­keit des Ergebniffes sind binnen 14 Tagen, von der Ver­öffentlichung dieser Bekanntmachung im Kreisblatt an gerechnet, mittelst schriftlicher Beschwerde bei dec Großh. Oberen land­wirthschaftlichen Behörde in Darmstadt geltend zu machen.

Friedberg, den 13. Juli 1895.

Der Bereinigungscommissär:

Dr. Gölte lmann. 6079

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Juli. Wie aus Stockholm gemeldet wird, weilte Kaiser Wilhelm vom Freitag bis Montag in Tullgarn zum Besuche des kronprinzlichen Paares von Schweden. Wir erwähnen bei dieser Gelegenheit, daß die Kronprinzessin von Schweden die Tochter des Großherzogs von Baden und eine Cousine des Kaisers Wilhelm tft. Am Montag setzte der Kaiser seine Nordlandsfahrt weiter fort.

Aus Berlin wird gemeldet, daß sowohl die preußische Regierung, sowie auch die meisten verbündeten Re­gierungen es nach wie vor ablehnen, die Einführung deS Befähigungsnachweises für die Handwerker zu befür- ! Worten.

ht Feuilleton.

ll, WHchk Momkntbildkk von der Wartburg,

|gg^ Ort inalbrief für denGießener Anzeiger".

Silbr'rrmti 86? Nachdruck verboten.

lb-Rmte 100 Dr. M. Von der Wartburg und den Schönheiten der ien A Umgegend Eisenachs berichten, das hieße für Viele mit Recht:

* m in das Meer von Tinte, welches über dieses Thema bereits

geflossen, noch einen Tropfen gießen wollen. Das fei mir entenb. DH. W -fernc i Ich setze vielmehr voraus, daß eine große Anzahl OH. lon Lesern das Stückchen Welt, das ich behüte, nicht

k)vvLk.mkd.lSOb 102J beschreiben, sondern über welches ich nur einige zwanglose YP.A.WMU.1M 1011 Betrachtungen anstellen möchte gerade so gut kennen, wie )p.ä.$tJmt.b.l904 105- ich selbst! Welchen Charakter hat nun-dieser Flecken deutscher Krell. 8t M Me, zu welchem alljährlich ein Zug von Fremden und Pilgern ftriimt? Absichtlich unterscheide ich in der Schaar der Reisenden yMa ____liefe zwei Hauptklassen. Der Pilger fährt mit einer be-

--" ' ftmmten Absicht seinem Ziel entgegen, er erwartet eine Reihe U ton Eindrücken, über welche er sich schon im Voraus ein Bild _ gemacht hat, das dann entweder von den Wirklichkeits-Der- iiliniffen noch übertroffen oder im Licht- und Farbenton nach 6 ' Ser entgegengesetzten Seite hin corrigirt wird. Anders der * Krem de, den kein zielbewußtes Verlangen nach diesem oder ynem historisch merkwürdigen Ort führt, der sich vom Zufall treiben läßt und entwederköstlich amüsirt" oderfurchtbar biet". Von den geringfügigsten Umständen ist dieses oder jenes Öeiuttat abhängig, während der Pilger ein Programm mit ganz bestimmten Paragraphen bei sich trägt und mit diesem au die Erscheinungen herantritt. Er weiß also auch mit un­trüglicher Sicherheit, was auf der Wartburg zu holen ist, m.che Erinnerungen geschichtlicher Natur da in ihm lebendig tmden können, und sonderbar, wenn er vor dem Aeußeren Uüö Inneren dieser machtvollen Burg steht, drängt sich ein Eindruck allen anderen vor, und eben dieser ist's auch, welchen ta andere Reisende, derFremde", der nirgends zu Hause und immer nur Gast bleibt, mit gleicher Stärke empfängt, der Eindruck nämlich, daß uns da mitten im modernen Leben ein Stück Mittelalter aufstößt, so echt und wohlerhalten, lyie die kühnste Phantasie fich's nur immer vorstellen mag!

