Sonntag den 10. März
189$
Nr. 59 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger
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Keneral-Mnzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Tkreis Gietzen.
| Hratisönkage: Gießener Kamilienblätter.
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und Resolutionen im Reichstage.
1811
tigung der Bourgeoisherrschaft kommen werde. Gegen Schluß der Debatte wetterte der Boulangist Richard gegen die beschlossene Entsendung französischer Kriegsschiffe nach Kiel und drückte die Hoffnung aus, daß dieser Beschluß wieder zurückgenommcn werden würde. Die anwesenden Regierungs- Vertreter ließen sich indessen auf diese Anzapfung gar nicht ein.
Inne^mi »o» «n,eigen zu der Nachmittag« für de« salgmdm Tag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.
LSe Lnnoncen.Bureaux de« In- und Ausland«« neh«, Anzeigen für den „Eikßener Anzeiger^ entgege».
ÄtUdien, eflxbW* und Druckerei:
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— Im Bundesrathe producirt man immer flott neue Vorlagen für den Reichstag. In der Wachen-Plenarsitzung vom 7. März wurden gleich drei neue Gesetzentwürfe den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Dieselben beziehen sich auf die Fürsorge für Wittwen und Waisen von Personen des Soldatenstandes und der Marine vom Feldwebel abwärts, auf elfaß lothringische Grundbuch-, Hypotheken- und NotariatSangelegenheiten und auf gewisse SchiffS- Vorfchriftcn für die Fahrt durch den Suez-Canal.
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gegen früher 26 618 Mk. gefordert. Nach längerer Debatte, wöbet vom Klichenregiment die Nothwendigkeit einer Erhöhung des Betrags erörtert wurde, roirb die Summe bewilligt. Cap. 22. Zu'chuß zur Schm dt Köhler (Stiftung wird mit 600 Mk. bewilligt. Desgl. 5000 Mk. für „AuS- zuleihende Capitalien als Gegenposten zu Cap. 9 der Einnahme. Für die Bezüge des KuchenbaumeisterS wird eine Erhöhung von 1500 auf 1800 Mk. und der Auslagen von 500 auf 600 Mk. gefordert. Die Position wird genehmigt. Für Bezüge und Auslagen des Kirchenmusikmeisters sowie für Olgelkurse werden 4500 Mk. bewilligt und für verschiedene Ausgaben (früher 5000 Mk.) jetzt 2000 Mk. ohne Debatte gutgeheißen. Für den DiSpositionSfond für kirchliche und fachliche Zwecke werden 5000 Mk. und für „Reserve- sond" 6800 Mk. genehmigt. Hiernach genehmigt die Synode einstimmig den für „Ausgaben" geforderten Betrag von 1647 913 Mk. in erster Lesung. Zu Tit. 1. Einnahmen sühnt der Berichterstatter, Synodale Brandt zu Cap. 1, „Beitrag des Staates zu den Bedürfnissen der evangelischen Kirche" aus, daß der Finanzausschuß und die Synode dem Kirchenregiment wiederholt ans Herz lege, bei der Groß- herzogl. Staatsregierung vorstellig zu werden, daß eine gesetzlich dauernde Bewilligung des StaatsbeitragS herbei- geführt werde. Präsident Goldmann erwidert, er habe das Vertrauen zu der Regierung, daß sie den richtigen Zeitpunkt finden werde, wo sie glaube, mit Erfolg eine solche Vorlage an die Ständekammer gelangen zu lassen. Er hält es auch politisch nicht für richtig, immer fort zu sehr zu drängen. Synodale Wei ff en buch empfiehlt, die große Macht der Presse sür diese Sache zu interesstreu und in rein sachlicher Weise diese Forderung zu begründen. Der Betrag von 240,000 Mk. wird hiernach in Einnahme gestellt. Cap. 2, Erträgniß des Einkommens der Pfarrstellen wird mit 905 675 Mk. eingestellt, gegen 720000 Mk. im vorigen Budget. Für Umlagen auf die evangelischen Kirchen- und Stiftungsfonds werden 30000 Mk. in Einnahme gestellt. Eine längere Debatte veranlaßt Cap. 4, „Umlagen auf die Angehörigen der evangel. Kirche", für welche der Betrag von 420000 Mk. gegen 360000 Mk. seither eingestellt werden sollen. Hierdurch wird sich der Ausschlagscoe fictent von 1,6 Pfg. auf 1,7 Pfg. auf die Mark Communal Steuer- Capital erhöhen. Die Position wird gegen eine Stimme genehmigt. Damit ist die S tzung beend'gt.
