Ausgabe 
15.12.1895 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

SAM

Sonntag den 15. December

Zweites Blatt.

Kr. 295

Amts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Giefzen.

chratisöeitage: Hießener Jamikienökätter.

Annahme von Anzeigen zu.der Nachmittag* für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Nedaction, Expedition und Druckerei:

Schatstraße Vr.ta

Fernsprecher 51.

Bierteljahriger A5o»acmeatspret»r 2 Mark 20 Psg. rott Bringerlohu.

Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Psg.

Die Gießener

Alaorttterrötäller werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Der fUlewtt -«retger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vevntzischte».

* Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Von denjenigen Kruppen der nächstjährigen Berliner Gewerbe - Ausstellung 1896, welche zuerst daran gehen mußten, auch an die Aus- stellungSobjecte zu denken, steht die Gruppe Gartenbau in allererster Reihe. ES liegt in der Natur der Sache, daß »an der Mitwirkung der Sonne schon in diesem Jahre be­durfte, wenn stch im nächsten Jahre ein imponirendrs Bild dessen darstellen soll, was aus diesem Gebiete jetzt aus einem Boden geleistet wird, den man spöttisch Jahrhunderte hin­durchbe8 heiligen römischen Reiches Sandbüchse" nannte, auf dem jetzt in Bezug aus die Erzielung von farbenprächtigen und ursprünglich exotischen Blumen mit den berühmtesten Blumenzüchtern der Welt gewetteifert wird. An bevor­zugter Stelle des AuSstellungSterrains, unfern des Haupt­gebäudes, zwilchen dem in einen See umgewandelten ehe­maligen Spielplatz und dem Marinepanorama ist der Garten­bau-Ausstellung der stattliche Raum von etwa 20 Morgen zur Verfügung gestellt. Die Gruppe erfreut stch der Leitung eines Mannes, besten Name weit über bie Grenze beS deutschen Reiches und Europas hinaus als eines Führers auf feinem Specialgebtete bekannt ist, des Baumschulen« besitzerS Späth. Sie zerfällt in 10 Gruppen, zählt einige 80 Aussteller und ist zum Theil schon vollendet. Baum­schulen und Landschaftsgärtnerei nehmen über die Hälfte also 10 Morgen des der Gruppe überwiesenen Areals in Anspruch. Ein stilvoll angelegter Park von 1900 Quadrat­meter und ein streng nach englischem Muster eingerichteter Lawn-Tenn's-Platz von vornehm künstlerischer Ausstattung werden hier den Mittelpunkt bilden. Wohlgepflegte Blumen­beete mit Blumen aller Art, die mit den Monaten selbst­verständlich einander ablösen werden, wechseln in ihrer reichen und bunten Mannigfaltigkeit mit prächtigen Anpflanzungen der edelsten Rosen ab; ein Beet von großem Umfange wird nur für Georginen bestimmt sein. Die Obstcultur, jetzt ein Hauptzweig der Berliner gärtnerischen Industrie, wird in ganz besonders großartigem Maßstabe auf der Ausstellung vertreten sein. Werder, ein Dörfchen, besten Kirch- ^thurm austaucht, sobald man von Berlin aus Potsdam hinter sich gelosten, auf hügel'chem Boden an der sich ausweitenden Havel gelegen, hat sich mit Recht den Namen einer Obst- kammer Berlins erworben. Seine Kirschen, Pflaumen, Acpsel und in neuerer Zeit auch Erdbeeren verfolgen aber nicht allein den Zweck, die zwei Millionen Einwohner Berlins zu versorgen, sondern werden auch in tausenden von Schiffs­ladungen in die Welt hinauSgesch ckl. Die Obstzüchter von Werder bilden eine Art loser Genostenschaft, die auch social- politisch von Bedeutung ist; sie haben sich Dampfer gebaut, auf denen sie täglich zwischen Berlin und ihrem Heimath- dörfchen verkehren, haben gemeinsame Einrichtungen für alle ihre Industrie betreffenden Jnreresten und bethetligen sich auch collectiv an der Ausstellung. In einer großen Halle dem Hauptgebäude dieser Gruppe werden die kunst- bollen Erzeugnisse der Blumenbinderei, die empfindlichen Topfpflanzen, Gartenbau Ulenfilien, Modelle und Pläne Unter­kommen finden. Sechs große Gewächshäuser, von denen eines aus hohlen, durchsichtigen Glasbausteinen erbaut ist, dienen zur Aufnahme von tropenartigen Gewächsen. Die Teppichgärtnerei wird mit besonderer Liebe auf der Aus-