Da kommt man nun an im Eilzug von Bebra und sieht mb hört, wie an den Knotenpunkten das Reisepublikum sich md) den verschiedensten Richtungen vertheilt. Das Restaurant auf dem Bahnhofsperron, die zahlreichen Hotels und Mieth- kvffcher, die schon von Weitem winken, die Auslagen der Läden mit den verschiedenen Wartburgansichten, den originellen, ge- Hmackvoll gearbeitetenWartburgdecken", den Photographien d« Standbilder von Luther und Bach rc., Alles sagt uns, daß vir uns an einem Platz befinden, wo ein starker Fremd en- -«rkehr die entsprechendeAndenkenindustrie" erzeugt hat. 8is auf die Höhe, bis an das Wartburgrestaurant, wo man

tafeln" und Postkarten mit colorirten Ansichten an seine Lieben verschicken kann, begleiten Einen diese Zeichen des modernen Culturbedürfnisfes. Man löst seine Eintrittskarte, ä. Stück 50 Pfg., man giebt Schirme und Stöcke ab auch dies erinnert an Galerien- und Museenbesuch, aber, so­bald die Glocke mit weithin vernehmlichen Schlägen das Signal giebt, daß die Führung durch die Jnnenräume be­ginnt, kommt ein ganz anderer Zug in die Sache. Ich will durchaus nicht behaupten, daß wir nun plötzlich mit einem Schlage der Gegenwart entrückt werden. Es bleibt noch immer genug Gegenwart zurück, um uns die Illusion des Weltentrücktseins zu vertreiben, denn diese Führung, die ja sehr correct und ge­wissenhaft erfolgt, ist doch immer nur eine geistige Table dhöte, f eine Masfenabfütterung, bei welcher die einzelnen Gänge sich i förmlich jagen. Es. ist nicht möglich, ein Gericht mit Muße zu kosten, denn da steht schon immer der Kellner neben uns und nimmt denTellerwechsel" vor! Wer zu unterft an der Tafel sitzt, d. h. wer sich nicht dicht an den Führer halten kann, kommt in der Regel auch etwas zu kurz. Aber neben diese Alltagswirklichkeit, die das Gefühl der Andacht ja freilich schwer aufkommen läßt, schiebt sich eine andere, eine romantische, nicht jene Romantik, wie sie in den Köpfen unklarer Phan­tasten sich malt, sondern jene echte, jene Thal sachenrom antik, die so greifbar und überzeugend zu uns spricht, wie nur irgend eine Realität der Gegenwart. Mit derElisabethengalerie beginnt die Wanderung. Diese Heilige, deren Leben, Sterben und Kanonisirung da Moritz von Schwind mit ergreifend naiver Innigkeit in einem Freskencyklus erzählt, das war ja doch kein Phantasiegebilde, wie es das Hirn der Dichter hervor­bringt, sondern ein Geschöpf, das wirklich auf dieser Erde ge­wandelt hat, so greifbar und real wie ihr weltlicher Peiniger Heinrich Raspe und ihr geistlicher Folterer Konrad von Mar­burg, der düstere Ketzerrichter, den der Maler in verzücktem Fanatismus vor der mit goldenem Heiligenschein umstrahlten Leiche der Elisabeth die Hände falten* läßt.

Aus dieser Galerie geht's in die Schloßcapelle, wo noch fünf Mal im Jahre Gottesdienst gehalten wird. Hier steht noch die Kanzel, auf der Luther gepredigt. Auch die Fenster mit leuchtenden Glasmalereien in der Nähe des Altars stammen noch aus dieser Zeit. Zwei aufgepflanzte Schwerter erinnern an die beiden großen protestantischen Helden im dreißigjährigen Krieg, an Gustav Adolf und Bernhard von Weimar.

Aus dem Halbdunkel der kleinen Capelle treten wir in den geräumigen Sängersaal, wo an der Mittelwand die Kunst Moritz von Schwind's jenes halb sagenhafte, halb historische Ereigniß vom Wettstreit der Minnesänger in lebens- frischen Gestalten festgehalten hat, ein Ereigniß, das ernsthafter ausgefaßt wurde, als die sämmtlichen sogenannten sensationellen ,/Premieren" von heute. EinConcurrenzausschreiben", bei dem man wie Heinrich von Ofterdingen in die Lage

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Der Staatssecretär des Reichsschatzamtes, Graf v. Posadowski, hatte in den letzten Tagen finanzpolitische Besprechungen mit dem bayerischen Finanzminister v. Riedel in München und mit dem württembergischen und badischen Finanzminister in Stuttgart und Karlsruhe. Um welche neuen finanziellen oder steuerpolitischen Absichten es sich dabei gehandelt hat, entzieht sich noch der öffentlichen Kenntniß.

