Ausgabe 
9.2.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 34 Zweites Blatt. Samstag den 9. Februar

1895

Der

Setzeier >«|dger erscheint täglich, Mit Ausnahme des Montag».

Die Gießener

werden dem Inzeiger Wöchentlich dreimal deigelrgt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Kernsprechcr 51.

Aints- und Airzeigeblatt für den Kreis Groszen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» Agenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

chratisbeitage: chießener Aamitienbtätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgege».

2lmtiid?er Theil.

Nro. 3 des ReichS-GesetzblattS, ausgegeben den 4. d. M., enthält:

(Nro. 2208). Bekanntmachung betreffend die Beschäfli flueg jugendlicher Arbeiter auf Steinkohlen-Bergwerken. Bo» 1. Februar 1895.

(Nro. 2209). Bekanntmachung, betreffend die Beschäf- tignng von Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeitern in Walz- und Hammerwerken. Vom 1. Februar 1895.

Gießen, den 7. Februar 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Das autokratische Regierungsprineip in Rußland.

Czar NicolauS II. hat bekanntlich jüngst beim Empfange einer Anzahl von Deputationen des Adels, städtischer und landwirthschastlicher Vertretungskörper usw. eine bemerkens- werthe Ansprache gehalten, in welcher er erklärte, an dem autokratischen RegierungSprincip seines verstorbenen Vaters feßhalten und dem constitutionellen und liberalen Geiste der Neuzeit nicht die geringsten Zugeständniffe machen zu wollen. Diese Kundgebung de» jugendlichen RuffenkatserS hat In Rußland selbst wie außerhalb der Grenzen de» Ezarenreiche» Vielfach Ueberraschung hervorgerufeu, weil von ihm da» Gerücht ging, er sei liberalen Anwandlungen zugLngig und weil auch verschiedene Acte Nicolau» II. bei Uebernahme der Regierung davon zu zeugen schienen, daß er seine» Herrscheramte» i« modernen Geiste walten wolle. Nunmehr aber liegt die Öffentlich abgegebene Versicherung de» jetzigen Szaren vor, daß auch er gleich seinen Vorgängern auf Rußland» Throne an de« bisherigen absolutistischen System festhalten wolle, demnach muß »an damit rechnen, daß in Rußland auch fernerhin die Grundsätze de» autokratischen Regiment» de» GzarrnthumS gewahrt bleiben.

Im Jntereffe de» liberalen Fortschrittes, der Sin- bürgerung neuzeitlicher politischer E-rungeuschaftrn in dem gewaltigen Reiche de» europäischen Osten», mag e» vielleicht bedauert werden, daß daselbst Alles beim Alten bleiben soll, aber bei nüchterner Erwägung der russischen verhältniffe stellt sich die Sache doch ander» dar. ES ist wohl kaum fraglich,

daß Rußland im Großen und Ganzen noch immer nicht reif für die modernen Formen de» politischen und öffentlichen Lebens ist, dazu war das Rtesenretch viel zu lange der west­europäischen ttultui verschlossen. Nur eine verhältnißmäßig dünne Schicht der russischen Bevölkerung drängt nach politischen Neuerungen, nach parlamentarischer Vertretung, Preßfreiheit und all den sonstigen Einrichtungen constitutioneller Staaten. ' Die große Mehihett deS Ruffenvolkes aber lebt noch in der Dämmerung einer halbasiatischen Cultur, sie befindet sich noch auf einem merkwürdig tiefen geistigen Niveau und diesen Zuständen entsprechen auch die gesummten übrigen Verhältniffe des Lande», die meist mehr oder weniger der Entwickelung ' Westeuropas nachstehen.

Da würden sich umstürzende Regierungsmaßnahmen i» j Sinne constitutione!! regierter Staaten allerdings als höchst ; gesährliche Experimente für Rußland erweisen, und die plötz­liche Preisgabe des autokratischen PrinctpS würde in diesem SkaatSwesen vermuthlich eine so heillose Verwirrung Hervor­rufen, daß alsbald zu dem alten System zurückgekehrt werden müßte.

Wahrscheinlich find es denn'auch Erwägungen der gedachten Natur gewesen, welche Czar NicolauS veranlaßt haben, die

bisherige Regierungsmethode für Rm land beizubehalten und , somit von der Einsührung einer liberalen Aera nach west- ; europäischem Muster abzusehen. Dabet ist er jedoch offenbar keineswegs gesonnen, auf dem starren Standpunkte des vorigen Ezaren in allen Stücken stehen zu bleiben und da» fanatisch- | orthodoxe Ruffenthum überall im Lande zur Geltung zu bringen.

