Ausgabe 
15.2.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 39

Der $lffien<r ^wjdfltr erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gietzrner Aamisieuötätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Zweites Blatt. Freitag den 15. Februar__

Gießener Anzeiger

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1895

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Loenle- und provinzielles.

x Aus dem Kreise Alsfeld, 12. Februar. Wie das Jahr 1893 durch seine Trockenung, das Jahr 1894 durch seine Nässe, so wird uns das Jahr 1895 durch seinen äußerst strengen Winter in der Erinnerung bleiben. Seit Jahr­zehnten hat man solch' tiefe Kältegrade nicht zu verzeichnen gehabt, denn 24 und 25 Grad Kälte nach R. gehören in der That zur größten Seltenheit. Wenn in anderen kalten Wintern auch die Temperatur einmal auf 20 Grad sank, so war das meist vorübergehend, jetzt aber hält die sibirische Kälte schon wochenlang an. Am gestrigen Morgen zeigte das Thermometer wieder 20 Grad R.; heute ist aller­dings ein bedeutender Rückschlag fühlbar, morgens waren es nur 10 Grad R. Ob aber damit ein dauernder Um­schwung verbunden, muß noch dahkn gestellt bleiben. Die nachthetltgen Folgen der ungewöhnkichen Kälte treten immer mehr ins Licht. Bor allem macht sich eine ganz bedeutende Abnahme der noch beim ersten Schneefall starken Anzahl von Vögeln bemerkbar. Nicht die Hälfte der damaligen Meuge ist gegenwärtig noch vorhanden. Ein Theil derselben hat sich nach den südlichen Gegenden verzogen, ist aber, wie dortige Berichte melden, einem schlimmeren Loos nicht ent­gangen , denn auch dort findet man sehr häufig erfrorene Bögel. In dem hohen durch die Kälte sehr weichen Schnee stecken gar manche erfrorene Vögel, welche unserem Blick eben hierdurch entzogen werden. Eine starke Verminderung unserer Standvögel ist die erste Folge der grimmigen Kälte. Wohl hat dieselbe auch dem Wild geschadet, aber nicht in dem Maße wie den Vögeln, weil das erstere unter dem ftaumenweichen Schnee die Aesung stets herauszuscharren vermochte. Nur wenn der Schnee sich noch mit einer Glatt- eiSdrcke wie in dem unvergeßlichen Winter 1879, in dem aber die höchste Kälte doch erst 21 Grad R. betrug, überzieht, kommt für das Wild der eigentliche Nothstand. Damals fing man die Rehe zu Dutzenden ein und fütterte sie in Ställen, und überall zeigten blutige Spuren die Beutewege des Raubzeugs, beides war jetzt trotz stärkerer Kälte aus besagtem Grunde nicht der Fall. Die Frostschäden an den Obstbäumen, die zweifellos vorhanden, laflen sich noch nicht übersehen. Eine Unmenge an Brennmaterial erheischt die »alte, da daS Feuer im Ofen nicht vor Mitternacht erlischt. Ein Glück war eS, daß man sich allseits wegen der vor­jährigen sehr niederen Brennholzpreise mit reichem Holz­vorrath versehen hatte, so daß Mangel nicht leicht eiutreten kann. Ein Hinaufgehen der Holzpreise dürfte gleichfalls eine Folge deS strengen Winters sein. Die Wasserpumpen sind meistens zugefroren und wer nicht Vorsicht gebraucht, dem find sie auch aufgefroren. In weniger geschützten Kellern find die Erdgewächse gefroren und somit unbrauchbar ge­worden. Möchten diese Schäden ausgeglichen werden durch Bewahrheitung der Witterungsregel: wintertS fest im Februar, so folgt hernach ein fruchtbar Jahr!

Feuilleton.

Frankfurter Dausrevet.

