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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener
Jk«mtrtenötä1ler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
ZwettesBlM. Mittwoch den 15. Mai
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Gießener Anzeiger
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Liertelsähriger ÄßonRcmcHi 5ptcU r 2 Mark 20 Pfg. mir vringerlohn. Durch die Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
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Fenilleton.
Frühtingsspaftrrgsnge in Kberhessen.
Mitte Mai.
F. „Warum haben Sie in Ihrem Aufsätze vom 12. April in Nr. 87 (zweites Blatt) des „Gießener Anzeigers" nicht mehr Geschichte über den Glauberg, Lindheim, Marienborn unb Ronneburg gebracht?" fragte heute ein eifriger Tourist, dem jene Parthie Freude gemacht zu haben schien. „Mein werther Herr," war die Antwort, „eS geht aus Mangel an Raum nicht. Die Geschichte jener Orte beizubringen, wäre gar keine Hexrei. Man könnte dabei eine ganz gelehrte Miene aufsetzen, indem man einige alte lateinische Urkunden auSzöge und sonstige Witzchen machte, wodurch daS Ding sogar einen Anstrich von Gelehrsamkeit bekäme. Der Zweck unserer Zeilen ist und bleibt der, dem geplagten Manne, der sich in den sechs Wochentagen redlich abgemüht hat, seine Schuldigkeit zu thun — saure Wochen, frohe Feste, TageS Arbeit, Abends Gäste — Sonntags eine hübsche Parthie zu verrathen, die nicht allgemein bekannt und darum noch nicht völlig abgegrenzt ist. Daneben läuft die weitere Absicht her: Die Schönheiten unserer Provinz, welche bei Weitem noch nicht genug gekannt und gewürdigt find, den freundlichen Lesern mitzutheilen. Und nun zur dritten Parthie, die auch nicht besonders anstrengend, aber recht lohnend ist.
Die Tage find bedeutend länger geworden, das Frühaufstehen ist dadurch leichter und darum rathen wir dem freundlichen Leser, den ersten Zug Nr. 13 der Gießen-Geln- hänfener Bahn zu nehmen, der um 6 Uhr früh dorten wegfährt. Man löst ein Retourbillet Gießen ° Stockheim und trifft um 7 Uhr 31 Min. Vormittags, also noch zu guter Zeit, an letzterem Orte ein. Vom Bahnhofe begibt man sich bis in die Mitte des Dorfes, wo sich die Hauptstraßen kreuzen, und fragt nach dem Wege, der nach Selters und Konrads- darf führt! Dieser Weg ist leicht gefunden, denn es ist die nach Norden ziehende große Straße, welche von der Nebenbahn Stockheim-Gedern benutzt wird und um die kleine, kahle Bergspitze herumsiihn, die man schon auf dem Stockheimer Bahnhofe beim AuSsteigen gewahrt.
Sobald man den Hügel umschritten hat, bietet sich dem Auge deS Touristen ein reizendes Stück des NidderthaleS dar. Geradeaus nach Norden, dem Bahndamm entlang, liegt in einer Entfernung von etwa 20 Minuten das Dorf Effolderbach, dessen Kirchlein hell und freundlich herüber grüßt. EtwaS rechts davon, also nach Nord-Ost, liegen die stattlichen Gebäulichkeiten des sogen. KonradSklosterS, richtiger deS HofguteS KonradSdorf, das die letzten Ueberreste eines Prämonstratenser- klofterS in sich birgt. ES wurde wahrscheinlich von einem
Dynasten Konrad von Breuberg gestiftet. Der Breuberg, im unteren Mümliugthale deS Odenwaldes, ist heute noch eine gewaltige Burgruine und gehört dem Fürsten von Löwenstein- Wertheim-Rosenberg und dem Grafen von Erbach-Schönberg gemeinschaftlich. Die alten Breuberger erscheinen schon unter Kaiser Rudolf von HabSburg urkundlich in der Wetterau. Von dem KonradSkloster, das im 14. und 15. Jahrhundert sehr bedeutend gewesen sein muß, ist nur noch ein Stück der ehemaligen Klosterkirche übrig, welche jetzt als Pferdestall benutzt wird. In diesem Stalle befinden sich drei Grabsteine, welche einen Ritter in Rüstung mit Wehrgehänge, eine Dame in altertümlicher Tracht mit Ringkragen, und einen knieenden Knaben, eine geknickte Blume vor die Brust haltend, darstellen. Im Volksmunde heißen die drei Figuren: Herr Ritter Konrad, Frau Konradine und baß Konrädchen. Neben den HofgutSgebäulichkeiten befindet sich eine stattliche Villa, welche Großherzog Ludwig III. Herrichten ließ und jetzt als Oberförsterswohnung dient.
