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Nr 212

Dienstag den 10. September

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Der HKKener A«reiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags.

Die Gießmer M«mikie« ö kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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2tmtiid?er Tbeil.

Gießen, den 7. September 1895. Betreffend: Generalversammlung der drei lanbwtrth- schaftlichen Provinzialvereine deS Großherzog. thumS Hessen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

ÄU die Herren Bürgermeister des Kreises Gieße«.

Am 19. l. MtS., Vormittags 10 Uhr, findet im großen Saale des Gesellschaftsvereins, Sonnenstraße Nr. 19 dahier, die Generalversammlung der drei landw. Provinzialvereine deS Grohherzogthums statt.

Wir erwarten, daß Sie möglichst zahlreich an dieser Generalversammlung fich betheiltgen und auch dahin wirken, daß die Beretnsmitglieder Ihrer Gemeinden solche besuchen.

Nach der Generalversammlung, Nachmittags 2 Uhr, soll in der großen Halle deS Ausstellungsplatzes ein Festesten stattfinden; der Preis des trockenen CouvertS beträgt 2 Mk. 50 Pf.

Diejenigen von Ihnen, sowie die Vereinsmitglieder, die fich an diesem Festesten zu betheiltgen die Absicht haben, wollen fich schriftlich oder mündlich bis spätestens zum 16. l. Mts. bei dem Vorsitzenden des WirthschaftSauSschusteS, Herrn KreiS- amtmann Dr. Wallau, melden.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. September. Die Kaisertage in Pom- mern anläßlich der großen Truppenmanöver bei Stettin find angebrochen. Alldeutschland nimmt an ihnen im Geiste den herzlichsten Antheil. Erlauchte Gäste sieht Kaiser Wil­helm auch bei den diesjährigen großen Herbstübungen wieder um fich versammelt, vor Allem seine hohen Freunde und Verbündeten, den Kaiser Franz Josef von Oesterreich und den König Albert von Sachsen, dann den Kronprinzen Victor Emanuel von Italien, die Prinzen Leopold und Arnulf von Bayern und noch andere Fürstlichkeiten. Lenken die heran­genahten deutschen Kaisermanöver schon durch diese glänzende Fürstenversammlung, welche die Hauptstadt Pommerns jetzt in ihren Mauern begrüßen darf, die allgemeine Aufmerk­samkeit auf sich, so besitzen sie auch an sich selbst ungewöhn­liches Jntereste, da sie namentlich in einem bis jetzt in Deutschland noch nicht dagewesenen großartigen Style vor fich gehen werden. Denn vier Armeecorps, das pommersche, das brandenburgische, das schleSwig-holsteintsche und das GardecorpS, nebst zwei Cavallerte-Dtvtsionen werden bei den pommerscheu Kaisermanövern in Action treten, wodurch die letzteren ein ganz besonders hervorragendes Jntereste er­langen, bet den früheren Kaisermanövern operirten immer nur je ein Armeecorps gegen einander. Natürlich werden bei den Manöoern in Pommern auch die mancherlei neuesten Fortschritte, welche die moderne KriegSwistenschaft nach den verschiedensten Richtungen hin aufweift, zur Practischen Ver­anschaulichung und Verwerthung gelangen, soweit dies eben bet einemKriege im Frieden" möglich ist. Jedenfalls steht schon jetzt von den pommerschen Manövern zuversichtlich zu erwarten, daß sie die kriegerische Bereitschaft Deutschlands für den Ernstfall, die Tüchtigkeit der Truppen und die LerstungSfähigkeit ter Führer aller Welt aufs Neue eindring­lich vor Augen führen werden. Daneben aber giebt sich auch die politische Bedeutung der jetzigen deutschen Manöver von selbst zu erkennen, Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef drücken sich in Stettin wieder die Hände, und der italienische Thronerbe ist hierbei als vornehmster Repräsen- tant der dritten Dreibundsmacht zugegen, eine Verkörperung des mitteleuropäischen Friedensbündntstes, welche alle Friedens- freunde nur mit tiefer Genugthuung in Scene gehen sehen. Von irgendwelchenAbmachungen" kann selbstverständlich bei der Stettiner Fürstenzusammenkunft schon in Hinblick auf deren äußeren Anlaß nicht die Rede sein, aber sie bringt den unentwegten Fortbestand des Bündnistes zwischen Deutsch, land, Oesterreich-Ungarn und Italien abermals klar zum Ausdruck, und in diesem Sinne werden die beginnenden Kaiser- und Manövertage in Pommern wohl allenthalben ihre polittsche Beurtheilung finden.IZj^M

