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Der ♦kjexer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Cließener >emtn<*Bf6(fer werden dem Anzeiger »öchmtlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 13. October________
Gießener Anzeiger
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Aintlichev Thsil.
Bekanntmachung,
betr. Rothlaufseuche.
In zehn Gehöften zu Burgbracht, Kreis Büdingen, ist die Rothlaufseuche auSgebrochen und Gehöftsperre ange» ordnet worden.
Gießen, am 10. October 1895.
Großhcrzogliches KreiSamr Gießen.
v. Gagern.
Der Krieg von 1870J71,
geschlldert durch Ausschnitte auS ZettungS - Nummern jener Zett.
(Nachdruck verboten.)
13. Oktober.
Aus Paris. Pferde guten Zustandes werden pfundweise verlaust und find von den Straßen verschwunden, die der Cavallerie und Artillerie ausgenommen. Milch und Butter find augenblicklich um keinen Preis zu haben. Wie e» um Kinder und Invaliden auSsieht, das überlasten wir Müttern und Pflegern. Selbst die Gebildeten können nicht vtsien, was eine Belagerung ist, ehe fie fie erdulden, noch was der Krieg ist, ehe sie ihn kämpfen. Und über alle dem hängt noch die Furcht, welche immer die Wirklichkeit Übersteigt. Ein Bombardement ist schrecklich. Man sagt, eS tödte mehr durch die ewige Angst und Schlaflosigkeit als durch wirklichen Schaden. Selbst angesichts der Gewißheit ist es uns noch unmöglich, zu begreifen, daß die schönen Gebäude von Paris von pfeifenden Granaten zerschmettert oder daß die Läden, vor denen man so oft gestanden, zer» flört und vernichtet werden sollen. Ist eS möglich, daß daS geschehen soll? Ist eS möglich, daß die reizenden Familien- (centn, die man in Paris überall da steht, wo Bäume oder Blumen stehen, in Gruppen der Zerfleischung verwandelt werden sollen? Ist eS möglich, daß wir und unsere Kinder von der Belagerung von Paris und ihren Gräueln lesen sollen, wie unsere Borfahren von der Belagerung Jerusalems und von tausend anderen, von Troja bis Sebastopol lasen? DaS bloße Wort klingt unheilvoll, denn Niemand weiß, an wen zunächst die Reihe des Leidens kommen wird. Times.
14. Oktober.
Ein amtliches Telegramm aus Versailles, 13. October, meldet von einer neuen That der Franzosen, über welche man nur den Kopf schütteln kann. Dieselben haben nämlich das herrliche Lustschloß St. Cloud, welches von den Deutschen verschont wurde, ohne jede Veranlafiung in Brand geschossen- 10 Bataillone Franzosen machten einen Ausfall, welcher mit Leichtigkeit vom 2. bayerischen CoipS abgewiesen wurde. Diesseitiger Verlust 19 Mann.
Kiel, 14. October. Nach dem „Kieler Corresp." ist Sr. M. Corvette „Elisabeth", die von der Jahde ausgelaufen war, gestern von dem französischen Geschwader angegriffen und heftig verfolgt in die Elbmündung eingelaufen und noch gestern Abend im Hasen von Glückstadt vor Anker gegangen. Drei feindliche Schiffe kamen auf Schußweite heran und gaben Feuer, welches jedoch von der „Elisabeth" Nicht erwidert wurde.
Die guten Leute in Versailles reiben sich die Augen. In ihrer Stadt, der bevorzugten Residenz der alten Könige Frankreichs, daS Hauptquartier der deutschen Armee? Der Marquis von Brandenburg und die Potsdamer Wachtparade im LtebltngSfcbloffe Louis XVI.? Der alte hochmürhtge Herr tn der Lockenperücke würde sich im Grabe umdrehen, wenn noch ein Stäubchen von ihm übrig wäre. König Wilhelm kam mit seinem Sohne angefahren, er ist ein rüstiger aller Herr, zeigte sich so würdig und heiter, schüttelte den versammelten Fürsten und Offizieren so herzlich die Hand und ward von diesen und den anwesenden Truppen so freudig und herzlich empfangen, daß es auf die Versailler merkwürdigen Eindruck machte.