Im Jahre 1865 wurde zu Frankfurt die Gewerbe­freiheit eingeführt. Diese gab dem Handwerker eine Menge Rechte, die er vorher nicht besaß. Sie erlaubte dem Schretner, Thüren anzuschlagen, dem Glaser, die Rahmen zu dem Fenster zu schnitzen, dem Spengler, nicht blos Blech­geschirr zu löthen, sondern auch Löffel zu gießen. Ein Schreiner darf heute nicht bloö Stuben dritten, Thüren und Treppen schnitzen, sondern ganze Häuser bauen- ein Spengler darf da- Gleiche, selbst wenn er nicht mehr als Dachrinnen daran setzen kann - ein Maurer darf ganze Häuserreihen dahinftellen, wenn er auch kein Kellergewölbe zeichnen kann und nicht so viel Geld besitzt, daß er eine Klafter Mauer­steine zu kaufen vermag.

DaS darf er alles, so lange Niemand zu Schaden kommt oder kein Betrogener sich meldet, oder kein Unfall die Staats- aawaltschaft herausfordert. Jetzt aber stehen wir vor einem «olchen Fall. Ein eingewanderterSpengler aus dem Fuldischen, 2er einige Jahre in Amerika verschiedene Geschäfte trieb, die er nicht zünftig erlernt hatte, begann zu Sachsenhausen, an der Ecke von Dreieich- und Seehof Straße, nahe dem Main, einen Hausbau. Er hatte keinen Pfennig Geld- er borgte vielmehr das Baucapital von einem jüdischen Wechsel- nakler, der das Geld von einemHintermann" empfing. Er baute wie die Babylonier bei dem Thurmbau - die schütteten Kies in die Grube, dann nahmen sieZiegel zu

-s- Büdingen, 10. Februar. Heute Morgen hat ein hiesiges lediges Frauenzimmer ihrem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht.

Offenbach, 9. Februar. Gestern Abend wurde ein seit mehreren Monaten in hiesiger Stadt wohnender Schneider in dem Augenblick verhaftet, als er aus der Localbahn stieg. Derselbe soll vor einiger Zeit ein von hier stammen­des Mädchen geheirathet haben, trotzdem er bereits ver­heirat h et ist und seine erste Frau sich noch am Leben be­findet. Die zweite Frau hatte keine Ahnung davon, daß ihr Mann schon verheirathet sei und eben so wenig hatte die in Iserlohn wohnhafte erste Frau Kenntniß von einer neuen Ehe ihres Mannes. Die Sache kam gestern durch Zufall heraus, indem die hiesige Frau des Schneiders einen Bries der Iserlohner Frau an ihren Mann in deffen Abwesenheit abfiug und öffnete.

Worms, 12. Februar. Das Rheinets kam in der vorigen Nacht wieder in Bewegung und thürmte sich stellen­weise meterhoch auf. Jetzt steht daffelbe dicht geschloffen. Von Setten deS Wasserbauamts wurde die Eisdecke unter­sucht. Da sich herausstellte, daß das Eis an manchen Stellen blos 5 Centimeter dick ist, kann von einer Aufhebung deS polizeilichen Verbots deS Ueberganges noch nicht die Rede sein. DaS Stauwasser hat heute Morgen die bedeutende Höhe von 2,01 Meter erreicht.

Altheim, 11. Februar. In dem Heuschober deS Försters Schott hier wurde dieser Tage ein Handwerksbursche auf­gefunden, deffen Beine bis an die Kniee erfroren waren. Der arme Mensch erhielt am Abend zuvor noch von dem Förster ein Geschenk, um seinen Hunger zu stillen.

Oennischte»

* Frankfurt a. M., 12. Februar. Wie einer hiesigen Versicherungsanstalt aus Hamburg telegraphisch gemeldet worden, ist von der mit derElbe" untergegangenen Post der Postsack, welcher die für die Stadt Newyork be­stimmten recommandirten Briefe enthielt, geborgen worden.