E» liegen schon manche Beweise besten vor, daß der jugendliche Selbstherrscheroller Reußen" toleranteren Ge­sinnungen, al» sie sein Vorgänger hegte, zum Durchbruche verhelfen, daß er namentlich den fremden Nationalitäten in Rußland wieder mehr Bewegungsfreiheit gönnen will. Man darf also vielleicht hoffen, daß NicolauS II. bei aller Auf­rechterhaltung de» autokratischen RegierungSsystemS doch gewiffen Reformen den Weg bahnen wird, und man kann nur aufrichtig wünschen, eS möge seine Regierung mit ruhiger Entschloffenheit auf dieser Bahn Wetterschreiten. Nicht eine plötzliche, gewissermaßen gewaltsame Anpassung an die Ver­hältnisse e. derer Culturstaaten kann Rußland die ihm ja gewiß so i othwendige innere Weiterentwickelung auf anderen Grundlagen bringen, sondern nur ein schrittweise», ganz all-

mäligeS und den Bedürsnissen und Gewohnheiten de» vielfach so seltsam gearteten moScovitischen Reiche» entsprechende» Hineingleiten in die Bahnen moderner Culturländer. Freilich steht zu befürchten, daß die nihilistischen Verschwörer in ihrer Ungeduld, Rußland mit einem Ruck vorwärts gebracht zn sehen, in diesem Sinne abermals durch Attentatsversuche gegen den obersten Träger der herrschenden Gewalten und deren Diener demonstrtren werden, waS aber sicherlich nur zum Unheile Rußlands wäre, denn zweifellos würde der junge Czar mit der vollständigen Rückkehr zu dem starren, sich nicht auf die geringsten Compromisse einlassenden Standpunkte Kaiser Alexanders III. antworten.

vermischtes.

* Karlsruhe, 6. Februar. In einem hiesigen Hotel erschoß sich gestern Abend ein Liebespaar, der Tapezierer ; und Komiker Friedrich Bundschuh aus Voigtsdorf tu Sachsen und seine Geliebte Karoline Leutz. Beide find mittellos. In einem zurückgelassenen Briefe wird gesagt, daß ihre Familienverhältnisse eS ihnen nicht gestatten, eim- ander anzugehören. Sie wünschen ein gemeinsames Grab, um wenigsten» im Tode vereint zu sein.

Laibach, 6. Februar. Durch einen außer Gebrauch gesetzten Bergwerksstollen brachen in der Nähe des Dorfe» Litt hi zwei Wasserstürze hervor, durch welche die vor dem Stollen befindliche Schutthalde abgeschwemmt und süus Häuser und Gärten de» Dorfes, sowie die Landstraße voll­ständig überschüttet wurden. Da» Wasser drang in die zu ebener Erde gelegenen Wohnungen. Der Schaden ist be­deutend, Menschen find nicht verletzt worden. Die Ursache deS WaffersturzeS ist noch nicht aufgeklärt.

Verhungerter Lehrer. Ein Schullehrer von velez Malaga (Spanien) wurde tobt in feiner Wohnung vor­gefunden. Die Aerzte haben constatirt, daß der Tod in | Folge von Verhungern eingetreten ist. Die Gemeinde- Verwaltung schuldete dem Unglücklichen 6000 Daro» (24,000 Mk.) für rückständige Gehälter und hat ihm während seiner langen BerufSthätigkeit nicht die geringste Abschlag»- | zahluvg gemacht. Die Lieferanten von Lebensmitteln, deneu t der Lehrer bedeutende Summen schuldete, hatten in bat ; letzten Monaten dem Aermften jeden weiteren Credit versagt. Ohne Commentar!

Feuilleton.

Hitdes Bruder.

Eine lustige Geschichte von Alwin Römer.

(1. Fortsetzung.)

II.

Der Brief wirkte wie eine Offenbarung. Ganz be­geistert lief Roderich von Siebuttz im Zimmer umher, schwenkte da» zierliche vriefblatt, al» ob eS ein Stege»- bannet sei, und betheuerte seinen vier Wänden einmal über da» anderemal:Famo», famos, der Plan ist wirklich famoS!"

Sr war nämlich vor ein paar Stunden durch eine Ordre de» Regiment»:Eommandeur» dazu bestimmt worden, al» Führer einer Ehren-Deputation der Beisetzung de» alten General» Sichling, der sich seinerzeit im Regiment die Sporen verdient hatte, beizuwohnen. Auf der Reise nach de» Familiengute der Verblichenen aber berührte er Ginster- barg und hatte dort einen dreistündigen Aufenthalt. Nicht» war erklärlicher, al» baß er auf Mittel und Wege sann, während dieser drei Stunden HUden einmal zu sehen und zu sprechen. Aber e» war ihm nicht» Vernünftiges ein­gefallen bi» Hilde» köstlicher Bericht eintraf, den er nun wie ein echter Sttatege sogleich zur Grundlage einer ohue Zweifel nicht gerade einfältig zu nennenden Operation benutzte.

Schlag elf Uhr schritt er am nächsten vormittag die Treppe zu dem Ftscher'schen Penfionat hinauf. Unternehmend strich er fich noch einmal den Schnurrbart, wobei er be­merken mußte, daß seine Hand leise zitterte- zugleich con- statirte er ein bischen Herzklopfen und jene» unangenehme Gefühl in der Magengegend, da» entscheidenden Augenblicken manchmal voranzugehen pflegt. Beinahe hätte er nun doch die falsche Karte abgegeben, die seinen alten ehrlichen Namen Roderich von Siebnitz trug. Doch besann er fich im letzten Moment und griff nach der anderen, die er fich gestern Abeud schnell noch von Hagenfeld erbeten, um damit ein Kunststück zu machen, da» merkwürdiger Weiße »- lungeu war . . .

