Ausgabe 
14.4.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 88 Drittes Blatt

Sonntag den 14. April

1895

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Ostern.

O, du fröhliche, O, du selige, Gnadenbringende Osterzell! Welt lag in Banden, Christ ist erstanden, Freue, freue dich, o Christenheit.

So singt heute die Christenheit. ES ist der Sieges- gesang ihres OsterliedeS. Wenn wir am stillen Freitag das Haupt voll Blut und Wunden grüßten und hörten, wie daS heiligste Leben um unserer Sünde willen dahtngegeben ward, wen» unS solches Gedenken mit Reue erfüllte und uns zur Buße trieb, so ist die Osterbotschast:Christ ist erstanden," zugleich Gottes Antwort auf unser CharfrettagSgebet:Gott sei mir Sünder gnädig!" Ostern ist daS Fest fröhlichen Lebens. Schon äußerlich zeigt sich das. Die Ostersonne steigt höher auf ihrer Bahn, der neue Frühling löst uns von deS Winters Bann. Die Auferstehung um uns her im Bau« und Strauch, im Feld und Wald, auf dem Land und im Wasier sie ist allein schon eine große Ofterpredigt, eine fröhliche Auferstehungsbotschaft.

ES athmet der Wald, die Erde treibt Und kleidet sich lachend mit Moose, Und auS den schönen Augen reibt Den Schlaf sich erwachend die Rose.

DaS schaffende Licht, eS flammt und kreist Und sprengt die feffelnde Hülle, Und über den Wassern schwebt der Geist Unendlicher Liebesfülle.

Aber noch viel herrlicher, gewaltiger und gewisser ist die Predigt aus Gottes Wort, denn was die Menschheit, die Christenheit zumal, an hohen heiligen Ahnungen, Hoffnungen und Ueberzeugungen in sich gefunden und getragen, das hat sie in daS Wort Ostern zusammengefaßt.

Und so oft der Ostermorgen wiederkehrr mit seiner Fciedensstille und seinem BerklärungSkranz um Kreuz und Leichenstein, so oft auch erleben wir ktndltchfroh die Wahrheit deS Dichterwortes an unS:

Die Glocken läuten das Ostern ein

In allen Enden und Landen

Und fromme Herzen jubeln darein:

Der Christ ist wieder erstanden.

Kennst Du die Gewalt der Osterglocken?

Der große Dichter schildert sie unS in ergreifender Weise.

Eben hat Faust, der unruhige Zweifler, die crystallene Schale mit dem Gifttranke an die Lippen gesetzt, um so seinen Zweifeln ein Ende zu machen. Da erklingen in der Osternacht dteÄtrchenglocken und verkünden die Auferstehung deS Herrn. Ein Osterlted tönt durch die stillen Straßen bis hinaus in Fausts enge, schmerzerfüllte Zelle. Aber er weift die Osterbotschast zurück mit den Worten:

WaS sucht ihr mächtig und gelind, Ihr Htmmelstöne mich im Staube? Klingt dort umher, wo weiche Menschen find Die Botschaft hör ich wohl allein mir fehlt der Glaube.

Aber die Ostergesänge tönen fort durch die stille Nacht die Osterglocken faffen mit ihren Klängen FaustS Seele die Erinnerung an die glückliche unschuldvolle Jugendzeit stergt in ihm auf. Und diese Erinnerung hält ihn vom letzten entscheidenden Schritte zurück. Er stellt den Gifttrank zur Seite und ruft beglückt auö:

O, tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, Die Thräne quillt, das Leben hat mich wieder.

DaS ist die Macht der Osterglocken, der Oster- lieber, und darum rufen auch wir: O, tönet fort, ihr süßen HimmelSlteder!

Christ ist erstanden von der Marter alle

DeS sollen wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Hallelujah!

Sein Leben war ein Leben dienender Liebe und Hin­gabe an die höchsten Güter und Jntereffen der Menschheit. Darum soll denn auch die Welt um unS her erfahren, daß wahrer Osterglaube und wahres Osterleben Frucht bringen, indem wir uns tapfer und wacker in den Dienst an der Menschheit stellen und Elend wie Schande um uns her zu mindern und sittlich tüchtiges Leben zu verbreiten suchen.

Unser Aller Leben soll eS zeigen, daß der Herr auf- rrstanden ist und in unS lebt, daß das Beste, waS wir haben und wirken, ein Ausfluß ist seines Lebens und Geistes in uns.

Möge eS denn so Ostern »erden tu Allen, die fröh­

lichen HerzenS das SiegeSfeft des Auferstandenen mit uns feiern I

Deut?eher Reich.

Berlin. 11. April. Der Kaiser nahm heute einen längeren Vortrag deS Reichskanzlers in dessen Amtswohnung entgegen.

Berlin. 11. April. Der Vorstand der deutsch socialen Reformpartei, Liebermann von Sonnenberg und Zimmer­mann, fordert In derKreuzzeitung" alle antisemitischen Wähler auf, bet der am 19. April er. in Eisenach statt- findenden Stichwahl einmüthig für vr. Röficke zu stimmen.