Kunst-Ausstellung, MTS,
nähme ves Samstags, von 11 bis 1 Uhr, am Mittwoch und Sonntag auch noch von 3 bis 5 Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmitglteder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
Mine
Giessen. A 8, Mm! Nr. 84. draulischer (Grau-, gemahlen. 1598
Deutsche» Reich.
Berlin, 8. März. Die Nachrichten, denen zufolge wiederum ein Aufenthalt der kaiserlichen Familie in Abazzia für kommendes Frühjahr geplant sein sollte, werden als mindestens verfrüht bezeichnet. Es sind in dieser Beziehung überhaupt noch keine Dispositionen getroffen worden.
— Die Vorbereitungen für die internationale Währungsconferenz dürften bis zu den Einladungen an die anderen Staaten noch nicht gediehen sein. Deutschland muß als einladender Staat der Conferenz wohl ein Programm und bestimmte Vorschläge unterbreiten, und das ist wahrichetnltch etwas schwieriger, als bimetallistische Reden
Ausland.
Paris, 8. März. Die Generaldebatte der französischen Deputirtenkammer über den MilitLretat ist am Donnerstag nach mehrtägiger Dauer beendigt worden. In den Verhandlungen spielte namentlich das gegenseitige militärische Verhältniß zwischen Frankreich und Deutschland eine Hauptrolle und constatirten mehrere Redner, daß Frankreich von Deutschland in Bezug auf den Effectivstand Der Truppen überflügelt worden sei. Dieses Klagelied sang auch der Deputirte Cavaignac in der Donnerstagsdebatte, worauf Krtegsminister Zurlinden trostspendend eine Vorlage über die Effectivbestände ankündigte und im Uebrigen meinte, darüber, ob das deutsche System besser oder geringer sei, als das sranzösische, könne nur ein Krieg entscheiden. Unter dem Beisalle des Hauses rühmte dann der Kriegsminister die Tüchtigkeit des französischen Heeres und seiner Führer. Hierauf beantragte der Socialist Vaillant die Ersetzung des stehenden Heeres durch eine Volksmiliz, also ein Seilenstück zu dem kürzlichen Anträge Auer im deutschen Reichstage. In der Debatte hierüber machte der Socialist JaureS die leitenden Klassen für die Rüstungen Europas verantwortlich, beweihräucherte die Friedensliebe der socialiftischen Partei und malte das goldene Zeitalter aus, welches nach Bcset-
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, § Aus dem Ohmthale, 8. März. Nicht geringes Aufsehen erregen in unserem Thale zwei, gestern und heute Morgen vorgekommene Selbstmorde. In Ober-Ohmen erhängte sich der dortige Messerschmied K., ein in geringen Vermögensverhältnissen lebender Mann, der aber ob seines jovialen LebenkmuiheS über die Grenze seines Wohnortes hinaus bekannt war. Gerade deswegen hätte ihm Niemand eine solche That zugetraut. Nachdem er sich noch den Morgenkaffee hatte schmecken lassen, führte er die That in seinem Holzschuppen aus. In seinen Familienverhältnissen will man die Beweggründe zu denselben suchen. Die andere heute Morgen stattgefundene Selbstentleibung verübte der Bürgermeister St. in Wettsaasen, ein Mann in den vierziger Jahren. Er hatte sich in früher Morgenstunde in seiner Scheuer erhängt. Hier geschah die traurige That zweifellos in einem Anfalle des delirium tremens.