ftellung gepflegt werden. Die Ausstellung wird nicht nur den Beweis dafür geben, wie ausgedehnt alle diejenigen In­dustrien, die mit dem Gartenbau zusammenhängen, in der Umgebung Berlins jetzt geworden sind sind doch am Todtensonntag in Berlin einige Millionen Mark allein für Kränze umgesetzt worden sondern auch wie die Ansprüche an Schönheit und Reichthum der Erzeugniste gewachsen find. Man hat sür die Seife in Anspruch genommen, daß ihr Verbrauch als ein Gradmester der Cultur betrachtet werden kann, so mag die Blume mit gleichem Recht für sich be­haupten, daß ihre Verwendung als ein Gradmester der Wohlhabenheit gelten darf. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird auch die Gruppe Gartenbau der Berliner Gewerbe-Ansstellung 1896 den erfreulichen Nachweis bringen, wie außerordentlich sich gegen früher die Lage auch der breiten Masten des Volkes gehoben hat.

* Srgebuiye der Volkszählung vom 2. December. Nürn berg 160,962 (+ 18,402), Heidelberg 35,336 (+ 3591), Ulm 39,307 (+ 3116), Tuttlingen 11,612 (+1520), Lud­wigsburg 19,279 (+ 1861), St. Johann 16,748 (+ 2391), Saarbrücken 17,051 (+ 3170), Malstatt Bürbach 23,733, (+ 5354), Magdeburg 214,447 (+ 12,217), WandSbeck 21,664 (+ 1093), Elberfeld 139,359 (+ 13,460), Pirna 15,419 (+ 1567), Köln 320,056 (+ 38,276, Plauen (Sachsen) 40,162 .(+ 2680), Neustadl a. d. H. 15,906 (+ 890), Freiburg 52,306 (+ 3397), Baden Baden 14,418 (+ 534), Straßburg 135,313 (+ 11.813), Göpp ngen 16 034 (+ 1682), Dresden 334,066 (+ 44,222), Cassel 80,923 (+ 8837), Lübeck 69,643 (+ 6u53), M.-Gladbach 53,430 (+ 3808), Erlangen 20,429 (+ 1500) Cannstatt 22 506 (+ 2244), München 405 521 (+ 54.927), Gelsen­kirchen 81,635, Eisenach 23,955 (+ 2561), Friedenau (Berl. Borort 12,902 (+ 7046), FriedrichSberg-Lichtenberg (Berl. Vorort) 28,868 (+ 6098), Hirichberg 16,760 (+ 546), Görlitz 69,719 (+ 8076), Frankenthal 14,344 (+ 1335), Bruchsal 12,622 (+ 713), Lauban 12,648 (+ 690) Pofen 72,388 (+ 2757), Flensburg 40 631 (+ 3835), Liegnttz 51,466 (+ 4592), Elbing 45,759 (+ 4183), Altenburg 33,245 (+ 1591), Bayreuth 27,659 (+ 3139), Heilbronn 33,465 (+ H,18pCt.), Tübingen 13,987 (+ 5,37pCt.), Sagan 13,162 (+ 529), Spcemberg 11,124 (+ 533), Schöneberg (Berl. Voran) 64 000 (+ 35,279), Rudorf (Berl. Voran) 59,000 (+ 23,272), Wnyenfee (Berl Boron) 25,283 (+ 7251), Bernburg 32,502 (+ 4176) Gladbach 53,430 (+ 3802), Düsseldorf 175 861 (+ 21,500), K.el 85,494 (+ 16 322), Stuttgart 157,770 (+ 17,883).

