Sonntag den -0. März
Nr. 59
Zweites Blatt
1S95
Gießemr Anzeiger
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Verhandlung des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen über den Antrag Kanitz.
(Fortsetzung.)
HerrMeinert Conradsdorf bemerkt: Wer noch Ländereien brach liegen lagen könne, könne vielleicht der Z -kunfr ru iger entgegenirhen, auch könnten die Großgrundbesitzer mit ihren Capitalien die mißlichen Verhältnisse überdauern, aber sie würden auch mit ihnen zu rechnen haben, weil sie dann erhebliche Abschreibungen an ihre Ländereien machen müßten,- sie bür ften auch ihre Pächter nicht in mißliche Verhältnisie kommen lagen,sondern müßten bei Fortdauer der Calamität im Jnterege der Erhaltung eine- guten Pächterslandes die Pacht ermäß'gen. Wir zögen alle an einem Strange, Großgrundbesitzer, Kleinbauern und Pächter. Redner giebt ein B ld über die Erträge der Ländereien- wenn man Alles in Geld anschlage, auch die eigene Arbeitskraft und diejenige seiner Angehörigen, so komme man zu merkwürdigen Ergebnissen. Mindererträge zwischen 21/a—26 Mk. per Morgen im Jahr seien nicht seltenes- unter den gegenwärtigen Verhältnissen gingen wir einer großen Katastrophe enrgegen und seien deshalb verpfl chtet, für den Antrag Kanitz einzutreten, so lange nicht- begereS dorltege.
Der Herr Vorsitzende bezeichnet eS als selbstverständ. lich, daß nicht nur die Jnteregin des Großgrun besitze- in Frage kämen- eS müßten Gioß- und Sleinbefitz Hand in Hand gehen, denn alle Versuche, hier Gegensätze aufzustellen, seien schädlich, sie entsprängen der Verführung und der Spekulation auf Neid. DaS gemetnschast.iche Ziel sei, dem Grundbesitzer« und Bauernstand wieder die alle Krast, die ibn zur Stütze deS Vaterlandes mache, zuzusühren. Wenn die Klagengegensätze erweitert würden, so gehe Deutschland an diesen Klass ngegensätzen zu Grunde, eS sei daher unser Wunsch, Industrie und Landwirthschaft zu gemeinsamem Streben zu vereinigen, beide Gemeinschaften begründet n die Größe und daS Ansehen deS VaierlandeS. Für die Macht des bloßen unproductiven Geldes habe er nichts übrig, die productiven Stände deS Vaterlandes sollten mir allen Kräfien gleichmäßig unterstützt werden- jeder, der dafür wirke, sei des LobeS werrh, wer aber nur für sein Jnterege handele und andere ehrenwerthe Berufsstände hintansetze, der sei dieses Lobe- nicht werth. Ein Unterschieb zwischen Groß' und Slrinbesitz in Erstrebung unserer Ziele sei auSgeschloffen.
Herr Sch lenke hält eS für die Pflicht der landwirth schaftlichen Stände, gegen die Insinuation einzuschreiten, als ob nur sie ihre Jnteregen wahren wollten, die Landwirthschaft
wolle nur, daß sie nicht erdrückt werde. Den Londwirthkn werde oft eutgegengehalten, warum sie ihre Betriebe nicht ausgeben, wenn eS wirklich so schlecht um die Landwirthschaft stehe- hiergegen erkläre er, daß mit dem Aufgeben deS Berufes auch da- an den Grund und Boden gebundene Vermögen verloren gehe - der Handel könne seine Branchen wechseln, da- Capital bliebe ihm doch und wenn heute der Handel nicht mit diesem Artikel renttre, so könne er sich leicht auf einen anderen werfen- er bitte, diesen und ähnlichen Insinuationen entgegenzutreten. Redner bringt nunmehr die bereits mitgetheilte Resolution zur Kenniniß der Versammlung.
