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Nr. 33
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fiejexer Anzeiger erscheint täglich, ■rit Au-nahwk bei Montag«.
Die Gießener
Ia«tkie«drät1er »erben dem Anzeiger wSchentlich dreimal beigelegt.
1893
Erstes Blatt. Freitag den 8. Februar
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Deutscher Aeichstag.
30. Sitzung. Mittwoch, den 6. Februar 1895.
Bei sehr schwach besetztem Hause wird zunSckst der Antrag Auer betr. Einstellung des Strafverfahrens — wegen Beleidigung durch die Presse — gegen den Abg. Schmidt-Frankfurt (Soc.) angenommen.
Auf der Tagesordnung steht sodann die Interpellation Hitze u. Gen. (Ctr.): Welche gesetzliche Bestimmungen, und zwar in Ausführung der Kaiserlichen Erlasse vom 4. Februar 1890, in Bezug auf Bildung von Arbeiteroertretungen gewonnen seien? Und ob iuSbesondere Gesetzentwürfe betr. Anerkennung der Berustzvereine und Errichtung von Arbetierkammern baldigst zu erwarten seien?
Reichskanzler Fürst Hohenlohe erklärt sich zu sofortiger Beantwortung der Jnteip-llation bereit.
Abg. Hitze (Cenlr.): Große H ffnungen knüpften sich an die hochherzige Berufung der Arbeiterschutzconserenz durch Se. Majestät. Und diese Hoffnungen haben sich erfüllt. Wir sind hinsichtlich des ArbeiterschuhcS wenigsten« mit in die Reihe der anderen Staaten getreten. Wie das Centrum zum Zustandekommen der Kranken- und Unfallversicherung betgetragen ha, so auch zu dem verstälkten Arbetterschutz. Nur gegen das Alters- und Jnvaltdilätsgesetz haben
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur allgemeinen Kenntniß, daß da« Proviant-Amt Bockenheim noch fortgesetzt Hafer- und Roggen- richtstroh, vorzugsweise von Produzenten kauft.
Zur Ertheilung jeder schriftlichen oder mündlichen Auskunft über Preis und Qualitätsverhältnisse ist das Könige liche Proviantamt Bockenheim bereit.
Gießen, am 6. Februar 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Amtlichem Theil.
Gießen, den 6. Februar 1895.
Betr.: Die Aufnahme taubstummer Kinder in die Taub- stummen-Anstalten des Landes.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Ortsschulvorstäude des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 8. ». M. seither noch nicht entsprochen haben, werden an die alsbaldige Erledigung derselben erinnert.
v. Gagern.
I wir zugesttmmt, jedoch nur auS organisatorischen Bedenken. Bei der I Ausführung dieses Gesetzes hoben wir mitgewirkt. Wir sind stolz i auf die Arbeiterschutzgesetzirbung. Aber jetzt ist eine gewisse Eikäl- i tung des soctalpoltl.schen EtferS eingetreten. Wir bedauern die« um i so mehr Angesichts der Umsturzvorlage, über welche im Lande der Glaube verbreitet ist, daß sie die Arbeiter stumm machen solle. Wir
i aber wollen nicht Halt machen auf dem betretenen Wege. Wir freuen i uns der kaiserlichen Erlasse von 1890, und auch der Reichskanzler ' hat sich in seiner programmatischen Erklärung ähnlich geäußert, i Doch wir wollen Thaten sehen. Es muß dem Arbeiter wenigstens die gesetzliche Möglichkeit gegeben werden zu seiner Organisation.
' Die Arbeiter empfinden das Bedürfntß nach Sterbekasien, nach H'lse j bet unverschuldeter Arbeitslosigkeit, nach Arbeitsnachweis. So lange wir noch vor dergleichen Organisationen zurückschrecken, müsien wir wenigstens den Arbeitern ermöglichen, sich dieselben selbst zu schaffen. Die Sorge, daß die Berufsoereine der Socialdemokratte in die Hände fallen würden, ist unbegründet. Es sind Arbeiterkammern j nothwendig, damit wir wtsien, was die Arbeiter wünschen. Die Kammern würden am besten auf den Ausschüssen der Arbeiter in ' den einzelnen Fabriken aufgebaut, da man dann ihre spectellen j Wünsche hören kann. Die Competenz der Kammern kann nur eine i gutachtliche und statistische sein. Wir müssen mit dem Selbst- ! bewuhtsetn der Arbeiter rechnen. Die Arbeitgeber müsien lernen, das Selbstgefühl der Arbeiter zu schützen.