Das Bombardement von Paris sollte am 14. October, dem Tage der Schlacht von Jena, seinen Anse ng nehmen. Das Fleisch fing an so knapp zu werden, daß die Fleischerläden durch die Nationalgarden gegen den Andrang des Volkes geschützt werden mußten. Am allerknappsten ist das Druckpapier- daS ist kein Unglück, denn damit werden die Lügen aufhören. Die Pariser Zeitungen haben am meisten zu der unglücklichen Verblendung deS Volkes dejgetragen. Wenn den Zeitungen die Mäuler geschloffen werden, werden den Parisern die Augen aufgehen.
DmniWe».
♦ Lehmann'S Furcht vor dem Arbeitshaus. Aus der Haft wird ein 40 jähriger Mann vorgeführt, dem man den gewohnheitsmäßigen Trinker auf den ersten Blick ansieht. „Ick heeße Karl Lehmann, Herr Rath, Sie kennen mir woll noch von netlich, wo ick den Termin verläjen ließ, indem ick noch eenen Zeigen jeladen haben wollte. Ick denke doch, det wir die Sache heite wer'n befummeln können, bet se zu Ende kommt." Diese Worte spricht Lehmann in einem so gemüthlichen Tone, als stände er mit dem Vorsitzenden auf einem vertrauten Fuße. Dieser sieht ihn erstaunt an. „Wenn Sie sich noch einmal unterstehen, unaufgefordert zu reden, bekommen Sie sofort eine Ordnungsstrafe." — Angekl.: Seien Sie jut, Herr Präsident, ick wollte Ihnen ja bloS een biSken entjejenkommen, indem ick den Kitt hier schon kenne. — Bors.: ES handelt sich also bloS darum, ob Sie dem Arbeitshause zu überweisen find oder nicht. Die Polizei hat Sie zu 14 Tagen Haft und demnächstiger Ueberweisung Der» urtheilt, und ich begreife nicht, wie Sie sich darüber wundern können, denn Sie waren doch schon einmal wegen Bettelns im Arbeitshause. — Angekl.: Eben darum Herr JerichtShof. Ick kenne ja Stellen, wo et mir beffer jefällt, als in Perleberg (Perlebergerstraße, wo die Haststrafen verbüßt werden), aber jejen det Arbeitshaus, da is et jolden jejen- wer det kennt, der hat die Neese von voll. Lieber nehme ick so'n Stückener zwölfe uff die Badehose, wie et frieher Mode jewesen sind soll, als eenen Monat Arbeitshaus. — Dors.: Ja, wir wiffen, daß Bummler wie Ihresgleichen das Arbeitshaus scheuen, aber das hätte Sie gerade abhalten sollen, wiederum zu betteln. — Angekl.: Wer die Arbeit kennt, jeht ihr aus dem Wege, un „arbeiten wollt Ihr alle, aber nich essen" wie der Inspektor int Arbeitshaus immer sagt. Mein Fretnd Emil sitzt nu schon fünf Monate int Arbeitshaus, un er hat seine Braut jeschrieben, bet er ba man sehr schlecht zufrieden is. Un bet iS ooch jerade nicht Schönet, erst bet olle Baben und Abreiben mit Seefe, det man uf'n janzen Leibe ausfieht wie Nordhäuser mit Himbeer, un denn laffen sie Eenen ja nich mal die civile Kluft, sondern man kriegt sone Art blaue Uniform an, un denn jeht et jleich los mit die Arbeit. Det iS ja himmelschreiend, is et. Un denn jeht Allens da militärisch zu, un Middags bringt man eenen Napp, wo man sich sein bisken Essen selbst holen muß, un kaum hat man et rinjeachelt, denn jeht et wieder an die Arbeit, von Mtddagsruhe iS keene Rede nich, un wenn man noch so sehr een Paar Dogen voll Schlaf benöthigen dhut. Un Abends eene Suppe un denn zu Bett un keen bisken