Hierauf meldete sich alS Gegner deS Kar.itz'ichen Antrages Herr Pachter Draudt von Büdesheim- er bezeichnete den Antrag als unannehmbar- daS, waS die Landwirthe verlangten, die Verstaailichung deS GetreidehondelS, könne dann jeder Gewerbtreibender verlangen, wenn sein Gewerbe nicht prosperire, desgleichen die Arbeiter- mit Annahme deS Antrags Kanitz werde nur dem SocialiSmuS vorgearbeitet, eS gebe noch andere Mittel und Wege, dem Nothftand der Landwirthschaft obzuhelfen, z. B. durch Verminderung oder Beseitigung der Grundsteuer, eS hätten auch noch mit Amerika Handelsverträge abgeschlossen werden sollen, dann häiten wir die ZuckerkrisiS und manches Andere nicht.
Herr Güngertch tritt den von der Versammlung bereits mit Zwiichenrufen und Heiterkeit bedachten AuS sührungen deS Herrn Draudt entgegen; eS sei doch ein gewaltiger Unterschied zwischen Landwirthschaft und Gewerbe; er habe noch nie gehört, daß Schuster und Schneider mit Erzeugnissen überschwemmt würden, aber die Landwirthschaft sei überschwemmt mit Getreide.
Herr F let s ch h a u er-Ludw'gShöhe wendet sich gegen die Ausflucht vieler Vogel-berger Bauern, daS ihnen verbleibende Getreide zu verfüttern- wenn dies allgemein befolgt werde, so werde die Fleischproduction gerade so unrentabel wie der Getreidebau, das beste Mittel zur Rentabilität deS Getreidebaues sei die Annahme des Antrages Kanitz.
Herr S ch u ch a r d t - Neuhof ist mit der Fassung der Resolution insofern nicht ganz einverstanden, als es heiße „im Pnncip", man solle lieber sagen „unbedingt".
Herr Köhler ist derselben Meinung und würde lieber an die Stelle der Worte „im Prine p" setzen : „unter allen Umständen".
Herr Provinzialdirector Freiherr v. Gagern bittet, an den Worten „im Princ>p" fistzuhalten, da er sonst nicht danach absttrnmen könne, man solle allen Anwesenden möglich machen, sich der Resolution anzusch ießen. Gegen den Antrag der Commt'sion auf Bemessung der Preise nach einem vierzig
jährigen Durchschnitt habe er ernste Bedenken, eS könnten Verhältnisse eintreten, unter denen man bereuen würde, de» Antrag Kanitz zu einem dauernden gemacht zu haben- die Landwirthe wollten gegen niedere Preise gesichert sein, wen» man aber von hohen Preisen profitiren wolle, so müsse man auch mit niederen Preisen rechnen können- weitere Bedenke» habe er gegen die Verwendung der Ueberschüsse, die der Monopolstaat au- diesem Handel ziehen solle, hierfür ließen sich noch andere Wege finden. Gegen daS Princ'p des Antrags Kanitz sei er nicht, er erkenne an, daß gegenüber eine« außerordentlichen Nothstand außerordentliche Mittel nöthig seien- wenn die Calamität vorübergehrnd wäre, würde er sagen, die Landwirthe möchten sich selbst helfen, eS sei aber nicht abzusehen, wie lange die- noch dauere- er gestehe, andere Maßregeln nicht zu wissen, wenn er auch die Details nicht anerkennen könne.
(Schluß fofot)
Eingesandt.
Beuern, 9. März 1895.
Srhr geehrter Herr Rebact.ur!
