1S95
Issmaoi
Sonntag den 7. April
Zweites Blatt.
Rt. 83
BttrtfHn^rigrr
’m
Kenerat-Mnzeiger
Amts» «nd Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen
Hratisöeikage: Hießener Aamilienktätter
। Hause geworden? Wo ist im geschäftlichen Verkehr Solidität I | und Vertrauen, im Parteiwesen Wahrheit uns Gerechtigkeit I
2 Uhr, stau.
>*nahmr vom Anzeigen ju der Nachmittags für bat folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Corrn. 10 Uhr.
p Nachricht, Krj zsrnhc in JlitM nicht mehr Mu Theil am Domii'.; Inbrang am Samt
3101
hien am LamS
me bei dem Bir- reichen Blumen, 3105 Ittenberg.
geblieben? Es must anders werden I so klingt eS tausendstimmig unS entgegen auS Zeitungen und Bolksreden, in den Parlamenten und am Stammtisch. Nach strengeren Gesetzen rufen die Einen, nach mehr Freiheit die Anderen- die Kirche muß helfen, meint Dieser, nein, ganz loS von ihr, Jener.
vinzialiSmen. v . . ,
DaS Verdienst von Fuchs besteht vor Allem darin, dich er Niebergall auS den engen Grenzen der Localpoffe gezoge« mb ihn auf die Höhe des Lustspieldichtere gestellt hat.
-rd
en Leiden heule, 118 abzurufen.
13140 bliebenen. llpril 1895.
(„©in Lump mit Größe: Crampton, ein Lump mit Grazie: Datterich"), deutet er mit Nachdruck auf das Tragikomische der Gestalt hin.
Der Held NiebergallS, in welchem Fuchs mit Fug und Recht eine Carricatur des Dichters und seine- Geschickes er- blickt, zeigt uns eine Reihe der Bedingungen, unter welche« ein tragisches Phänomen in die Sphäre des Humor- du« treten kann.
Georg Fuchs theilt offenbar die Anschauung seines Land-» mannes Eckstein, der in einer seiner Novellen („Gustavs") gelegentlich die Bemerkung macht: „Liegt eS doch oft nur w einer Laune deS Schicksals, ob nicht dieselben Fäden, die für das Gewebe eines Trauerspiels bestimmt waren, sich z«r
Bringrrlobe.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Rfbaction, TxpeditioE ■nb Druckerei:
-chutstrahe
Fernsprecher 51.
Buß- und Bettag.
WaS ist eS heut mit unseren Glocken? ernster als sonst klingen sie- was rufen sie über Land, über unser ganzes deutsches Volk?
Unser Volk hat offene Feinde genug ringsum- auch an Freunden fehlt- ihm nicht- aber find eS immer treue Freunde ? Bet manchen muß man seufzen: Gott behüte mich vor weinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selber' schützen! Der beste Beweis für die Treue eines Freunde- ist, wenn er den Muth hat, unS die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit thut freilich oft weh und kann sehr uiigemüthlich sein. Dennoch bleibtS so: mein Freund ist, wer mir die Wahrheit sagt. — Unser Volk hat eine ganze Reihe treuer Freunde, an die Mancher nicht denkt. Das ft ab seine Sonn- und Festtage. Einer unter ihnen hat ein besonder- ernstes Gesicht, der Bußtag- er ist darum der schlechteste nicht. Heut klopft er an bei unS - sind wir zu sprechen für ihn? Man lernt in der Regel den Werth eine- Freunde- erst recht schätzen, wenn man ihn verloren hat. ES ist durchaus nicht undenkbar, daß einmal eine Zeit kommt, wo unser Volk einen allgemeinen Bußtag nicht wehr bat. Noch haben wir ihn, Gott sei gedankt. Er soll inil willkommen sein.
Wie steht« mit unserem Volk? Wohin man hört, hört wo« ein und dasselbe Wort: ,@6 muß ander- werden!" L»o sagen die Besitzenden, so sagen die Besitzlosen, so sagen die Alten von den Jungen und die Jungen von den Alten, die Herrschaften von den Dienstboten und die Knechte von beu Herren. WaS ist aus dem deutschen ehrenfesten frommen
Alle Annoncen-vureaux beS Je- und ÄuSlanbeS nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
chmdm
Mechaniker, rvtveg 46. ,
Feuilleton.