* Eine Kindertragöbie. Die Eltern beS zwölfjährigen Willibald Karihäuser lebten getrennt, der Vater in Sachsen­hausen, die Mutter in Hannover. Willibald blieb bei seinem Vater. Von Sehnsucht nach der Mutter getrieben, wanderte der Knabe im August b. I. zu Fuß nach Hannover. Der Vater ließ ihn zurückbringen. In Frankfurt angelangt, machte bas Kinb, ohne nach Hause zu gehen, Kehrt, unb begann abermals bcn Weg nach Hannover. In Kirchhain (bei Marburg) griff ihn ber Polizeisergeant Mumenthaler auf unb behielt ihn vier Wochen in Verpflegung. Der Vater wollte nunmehr bcn Knaben in ein Arbeitshaus bringen lasten, nahm ihn aber schließlich wieber zu stch. Zum britten Male brannte ber Knabe durch unb begab stch neuerbings zu Fuß auf bie Wanderschaft. Am 8. November paffirte er

Kirchhain, hier erinnerte er sich seines Wohlthäters Mumen- tbaler unb ein seltsamer psychologischer Zug bestahl ihn; er stieg heimlich in baS HauS ein unb entwendete vier Mark. Damit bestritt er die Eisenbahnfahrt bis Göttingen, wo er verhaftet wurde. Im Termin vor ber Marburger Strafkammer stellte Mumenthaler in vergangener Woche feinem Schützling baß beste Zeugniß aus. DaS Gericht ver- urtheilte ben jugenblichen Mistethäter indessen doch zu drei Wochen Gesängniß.

* Sin Geburtstagstrio. In Weißenstadt im Fichtel- gebirge entdeckte man bei der letzten Volkszählung, daß in einer Familie von drei Kindern verschiedener Jahrgänge jedes am 9. Januar geboren ist. Ein GeburtStagStrio in einer Familie dürfte wohl selten sein.

Die Tageskosteu eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland. Der durch seine Vorträge in der Royal United Service-Institution bekannte englische Capttän JameS ver­anschlagte unlängst in einem Dortrage über den Krieg bie Kosten eines jeden Tages eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland für beide Theile zusammen aus l1/» Millionen Pfund oder circa 30 Millionen Mark, ein Anschlag, der von der Wahrheit nicht so sehr weit abwctchen dürste. Noch kurz vor dem Jahre 1866 wurden in fachmännischen Kreisen die Kosten der gelammten mob len preußischen Armee auf 1 ^2 Mill. Thaler ohne Munitionsverbrauch ber Schlachttage für den Tag berechnet.

» Aus New-Nork wird berichtet: Der Buchhalter eines in ber 23. Straße ctabÜrten fashionablen Mobewaaren- Händlers theilte kürzlich einem Reporter einige Zahlen mit, welche Aufschluß über den Luxus der Damen der oberen Zehntausend geben. Er sagte:Wir haben eine Kundin, welche bei uns für sich und ihre Töchter jährlich für fünfzig tausend Dollars Maaren einkauft. Vierzig unterer Kun­dinnen geben für Kleidungsstücke 10,000 Doll, jährlich aus."

* Sin Pittsburger Richter verbot den Bier verkauf über die Straße, weil die Jugend durch den Anblick des Bieres zum Trinken gereizt würde.

* AnS dem GerichtSfaal. Richter:Angeklagter, haben Sie ben Einbruch allem ober mit Hülfe Anberer ver- üot?" Angekl.:Unter gefälliger Mitwirkung ber C.pelle beß 83. Regiments!" Richter:Wieso? Er­klären Sie sich beutlicher!" Angekl.:Ja sehen Sie, Herr Gerichtshbf, die RegimentScapelle brachte ein Ständchen, und da hörten vorne alle Hausbewohner zu, so daß ich im Rückgebäude ganz ungestört arbeiten konnte!"

Kaseruerchofblnthe. Sergeant (zu den Einjährigen beim Klettern):Vorwärts, Maier, Müller, Schmidt, Huber ... bie Träger ber Namen solch alter, weitver­breiteter Geschlechter müssen überall voran sein!"

Kunst-Ausstellung,

nähme veS Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. Sonntag» während de» Winter» ununterbrochen von 11 bi» 8 Uhr. - Eintrittspreis für NtchlmituUeder an Werktagen 50 Psg., an Sonntagen 20 Psg.