Berlin, 11.April. Aus Eisenach wird gemeldet, daß der Kaiser dort bestimmt am 19. April zur Auerhahnjagd erwartet wird.

Berlin, 11. April. Der ReichScommiffar Major von Wtßmann ist aus Lauterburg am Harz hier ange­kommen und imHotel Bristol" abgestiegen. Er meldete sich heute Mittag im Auswärtigen Amt beim Dtrector der Colonialabtheilung, Geheimerath Dr. Kayser. Die Annahme scheint begründet zu sein, daß Major v. Wißmann mit Ab­lauf seines einjährigen Urlaubs im Colonialdienst weitere Verwendung findet.

Berlin, 11. April. DieNordd. Allgcm. Ztg." bringt einen längeren Artikel über die Branntweinsteuer- Novelle, worin sie die schärfere Heranziehung der Groß­betriebe, Hefe- und Melaffebrennereten rechtfertigt und sich insbesondere mit den großen Hefebrennereten beschäftigt.

Berlin, 12. April. Mit der kaiserlichen Be­stätigung des auf Freispruch lautenden kriegSgericht- ltchen Urtheiles in der bekannten Proceßsache des Cere- monienmeisters v. Kotze ist diese sensationelle Ange­legenheit nach monatelanger Dauer zum äußerlichen Abschluß gelangt. Die Untersuchung ist mit größter Peinlichkeit und Genauigkeit geführt worden, wenn sie trotzdem nicht den geringsten Beweis für die Rechtfertigung des schweren Ver­dachtes erbracht hat, der auf Herrn v. Kotze lastete, so be­deutet ein solcher AuSgang der kriegsgerichtlichen Verhand­lungen nur eine um so glänzendere Genugthuung für ihn, denn an seine Schuld in der mysteriösen Brtefaffatre hatte wohl schon von Anfang an Niemand recht geglaubt. Nun aber bleibt die Frage zurück, wer denn eigentlich der Urheber jener nichtswürdigen anonymen Schmähbrtefe sein mag, mit denen seinerzeit die Mitglieder der Berliner Hofgesellschaft überschüttet wurden, ja, welche sogar erlauchte und aller­höchste Persönlichkeiten nicht verschonten. In dieser Richtung scheint der Proceß Kotze leider nicht den geringsten Aufschluß gebracht zu haben- so lange jedoch der Autor der abscheu­lichen Schmäh- und Schandbriefe nicht mit Bestimmtheit er­mittelt ist, so lange muß man sich auf ein erneutes Empor- wuchern dieser scandalösen Berliner Hofintrigue gefaßt machen.

Die gegenwärtigen Sessionen des Reichs­tages wie des preußischen Landtages werden sich, wenn man Berliner Meldungen glauben soll, bis tief in den Sommer hinein erstrecken. Für den Landtag, der ja sein ursprüngliches Arbeitsprogramm zum größten Theil schon aufgearbeitet hat, sind noch einige ganz neue Vorlagen, betr. die Lindernng der Nothlage der Landwirthschaft, sowie der Entwurf eines Vereinegesetzes bestimmt, welche Sachen ihm alsbald nach Ostern zugeheu sollen. Den Reichstag aber erwarten in drm nachösterlichen Sessionsabschnitt ebenfalls noch recht bedeutsame ganz neue Gesetzentwürfe, die Vorlage über die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes, die Novelle zum Brauntweinfteuergesetze und die soeben veröffent­lichte umfangreiche Börsenreform-Vorlage, selbst von einem neuen Zuckergesetze ist die Rede. Erwägt man nun, daß der Reichstag sich nach Ostern noch mit den Speeialberathungen derUmsturz-Vorlage", deS Tabaksteuer- und des Finanz- reformgesetzes, der Novellen zum Zolltarif, zur Gewerbe­ordnung und zu den Justizgesetzen, ferner des Binnenschiff- fahrts- und Flößereigesetzes u. s. w. beschäftigen muß, so könnte fich seine Session allerdings recht gut bis in den Juli hinein fortspinuen. Jndeffen steht stark zu vermuthen, daß sich der Reichstag höchstens bis Pfingsten zusammenhalten lassen wird, waS dann noch nicht aufgearbeitet ist, muß eben unter den Tisch fallen- auch der preußische Landtag dürfte trotz seiner anerkannten Arbeitsfreueigkeit kaum zu bewegen sein, noch bis zur Zeit der Rosenblüthe versammelt zu bleiben.