Sie ha^en in den vergangenen Wacken wiederholt die Mahnung gebracht: .Füttert die Vöglein bei Frost, Reif, E'S und Schnee! Sie danken'S im Sommer — der Hunger tbut weh!" Wir freuten un- dieser Mahnung und stnd überzeugt, daß dieselbe von Ihre» Lesern hin und der erfüllt wo den ist. Aber mehr noch all .hungernde Vöglein im Schnee" — und Sie und Ihre L ser werden dem zustimmen — sind und gelten uns hungernde Menschenkinder. In der hiesigen Gemeinde ist eine arme Frau mit ihren beiden Kindern im Alter von vier und zwei Jahren la F'lge widriger Umstände in die größte Bedröngniß aerathen. Ihre Nähmaschine ist ihr genrmmen worden, weil die Terminzahlungen bei dem Abzah'gischä't nicht eingehalten wurden. Ihren Schrank hat sie verlausen müssen; sonst ist nur noch das Allernothwendigfte vorhanden. Da die Aermste überdies nur ein Auge besitzt und auch dieses der Schonung bedarf, so vermag sie bei der sorigehende» Pflege und Ueberwachung ihrer Kmder wöchentlich nur ein Geringe! durch Stricken zu verdienen. Die drei Menschenkinder habe» gehungert und müssen hungern, wenn sich ba'mherz'ge Nächstenliebe nicht weiter über sie erbarmt. Nur ungern und erst nach reiflicher U Verlegung beschreit, n wir diesen Weg, um weitere Kreise zur Mithülse zu biwegen. Vielleicht gelinot es dadurch, den Bedrängten nicht nur über die nächsten Monate hinwegzuhelfen^ sondern auch die Nähmaichine wieder für sie zurückzuer lange«. Wer sich de- Armen erbarmt, der leihet dem Herrn Epr. ©al. 19, 17.
H rr Rechner Doering in Gießen, der jede nähere Auskunft gern erthcilen wird, hat sich —wie auch die Expedition dieses Blatt«! — gütigst bereit erklärt, Gaben der Liebe in Empfang zu nehmen. Doppelt hilft, wer sofort hilft.
Ihr ganz ergebender N. N. in N. (der die Sammlung mit 5 Mk. eröffnet).
Feuilleton«
6.L. Etwas vom Winter in Japan und einer Schlittenreise.
(Schluß.)
Am neunten Tage nach meiner Abreise von Jnnai, den 1. Februar, stiegen wir fast fortwährend, denn wir mußten brn Paß von Jtaya über bie Centralkette ber Adzuma Berge überschreiten. Dieser Paß hat eine Höhe von nahezu 800 Meter über dem Meer, e! ließ sich also ein Erkleckliches an Schnee erwarten. Meine Erwartungen würben denn auch noch übertroffen. Die armen Ninsoku hatten ihre Lust, aber trotzdem litten sie nicht, daß ich oft auS dem Schl'tten stieg, um zu gehen- die gemeinsam überstandenen Mühseligkeiten hatten ein Band zwischen mir und ihnen ge knüpft, welche- noch fester wurde durch gelegentliche Spendung von einigen Sou für Thee oder Saki, ein in Japan eigen- rhümlicheS geistiges Geiräok, und Verabreichung von Cigarren, -ie sie immer gemeinschaftlich rauchten, die Cigarren rund g Herr lassend, wie dte Studenten das Trinkhorn. Wir hatten da» Dorf aut der Paßhöhe erreicht, dort geruht und wollten weiter, als während unserer Verabschiedung vom Wirth zwei Leute von dem Ort kamen, den wir als Nachtquartier bestimmt hatten- diese gaben, von unS nach dem Weg gefragt, schlechte Auskunft- sie hatten 7 Stunden gebraucht für die S Kilometer. Wenn wir auch zum Abstieg vielleicht nur 4 Stunden brauchten, wurde es dunkel, ehe wir ankamen, »ui wahrscheinlich hatten wir mehr Zeit nöthig, um nach Jtahamura zu kommen. Ich gab deßhalb den Befehl, die Schlitten wieder auszupacken und in Osawa, einem elenden Neste, zu bleiben. Obwohl ich am anderen Tage früh Lärm schlug, konnten wir doch nicht viel vor 8 Uhr aufbrechen, denn die bisher bestandene, auf Schlittenfahrt gerichtete An