Berlin, 7. September. DasBerl. Tagebl." wacht heute die Rede des Kaisers in Stettin zum Gegen- stand einer Besprechung und sagt:Die neueste Kundgebung Kaiser Wilhelms II. ist eine Ergänzung der Ansprache, die er am 2. September an seine Garden hielt. Zu einer richtigen Interpretation der Ansprache am Sedautage muß man die Stettiner Rede heranziihen. Sie bestätigt, daß

der Kaiser sich mcht sowohl gegen die ganze große Partei der Socialdemokraten und ihre allgemeinen Ziele, sondern ganz speciell gegen die von einzelnen Mitgliedern und Organen di ser Partei gegen seinen Großvater, den Kaiser Wilhelm I., gerichteten respektlosen Angriffe wenden wollte. Die Stettiner Rede hat auch gezeigt, daß der Kaiser auch jetzt nicht daran denkt, mit mechanischen Mitteln gegen das Volk, soweit es soctalistischen Ideen anhängt, vorzugehen, daß er vielmehr richtig erkannt hat, auf welchem Punkte man die soctalistischen Agitatoren am besten bekämpfen kann. Wir halten cs für einen Mißbrauch der Kaiserrede vom 2. September, wenn man behauptet, sie solle für ein neues Socialisten- oder Um­sturzgesetz Stimmung machen und aus ihr die Absicht des Kaisers herauSlesen will, die Arbeiterschaft unter Polizei- Aufsicht und Sondergesetze zu stellen."

Berlin, 7. September. Wie aus Stettin gemeldet wird, stieg der Kaiser heute Früh 9^ Uhr im Stettiner Schlöffe zu Pferde, nachdem am Morgen die bekränzten Fahnen und Standarten vom Schlosse abgeholt worden waren, und begab sich-zur Parade des zweiten Armeecorps nach Kreckow. Die Kaiserin fuhr zu Wagen nach dem Paradefeld und bestteg erst hier das bereit gehaltene Pferd. Die Truppen waren in zwei Treffen ausgestellt- im ersten Treffen die Infanterie, die Fußarttllerie und die Pioniere, im zweiten die Cavallerie, die Feldartillerie und der Train. Der Kaiser und die Kallerin wurden auf dem Wege nach dem Paradefeld von den aus allen Theilen der Provinz Pommern und der Nach- bargebtete Herbetgeströmten dichten Volksmassen enthusiastisch begrüßt.

Berlin, 7. September. Die Abreise der deutsche amerikanischen Krtegsveteranen erfolgte heute Vor­mittag 9 Uhr 40 Min. vom Anhalter Bahnhofe aus. Zur Verabschiedung hatten sich zahlreiche Berliner Kameraden mit ihren Damen auf dem Bahnsteige etngefunden. Noch einmal sprachen die Deutsch-Amerikaner ihrenBrüdern aus dem Mutterlande" ihren innigen Dank aus für Alles, was ihnen die Reichshauptstadt in diesen festlichen Tagen geboten.

Berlin, 7. September. DasKleine Journal" meldet aus New-Uork: Gestern früh ist hier eine sensationelle Ver­haftung wegen Giftmord erfolgt. Der Thatbestand ist Folgender: Robert Liwingston vermachte seiner Gattin eine jährliche Rente von 300000 Dollar, welche bei deren Ab­leben an ihre Tochter übergehen sollte. Am letzten Sonntag starb die Frau an akuter Magen-Entzündung. Dieselbe erklärte auf dem Todtenbett, fie sei von ihren Angehörigen vergifret worden. Bei der Leichenschau wurde Gift im Magen gefunden. Die Tochter wurde verhaftet.