Berlin, 13. Juli. Zwischen den Vertrauensmännern der socialistischen Partei im Reichstagswahlkreise Anhalt- Dessau und der Parteileitung herrscht Über die Candidaten- frage eine Meinungsverschiedenheit. Von den Ver­trauensmännern wird der Redacteur deSAnhalter VolkS- blattes", Schriftsteller Pens, als Candidat vorgeschlagen, während die Parteileitung dem Parteisecretär Pfannkuch das Mandat Übertragen will. Jedenfalls bleibt Ersterer Can­didat für Anhalt-Dessau, obgleich er sich nicht an der Wahl­agitation betheiligen kann, da er am 9. September das Gefängniß in Dessau verläßt. Die freisinnige Volkspartei wird den Rechtsanwalt Grelling-Berlin als ihren Candidaten aufstellen.

Berlin, 13. Juli. Wie dieNat.-Ztg." erfährt, hat der Unterftaatssecretär v. Rottenburg wegen andauernder Krankheit seine Entlassung nachgesucht und erhalten. Dr. v. Rottenburg wurde am 2. Februar 1891 zum Unter- staatssecietär im Reichsamte des Innern ernannt. Vor seiner Ernennung war er Vortragender Rath in der Reichs­kanzlei.

Arolsen, 13. Juli. Die Reichstags - Ersatz- Stichwahl zwischen Dr. Böttcher und Müller findet am 22. d. Mts. statt.

kam, seinen Kopf zu verwirken, das war in der That eine Sen­sation ersten Ranges !! Das Landgrafenzimmer mit feinem Bilderkreis aus der thüringischen Geschichte enthält kaum ein Stück, das nicht den Geist des Mittelalters verriethe, dem nicht der Stempel selbstherrlicher Willkür im Guten wie im Schlim­men aufgeprägt wäre! Welch' eine Kluft des Empfindens trennt uns nicht von dem Landgrafen, der seine Gemahlin um einer gefälligen Buhlerin willen in die Verbannung treibt! Aber auch Ludwig der Eiserne, der von seinen widerspenstigen Edelleuten einen Acker pflügen läßt, wäre in unseren Tagen unmöglich.

Mittelalterliche Geschichte, in Stahl und Eisen, führt uns die Rüstkammer vor. Selbst der stärkste und gewandteste Turner müßte vor dieser Waffenwucht, wie sie zur damaligen Equipirung des kriegstüchtigen Mannes gehörte, erschrecken. Wir sehen hier die Eisengewänder, welche bekannte historische Persönlichkeiten, wie König Heinrich II. von Frankreich, Bernhard von Weimar, Kurfürst Friedrich der Weise, Kurfürst Johann der Beständige rc. ausgefüllt haben. Wie unscheinbar neben diesen schweren Panzerhemden nimmt sich her von einer Kugel durchlöcherte Küraß eines rheinischen Soldaten aus dem siebziger Feldzug aus, der in dem Regiment gedient hat, welches den Großherzog von Sachsen-Weimar zum Chef hat.

Die Wände schmücken Hiebwaffen und Fahnen. Letztere stammen meist aus dem dreißigjährigen Kriege. Um die stark verblichenen und verwitterten Zeugstücke zu erhalten, hat man sie auf Filet gezogen.

Das Lutherzimmerchen mit den rührenden Bildern von Lucas Cranach, der ganzen steifen, nüchternen Ein­richtung, repräfenttrt wieder eine Welt für sich,* sie nimmt einen kleineren Raum ein als Alles, was sich zuvor in unser Sehfeld drängte. Aber von dieser engen Zelle aus führte der Weg, der die moderne deutsche Geschichte von der mittelalterlichen in auffälligster Weise schied!

Einen neuzeitlichen Eindruck auf unser Auge übt von allen Jnnenräumen der Wartburg einzig der große Fest- und Banke tsaal mit seinen getäfelten Dielen, seiner prunkvollen Ornamentmalerei von Professor Welter aus Köln und seinen kostbaren Gobelinstickereien, Geschenke der Damen von Eisenach, Jena und Weimar zum Jubiläum des Großherzoglichen Paares. In diesem Saale, wo die deutschen Burschenschafter und Schrift­steller getagt haben, wo unser Kaiser schon des öfteren Gala- tafel gehalten, reicht die neue Zeit der vergangenen freund­schaftlich die Hand. Aus den Fenstern blickt man weit hinaus in die offenen, von fünften Hügelketten begrenzten Thäler. Hier dehnt sich Villa an Villa, Landsitz an Landsitz. Diese Villen- colonie, das ist das moderne Eisenach, aber seine Lebens- bedingung ruht in dem Stück Mittelalter, das da oben auf der Burg sein Dasein hat.