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11.1.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. S Zweites Blatt.

Freitag den 11. Januar

1895

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Shbaction, Expedition und Druckerei:

Achukstraße Wr.7.

Fernsprecher 51.

chiehem« Anzeiger «rschoieet täglich, w* Xainatjau deS Montag-

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Alle Annoncen-Bureaux de- In« und Auslandes »ehnwn Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegn.

Was kann man gegen dieschlechten Zeiten" thun.

Wir find tm neuen Jahr, die üblichen Spenden an Alle, welche den Jahreswechsel mit gereimten und ungereimten Glückwünschen begleiten, sind gewechselt, und 1895 nimmt bereitwillig und ohne Spesenberechnungen unsere Wünsche und Hoffnungen, behält freilich dafür sich auch die Er­füllungen. Wir hören bei jedem Jahresbeginn ebenso viele Wünsche, wie Klagen, und ganz richtig: ohne Klagen auch kein Wunsch noch einen Wechsel. Gar mancherlei, je nach der Lebensstellung, ist der Klagen Inhalt, und gar Mancher, der im Vollbesitz alles Glückes und aller Güter geschätzt wird, hat Klagen und Wünsche, von welchen sich ein mäßig bemittelter Mann wohl kaum etwas träumen läßt, die er wohl kaum versteht, die aber für den Anderen doch ganz außerordentlich viel bedeuten. Unter allen Verhältniffen, über die geklagt wird, von allen Sorgen, die man kennt, eine der bittersten, ist aber doch die um das tägliche Brod. Wer nie hat warten brauchen, wenn er hungerte, wem immer die gedeckte Tafel bereit stand und darum nie empfand, wie streng Küchenmeister Schmalhans waltet, der wird sich «icht so ohne Weiteres in eine solche traurige Situation hinein versetzen können, bei welcher noch das Schlimmste ist, daß von ihr in so sehr vielen Fällen gar nicht mit der er­forderlichen Offenherzigkeit gesprochen werden kann. Man spricht im Nährstand gemeinhin vonschlechten Zeiten". WaS aber ist nicht Alles darunter zu verstehen? Darauf, darauf kommt es an. ES wird wohl leider Gottes nicht an einer großen Zahl von Weihnachtstischen unterm Tannen­baum im deutschen Vaterlande gefehlt haben, die karg besetzt waren, karger, als die Eltern beabsichtigt. Es fehlte gerade ä zu Weihnachten an baarem Geld, man hat sich deshalb nach der Decke strecken muffen- es ging nicht anders, wenn es auch schwer fiel, und nun, nach Neujahr ertönt das Klage­lied von schlechter Zeit in der Regel bald wieder. Warum? Weil es für die Männer vom Nährstande mehr, wie sonst m Jahre, heißt, baares Geld zur Begleichung der vorligen- den Verpflichtungen bereit zu halten. In der That, mancher Teschäftsmann, Gewerbetreibenden und Handwerker, und es brauchen nicht immer die sogenanntenkleinen" Leute zu sei», die doch aber im Staatswesen durchaus keine kleine Rolle spielen, schwitzt zum Jahresbeginn Blut, wenn er be­rechnet, wie er seinen Verpflichtungen nachkommen soll. Unser Publikum liest von socialen Fragen, schweren wirthschaftlichen Krisen, debattirt hin und debattirt her, hört Wahlreden und wählt, aber den praktischsten aller Hilfswege zu beschreiten, da- überlasten Viele immer wieder Anderen. Es ist durch­aus keine Freude, wenn Jahr aus Jahr ein das Publikum immer wieder zum Jahresbeginn darauf aufmerksam gemacht werden muß, in welche schwere finanzielle Bedrängniß selbst ein fleißiger und umsichtiger Gewerbetreibender kommen kann, wenn seine Kunden die von ihm übersandten Rechnungen einfach bei Seite legen, in dem ihnen bequemen, aber wirrh- schaftlich so total verkehrten Gedanken, daß eS ja beim Be­zahlen von Rechnungen auf ein paar Monate nicht ankomme, ienn erstens sei das mehr oder weniger selbstverständlich, und zweitens würden Andere ihren Verpflichtungen schon prompter nachkommen. Selbstverständlich ist auf Erden nun ilchtS, sondern höchstens erklärlich, und was das Zweite be- Äifft, so ist hier die Pünktlichkeit keine Regel, sondern AuS- nihme. Aeltere Geschäftsleute wissen sehr gut, daß in "fliiheren Jahren, wo die Concurrenz geringer, der Absatz Swßer, der Verdienstprocentsatz bedeutender war, das Publi- doch erheblich pünktlicher beim Begleichen seiner Rech- «oigen war, als heute, wo dem Geschäftsmanne bei sehr titninbcrtcm Verdienste eine sehr bedeutende Erhöhung der Gkschäftsunkosten erwachsen ist.Der Mann muß warten!", daö ist so ein moderner Grundsatz geworden. Indessen, mit Seclaub und mit aller Höflichkeit set's gesagt, der Mann nicht warten, er kann auch oft genug nicht warten. 5at ein Geschäftsmann dem Kunden die Waare reell und »Aktlich geliefert, so ist eS des Kunden Pflicht und Schul- »g'eit, seinen Lieferanten reell und pünktlich zu bezahlen.