; Gleich darauf stand er vor derKeinen Fischerin", die J ihn eingehend musterte und sodann die Magd beauftragte, Hilde v. Hagen zu benachrichtigen, daß ihr Bruder ange­kommen sei und fie zu sprechen wünsche.

Der Lieutenant saß während der folgenden Secunden wie auf Kohlen. Die höfl chen E'kundigungen der Pension»' mutter nach seiner Familie beantwortete er höchst unzu­verlässig. Lügen war doch nicht so leicht. Indessen ent- schuldigte er fich ziemlich glaubwürdig mit seinem Kopfschmerz, der ihn in der Elsenbahn befallen habe, und hielt seine Augen krampfhaft auf die Thür gerichtet, durch die er Hilde» Ein­tritt vermuthere, um ein verplappern im ersten Augenblick durch jene Taktik zn verhüten, die mitunter bei den letzten Augenblicken politischer Verbrecher angewandt wird. Er wollte fie überschreien.

Endlich klappte die Thür . . Das wußte fie sein.

Siebe Schwester!" schrie er, noch ehe Jemand sichtbar wurde und stürmte von seinem Sitze fort, der Thüre zu.

Alle Wetter!" entfuhr eS ihm dann, und die Arme, die fich schon zur Umarmung erhoben hatten, fielen wie ein paar Pumpenschwengel wieder am Leibe nieder. Beinahe hätte er die ebenso brave wie häßliche Sprachlehrerin deS Institut» an sein Herz gezogen, die nur vorauSgegangen war, um Hilde» Ankunft zu melden und nebenbei ihre Neugier et* wenig zu befriedigen.

Nun hatte er gar zwei Beobachter.

verwirrt schaute er von einer zur andern. Teufel auch, jetzt klappte die Thür wieder. Er zögerte noch einen Moment. Dann aber stimmte er ein wahres Geheul von Begrüßungöphrasen an, so daß fich diekleine Fischerin" nervös an den Kopf fuhr und die Gouvernante erschrocken zur anderen Thür hinaus flüchtete.

Hilde v. Hagenfeld hatte natürlich keine Ahnung davon gehabt, statt in die Arme ihre» Bruders Eduard in jene ihres Geliebten zu fliegen.

Ro ....!" hatte fie entsetzt gerufen und war glühend wie ein Schmiedefeuer geworden. Aber die weiteren Silben seine» wirklichen Namen» hatte der kühne Stratege sogleich durck einen Kuß erstickt und ihr dann durch seine Ausrufe der Freude über ihr Aussehen Zett gegeben, fich in die un­

erwartete Situation zu finden. Gott sei Dank war Hilde ja nicht auf den Kopf gefallen. Mit überraschender Schnellig­keit hatte sie alsbald ihre Rolle ersaßt und mit der Sicher­heit einer Dame vomFach" verstand fie, dieselbe durch- zusührrn. Diekleine Fischerin" hegte nicht den geringsten Zweifel, ein Geschwisterpaar vor sich zu sehen, constatirte mit selbstgefälliger Betonung ihres physiognomischen Scharf­blicks die vielen verwandten Züge in den beiden Gesichtern und forderte schließlich Hilden auf, ihren Bruder doch zur Bahn zu begleiten, wozu diese sich denn auch nach einigem Zögern entschloß.

Roderich v. Siebnitz triumphirte. Großartiger hätte der erste Napoleon auch nicht operiren können. . . . Die Sonne von Austerlitz in dem Feldzüge der Liebe! . .

in.

Du bist doch ein ganz schrecklicher Mensch, Roderichs" behauptete Hilde in jenem zärtlichen Tonfall, der vergleich« Bemerkungen zu den wohlthuendsten Schmeicheleien umwandelt. So zu lügen!"

O, dazu hast Du mich ja verführt, weine einzige, kleine Hilde! Ohne Deinen Brief wäre ich niemals auf diese Idee gekommen und ich könnte Dich vor lauter Ver­gnügen an diesem genialen Einfall hier vor allen Leuten auf der Straße küssen!" vertheidigte er fich.

Um GotteSwillen, Roderich!" fuhr fie erschrocken a*f und wollte ihren Arm, den er keck in den seinen gezogen, zurückziehen. Aber bad litt er nicht. Lachenb hielt er sie fest^und wandelte mit ihr bie Straße hinunter, bie nach de« Bahnhof führte.

vor den Schaufenstern einer Buchhandlung blieben fie stehen. Ein kleines Bild,Erste Liede" betitelt, erregte ihre Aufmerksamkeit. Ohne Zweifel spiegelten fie sich in beut jungen, weltvergessenen Pärchen, baö durch den Wald wan­delte, vom Sonuenschein des Glücks bestrahlt.

(Fortsetzung folgt.)