GIESSEN

Marktstr. 4

8978

Feuilleton.

Wochknbriefe ans der Residenz.

(Originalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 12. December.

Vom Richard Wagner-Zweig.Verein. Bom Sroßherzogl. Hoftheater.

Recht still ist es geworden in den öffentlichen Vergnüg- ungSetabliffements der Stadt. Veranstaltungen größeren Stils kommen nur ganz spärlich noch vor dem Christseste. ES fehlt baß rechte Vertrauen zu ihrem finanziellen. Erfolge in dieser stillen Zeit, wo jeder mit den Vorbereitungen und Plänen für die herannahenden Feiertage beschäftigt ist und mehr im Concentriren der Gedanken auf die eigene Person, auf die Familie und die Verwandten seine Befriedigung findet, als in dem geräuschvollen Treiben berSaison". Ein wirklich großer Wurf ist tnbeffen boch bem Richarb Wagner-Zweig Verein mit seinem 29. Concert am vergangenen Montag Abend gelungen. Genannter Verein verfolgt seit einiger Zeit die Praxis, seinen Mitgliedern nicht nur interessante musikalische Werke namhafter Künstler

der Gegenwart vorzuführen, sondern er bemüht stch, jene Meister selbst zur Interpretation der Kinder ihrer Muse zu gewinnen, was ben künstlerischen Genuß sicher er­höht. So war eS gelungen, für ben vergangenen Montag Abend den bekannten Lieder-Compovisten Erik Meyer- Helmund zu einem Beiuche unserer Stadt zu bewegen, um einige feiner populärsten und schönsten Erzeugntffe selbst zu begleiten. Ich weiß, daß ich das Befremden manches Ihrer musikalisch gebildeten Leser erregen werde, wenn ich gestehe, daß ich entzückt war von dem Ge­botenen, daß die stimmungsvollen, anmuthigen Melodieen, die wunderbaren Klangschönheiten, die in den Liedern woh­nende überschäumende natürliche Frische und Lust m-ch einfach Hinriffen, aber er möge mir verzeihen, der Laie will eben etwas hören, was er ohne Anstrengung genießen kann. Der Componift erntete hier einen durchschlagenden Erfolg, an dem auch die die Lieder singenden Künstler, bie Primadonna un­serer Hofbühne Frl. Borchers und ber jugenbliche Helden- tenor Herr Basser mann wohl participirten. DaS ge­lungene Concert gab außerbem einem jungen Violinvirtuosen Hrrrn Paul Meyer auS Frankfurt Gelegenheit, vor bem hiesigen Publikum erstaunliche Proben besonders seiner tech­nischen Fertigkeit abzulegen.

r

Im Großherzoglichen Hoftheater kam am vc floffenen Sonntag em neues Ballet - Divertissement zur erst­maligen Darstellung, baß wie bereits an einer Reihe größerer Bühnen, so auch hier reichen Beifall fanb:Der Kinber We'hnachtStraum" ist bie von Robert Köller erdachte und von Jofes Bayer, dem bekannten Componisterr berPuppen- fee" in Musik gesetzte Pantomime betitelt. Die Hanblung derselben spielt im Walbe. Zwei atme Kinber wollen Holz suchen und erscheinen zu dem Zwecke mit ihrem Schlitten. Doch der Schlaf übermannt bie Kleinen, sie legen sich hin unb im Traume erscheinen ihnen bie Weihnachtsengel mit allen den Herrlichkeiten, die bas Kinderherz so sehr erfreuen. Gerade diese Scene haben die Verfaffer prächtig auszunutzen verstanden unb bie farbenreichen Silber, bie sie hier zu ent­rollen wußten, mögen wohl auch in ben Herzen ber Großen lebhafte Freude erzeugt haben. Einen grandiosen Schluß bildete der von dem ganzen Balletcorpß imitirte Christbaum, der durch bie mannigfachsten electrischen Beleuchtungseffecte sich zu einem Anblick von feenhafter Pracht gestaltete. Ucber baß seit gestern begonnene Gastspiel Conrad DrehcrS werde ich Ihnen im nächsten Briese im Zusammenhang berichten.