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Amts- rmd Anzeigeblatt für den ALveis Gieren
Hratisöeikage: Gießener KamilienMtter.
Amtlicher Theil
Mittwoch den 12. Juni
mal sollten es der Handelsminister Freiherr von Berlepsch und der Cultusminister Dr Bosse sein, denen die politische Fama Amtsmüdigkeit zuschrieb. Aber in beiden Fällen haben die umlaufenden Gerüchte ebensowenig Bestätigung gefunden, wie damals, als die Stellung des Ministers von Köller und des Staatssecretärs Dr. v. Bötticher für ernstlich erschüttert galt. Weder Herr von Berlepsch noch Herr Dr. Bosse denken einstweilen daran, ihre Entlassung zu nehmen, einfach schon deshalb, weil für beide Minister in der ganzen politischen Situation zur Zeit nicht der geringste Anlaß zu einem derartigen Schritte vorliegt. Von allen Setten werden denn auch die sie betreffenden Rücktrittsnachrichten jetzt de- mentirt.
— In Straßburg i. E. fand am Sonntag Mittag vor dem Kaiserlichen Palast die Wethe der Fahne statt, welche dem Straßburger Kriegerveretn vom Kaiser verliehen worden ist. Der festliche Act vollzog sich in feierlichster Weise- ihm wohnten etwa 3000 Mitglieder von 82 reichsländischen, pfälzischen, badensischcn, württembergischen, hessischen und rheinpreußischen Kriegervereinen bet.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
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(-) Heuchelheim, 9. Juni. Gestern wurde hier ein in seiner Art selten schönes Fest begangen, veranlaßt durch die Betriebs-Eröffnung der Cigarrenfabrik der Firma Rinn & Cloos dahier. Das neue Fabrikgebäude ist ein in jeder Beziehung practisch und solid angelegter stattlicher Bau, der unserem ganzen Orte zur Zierde gereicht. In den Räumen desselben versammelten sich nun gestern Abend gegen 8 Uhr das ganze Arbeiterpersonal, Handwerksmeister, Handwerker, worauf einer der Herren Chefs eine Ansprache an dieselben hielt, worin derselbe den Handwerksmeistern für ihre rastlose Thätigkeit zur Fertigstellung des Gebäudes dankte. Alsdann sprach er den Wunsch aus, daß das gute Einvernehmen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ein dauerndes werden möge mit der Bitte an die Arbeiter um thatkräftige Mithülfe eines jeden Einzelnen, wodurch der Erfolg des jungen Unternehmens gesichert würde. Nachdem das letzte Hoch auf die gesammte Tabak- industrie verklungen war, wurde den Arbeitern der Werkmeister vorgestelli, worauf dieser das Wort ergriff und seine wirksame Vermittelungsstellung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beleuchtete. Ein Hoch auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der neuen strebsamen Firma beendigte die Feier in den Fabrtkräumen, welcher ein gemüthliches Zusammensein mit Musik, Speisen und Trank bet Gastwtrth Ludw. Steinmüller folgte. Auch hier wurden, nachdem sich der Ortsvorstand eingefunden hatte, noch mehrere Toaste ausgebracht, und war Mitternacht längst vorüber, als sich die Letzten trennten. Als nackahmungswerth und zur Freude der Arbeiter hat zum Schlüsse dieser schönen Feier die Firma beschlossen, den Gründungstag, alljährlich wiederkehrend, in
Deutscher Reich.
Berlin, 10. Juni. Der Kaiser ist von seinem jüngsten Besuche in Kiel, welcher hauptsächlich einer letzten Besichtigung der Schlußbauten am Nord-Ostsee-Canal und den Vorbereitungen für die Canalfeier galt, am Montag früh wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen. Bereits am Sonntag Abend in der elften Stunde war daselbst der erwartete Gast des Kaisers, Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich, angelangt. Der Erzherzog wohnte am Montag der Besichtigung der Potsdamer Cavallerie-Regi- mcnter auf dem Bornstedter Felde durch den Kaiser bei. Der erlauchte Gast gedenkt biß Donnerstag am Kaiserlichen Hofe zu verweilen und dann die Rückreise anzutreten.