Wendet man den Blick vollends nach Osten, so präsentirt sich der Ort Selters, nur 15 Minuten entfernt, recht freundlich, darüber hinaus aber nimmt sich das Städtchen Orten- berg, mit seiner Burgruine und seinen Häusern den Horizont abschließend, sehr stattlich unb romantisch aus. Nach Silben wirb bie Aussicht burch einen bewaldeten, theils auch angebauten Höhenzug abgeschloffen. Das ganze Landschaftsbild erinnert an Lindenfels im Weschnitzthale und erfreut Jeden, der es sieht. Gerade deßhalb, weil es so vollständig abgeschloffen ist, also nicht in die unendliche Ferne hinausläuft und von dem Auge vollständig erfaßt werden kann, macht es einen so befriedigenden Eindruck.
Die große Straße führt durch den Ort Selters und steigt langsam an bis Ortenberg. Hier muß man das Schloß und die Ruinen mit den dazu gehörigen Anlagen besuchen, die sehr hübsch find. Der Blick ins Nidderthal hinab (vorher sah man hinauf) ist besonders schön. In Ortenberg find einige gute Wirthshäuser, wo sich gute unb billige Unterkunft bietet. Der Weg von Stockheim über Konradsbors unb SelterS nach Ortenberg beträgt kaum mehr als sechs Kilometer. Da bie Ankunft in Stockheim um 7 Uhr 31 Mill, erfolgt, der Zug Stockheim Gedern aber erst 8 Uhr 25 Min. abgeht und die Fahrzeit 13 Minuten nach Ortenberg beträgt, kann der Tourist mit dem Bahnzuge in letzterem Orte eintreffen und doch KonradSdorf besucht unb bie hübsche Parthie SelterS Ortenberg zu Fuß gemacht haben. Wir empfehlen, sich nicht Übereilen zu wollen, weil genügende Zeit vorhanden ist.
Von Ortenberg geht es über EckartSborn nach Lißberg. Schon von Weitem erblickt man den Thurm der ehemaligen Burg Lißberg (Liebesberg). Die Besteigung deS Thurmes ist nicht ohne Gefahren, falls nicht in neuester Zett Sicher
heitsvorrichtungen angebracht worden find. Von Lißberg geht es weiter nach Hirzenhain, wo Herr BuderuS feine weit und breit berühmten Eisenwerke besitzt. Der Weg nach Hirzenhain führt durch herrliche Laubwaldungen, da und dort von kleinen Wiesenflächen und mit Ausblicken auf die schön bewaldeten Berglehnen unterbrochen. Munter springt die Nidder über die Felsen in ihrem Bette - kleine Bächlein rieseln von den Abhängen hernieder, eS rauscht und murmelt und singt und klingt im Thale, in den Wäldern, in den Lüften.
Der Ort Hirzenhain liegt ungemein schön. Die stattliche alte Kirche, welche man besuchen muß, die Buderus'sche Villa, baß große tnbuftrieöe Etablissement, baß neue Schnl- hauS liefern ein schöneß Gesammtbilb von Mittelalter und neuester Zeit. Ganz nahe am Bahnhofe liegt eine gute Restauration. Hirzenhain wirb häufig als Sommeraufenthalt benutzt. Um daß Nidderthal biß zu feinem Anfang zu verfolgen, ist eS nöthig, über Merkenfritz biß Gedern zu gehen, was wir jedoch nicht empfehlen; dafür machen wir folgenden Vorschlag: Wenn sich der Wanderer in Hirzenhain umgesehen, auSgeruht und erfrischt hat, nimmt er ein Retourbillet von Hirzenhain^nach Gedern zu dem Zuge um 3 Uhr 30 Min., gleichzeitig aber auch ein einfaches Billet Hirzenhain—Stockheim. Mit dem soeben genannten Zuge trifft man um 3- Uhr 58 Min. in Gedern ein, schaut sich hier um, wozu man biß zum nächsten Zuge 4 Uhr 50 Min., also 52 Minuten Zeit hat und fährt dann ohne Unterbrechung bis Stockheim, wo man um 5 Uhr 45 Min. eintrifft. 5 Minuten später: 5 Uhr 50 Min. schließt der Zug nach Gießen an, welches um 7 Uhr 21 Min. erreicht wird. An Sonntagen geht auch noch ein späterer Zug, der erst um 8 Uhr 5 Min. in Gedern abgeht, um 9 Uhr in Stockheim, um 10 Uhr 38 Min. in Gießen eintrifft.
Die hier beschriebene Parthie kann nun aber auch grade in umgekehrter Richtung gemacht werden, wie wir sie beschrieben haben, nämlich: Man nimmt von Stockheim aus ein einfaches Billet bis Hirzenhain, bezw. Gedern und marschirt langsam thalab bis zum Anfangspunkte Stockheim zurück. Drr Marsch ist für Manche bequemer abwärts als aufwärts. Die Steigungen, bezw. Senkungen sind aber nicht sehr groß, werden also nirgends lästig, ober beschwerlich. Es giebt aber auch Touristen, welche lieber eine mäßige Steigung nehmen, als eine Senkung, weil sich bei letzterer die Fußzehen im Schuhwerk vorwärts schieben, fest widerpressen und ein unangenehmes Schmerzgefühl verursachen', was beim Aufwärtssteigen wegfällt. Der freundliche Leser hat hier freie Wahl, er kann das vermeiden, was ihm am meisten unangenehm ist.
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