1 Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Die allgemeine Stellung - des Bundesratbs zu der Interpellation ist auS den früherem Be , rathungen des Reichstages Über die Frage bekannt. Eine gen-relle ! Beralhung darüber im Bundesrath hat noch nicht staltgefunden. ; Es besteht indeß bet der königlichen preußischen Regierung, Über : deren Auffassung allein Auskunft gegeben werden kann, kein Zweifel, daß es ihre Aufgabe ist, das Programm, welches der Erlaß Seiner i Majestät vom 4. Februar 1890 aufgestellt hat, zur Durchführung ! zu bringen. Eine Beantwortung der Frage, ob baldigst die Vorlage . eines Gesetzentwurfs im Sinne dcs zweiten Theils der Interpellation ; erwartet werden kann, ist zur Zeit nicht möglich, weil die in dieser ; Beziehung unternommenen Vorarbeiten zu einem endgiliigen Resultat : noch nicht geführt haben. (Der Reichskanzler verlas diese kurze • Erklärung.)
Abg. Möller (ntl.): Wenn Herr Hitze Ergänzungskassen für die Krankenkossen für nöihig hält, so übersteht er, daß die Betrieb* lassen im Allgemeinen mehr leisten, als das Gesetz vorschretbt. Herr Hitze regte ferner die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit an- Ich will diese Frage nicht verneinen. Aber ich meine doch: wir find in der Arbetterveisicherung bereits so weit geganoen, daß wir vorläufig nicht gut weiter gehen können. Die Veistcherung gegen ; Arbet Slosigkett wird überhaupt nur möglich sein in dem engen i localen und communalen Rahmen und gegen periodische Arbeits- s lostgkeit, wie sie an bestimmten Stätten mit Regelmäßigkeit wieder- , kehrt. In den Arbeitsnachweisen wird ja auch von der Social- i demokraite nur die politische Macht angestrebt. Wer in Zukunft den . Arbeitsnachweis in Händen haben wird, der wird auch die politische Macht haben. Und deshalb bin ich auch Gegner dieser Organisationen, I wofern dieselben nicht völlig von politischen Zwecken und Agitationen ' losgelöst werden. Eine Arbettervertretung, wie sie Hitze will, ist ein Un- ‘ ding, da die Interessen der Arbeiter und Arbeitgeber nicht dieselben sind.
Sie würde zum Terrorismus führen. Nachdem fchon die Gewerbegerichte foctaldemokrattsirt sind, sollte man sich hüten, hierin noch weiter zu gehen. Nützlich können Arbettervertretungen nur sein, wenn sie gemeinsam mit den Arbeitgebern organisirt werden. Man hüte sich, der Industrie neue Lasten auszuerlegen, wodurch nur da« Einkommen der Arbeiter geschädigt würde.
Abg. Fischer (Soc.): Der kaiserliche Erlaß von 1890 kündigt« auch die Regelung von Art, Zett und Dauer der Arbeit an, tm Interesse der Gleichberechtigung der Arbeiter. Die Regierung hat dazu in fünf Jahren seit dem Erlaß noch nicht Zett gefunden. Nach den heutigen Worten des Herrn Reichskanzler« kann die Regierung noch nicht einmal sagen, ob sie „baldigst" einen Entwurf über die Arbettervertretung vorlegen werde. Statt desien kommt die Umsturzvorlage, die nichts Anderes bedeutet, als Unterwerfung der Regierung unter die Jntercsien des Capital'Smus. Für die Ohnmacht der heutigen Regierung gegenüber dem CapttaltSmus ist charactertstifch, daß ein Arbeiter, Mitglied eine« Arbeiterausschusies, entlasten wurde, weil er auf Aufforderung des Herrn Bötticher an den Berathunge« der Commission über die Sonntagsruhe-Bestimmungen thetlgenomme» hatte. Ich gehe nicht so weit, wie Fürst Bismarck, der seiner Zeit den Erlaß für ein Wahlmanöoer erklärt hat, jedentalls aber HK da« foctale Köntgthum capitulirt zu Gunsten der Capitalisten. Die Staatsanftalten sind Musteranstalten für capitalistische Ausbeutung und Knechtung geworden. In welcher Weise werden nicht die Untergebenen in den Betrieben der Retchspostverwaltung geknechtet! Uni haben nicht zahlreiche Minister hier erklärt, daß es Recht fei, in de» Staatsbetrieben keine Socialdemokraten zu dulden und dabei könne» Sie die soctaldemokrattfchen Arbeiter nicht einmal von dem Königlichen Schlöffe ausschließen!