§ NiederMoos, 7. März. Der hiesige Ziegenzucht- Verein macht gute Fortschritte. Der Versandt der hier rein gezüchteten Saanenziegen erfolgt seit neuerer Zeit nicht nur in die Nähe, sondern auch noch über die Grenzen der Provinz hinaus. Der Nutzen der Ziegenzüchtung ist nickt zu unterschätzen, und dem Gründer und Förderer unseres Vereins, Herrn Pfarrer Scriba hier, gebührt die vollste Anerkennung. Von Seiten der Mitglieder ist um Genehmigung zur Abhaltung eines Marktes, welcher jährlich zweimal hier stattfinden soll, und zwar für Ziegen und Schweine, wohl auch später für Rindvieh, ein Gesuch eingereicht worden. Vorerst soll im Mai ein Ziegenmarkt abgehalten werden.
nn. Darmstadt, 7. März. 5. evangelische Landessynode. Die Verhandlungen werden um Uhr mit der Weiterberathung des Budgets und zwar mit Cap. 15 der Ausgaben „Kosten für Disciplinaruntersuchungen" fortgesetzt. Hierfür werden 350 Mk. bewilligt. Für den Gehalt deS Rechners des CentralkirchenfondS (Cap. 16) werden ohne Debatte 7600 Mk., einschließlich 3000 Mk. Bureaukosten bewilligt. Ebenso die Cap. 17—20, „Porto und Kosten für Geldsendungen." Zu Cap. 21, „Ständiger Beitrag zur allgemeinen geistlichen Wittwenkasse" werden 60 000 Mk.
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Feuilleton.
Wochendrikfe aus der Residenz.
(Originalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 8. März.
Die Bauthatigkeit im abgelaufeoeu Jahre. — Die Stadtbahn- Frage. — Vom Großherzogiichen Hoftheater.
Wer vor 10 Jahren Darmstadt besuchte und heute wiederum seine Schritte dahin lenkt, ohne in dem abgelaufenen Deccnntum sich dort weiter umgesehen zu haben, der wird die Entdeckung machen, daß sich die Stadt besonders in ihren Außenlinien total verändert hat. Nicht nur zahlreiche neue Straßen wurden in der Zwischenzeit gebrochen, ganze Quartiere wurden ausgebaut, so daß geradezu neue Viertel entstanden sind. Indessen ist die Bevölkerungsziffer entschieden nicht in dem Maße gewachsen, daß alle diese Neubauten bewohnt werden könnten, die Bevölkerungszahl hat sich normal vergrößert, die Zahl der neuerrichteten Wohngebäude ist entschieden anormal, und die logische Folge dieses Zustandes ist, daß man beim Durchwandern besonders dieser neuen, recht schmucken Straßen allenthalben die bekannten gelben Schildchen mit dem Vermerk „Wohnung zu vermiethen" beobachten kann. Hauptsächlich das Nord- und Südviertel der Stadt, das sogenannte „Neue Stadtviertel", oder wie die Darmstädter sagen, der „Hypothekenkirchhof", und die neubebauten Stücke der früheren Bessunger Gemarkung haben das problematische Vergnügen, besonders viel von diesen ominösen Schildchen in ihren Straßen prangen zu sehen. Obwohl diese Ueberproduciion an Wohnungen schon einige Jahre stattfindet, sind die Logis nicht eigentlich billiger geworden, und auch die Baute ätigkeit ist nach einer von der Bau- Inspection des Großherzogl. Polizeiamtes ausgearbeiteten Uebersicht trotzdem im abgelaufenen Jahre recht bedeutend gewesen. Nach diesem Berichte war im Jahre 1894 über
693 eingereichte Baugcsuche zu verhandeln. Vollendet wurden in dieser Zeit ausschließlich zum Wohnen bestimmte Vordergebäude 107, während 89 Vordergebäude, die ebenfalls nur den Wohnzwecken dienen sollen, beinahe vollendet sind. Auf die Zahl der auch zum Wohnen bestimmten Hinter- und Seitengebäude einzugchen, ist zwecklos, wenn die Zahl der neu entstandenen Logis angegeben wird, diese beträgt sür das verflossene Jahr 412, die 89 beinahe fertiggestellten Häuser werden hierzu noch 333 fügen. Also würden, sobald die Witterung einigermaßen gelinder wird, sehr bald allein 745 neue Wohnungen pro 1895 zur Verfügung stehen, in der That für Darmstadt eine recht hohe Zahl, die manchem Hausbesitzer Kopfweh verursachen dürfte. Zu bedauern ist nur, daß gerade die Logis für mittlere und kleine Leute verhältnißmäßig selten und deshalb recht theuer sind. Prachtgebäude haben wir in Fülle bekommen, hoffentlich bringt dieses Jahr auch in dem angedeuteten mißlichen Zustande eine wünschenswerthe Aenderung.