der Mann unter hohen Zinsen und Provision sich Geld uihe», nur um die Bequemlichkeit von Kunden in Watte zu Mea, die sich wohl gar noch durch eine der Rechnung bei- .tc B"te um Honorirung verletzt fühlen? Dann kommen M tn hundert Jahren noch nicht aus der schlechten Zeit heraus, wir verschärfen ihre Härten gerade noch für die, x c r can! allerwenigsten vertragen können. Der heute ««t bestehende große Mangel einer wirklich prompten Be- Neujahrsrechnungen ist ein wahrer Nothstand Ur die Geschäftswelt, und hier kann Jeder etwas thun, mag tiiian einer Partei angehören, welcher er da will. Die

Geschäftswelt soll viel bieten und immer mehr und immer mehr- aber daS kann sie nicht, wenn sie dem lieben Publikum neben gediegenen und preiswerthen Maaren nun auch noch Gelder zur Verfügung stellen soll. Und was bet der Sache noch so sehr häufig daS Bitterste ist: Jeden Ramschartikel, der dem halben Schund so ähnlich steht, wie ein Ei dem andern, den bezahlt man bei Heller und Pfennig! Aber der solide Gewerbtreibende der muß warten! Wenn es ein Mittel gäbe, die prompte Begleichung der Außenstände Jahr für Jahr zu ermöglichen, Deutschland wäre Jahr für Jahr um Millionen reicher und die Aufbringung der Kosten für die neue Militärvorlage und Anderes wäre sehr viel weniger schwer! Thut etwas für den deutschen Nährstand! Der Ruf kann gar nicht laut genug erhoben werden.

Vermischter.

* Gotha, 5.Januar. 40,000 Mark Trinkgelder. Bei der im vergangenen Jahre stattgefundenen Hochzeit der Prinzessin Victoria hatte bekanntlich der Koburg Gothaische Hof viel auswärtigen fürstlichen Besuch, der an Trinkgeldern die enorme Summe von 40,000 Mk. zurücklteß. Diese Trinkgelder find nun zu Weihnachten unter die Bediensteten des herzoglichen Hofes vertheilt worden, wobei es selbst einem Hausdiener 140 Mk. eingetragen hat. Scheuerfrauen und sonstige Arbeiterinnen, wovon manche über 30 Jahre bei Hofe sind, waren von dieser Vergünstigung allerdings aus­geschlossen

* Wurzburg, 3. Januar. Einem BauerSmanne in der hiesigen Umgegend wurden am Tage vor Weihnachten drei­zehn Gänse gestohlen, darunter einGanser". Dieser nun rückte am Morgen des ersten Feiertages auf dem Hofe des Besitzers, der mit dem Vornamen Friedrich heißt, indeß allgemeinFrieder" genannt wird, ganz allein an. Er war ziemlich kahl und hatte am Halse einen Zettel folgenden Inhalts hängen:Guten Morgen, Herr Frieder, Ich komme wieder, aber ohne Gefieder, Wir sind unter die Räuber gerathen, Meine College» sind alle gebraten, Drum komme ich ganz allein Und bringe hier den Todten- schetn."

* Glarus, 4. Januar. Drei Fremde, welche von Linthal nach dem Tödli aufgebrochen waren, sind noch nicht zurückgekehrt. Sobald die Witterung es gestattet, werden zehn Freiwillige zur Rettung der Fremden aufbrechen. Später wird gemeldet: Die vier Fremden, drei Herren und eine Dame, die man im Schnee des Tödli verloren glaubte, find wohlbehalten zurückgekehrt, nachdem sie fünf Nächte tn einer Hütte des Alpenclubs zugebracht hatten.