Stettin, 7. September. Der von Sr. Majestät dem Kaiser bei dem heutigen Paradediner ausgebrachte Trink- spruch hatte folgenden Wortlaut:Der Denkstein, an dem daS zweite Armeecorps heute vorbeizog, giebt Kenntniß von der Zeit, da ihm vergönnt war, von Meinem Großvater inspictrt zu werden. Das erste Mal, als Ich daS zweite Corps zusammen sah, war im Jahr 1869; die letzte Parade, die dasselbe unter seinem damaligen commandirenden General, Meinem hochseligen Herrn Vater, vor Sr. Majestät bestand, um zu zeigen, daß es auch in Friedensarbeit kriegsbereit sei, ein Beweis, den es ein Jahr später auf dem Schlachtfeld führen sollte. Der heutige Tag hat Mich mit hoher Freude erfüllt und spreche Ich dem Corps Meine vollste Anerkennung aus für die vorzügliche Parade, die es heute vor Mir geleistet hat. Möge der heuttge Tag, der eine Weihe besonderer Art durch die hohe Ehre erhalten hat, welche dem Corps und vor Allem dem Mrrasfierregiment Königin dadurch zu Theil geworden ist, daß Ihre Majestät geruht haben, das Regiment selbst vorbeizuführen, dem CorpS ein Ansporn sein, nunmehr auch im Manöver zu zeigen, daß es vorbereitet ist, jede Abwehr, welche fie auch sei, auszuführen und für daS Vaterland einzu­stehen, wenn es gerufen werden sollte. Ich fordere Sie auf, Ihre Gläser zu erheben und auS vollem Herzen zu rufen: Das zweite Corps Hurrah! und nochmals Hurrah! und zum dritten Male Hurrah!

Stettin, 7. September. Zum Empfange des Kaisers von Oesterreich wurde solgender CorpS- Befehl erlaffen: Montag, den 9. September, 4 Uhr Nachmittags findet bet der Ankunft Seiner Majestät beß Kaisers von Oesterreich, Königs von Ungarn, auf Aller­höchsten Befehl großer militärischer Empfang aus dem Bahn- Hofe statt. Hierzu stellt das Kaiser Franz - Regiment die Ehrenwache, daS Husaren-Regiment Kaiser Franz Joseph die EScorte, das Grenadier-Regiment Nr. 2 die Ehrenwache vor dem Generallandschaftsgebäude.

Hamburg. 7. September. DerHamb. Corr." meldet auS Berlin: Mau bringt einen in den letzten Tagen er- folgten Empfang des preußischen JuftizmtnisterS >

beim Kaiser mit der Frage in Zusammenhang, ob und wie den Ausschreitungen der socialrevolutionären Propaganda an der Hand der bestehenden Gesetze am besten zu begegne« sei. Unter allen Umständen dürfte für die nächste Zeit eine bet weitem schärfere Ueberwachung der socialdemokratischea Preffe Platz greifen und die Ahndung von Vergehen in der Regel so rasch wie möglich auf dem Fuße folgen. Dies wird ganz besonders als ein Wunsch des Kaisers bezeichnet.

Leipzig. 7. September. Die deutsch-amerikanischen Veteranen trafen ungefähr 40 Mann stark Nachmittags um 2 Uhr 44 Minuten auf dem bayerischen Bahnhöfe ein und wurden von Abordnungen der hiesigen Militärvereine empfangen. Der BezirkSvorsteher Hülschner begrüßte die Veteranen, welche alSbald mit Musik nach dem amerikanischen Consulat zogen.

Ausland.

OSwieeim (Galizien). 7. September. In der letzten Nacht brachen Diebe in das hiesige Poftgebäude ein und stahlen 3000 Gulden.