Durch die unaufhaltsam fortschreitende Vergrößerung der Stadt wird selbstverständlich auch das Bedürfntß nach Verbesserung und Vermehrung der Verkehrsmittel innerhalb der Stadt stets fühlbarer, und es ist wirklich geradezu unbegreiflich, daß in dieser Richtung eigentlich noch nichts geschehen ist, denn unsere Droschken sind doch nur ein sehr mangelhafter Nothbehelf und die vielgeschmähte Dampf- straßenbahn nach den benachbarten Orten kann kaum in Betracht kommen, da sie ja nur einige, fast ganz außerhalb gelegene Straßen berührt. In der jüngsten Zeit besonders zeigt sich unter der Bürgerschaft eine rege Bewegung, die auf die Schaffung einer Straßenbahn energisch dringt. Auch Se. Köntgl. Hoheit der Großherzog nimmt lebhaftes Interesse an der Angelegenheit und ließ sich vor Kurzem eine Broschüre überreichen, worin der Etsenbahn- Jnspector F. Scheyrer ein Project über die Anlage einer electrischen Bahn in Darmstadt ausgearbeitet hatte. In
einer vom „Mathildenhöhviertel-Verein" am verflossenen Montag einberufenen und außerordentlich zahlreich besuchten Versammlung sprach der Verfasser der genannten Broschüre unter lebhaftem Beifall der Anwesenden nach einer eingehenden Erörterung der neuesten Systeme der Straßenbahnen, wie sie jetzt in den verschiedensten Städten zur Durchführung kommen, den Wunsch aus, daß die Stadt- verordneten-Versammlung der beregten Angelegenheit doch recht bald näher treten möge. Eine in diesem Sinne abgefaßte und einstimmig angenommene Resolution wurde an die Stadtverwaltung gesandt.
Auch in der vergangenen Woche hatte die Großh. Hof- theater-Direction wiederum für Kunstgenüsse allerersten Ranges gesorgt, durch die Gewinnung des berühmten Dresdener Barttonisten Herrn Kammersänger K. Scheidemantel zur Absolvirung eines drei Abende umfassenden GastspielcycluS. Der gefeierte Künstler sang die Titelrolle in MarichnerS dreiacttger Oper „HanS Heiling", außerdem den „Tell" in Rossinis gleichnamiger Oper und den Werner in Neßler» „Trompeter von Säkkingen". Was den berühmten Sänger vor vielen seiner ebenfalls bedeutenden Collegen sehr vor- theilhaft auszetchnet, ist eine sofort für ihn unbedingt einnehmende Natürlichkeit und Schlichtheit im Auftreten, ein vollständiges Verzichtleisten auf jede Effecthascherei. Dabei besitzt er em so männlich schönes, in allen Lagen so gleichmäßig volles und abgerundetes Organ, wie es die Natur leider nur sehr wenigen Sterblichen verliehen hat, eine sehr sympathische Bühnenerscheinung und ein außerordentlich fein durchdachtes Spiel vervollständigten den hervorragenden Eindruck, den der tllustre Gast gleich beim ersten Auftreten überall hinterließ. Jedesmal, wenn Scheidemantel sang, war das Haus ausverkauft, rauschende Beifallsstürme und Lorbeerspenden bildeten die Signatur des Abends.