Minister v. Berlepsch: Der Vorredner war sichtlich bemüht, die Arbeiter gegen wohlmeinende Bestrebungen einzunehmen. (Sehr richtig! rechts.) Die V-rfolgungssucht der Socialdemokratte tfl wiederholt sehr drastisch zu Tage getreten unh hat der Regierung die Erwägung nahe gelegt, ob gegen dieses Verfahren nicht Vorkehrungsmaßregeln zu treffen find. Alle«, wa« bisher lur die Arbeiter geschehen ist, wird von der Soctaldemok-atie in vergiftender Weise ausgenutzt; gleichzeitig verstehen es diese Führer, Personen, die ihnen ergeben sind, in die gutbezahlten Stellen zu bringm, welche durch die sociale Gesetzgebung geschaffen find. Es ist durchaus unbeg'ündet, wenn der R gierung in Der bekannten gefchmack« vollen Weise nachgesagt wird, sie leiste nur Commitzdicnste für da« Unternehmerthum und das foctale Köntgthum habe capttvltrt vor dem Unternehmerthum. Wenn mit Dor schlügen wegen Arbettervertretungen noch nicht vorgegangen worden ist, so entspreche die« lediglich dem Gebote der Vorsicht. (Beifall).
Abg. v. Kardorff (frc.): Das sociale Köntgthum hat alle» Klassen gleichmäßig gerecht zu werden, und darf die Arbeiter nicht einseitig bevorzugen. Die Regierung wird sich den Dank aller Wohlgesinnten erwerben, wenn sie den obligatorifchen Arbeiter-Ausschüsse» nicht zustimmt. Unsere Gewerk-Vereine haben ebenso wie die englischen Tradesunions etnestarkausg'prSgtesoctaldemokratischeRichtung. (Widerspruch bei den Socialdemokralen.) Die B-.stnbungen de« Herrn Hitze haben nur die praktische Wirkung, daß der Social- demokratie Taufende neuer Mitglieder zugeführt werden. Ich würde
Feuilleton.
Hildes Bruder.*)
Eine lustige Geschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.)
I.
I» allen Mädchenpenfionaten ist es mehr oder minder langweilig. Wenigstens behaupten das die jungen Damen, die dergleichen Institute aus eigener Erfahrung kennen, so ernsthaft seufzend, daß man ohne das geringste Aufgebot von Galanterie daran glauben darf.
Lieutenants vor Allem find streng verpönt bet allen PenfionatSvorsteherinnen. Mit Argusaugen beobachten sie die flotten Schwerenöther, wenn sie mit dem Regiment vorbei« retten oder der sorglich gehüteten Mädchenschaar auf der Straße begegnen.
Ein Gefühl lebhaften Entsetzens überrieselte denn auch baS alte Fräulein Fischer, das in der schön gelegenen Kreisstadt Ginsterburg ein weit und breit gepriesenes Pensionat für die Töchter des in der Gegend wohnenden Landadels hielt, als sie eines Tage- Hilde v. Hagenfeld bei der Betrachtung einer Lieutenants-Photographie überraschte.
Hilde von Hagenfeld war volle siebzehn Jahre alt und ihrer unbeirrbaren Meinung nach schon drei Jahre zu lange bei der kleinen „Fischerin" — wie man boshafter Weise die würdige Vorsteherin nannte, die lang wie eine ehrgeizige Bohnenstange war. Ihre Mutter aber war unerbittlich. BiS
*) Wir entnehmen diese anfprechende Humoreske der bekannten (Auftritten Familtenzritschrtst „Zur outen Stunde" (Berlin W., Deutsche« Deilagshaus Bong u. Co., Preis pro Hest 40 Pfg.) Bet bicfcr Gelegenheit verfehlen wir nicht, unsere Leser wiederholt auf die aneikannt vorzüglichen und mit trefflichen schwarzen und farbigen Illustrationen reichlich au«gtftutteten Blätter des Bong'schen Verlage« aufmerksam zu machen. Verlag und Redaction derselben verstehen es, in ihren Zeiischriften eine wahrhaft unübertreffliche Quelle ter Belehrung unb Unterhaltung zu bieten, indem sie neben ßparmenden Romanen und Novellen erster Autoren zugleich eine reiche Fülle interessanter und populärer Artikel über alles Wissenswerthe Bringen.
zu Beginn des kommenden Sommers sollte sie noch in Ginsterburg bleiben.