Karlsrnhe, 11. April. DieBad. Natlib. Corresp." ist zu folgender Mittheilung ermächtigt: In der Gestalt, welche der Umsturz-Vorlage unter dem Einfluß deS CentrumS gegeben ist, bleibt dieselbe für unsere Partei völlig unannehmbar. Die Parteileitung ist der Meinung, daß eS sich empfiehlt, bei den unzweideutigen Kund­

gebungen im ganzen Lande jede zweifelhafte Haltung der nationalliberalen Partei auszuschlteßen. Sie richtet an alle Gesinnungsgenossen daS Ersuchen, in Versammlungen und Resolutionen dieser Meinung Ausdruck zu geben. Die Ver­sammlungen, die man an allen Orten abhalten mag, können nach dem Ermessen der einzelnen Bezirke dann ftattfiuden, wenn nach der zweiten Lesung der Vorlage im Plenum das Schicksal derselben zu übersehen ist.

Ausland.

Wie«, 11. April. Der Verein zur Wahrung industrieller und gewerblicher Interessen für Nordböhmeu versendet ein Circular, in welchem die In­dustriellen NordböhmenS aufgefordert werden, fich dem Beispiel der Regierung anzuschließen, nämlich am 1. Mat den Betrieb wie an jedem anderen Tage aufrecht zu erhalten.

Belgrad, 11. April. Wie verlautet, zerschlugen sich die Verhandlungen mit der Exkönigin Natalie, be- treffend deren Rückkehr nach Serbien. Die Königin verbleibt definitiv im Auslande.

Belgrad, 11. April. DaS gesammte Save- uni Mo ras-Th al, der fruchtbarste Theil Serbiens, ist über- schwemmt. Der Schaden ist unberechenbar.

Belgrad, 11. April. Die Donau hat das ganze BelgraderJudenviertel überschwemmt. Die neue Synagoge steht unter Wasser. Die Save und Morawa haben weite Gebiete überschwemmt. Die Brücken sind zerstört. Die Communication ist im ganzen Lande unterbrochen.

Sofia, 11. April. Der Kranz, welchen die Sobranje für das Grab Alexander III. bestellte, ist jetzt öffentlich ausgestellt. Er ist ein reich ausgestattetes Kunstwerk mit der Inschrift:Dem Kronprinzen Heerführer, dem kaiserlichen Friedensfürsten vom ewig dankbaren bulgarischen Volk."

Sofia, 11. April. Auf eine Beschwerde der türkischen Behörden ist daS Jagen in Bulgarien innerhalb drei Kilometer Entfernung von der Grenze verboten wordeu. Die gesammte Grenz-GenSdarmerie, ca. 1500 Mann, wurde nach der südlichen Grenze diSlocirr.

Paris, 11. April. Die Kammer nahm das Gesetz betreffend Altersversicherung der Arbeiter an.

Paris, 11. April. Die royalistische Jugend von Nantes hat für Sonntag den 5. Mai zu Ehren deS Herzogs von Orleans ein Festeffen in Aussicht genommen, bei welchem voraussichtlich mehrere royalistische Abgeordnete daS Wort ergreifen werden.

Loudoo, 11. April. Die am Dienstag Abend von Stanley mit der geographischen Gesellschaft abgehaltene Conferenz über das obere Nilthal wird von der Presse erörtert. Besonders erklärt man sich mit den Forderungen Stanleys einverstanden, mit dem Bau einer Eisenbahn von der Küste nach dem großen See sobald als möglich zu beginnen.

totale# und ProvinzreUes.

A Aus dem Kreise Alsfeld, 11. April. In Nr. 84 Ihrer geschätzten Zeitung befindet sich eine interessante Mit- theilung überRiesen aus der Schulbank", die sich bis auf eine Ausnahme in der Mark Brandenburg finden. Daß aber solche langen Kerle auf der Schulbnk sich auch bei uns finden, zeigt folgendes Beispiel. In der Schule zu R. mißt der größte Schüler von 14 Jahren 1,74 Meter, bei einem Körpergewicht von 115 Pfund. Ein anderer, der noch ein Jahr die Schule zu besuchen hat, mißt 1,70 Meter bei einem Körpergewicht von 121 Pfund. Der kleinste Schüler dieser Schulklasse, ein 13jähriger, mißt nur- 1,31 Meter.

Darmstadt, 11. April. Ein Verbrecher, welcher gestern Nachmittag von einem Gendarmen von Mainz nach Darmstadt verbracht werden sollte, entsprang in der Nähe der Station Klein-Gerau während der Fahrt aus dem Bahnzug, ehe es der Gendarm verhindern konnte. Als dieser die Nothleine zog und der Zug zum Stehen gebracht wurde, hatte der Ausreißer schon eine große Strecke nach dem nahen Walde zurückgelegt. Der Gendarm und zwei Bauersleute verfolgten den Verbrecher, konnten ihn aber, soweit man vom Zug aus sehen konnte, nicht mehr einholen.

Sd?iff»nad?rid?tiu

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl LooS und I. M. Schulhof.

Bremen, 10. April. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Postdampser Stuttgart, Capitä» D. Köhlenbeck, vom Nordd. Lloyd in Bremen, ist heute 3 Uhr Morgen- wahlbehalten in Newyork angenommen.