Tabak un nie eenen Schnaps nich. Det kann der Zehnte nich verdragen. Wejen bet bisken Betteln, wo ick nich mal wat jekriegt habe, jleich int Arbeitshaus ? — Bors.: Haben Sie nicht noch andere Vorstrafen als wegen Bettelns und Arbeitsscheu? — Angekl.: Del vorige Mal bin ick nich darnach jefragt worden, aber et kann find, det da eene mit mang is. — Dorf.: Wir haben die Acten ja hier. Da ist zunächst eine wegen Körperverletzung vierzehn Tage. — Angekl.: Ick habe bloS een Mal in meinem janzen Leben Eenen verhauen un bet, weil er jesagt hat, ick würbe int ArbeirShauS sterben. Ick hatte damals schon allerlei von bte braven Jnrichtungen ba jehört, unb nahm ihm bet sehre Übel. — Vors.: Dann kommt hier aber eine Strafe von acht Tagen wegen Diebstahls. — Angekl.: Det war wegen bet olle Paar Stiebe!, bte mir nich jehörten. Den Schuster hätten fie man ooch bestrafen müffen, benn wie ick man jehört habe, laßt er im Arbeitshaus arbeeten. Da müffen die armen gefangenen benn ihren sauren Schweiß für ihn verjießen. Det müßte ber Staat schon jarnich bulden, bie Arbeit müßte abgeschafft wer'n. — Vors.: Ja, das glaube ich, das könnte Ihnen paffen. Ihre Abneigung gegen bie Arbeit scheint eine recht grünbliche zu sein. Sie werben aber boch wohl toieber ins Arbeitshaus roanbern müffen. — Angekl. (entsetzt): Um's Himmelswillen, bester, jutester Herr Präsident, machen Sie mir nich uojlicklich! Lieber jeh ick in't Waffer, wat sonst nich zu meine BerjnijungS-Elemente gehört. Lieber will ick ja — ja AllenS, AllenS will ick lieber, bloS nich roieber in't Arbeitshaus! — Vors.: Sie finb wieber beim Betteln ertappt worben, ber Schutzmann hat Sie von Haus zu Haus gehen sehen. — Angekl.: Ja, bie Schutzleite! Die Schutzleite! Die jönne ick mal so een Wochener sechs bet Arbeitshaus, bet heeßt, benn müßte ich Uffseher find! Die sollten et jut haben. Ick habe wirklich nich jebettelt, unb ick verlange sämmtliche Kofleite an’n Jör- litzer Bahnhof darüber als Zeugen jeladen zu haben, bet ick bei bie meisten von ihnen bloS jefragt habe, ob ick bet Adreßbuch nicht mal irischen könnte. — Dors.: Sie scheinen in Ihrer Angst vor dem Arbeitshause, zu den thörichtsten
Ausreden zu greifen. — Angekl.: Denn beantrage ick Der' tagung; ick will mir een Docterattest ausstellen laffen, det ick bet Arbeitshaus nich verdragen kann, indem et meine Persönlichkeit uff’n Ruin bringen muß. Nach't preußische Jesetz darf keen gefangener an feine Jefundheit nich beschädigt wer'n. Wenn een reicher Mann die Jefangenenkost nich verdragen kann, denn kriegt er ooch Urlaub. In't Arbeitshaus jehe ick nich, mag nach kommen, wat da will. — Dors.: ES wird Ihnen doch wohl nichts Anderes übrig bleiben. — Angekl.: Denn nehme ick mir mein Leden. In't Arbeitshaus jehe ick nich, ick treime schon des Nachts in'n Schlaf davon. Lieber nehme ick noch sechs Monate Jefängniß. — Vors.: Nun jetzt sind Sie wohl fertig mit Ihren Einreden. Der Gerichtshof erkannte doch auf Ueberweisung, und Lehmann wird das so verhaßte Arbeitshaus wieder besuchen müffen, obgleich er noch beim Hinausgehen sagte: Lieber dodt, lieber bobt.
verkehr, £aw6« «nd votk-wirthschast.