Kein Wunder, daß Hilde den hübschen Lieutenant so nachdenklich betrachtete! Er hatte sie nicht wie die anderen Alle als Kind angesehen, damals, als in den Herbstferien die große Jagd daheim gewesen war. Gleich am ersten Tage hatte er ihrem Bruder, der sie noch immer wie ein „halbes Baby" behandeln zu dürfen geglaubt, ganz ernstlich zu verstehen gegeben, wie unpaffend er das finde, und sich so ihrer „ewigen" Dankbarkeit würdig gemacht. Bei Tische hatte er sie nicht minder ausgezeichnet trotz der Gloffen Eduards, der leider Gottes sein Rittmeister war, und jeden Morgen, den Gott werden ließ, hatten sie sich alsbald im Parke getroffen. NalÜrlich hatten sie zunächst ganz ver- ständig von der rauhen Luft, den welken Blättern und den entschlummerten Blumen gesprochen. Aber man weiß doch, wohin das führt! Und so war den Beiden denn mitten im frostigen Herbste die Lenzsonne der ersten Liebe aufgegangen.
Nur schade, schade, daß dieser „Einzige", „Herrliche", dieses „Ideal von einem Manne" so wenig Gnade bet Mama gefunden halte! Nichts an ihm war ihr recht gewesen. Wenigstens hatte sie so gethan! Aber wenn sie etwa glaubte, ihn ihr dadurch verleidet zu haben, so irrte sich Mama ganz gewaltig. Und den Vetter Han«, den man allem Anschein nach für sie aufgehoben hatte, würde sie ganz gewiß nicht heirathen.
Und dann hauchte sie einen leisen, zärtlichen Kuß auf das Bildniß ihres „himmlischen" Roderich von Siebnitz . . .
„Hilde, wen hast Du denn da?" ertönte in diesem Augenblicke die Stimme der Pensionsmutter.
Heftig erschrocken fuhr der Blondkopf in die Höhe und die Hand machte eine hastige Bewegung zur Tasche. Aber da Taschen in Damenkleidern weit schwieriger zu entdecken sind, als neue Planeten am Sternenhimmel und eine blitzschnelle Erwägung zugleich Hildes Köpfchen durchflog, nach ! welcher ein Verstecken des Bildes nicht nur nutzlos, sondern > sogar höchst unklug gewesen wäre, so hielt die vorschnelle
Hand aus halbem Wege inne und reichte gleich darauf de» kostbaren Schatz — eine Abschiedsspende Roderichs — der „kleinen Fischerin" hin. 2 .
„Ach, was haben Sie mich erschreckt," seufzte Fräulein Hilde dabei in verzweifelter Lustigkeit. „Ich war eben daran, einzuschlafen."
„Einzuschlafen?" fragte mißtrauisch die alte Dame.
„Freilich," versicherte der Schalk harmlos. „Haben Sie mich nicht nicken gesehen? . . Eduard macht aber auch ein zu einfältiges Gesicht auf dem Bilde —"
„Eduard? Wer ist Eduard?"
„Mein Bruder. — Steht bei den 10. Husaren in Stendal. Aber das wiffen Sie doch, Fräulein!"
„Allerdings," gab die „kleine Fischerin" zögernd zu und besah darauf die Rückseite, auf der bte etwas verdäch- tige Widmung: „Meiner kleinen, herzigen Hilde!" stand quer über die Firma deS Stendaler Photographen geschrieben.
„Also das ist Dein Bruder?" sagte sie dann halb be- ruhigt. „Ich finde ihn aber gar nicht einfältig, Du thörichte- Kind! Im Gegentheill Und er scheint Dich doch auch recht lieb zu haben."
„Ganz riesig!" bestätigte Hilde.
„Da ist es doppelt unrecht, Dich über ihn lusttg zu machen! . . . Aber nun geh an Deine Stickerei. Du weißt, daß ich es nicht liebe, wenn junge Mädchen am Tage schlafen, das sieht so träge aus!" tadelte die „kleine Fischerin sanftmüthig und gab Hilden daS Bild zurück.
„Gott fei Dank" seufzte diese, als sie außer Hörweite war, „daß mir der liebe Gott einen Bruder geschenkt hat, der sich hier noch nicht hat blicken laflen."
Und in dem nächsten Briefe, den sie an ihren Roderich richtete, beschrieb sie in ausgelassenster Laune, wie bä« eS ihr beinahe gegangen wäre und wie klug sie sich aus der Schlinge gezogen habe.
„Ich schließe mit einem innigen Kuß für Dich, «ein großer, herziger Bruder!" so lautete der letzte Satz dieser lustigen Epistel. . . .
(Fortsetzung folgt.)


