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10.5.1895 Zweites Blatt
 
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Mtatr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener

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Zweites Blatt. Freitag den 10. Mai

Gießener Anzeig er

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folgenden Lag erscheinenden wuh' | Hratisöeikage: Gießener Jamitienökätter. "1

Unser Gseien im Msi.

Geheimnißvoll dämmert eS noch über der Landschaft.

Uni ein lichtes Mal am Frühhtmmel spielen bernsteinfarbene Wölkchen, verkünden das Auftauchen etneS goidenen Maimorgens.

Wer ihn ganz genießen will, muß früh heraus.

Ewig schön bleibt es, das Erwachen des Maimorgens im Wald zu belauschen. Noch weben zarte Schleier durchs Dunkel: unser Weg gleicht einem Gewölbengang durch einen phantastischen Dom, durch dessen bunte Fenster noch kein goldener Pfeil des Morgenltchts eingedrungen. DaS junge Grün der Buchen ist im Lämmerschein noch kaum zu ahnen; nur Säulen, die ihre Arme, wie erwartungsvoll, in erhabener Ruhe von sich recken, verstricken, tauchen im Halbdunkel auf und verschwinden wieder. Und hinter ihnen, wie von Settenallären und aus nächtlichen Grabcapellen, gucken neugierig, lustig oder gespensterhaft inS Dunkel gewebte form­lose Gestalten hervor, versinken nach wenigen Schritten wieder.

Aber die Materie Licht siegt immer mehr: je mehr wir zu sehen wähnen, desto lustiger wird der Tanz und das Treiben hinter und zwischen den vorbeiztehenden Säulen. Er schlingt sich um alte Baum­stümpfe, die zu bekränzten Opferaltären, Taufbecken und Richtklötzen werden. Und nun der erste rosige Schein durch den grünen Schleier dringt, den nächtlichen Spuk zu begraben, fliegen scheinbar aus Busch und Kräutern gar Elfchen auf, die goldenen Farbenetmer des Morgens behende durch alle Räume des wetten grünen DomS zu tragen, dem Morgen die lichten duftigen Töne zu geben.

Jetzt läutet der klangvolle Ruf der Goldamsel den Morgenwald wach: es ist, wie wenn sich die jungfräulich grünen Blätter der Buchen, Birken, Erlen leise aufschlügen, wie wenn Moos, Gras und Kräuter den Schlaf von sich rüttelten, die Edeltannen ihre Zweige vornehmer trüarn, Waldktrschen und Schwarzdorn den wetßesten Brautschmuck ihrem Blüthenschnee anlegten.

Der glockenreine Ruf findet zuerst schüchtern, dann jubelnd Echo und schwillt zum allgemeinen feierlichen Morgenchoral der Waldes­sänger an. Glücklich, wer diese Stimmen der Natur hören, glück­licher, wer sie verstehen kann! ES ruft ihm Erinnerung.» und ein Meer von Gedanken wach, wie es kein Tonsptel von Instrumenten, nicht das Brausen des Sturmes, nicht die ergreifende Sprache der Brandung der See, nicht der Siegesruf der Trompete auf dem still gewordenen dämmernden Schlachtfeld vermag.

Denn so, wie diese Töne, In ihrer ewigen Schöne Kann nichts das Herz ei quicken, Beleben und entzücken.

Stets wenn der Vögel Stimmen

Vom Walde her erklingen Mir es wie ein Gebet Tief durch die Seele geht."

So schrieb <8 die Hand einer zu früh Heimgegangenen begeisterten Verehrerin unserer erhabenen Gottesnatur auf ein Tagrbuchblättchen nieder, und wir fühlen es ihr nach.

Und nun, welch Bild!

Der junge Maiwald im goldnm Licht und diamantenen Schmuck des Morgens: Vom Moos- und Blumentcpptchau, in dm die letzten Anemonen, stille Waldveilchen, der würzige Waldmeister, ein wahres Meer von reizenden Sauerkleeblüthchen usw. eingestickt sind, bis hinaus in die höchsten Wipfel der Laubbäume, ein frisches Grün! Wie die Laubhölzer hat die Lärche ein völlig neues Kleid angelegt und selbst die Fichten, Tannen und Kiefern, deren Kronen so wundervoll i als Licht- und Schaltenwände des Bergwalds Formen am wölken- * losen Firmament zeichnen, haben die düstere Winterfarbe eingezogen !

und prunken im köstlichen Schmuck ihrer frischgrünen Jungtriebe und Blüthen. Letztere, die Erreger des so verkanntenSchwefelregenS" find leider so wenig bekannt und so eigenartig schön.