* Budapest, 4. Januar. Einem Beamten der Firma Gutmann wurde gestern auf der Straße eine Geldtasche mit 10,000 Mk. geraubt. Der Dieb blieb unentdeckt.

* Traurige Weihnachten hatte ein Berliner Beamter in der F.straße, dessen einzige Tochter sich am dritten Feier­tage mit einem reichen Fabrikanten aus Schlesien verheirathen sollte. Da der Beamte Wittwer ist, hatten die zukünftigen Schwiegereltern des Mädchens den Wunsch ausgesprochen, daß die Hochzeit nicht in Berlin, sondern in Breslau gefeiert würde, wohin die Braut auch bereits in Begleitung einer Tante abgefahren war. Der Vater des Mädchens war nun am Montag eben im Begriff, 'die Reise nach Breslau anzu- treten, als er durch ein Telegramm benachrichtigt wurde, daß seine Tochter schwer erkrankt sei. Bei seiner Ankunft in Br. fand er sein einziges Kind, daS er bräutlich geschmückt wiederzusehen geglaubt hatte, bereits als Leiche vor- ein Schlagfluß, nach Aussage des Arztes eine Folge der vielen Aufregungen in letzter Zeit, hatte ihrem jungen blühenden Leben ein jähes Ende bereitet. Das schon festlich geschmückte Hochzeitshaus war mit einem Male zum Trauerhause ge­worden. In der Eile war vergessen worden, die übrigen von Berlin aus zur Hochzeit geladenen Gäste von dem Todes­fälle rechtzeitig zu benachrichtigen, so daß diese, soweit sie eS nicht bei ihrer Ankunft in Br. vorzogev, alsbald die Rück­reise anzutreten, statt einem HochzettSfeste einer Beerdigung beiwohnten. Der tiefbekümmerte Vater hat sich nur auf Drängen des unglücklichen Bräutigams schwer dazu ent­schlossen, das einzige Kind in Breslau zur letzten Ruhe be­statten zu lassen.

* DaS Gewehr im Schulzimmer. Der Lehrer Jakobi in Wilhelminenort (Kreis Oels) schießt gerne Sperlinge und hatte sich zu diesem Zwecke vor einiger Zeit ein Tesching geborgt und dieses geladen im Schulzimmer hinter dem Schul­schranke aufbewahrt. Am Samstag Vormittag am Schlüsse der Schule beauftragte der Lehrer zwei Knaben und ein Mädchen noch da zu bleiben, und daS Zimmer zu reinigen, während er sich in die Wohnung des Lehrers JSschke begab. Die Kinder entdeckte« das Gewehr und der eine Knabe

machte sich damit zu schaffen, legte auf das Mädchen an, die Kugel drang in daS Gehirn und daS Mädchen war sofort eine Leiche.

* Ei« Lauf umS Lebe». Ein 20jährigeS Mädchen aus Obernitz tn Thüringen benutzte vor einigen Tagen auf dem Heimwege unbefugter Weise die Eisenbahnbrücke. Kaum hatte sie diese betreten, da kam von Eichicht der Schnellzug Heran­gebrauft. Zurück konnte sie nicht mehr, bei Seite springe» auch nicht. Sie stürmte also, einem augenblicklichen Impulse folgend, vorwärts, um dem jähen Tode zu entrinnen. Zu« Glück siegte sie in dem furchtbaren Wettlaufe- doch in dem­selben Moment, wo sie die Brücke verlassen hatte, wurde ihr der Tragkorb von dem Zuge gestreift und daS Mädchen stürzte die Böschung hinab, wo eS mit gebrochenem Arme liegen blieb. Der Zug hielt und zwei Aerzte, die sich darin befanden, legten dem Mädchen "einen Nothverband an. Der Schnellzug nahm, alsdann die Verunglückte mit nach Saal­feld, von wo sie per Wagen dem Elternhause zugesührt wurde.