— Wieder einmal schwirrten in den letzten Tagen Ministerkrisengerüchte durch die politische Luft, dies-
Nr» 135 Zweites Blatt
Vierteljähriger Adonnementspreiar 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
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Schulstraße ^r.7. Fernsprecher 51.
Bekanntmachung.
Sonntag den 16. Juni, Nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr, wird der Gießener Radfahrer-Verein auf der Staatsstraße Gießen—Reiskirchen ein Wettfahren veranstalten. Für die Sicherheit des öffentlichen Verkehrs wird durch Bestellen der Strecke mit Radfahrern, sowie durch eine unmittelbar vorhergehende Sicherheitsfahrt gesorgt werden. Doch wird den Leitern der zur genannten Zeit auf dieser Straßenstrecke verkehrenden Fuhrwerke rc. empfohlen, auch ihrerseits durch rechtzeitiges Ausweichen bezw. Anhalten auf obige Ver- anstaltung Mcksicht zu nehmen.
Gießen, den 10. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekarmtmachmig,
W Mj.betreffend: Die Maul- und Klauenseuche.
W Die zu Düdelsheim, Kreis Büdingen, ausgebrochene Maul- und Klauenseuche ist erloschen und die Gehöftsperre aufgehoben worden.
Gießen, den 8. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Unter dem Rindvieh in den Gemeinden Griedelbach und Schmalbach, Kreis Wetzlar, ist der Rauschbrand amtlich feftgestellt worden.
Gießen, den 8. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Feuilleton.
Das gestoßkene Kaninchen.
Berliner Humor vor Gericht.
Ein eigenthümlicher Zug um den bartlosen Mund und die listig zwinkernden Augen ließen daraus schließen, daß erden Schelm im Nacken hatte. Dies wurde denn auch durch die Verhandlung zur Genüge dargethan.
Vors.: Angeklagter, sind Sie Arbeiter? — Angekl.: Een sehr tüchtiger sogar. — Vors.: Was arbeiten Sie denn? — Angekl. : Allerleihand, ick scharmiere mir vor jarnischt. Wenn ick Heike nich Termin hätte, würde ick wieder feste mang sind, denn „wer die Arbeit kennt und übet ihr nicht, bet is fürwahr een erbärmlicher Wicht", bet is mein Sinnspruch. — Vors.: Wie kommt es benn aber, daß Sie schon im Zwangsarbeits- Hanse waren? — Angekl.: Weil ick ihr bamals noch nich kannte. Von ber Zeit an bin ick aber wie umjekrempelt. Ick kann halbe Tage lang zusehen, wenn carnalsirt oder asphaltirt wird, indem ick immer daruf rechne, bet mal Eener ausspannen thut unb ich benn sofort für ihn eintreten kann. — Vors.: Von Ihrer Arbeitslust haben wir genügend. Sie sollen nun am 19. März dem Schneider B. einen Kaninchenbock gestohlen haben. Sie werden sich doch nicht auf thörichte Ausreden einlassen? — Angekl.: Wenn der Schneider meent, bet ick mir an son arm- selijen Karnickel bereichern will, benn kann er mir leeb bhun. Der Mann muß überhaupt uf seinen Inst untersucht roern, er rebet zu Dille Marjarine. — Vors.: Wenn Sie nicht einen anständigen Ton annehmen, lasse ich Sie sofort auf drei Tage einsperren. Sind Sie benn an dem fraglichen Tage in seiner
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.
Die Gießener AamillenStätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgt.