* Frankfurt a. M., 11. Februar. Im Tode ver­eint. G iera Vormittag wurden auf dem Sachsenhäuser Friedhöfe der verunglückte Küfer Adam Backfisch und seine ihm in den Tod nachgesolgteBraut Marie Blum beerdigt. Außer der Direction und dem Personal der Jung'schen Brauerei hatten sich sämmtliche Küfer der hiesigen Brauereien und zahlreiche sonstige Leidtragende auf dem Friedhose ein- gefunden. In der Capelle hielt Senior Dr. Krebs die Grabrede.

* Leipzig, 12. Februar. Der Geldbriesträger Breit­feld wurde bei der Bestellung eines fingirten Geldbriefes an Ackermann, Dresdener Straße, überfallen. Beide Thäter sind entkommen. Breitfeld ist nicht verletzt. Er hat einen der Angreifer mit dem Bleistift verletzt. ES hat ein

Stein und Lehm zu Kalk". Der Bau wurde im Herbst be­gonnen und trotz anhaltendem Regenwetter bis zum Dache geführt. Die Klaiber fingen bereits den inneren Verputz an, die Treppen sollten eingelegt werden, da trat das Schicksal ein und gebot, wie bei dem Thurm von Babel, seinen Einhalt. Am 22. December stürzte der ganze Bau bis in den Keller zusammen und begrub mehr als zwanzig Arbeiter.

Der Boden, auf dem das Haus erbaut werden sollte, ist ein Stück vom alten Main bett. Hier waren noch vor zwanzig Jahren die Bletchwiesen, die alle Jahre über­schwemmt wurden. Hier standen die Reste von der alten Stadtmauer, die ihrer Zeit bei trockenem Wetter in den Fluß gebaut wurden. Die Chronik berichtet, daß diese Mauer mehrmals auf mehrere hundert Fuß Länge von den Hochfluthen eingeriffen wurde. Heute steht zwar ein lockerer Kiesdamm zwischen dem Fluß und der Baustelle- ein Bau­verständiger weiß aber, daß das Waffer unterirdisch durch den Saud dringt. Im Jahre 1882 stand der Main in den Kellern ober dem Römerberg (10 Meter über dem niedersten Stand) und 1862 drang er durch den Brunnen in den Keller des Goethe-Hauses auf dem oberen Hirschgraben.

Jene Häuser erlitten keinen Schaden, denn sie waren, obgleich auf der Anhöhe stehend, 67 Meter tief, bis auf den Kalkfelsen gegründet. Nur der Keller wurde für wenig Tage unter Waffer gesetzt- das lief mit der Hochfluth wieder hinab. Das Haus an der Dreieich-Straße, welches bet 34 Meter Tiefe dem Mainbett gleichfteht, konnte nach Wochen, nach Monden noch stürzen, sobald nur eine Hoch­

fluth das Gelände unterspülte, weil nur eine lockere Sand- und Thonschicht unten liegt, die durch den Regen auf lange Zeit erweicht werden mußte.

Das Haus wurde zu einer Jahreszeit begonnen, iu der nach Gesetz und Herkommen jede- Bauen untersagt ist. Ein alte- Frankfurter Gesetz bestimmte: Nach dem 18. Oct ob er soll kein HauS mehr gebaut werden. Im Jahre 1865 wurde dies Gesetz bei einem HauSetnsturz noch mit aller Strenge durchgeführt. Nach dem Jahre 1866 wurde es aufgehoben, d. h. wurde dem Baumeister anheimgegeben anstatt der Baubehörde nun selber die Folgen zu tragen, wenn durch unzei.tigen Bau ein HauS zum Sturze kommt.

Weil die Baumeister aber diese Moral deS Gesetzes nicht erkannten, darum stürzten eine ganze Anzahl von Häusern ein, deren Einbruch lediglich auS der naffen Witte­rung zu erklären war. Wir erinnern an den Einsturz der zwölf Häuser zu Bürgel bei Offenbach im December 1882. Anhaltender Regensturz hatte den Main geschwellt und dieser unterirdisch daS Fundament daS auf Sand gestellt war unterspült.