ordnung mußte einer solchen für den Fußmarsch Platz machen. Dazu war nöthig, daß da- Gepäck unter die Ninsoku Der- theilt und die Schlitten auseinander genommen und getragen wurden. So hatten wir 18 Leute zum Tragen nöthig, sechs nahmen wir als E satz mit Schaufeln und Hacken mit. Endlich gegen 8 Uhr waten wir in Bewegung, voran bie sechs unbeladenen Leute, dann die Schlitten- und Gepäckträger und endlich ich mit dem Koch und dem Dollmetscher. Wir suchten so genau wie möglich den Gänsemarsch etnzuhalteu und vorsichtig Jeder in die Fußtapsen des Andern zu treten, da man nur so festen Grund unter sich fand- aber ein Tritt etwas mehr nach links oder nach rechts hatte stets ein Ein- sil.ken bis an den Leib in den Schnee oder ein Umfallen zur Folge. ES war ein außerordentlich ermüdender Marsch, dteS Gehen in Storchenmanier! Wir brauchten, um die 9 Km. zurückzulegen, 6 Stunden und gelangten gegen 2 Uhr zerschlagen und in Schweiß gebadet inJtayamuta an. Während ber Koch ben Proviantkasten, ber neben Erbswurst und Con- fernen aller Art auch noch Teller, Glas, Tasse, Messer, Gabel unb Wein enthielt, ausp ckte und mir mein Essen bereitete, hockte ich mich einige Minuten in da- Badefaß des Theehause- und fühlte mich durch daS heiße Bad dermaßen erfrischt, daß ich eS in meinem Uebermuth gewagt hätte, denselben Marsch noch einmal zu machen. Glücklicherweise war d,eS nicht nöthig, denn gerade von Jtahamura an biS zu unserem nächsten Nachtquartier, welche- Niwasaka hieß, war der Weg so vorzüglich und fest, baß uns — zum ersten Male auf der ganzen Reise — die Ninsoku in schnellstem Lause fortzogen.
Am nächsten Tage führte unS der Weg über Fukufchima nach Nihonmatsu. Auch hier hatten wir vorzüglichen Weg, denn zunächst hatte eS hier nicht so toll geschneit, wie tm Gebirge und dann hatte der regere Verkehr mit Schlitten schon eine recht gute Bahn geschossen, über welche die Ninsoku in beständigem Trabe liefen. Bald hatte die Herr
schaft deS WmierS ein Ende, denn schon kurz vor dem erwähnten Nihonmatsu wurde die Schneedecke dünner und dünner und während ber MitiagSrast in dem Dorfe fing eS so stark an zu regnen, daß wir nicht weiter konnten. Wir ließen in N'honmatlu bie Schlitten unb bie übei flüssig gewordenen Leute zurück unb bebienten unS von dort an deS viel angenehmeren Verkehrsmittels der Jinnkisha. Wir hatten nur noch hie und da Schnee, meist ging eS über de» leicht gefrorenen Boden glatt unb schnell weg. AuS der Jinrikisha warf iw dem schneebedeckten Gebirge hinten und neben mir Abschiedsblicke zu mit ben Gefühlen bes Stolze! auf die Ueberrombung von Schwierigkeiten unb der Freube, daß mir solche jetzt nicht mehr deoorftänden. Auf de« ganzen Wege von Nihonmatsu nid) Koriyama hatten wir zur Rechten den Bandaisan, jenen Vulkan, dessen nach langer Ruhe wieder erfolgter Ausbruch vor mehreren Jahren so vielen Menschen in der Umgegend daS Leben gekostet und so viele Habe zerstört hat.
Die Reife über Koyebori und Utsunomiha bot nichts Besonderes, was man im Winter auch nickt verlangen kann, wo kein Feld grün ist und kein Baum Blätter hat.
Von Utsunom ya konnten wir unS, was damals i» Japan eine Selienaeit war, mit Pferden bespannter Wage» betienen. Wir erreichten Tokio endlich am 15. Tage nach der Abreise von Junai, nämlich am 7. Februar 1881. I« Sommer braucht man sieden Tage zu dieser Reife, der Grund zu der Verzögerung um 8 Tage lag auf der nördlichen Hälfie deS Weges, weiche durch den unglaubliche» Schneefall nahezu ungangbar gemacht war. Jetzt zur Zeit führt auf dem von mir zurückgel gten Weg ber Zag ber Reisenden schneller und müheloser an fein Z el. In Tokio kam ich zum ersten Mal seit 15 Tagen wieder in ei» ordentliches Bett - aber diese Wonne!