Wohnung gewesen? — Angekl.: Jewiß, aberblos jeschastlich. Ick hatte zwee Dage spater eene Leiche un wollte mir von ihm meinen Jehrock ufbüjeln lassen. — Vors.: Das ist ja etwas ganz Neues. Wo hatten Sie beim ben Rock? — Angekl.: Zu Hause. Ick wollte mir erst mal erkundigen, ob er ooch Zeit hatte. — Vors.: Wo wohnen Sie? — Angekl.: In ber Pankstraße. — Vors.: Und bann wollen Sie mir vor- reben, baß Sie den weiten Weg nach ber Torsstraße machen, bloß um zu fragen ? — Angekl.: An ben Dag hatte ick jerabe keene Arbeit unb ba ick nich jerne müßig jeh', so machte ick mir ben Geschäftsjang. — Vors.: Nun, wie war es benn, als Sie zu bem Schneider kamen? — Angekl.: Det war so. Er wohnt uf'n Hof, indem er seine Kundschaft nich jerabe Unter die Linben hat. .Als ick in seine Stnbe komme, is feen Mensch drin. Uf’n Disch, ber ant Fenster steht, liegt sein Hanb- werkszeug un eene Englisch-Lederne, wo er oogenscheinttch eenen neien Spiegel insetzen wollte, un bet sah aus, als wenn er soeben erst bie Arbeit verlassen hätte. Ick fühle mit die Hanb uf’n Disch und finde noch 'ie warme Stelle, wo er eben jeieffen hat. Nun bitte ick Ihnen, Herr Jerichtshof, ick wußte also, bat er zu Hause war un benn sollte ick so bumm sind, wat mitzunehmen? — Vors.: Nur weiter. — Angekl.: Also ick stehe ba eene Weile un rotirte. Richtig kommt ooch Keener. Na, benfe ick, sollst man een Bisken uf’n Hof jehen un Dir umtiefen. Uf’n Hof is ooch Keener. Da sehe ick, bet zwee Karnickel ans'n Stall kommen un uf mir zuhuppen. Det eene machte mir so sonderbare Bewegungen mit bie Hinterpoteu, inbem sie mit bet linke bei jeben Sprung so zitterte, bet ick ihr bei bie Ohren kriege un ihr hochhebe. Da sehe ick benn zu meinem Entsetzen, bet ihm bet linke Hinterbeen völlig je-
Gießener Anzeiger
Seneml-Unzeiger.
quetscht is, bet war voll Blut, bet sah aus, als wenn een Wagen darieber jejangen wäre. Det mußte mein Menschlich- keitsjesühl nu uf’t Höchste empören, benn ick bin een warmer Thiersreunb. Een Mensch, ber sein Vieh so behandelt, soll von mir nich in Nahrung jesetzt roer’n, denke ick, det arme Thier nimmst Du aber mit nach't Asyl in bie Schulstraße, wo ber Thierquälerverein seine Klinik hat. Ick nehme bet bejammernswethe Vieh benn unnern Arm un berfe et mit’n Rock zu, bet et nich friert, un jehe burch'n Dohrweg us die Straße. — Vors.: Sie haben sich da eine ganz schöne Geschichte zurechtgelegt, nur schlimm, daß der Zeuge Sie ungesehen beobachtet hat. Sie haben das Kaninchen aus einem Kasten genommen, dessen Deckel Sie hochgehoben haben. Auch beschrankte sich die von Ihnen geschilderte Verwundung auf eine ganz geringfügige Verletzung. Angekl.: Wenn er det beschwört, mache ick ihn meineidig. Bors.: Warum eilten Sie benn um so schneller bavon, als der Zeuge Sie anrief und Ihnen nachlies? — Angekl.: Aus Mitleid für den Karnickel, damit er bald in die Kur jenommen werden konnte. — Bors.: Was haben Sie dem Schutzmann gesagt, als derselbe sich Ihnen entgegenstellte, weil der Sie verfolgende Zeuge „Haltet den Dieb!" rief? - Angekl.: Ick habe jefagt, er sollte mir nid) ufhalten, indem wir eene Wette jemacht hätten, wer vor uns zuerst nach die Schulstraße käme. — Vors.: So, jetzt sind Sie wohl mit Ihrer Vercheidigung zu Ende. Wir werden die Zeugen hören.