— Zur Gesunderhaltung unserer »iehbestLude ««d zur «ütterrrng im Winter 1895 98. Auch in diesem Jahre ist es, zumal bei den hohen Viehprerfen, eine unerläßliche Noth- wendigkeit, daß die Landwirthe auf bie Gesunderhaltung ihrer Viehbestände ein besonderes Augenmerk richten. Das Futter ist in Folge der Trockenheit in vielen Gegenden Deutschlands kalkarm geblieben; die bekannten, große Verluste verursachenden Krankheiten, wie „Knochenbrüchigkeit" bei den Rindern und „Beinweiche" bei den Schweinen werben nicht arsbleiben, wenn diesen Krankheiten nicht durch Verabreichung des specifisch wirkenden phosphorsauren Kalkes rechtzeitig vorgebeugt wirb, und zwar beim Uebergang von der Sommer- zur Wtntersütterung. Es ist dies um so nothwendiger, wenn Rübenblätter, Rübenschnitzel, Schlempe, Träbern u. s. w. in vervältnißmäßig großen Gaben gefüttert werden. Der pbosphor- saure Kalk, oder wie er in bester Qualität als „Knochencräclpitat" in der chemischen Fabrik von M. Brockmann tn Leipzig Eutritzsch hergesteUt wird, hat nach den Seitens der Landwirthe gemachten Erfahrungen bisher allen Anforderungen vollkommen genügt, wird aber von jetzt ab vermöge Verbesserungen in der Tech' ik in weit reiner Qualität zu gleichen Preisen geliefert werden. Dadurch wird die leichte Verdaulichkeit gesteigert; kein Landwirth sollte es unterlassen, das M. Brockmann'fche Knochenpräcipiiat st.is vonäthig zu halten. ES ist das beste Universalmittel für die Gesunderhaltung unserer Viehbestände.
— Die Herstellung von Obstwein-Champagner sürS Hau». Da in diesem Herbste die Ernte an Aepfeln unb Birnen in den meisten Gegenden eine ziemlich befriedigende ist, so wird es Landwirthe unb Gartenbesitzer interessiren, daß es auf Grund neuester Erfahrungen möglich ist, aus Aepfeln und Birnen, resp. auS Obstmost ohne viele Mühe und ohne starke Kosten einen recht guten Obstwein - Champagner für festliche Gelegenheiten im Hause herzustellen. Man verfährt dazu, laut „Köhlers Gartenfr.", wie folgt: Man füllt den in gewöhnlicher Weise ausgemahlenen ober geschälten unb ausgeschnittenen Birnen herber Sorten burch Auspressen gewonnenen Saft in starke, sehr festgebun ene Fässer, bie zuvor geschwefelt, bann aber mit frischem Wasser gereinigt werben müssen. Sogleich ober nach 2 dis 3 Tagen flieht man pro Hectoliter 0,2 bis 0 3 Liter Franzb anntwein baju. Das Faß füllt man nicht ganz voll, fonbern läßt je nach seiner Größe für 25 bis 40 Liter Raum unb fpunbet es sogleich nach bem Füllen fest zu. Wenn man glaubt, sich auf seine Fässer nicht ganz verlassen zu können, so kann man den Spund auch einmal öffnen. Der Most bleibt sehr lange süß, weil daS frühe Verspunden die Fortsetzung der Gährung verhindert. Sobald ber Wein hell ist, zieht man ihn auf Flaschen unb flieht in jebe derselben etwas Zucker. Zwischen Kork unb Flüssigkeit läßt man etwa 2 Ctrn. Raum und befestigt den Kork mittelst Draht. Die Flaschen werden gelegt, damit der Kork stets feucht erhalten wirb. — Um ganz schnell Schaumwein zu erhalten, beachte man Folgendes: Gan, klarer Obstwein wi b in eine Cbampagnerflasche gefüllt, worauf man 5 Gramm boppelkohlensaures Natron unb 4,2 Gramm Citronensäure in ber Weise bamit mischt, daß man, letztere in Christallen, diese beiden Salze schnell hinein- aiebt, bte Flasche rasch verkorkt und ben bicht eingetriebenen Kork mit Draht befestigt. Nach 6Stunben schon ist dieser „Champagner" reif unb trinkbar. — Auch aus Aepfeln läßt sich Schaumwein Herstellen. Man bringt 40 Liter Aepfeimost, 2</i Klg. weißen Zucker, 125 Gramm Weinstein, Yi Liter feinen Sprit, i/8 Liter Hefe und 30 Gramm Essigäther, in ein Faß unb zieht ben Wein, kurz bevor bie Gährung beendet ist, auf Flaschen. Ehe das Einsüllen in die Flaschen erfolgt, muß das Gemenge im Fasse mit Hausenblase, Eiweiß ober Milch g-schönt werben, sobaß es in ben Flaschen, bie 0Ut zu verkorken unb zu verbrahten finb, ruhig seiner weiteren En Wickelung zu Schaumwein Überlessen werden kann. Auch diese Flaschen sind liegend, an einem kühlen Orte aufzubewahren.
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