Mailand. 7. September. Seit vier Wochen herrscht ia ganz Ober- und Mittelitalien große Trockenheit, ver­bunden mit außergewöhnlich hoher Temperatur. Man be­fürchtet, daß der Schaden, der durch die Dürre den Feldern zugefügt wird, bedeutende Dimensionen annimmt.

Paris. 7. September. Auf dem Fenstersims des Poli­zeibureaus der Mairie in dritten Bezirk wurde in der ver- gangenen Nacht eine Nickel büch se mit halb verbrannter Lunte aufgefunden.

London. 7. September. In der vergangenen Nacht gegen 2 Uhr ging über London ein schweres Gewitter nieder. Man befürchtet zahlreiche See Catastrophen im Canal. Die Telephon-Verbindung mit Frankreich ist unterbrochen.

Kopenhagen, 7. September. Aus Bernstorfs wird gemeldet: Nachdem die Aerzte Profeflor Leyden, Veljaminoff und Tschtgajeff heute ten Zustand des Großfürsten- Thronfolgers, welcher noch das Bett hütet, um Kräfte zur Reise nach dem Kaukasus zu sammeln, untersucht hatten, wurde beschloffen, daß der Großfürst Thronfolger am 13. Sep­tember mit demPolarstern" nach Libau und von dort via Vilna nach Abastuman reisen solle. Dr. Tschigajeff wird den Patienten begleiten._________________________

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 9. September. Eine Extraausgabe deSReichs- anzetgerS" meldet: Der Kaiser richtete an den Reichs­kanzler nachstehenden Erlaß:Die Feier der fünfund­zwanzigjährigen Wiederkehr der ruhmreichen Siegestage beß Jahres 1870 hat viele Tausenbe von Festtheilnehmern ver­anlaßt, auch meiner freundlich zu gedenken und mir auS allen Gauen des deutschen Landes und selbst von fernen Welttheilen her treue Grüße zu senden. Alle diese Kund­gebungen patriotischen Empfindens vermag ich zu meinem Bedauern nicht im Einzelnen zu beantworten, ich wünsche aber allen Betheiligten, und besonders den Veteranen der großen Zeit, die freudig Gut und Blut mit in die Wag­schale geworfen haben, meinen kaiserlichen Dank auszusprechen und ihnen zu erkennen zu geben, wie herzlich ich durch jene Aufmerksamkeiten erfreut worden bin. Mit Genug­thuung hat eS mich erfüllt, mit welcher Begeisterung das deutsche Volk in fast allen seinen Gliedern die Tage der Wiedergeburt des deutschen Reiches gefeiert hat und wie es dabei von neuem allgemein inS Bewußtsein getreten ist, welche wunderbaren Errungenschaften wir nächst GotteS sicht­lichem Beistände der weisen Führung deS greisen Helden- kaiserS Wilhelms deS Großen, seinen erlauchten Bundes- genoffen, seinen ausgezeichneten Rathgebern, erprobten Feld­herren und braven Truppen zu verdanken haben. Zahllose Kaiser- und Kriegerdenkmäler zeugen von der Pietät und Dankbarkeit unserer Zeit und mahnen unS und ferne Ge­schlechter an die blutige Saat, aus der erst unser neu geeintes Vaterland hervorgegangen ist. Ein Volk, welches so seine Tobten ehrt unb so seiner Vergangenheit gebenkt, wird das hoffe ich mit Zuversicht allezeit treu zu Kaiser unb Reich stehen unb sich auch jener vaterlanhSlosen Feinbe ber göttlichen Weltordnung zu erwehren wissen, bte selbst in diesen Tagen nationaler Begeisterung dreist ihr Haupt er­heben und sich nicht gescheut haben, daS Andenken beß großen Kaiserß zu schmähen unb daburch baß deutsche Volk in seinen edelsten Erinnerungen und Empfindungen zu verletzen.

Stettin, 8. September. Seine Majestät der Kaiser kehrte um 21/* Uhr zum Schlosse zurück. Um 6 Uhr fuhr Allerhöchstderselbe zu dem commandirenben General v. Blom-