Die Beweisaufnahme stellt die Schuld des Angeklagten außer jeden Zweifel. Wegen ber Frechheit seines Leugnens traf ihn eine Gefängnißstrafe von 14 Tagen.
entsprechender Weise feierlich zu begehen. Möge bas neue Unternehmen ganz Heuchelheim zum Segen gereichen.
-t. Heuchelheim, 10. Juni. Am vergangenen Samstag wurde unsere freiwillige und Pflichtfeuerwehr durch Herrn Kreiefeuerwehrinspector L o o s aus Gießen einer Jnspeet- on unterzogen. Die Wehr bildet ein stattliches Corps. Nach den Aeußerungen des Herrn JnspectorS war der Zustand der Geräihe befriedigend, insbesondere daS Schlauchmaterial und die Leistungsfähigkeit der beiden Spritzen, sowie beß Zubringers vorzüglich; jedoch sollte auf Instandhaltung einiger persönlicher Ausrüstungsstücke mehr Sorgfalt ver- wendet werden.
Von der Nidda, 8. Juni. Der Preis des Schweinefleischs und der Wurstwaaren ist in hiesiger Gegend auf 50 Pf. per Pfund zurückgegangen. Die Consurnenten klagen gleichwohl über die im Vergleich zum Einkauf immer noch zu hohen Preise. Die Metzger zahlen nämlich für die massenhaft zu habenden, aber wenig begehrten Mastschweine nur 33 Pf. Lebendgewicht und höchstens 43 Pf. Schlachtgewicht pro Pfund. — Dagegen sind die sonstigen Fleischpreise im steten Steigen begriffen, weil die Landwirthe Angesichts des überreichen Futtersegens wenig Vieh absetzen, wenn sie nicht durch besondere Umstände dazu genöthigt sind. Jeder Landwirth sucht vielmehr seinen früheren, im Jah,e 1893 durch die außerordentliche Trocknung so sehr verminderten Viehstand wieder zu erreichen. Die Metzger müsf.n darum mitunter ihren Schlachtviehbedarf aus entfernteren Gegenden decken. — Die allgemeine Heuernte beginnt nächste Woche. Altes Heu ist noch massenhaft vorhanden, weshalb auch noch kein Preis für neues Wiesenheu bestimmt ist. D. Ztg.
n. Von der Nidda, 9. Juni. Gleich nach der Heuernte wird die Reinigung der Nidda innerhalb des Kreises Friedberg vorgenommen, bei der die Flußsohle im oberen Lauf auf mindestens 6 Meter Breite gebracht werden soll. Die Arbeiten, unter einer Leitung stehend, werden gleichzeitig vorgenommen, wodurch die Garantie für sicheren Erfolg geboten ist. Von einer Regulirung des Flußlaufes muß zunächst noch abgesehen werden, ba der im preußischen Gebiete liegende untere Flußlauf doch zuerst regulirt werden müßte.
n. Schotten, 9. Juni. Die Lehrerheimsfrage ist in ein neues Stadium getreten. Die GenossenschaftSgrün- düng mit beschränkter Haftpflicht ist beschlossen. Die Höhe eines Anteilscheines und der durch einen solchen garontirten Haftsumme beträgt 10 Mk. Die Erwerbung ber Antheil- scheine ist beschränkt und beträgt im Höchstmaß 100. Die Eröffnung des Lehrerheims wird voraussichtlich im Juli b. I. erfolgen. Der Zweck des Unternehmens, das unter dem Namen „Lehrerheim Vogelsberg, e. G. m. b. H." eingetragen ist, ist folgender: „Den Mitgliedern des hessischen, bezw. deutschen Lehrerstandes gegen billige Pension einen vorüber-
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