Und nun habm wirs gefunden, das Lieblichste, was der Maien­wald unS bietet die glatten breiten Blätter riefen unS vom Wege ab traulich steht die zahllose stille Gemeinde thaufunkelnd da: Maiblume an Maiblume! Und so geht es durch den stunden­langen Wald. Die meisten stehen noch mit gesenkten Köpfchen; viele aber haben ihr Glockmspiel schon entfaltet und verbreiten ihren feinen berauschenden Duft durch den Waldesschattcn, durch den daS muntere Völkchen der Jnsecten der Sonne zueilt.

Schon steht die Tageskönigin über den niederen Wipfeln, alS wir mit köstlichem Strauß, in dem auch Salomonsfiegel, dieweiß­wurzelige" Schwester der Maiblume nicht fehlen darf, auS Waldes­nacht ins Licht herausgetreten.

Ein reizendes Wiesenthal an den seifigen Hang gelehnt, fern- blühende Rapsfelder zwischen dem Grün der Fluren, blühende Ktrsch- bäume am Weg, ganz hinten blaue Berge und ganz nah vor uns, halb von Fichten und Blüthenbäumen versteckt, als Hüter des vor ihm liegenden Gartens, ein Försterhaus. Es muß wohl ein solches sein, denn den hochragenden, von munteren Schwalben umkreisten Giebel schmückt ein stattliches Hirschgeweih und wachsames Gekläff, offenbar eines Teckels, schallt vom Hof.

Ueber die blumenreiche Wiese zogen weiße Falter deSKleinen Weißlings" und derKleine Mauerfuchs" läßt die Farben seiner Flügel aus dem Llla deS blühenden Schaumkrauts, auf mancher rothenTagesnelke" spielen.

Nun gelangen wir an den Garten. Ein Garten, besonders ein ländlicher, der die langweiligen Schablonen durchbricht, hat für den sinnenden Wanderer stets Retz. Der Garten am Foisthaus doppelten, denn Förster sind Freunde und treue Hüter bcr Pflanzenwelt. Hier aber wehte nun durchs Gärtchen für den bescheidenen Kenner nicht nur der Sinn für Ordnung und Pflege, sondern auch der Sinn für Anmuth und der Hauch einer leisen Poesie. Es ist schwer zu sagen, woran das gleich auf den ersten Blick zu erkennen, aber der Garten­freund fühlt es.

Hier im stillen Forsthausaarten war nichts erzwungen, nichts geziert, aber auch die Prosa und Geschmacklosigkeit des gewöhnlichen ländlichen Gartens fehlte vollkommen. Ein echter, rechter Nutzgarten war es, aber er war das unauffällig, sinnig, und prahlte nicht damit: er verband das Nützliche mit dem Angenehmen und Schönen. So sollte es überall sein! Wie sauber doch diese Wege und wie bequem breit. Wie sorgfältig die Lage der Nutzbeete, die Plätze für die reizend blühenden Zwergbäumchen, für die wenigen Hochstämme beim Haus, für die Gluppen der Zierbäume und Sträucher gewählt! Keine gegenseitige Beeinträchtigung durch Schatten, keine Leere und doch nicht überladen. Zwei massive eichene Naturbänke, mit practisch hohlem Sitz und richtiger Rücklehne; ein mächtiger Steinttsch. Wie allerliebst die blühende Magnolie, dieser seltene Gast iw Landgarten, vor der jungen Fichterigruppe; deren zartes Rosa durch das sie um­rahmende breite Oval von we'.ßblühenden Arabis geschmackvoll gehoben. Und dort die Tulpengruppe, üppig und voll, im Sammt des kleinen Stücks Gartenrasen! Ein alter Baumstumpf, bemoost, mit eben sich entrollenden Farnen am Fuß, ist Träger einiger gesunder Blattpflanzen. Alles Natur, in die sich daS bekannte gemästete, thönerne Reh oder die stümperhaften Gnomenfratzen nicht wagen dürften. Und als Krönung, oben, die allerliebste Gaisblaitlaube aus Naturholz; nicht gedrückt nieder, sondern selbstbewußt, gediegen. Unter dem vorspringenden Dach bilden die auslaufenden Rundholzarme einladende Gabeln und Sitze für Vogelnestchen. Und hören wir recht aus diesem Morgentempel dringt das Lied einer jugendlich klaren Frauenstimme? Ach das reizende von Hebel!