* Neues aus Monte Carlo. Der Schweizer Maler Notaris Zartnos, der in San Bartolomeo wohnte, wurde i» seinem Zimmer als Leiche aufgefunden. Er lag mit durch­schossener Schläfe auf seinem Bette und hielt in der rechten Hand einen Revolver. Aus den Briefen, die er hinterließ, ersah man, daß er nicht, wie Anfangs behauptet wurde, auS Lebensüberdruß Selbstmord begangen hatte, sondern weil er in der Spielhölle, zu deren fleißigsten Besuchern er gehörte, in der letzten Zeit ungeheure Summen verloren hatte. Wenige Stunden später setzte eine andere Schreckenskunde das Publi­kum von Monte-Carlo in Aufregung. Das Ehepaar Car- lini, das in vier Tagen im Spielsaale 270,000 Francs verloren hatte, beging vor der Thür des Casinos einen Doppelselbstmord. Zur Abwechselung weist die Chronik von Monte-Carlo neben den vielen Selbstmorden auch einmal einen Raubmord auf. In Bolena wurde nämlich in der Weihnachtsnacht ein furchtbares Verbrechen begangen. Drei Landstreicher drangen in die Wohnung der reichen Frau Ottavia de la Gaulette, der Schwester des Generals Belrid, ein und schlugen die alte Frau, die erwacht war und um Hilfe rief, mit einem Hammer zu Boden - dann raubten fie sämmtliche Werthgegenstände und das Geld, das sie vor­gefunden hatten, und zogen unbehelligt von dannen. Die Dienerin der Ermordeten, die ihrer Herrin zur Hilfe geeilt war, bedrohten fie mit dem Tode für den Fall, daß sie Lärm machen würde. Es wurde ein gewisser Caron unter dem Verdacht, an dem Verbrechen theilgenommen zu haben, in Haft genommen.

Citeratur rrnd TLrrirft.

Preisausschreiben. Einer Anregung aus ihrem Leserinnen- treife folgend, hat die Redactton der bekannten politisch-literarische» WochenschriftDas Echo" in Perlt», I. H. Schorer A. G., 30 Mark für den schönsten kurzen Nachiuf ausgesetzt, der in zwei bis acht Verszeilen die verstorbene Fürstin Johanna v. Bismarck als deutsche Hausfrau und Lebensgenossin Bismarcks feiert.

»Der Stein der Weisen." Es gereicht uns zur Freude, aus Anlaß des Erscheinens von Heft 1 dieser beliebten populär­wissenschaftlichen Revue (A. Hartlebens Verlag, Wien) unsere Leser neuerdings aus dieselbe zu verweisen. Durch die aanze Nummer weht der frische Geist, welcher nimmermüde dem Besseren zustrebt. Der textliche Inhalt ist noch reichhaltiger als gewöhnlich, der Ab­bildungen sind viele und in tadelloser Ausführung. Die größeren Aussätze behandeln in anziehender populärer Form interessante naturwissenschaftliche Fragen (Intelligenz oder Jnstinct? Schnee Die Himmelsphotographie Punctirmaschinen Die Autotypie Vorzüge des Leuchtgases als Brennstoff Maxims Flugmaschtne Das Brot als Nahrungsmittel), die wesentlich erweiterteKleine Mappe" referirt über die mannigfachsten Dinge und enthält eine Anzahl instructiver Illustrationen, darunter auch technische und phyficalische Experimente. Schön durchgeführte Vollbilder und ein Thaumatrop zur Veranschaulichung des Tropfewalles vervollständigen den reichen Inhalt des vorliegenden Heftes. Bücherfreunde seien auf die für Lösung von Preisfragen ausgesetzten Prämien, welche in sehr werthoollen Büchern, darunter kostspieligen illustrirten Pracht­werken bestehen, aufmerksam gemacht. Von dem angekündigten AtlaS Städtepläne aus allen Welttheilen" enthält das Heft das Titelblatt und das Jnhaltsoerzeichniß. Ernstes Strebe» und Opserwilligkett seitens des Verlages sind die Stützen dieses verdienstvollen Unter­nehmens, dem wir im VII. Jahrgange recht viele neue Freunde wünschen. ___________

AnS dem Leben meiner alten ftretmMn* lautet der Titel, durch die eine unserer beliebtesten Romanschriftstellerinnen W. Heimburg sich die Gunst der Leserwelt und die Anerkennung der Kritiker erworben hat. Mit dieser Erzählung wird die neue illustrtrte Ausgabe von ,W. HeimburgS gesammelten Romane« «Nb Novellen" eröffne«, die im Verlage von Ernst Keils Nachfolger in Leipzig bereits tn zweiter Auflage erscheint.

DerGartenlaube Walzer*, das neueste Werk von Johann Strauß, wurde am 6. Januar in Wien von dem be­rühmten Compontsten persönlich zur ersten Aufführung gebracht. Der Walzer erscheint zunächst nur als Extra-Beilage zurGarten­laube" und wird erst später in den Mufikalienhandlungen zu haben sein.