Aehnlich der Einsturz in der Glauburg-Straße zu Frankfurt auf Weihnachten 1889. Der Verfasser hat hier, wie zu Bürgel, den Boden untersucht. Die Häuser standen auf Lerte-Boden. Dieser war durch anhaltenden Regen aufgeweicht- die eine Mauer von der Einfahrt sank in den Brei, ihr Sturz zog die beiden Häuser nach sich.

(Schluß folgt.)

heftiger Kampf in der Wohnung des Ackermann im vierten Stock stattgefunden. Der Thäter ist vermuthlich der Sohn der Logisgeberin Werner.

* München, 10. Februar. Ein WeltHauS. Jeder Fremde, der nach München kommt, kennt auch den prächtigen Riesenbau an der Briennerstraße, in dessen Erdgeschoß da- prunkvolle Cafe Luitpold etablirt ist. In den ausgedehnten Räumen der ersten Etage dieses Prachtbaues, die früher einer Bildergalerie, dann einem Panoptikum gedient hatten, hält nun Gott Merkur seinen Einzug. Ein WelthauS, die Firma Kathreiners Malzkasfee-Fabriken (Gesell­schaft mit beschränkter Haftung) schafft sich dort ein ihres Ansehens würdiges Centralbureau. Die von dem Groß- HandlungshauseFranz Kathreiners Nachfolger" getrennten Malzkaffee-Fabriken", deren bewährter Leiter der Thetlhaber der Gesellschaft, Herr Hermann Aust, ist, haben in den letzten Jahren einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen. Die Münchener Firma allein beschäftigt über 60 kaufmännische Angestellte und 150 Arbeiter. Rechnet man hierzu noch die Cartellfabnken in Oesterreich, in der Schweiz, in Italien, Schweden und Finnland, Depots in Paris, Brüffel und Amsterdam und eine Berliner Filiale, so darf man hier wohl von einem Welthause sprechen, deffen gesteigerter Umsatz die Anlage einer weiteren großen Fabrik in Uerdingen a. Rh. nöthig machte, die demnächst in Betrieb gesetzt wirb. Kathreiners Malzkaffee-Fabriken" begnügen sich übrigens nicht allein mit der Herstellung ihres patentirten und von allen Hygienikern als vorzüglich anerkannten Malz Kaffees, sondern wenden sich mehr und mehr der Volkshygiene über­haupt zu. Gegenwärtig ist die Firma daran, ein neues Hafcrpräparat H-0 (Herculo) einzusühren, daS hohen Nähr­werth mit großer Billigkeit verbindet. Mögen die Nützlich­keitsbestrebungen dieser renommirten Firma im Publikum wohlwollender Aufnahme begegnen.

* Paris, 11. Februar. Seit gestern früh ist die Seine in ihrem ganzen Laufe durch Paris hart zugefroren. Zur Unterstützung der beschäftigungslosen Schiffer und Träger hat der Pariser Gemeinderath eine Summe von 8000 Frcs. bewilligt, mit deren Vertheilung gestern begonnen wurde, die aber lange noch nicht hinreicht, um das herrschende Elend einigermaßen zu lindern.

Halifax. 10. Februar. Ganz Neuschottland tft von heftigen Stürmen heimgesucht worden. In Jngontsh auf der Cap Breton-Jnsel wurden 20 kleine an der Bay ge­legene Häuser in die See geweht.

* Eia 16jahriger Bursche in Berlin wurde zu einer Woche Gefängniß verurthetlt, weil er zwei Lehrern auf der Straße die Namen in beleidigender Weise nachgerufen hatte. Außerdem können die Beleidigten das Erkenntniß auf Kosten des Beleidigers imBerliner Localanzetger" abdrucken lassen.