Blaue Berge!

Von den Bergen strömt daS Leben Reine Lust für Mensch und Vieh; Wasserbrünnlein spat und früh Müssen uns die Berge geben.

Schlanke Bäume!

Munterer Vögel Melodeien Tönen im belaubten Reis, Singen laut des Schöpfers Preis. Kirsche, Bim' und Pflaum' gedeihen.

HerzenSsrieden,

Woll ihn Gott uns Allen geben! O dann ist die Erde schön.

In den Gründen, auf den Höhn

Wacht und siegt ein froheS Leben.

Solchen Frieden eines Maigartens wollen wir nicht stören ihn nur bewundern; wir binden ein kleines Sträußchen Maiblumen von den unfern, werfen es als DankeSgrutz für so viel Schönes wett hinein auf den weißen Kies dann eilig weiter.

Aber es war zu spät: ein Teckel sprang aus dem nächsten Busch anS Drahtgttter heran, zuerst mit wachsamem Eifer, dann aber schweifwedelnd er hatte den Hundesreund rasch erkannt. Und nun schritt die Sängerin aus der Laube, ein Körbchen am Arm, eine kleine grüne Gießkanne zur Seite. Die jugendlich schlanke Gestalt gefällig in einfachen Kattun gekleidet, kam näher, daS Hündchen an sich zu rufen. Der Gruß wurde sittig erwidert, das Sträußchen bemerkt:Entschuldigen Sie meine Keckheit, der schöne Garten, der Friede des Matmorgens--!" Das Sträußchen wurde aus­

genommen, dessen Dust geprüft:O danke! Unser Gärtchen ist einfach--ich habe auch fchon Maiblumen

Und nun kamen sie ins Gespräch: Das junge Mädchen eS mochte wohl kaum zwanzig Lenze zählen deS Försters Tochter, mit lieblichem Gesicht und offenen sinnigen Rehaugen, war die Seele des Gartens, der kleine Hauch der Porste, der ihn durchwehte, ihr Werk! Sie wußte viel, und ihr pracltschrs Wissen war gediegen; ihre Liebe zur Blumenwelt, zum Weben der Natur groß. _ Sogar vomAnthonomoe pommorum wußte sie was, vom kleinen rüsseligen Racker, den sie eifrig wegfange sie sprach mädchenhaft das Antko- nomus wieAnton o muß" aus auch von der bösenCarpokapka". So habe fie durch deren Vertilgung jährlich schöne und viele Aepfel. Wäre der junge Goethe am Gitter gestanden: ihn umwehte sicher sesenheimsche Luft. Den auch nicht alten Wanderer umwehte eB traulich, collegiai! Bis zum Himmelfahrtsfest habe sie noch Manches vor. Sobald die bösen Eismänner nicht mehr drohten, Gurken-, Bohnen- und Matssaat; letztere für die Hühner. Vorher Auspflanzen von Salat-, Kohl-. Sellerie- und Porre-Setzlinge; dann Nachsaaten von Allerlei. Auch die Freude des Spargelflechens beginne; die fei für den Vater. Georgtnenknollen lege sie jetzt, bringe Geranien, Fuchsien, Verbenen, Heliotrop dort an ihre Sommerplätzchen: das Gärtchen werde bald noch farbiger werden usw.

Hartherzig mahnte der Pfiff eines fernen Zuges. Bald lag nach freundlichem Lebewohl der reizende Maigarten weit hinter bim Wanderer. An seinen Matblumenstrauß schmiegte sich ein Blüthen- zweig der lieblichen Prunustrtloba!

Die Sonne stieg höher und im Blüthenschnee der Obstbäume der Straße summten und ernteten Tausende fleißiger Bienen und Blumenwespen.

Auch für sie ist's Mai geworden!

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