Kn parmMer tzmorist Ernst Elia» Sitbrrgall und sein Nrrpttt 6mg luchs.
(Schluß.)
Die Jugend Ernst EliaS NiebergallS (geb. 13. Januar 1815, grst. 19. April 1843) fällt in eine Zeit, da Darm- ftadt das mittelalterliche Wams abstreifte. Die Stadt reckte und dehnte fich damals tu allen Thrtlen. Zu dem stark pulfirenden Musik- und Theaterleben unter Ludwig I. stand Niebergall durch den Vater, Bruder und Oheim, die der Hofcapelle angehörten, in engster Beziehung.
Die Glanzaera der Oper unter Ludwig 1. wird aber toe Georg Fuchs nicht bloS panegyrisch beleuchtet. DaS Verdienst deS kunstsinnigen Fürsten wird dadurch nicht geschmälert, wenn man einräumt, daß ihm am Theater der icchnische Kleinkram. die Arrangements der Scenen, die Äegie und die Personalfragen bi- zum Souffleur und Lampenputzer herab genau so sehr von Jrnereffe war, wie die Wiedergabe der größten poetischen Meisterwerke der Zeit.
DaS Btld, welches Fuchs vom damaligen Darmstädter htzmuafium entwirst, deckt fich mit der Schilderung, die S- F- FranzoS in seiner Georg Büchner-Biographie bringt. )ür da- Eapitel „Hochschule — Politische Komödie in Gießen" Ijüben unserem Autor wohl auch die Auszeichnungen Rudolf z-eudt- ,®on 1846 biS 1853", Erinnerungen auS Verlauf jnb Folgen einer akademischen und politischen Revolution Darmstadt 1875, in Commission bei Joh. Waitz), manchen tankeuSwerthen Fingerzeig geliefert. Als Ntebergall die Hochschule bezog, wurde die Gießener Universität gerade auS ihrer langweiligen Derzopftheit und bureaukratischen Penalität etwas lufgerüttelt. In den Abschnitt „Gießen" stellt Fuchs eine urterrffante Parallele zwischen Niebergall und Georg Büchner hinein. Der Dichter von „DantonS Tod" wurde von dem großen Strome der Revolution ergriffen und auS kleinen, „i kderdrückenden Berhältniffen endgiltig befreit. Niebergall beharrte in den engsten, kläglichsten und langweiligsten Zufianden, weil seine Natur tha nicht zum Niederreißen der Schranken antrieb. Um eS aber in dieser Lage auszuhalten, juchte er den Humor im Weine: er ward zum Trinker und fcmrb im Elend. Für beide fiel die Entscheidung in Gießen. Da- Ende diese- Abschnitt» enthalt die Klasfifizirung der triften poetischen Versuche NiebergallS und die Erläuterung za der ersten Fasiung deS „Tollen Hundes" oder „DeS Barschen Heimkehr", in welcher eS sich nicht um eine platte HauSwursttade, sondern um eine echte, rechte Character- konnödte handelt. DaS dritte Captrel zeigt unS den Hessisch- Vmrmstädttschen Humoristen als Hauslehrer in Dieburg und
Farce verschlingen."
Irgendwo einmal hat „Datterich" Schiffbruch gelitten, vielleicht als ein bemooster Studio, der zu übermüthig war, zu kühn, zu lebenslustig, zu kritisch, den man In der Lang- weiltgkeit einer sanst in Sümpfen und Teichen dahingleitendeu Barke — hieß sie nicht „gute Gesellschaft" ? — anstößig fand. Mit christlicher Liebe warf man ihn über Bord. Nun treibt Er hat eS aufgegeben, noch
er fich in den Kneipen herum. _ _
mitzuarbeiten an einer Cultur, an der Förderung eine» Ge- meinwesenS, drffen Genuß man ihm hämisch verwehrt: halb auS Stolz, halb auS Faulheit. Und er hätte eS zu etwa» bringen können. Zwar nicht in der Darmstädter Bureau- kratie von Anno dazumal, aber anderwärts, wo man rasch- und weitblickende souveräne Leute brauchte, denn eS vermodern gute Gaben in ihm. Jedoch der Anschluß ist nun einmal versäumt. Er hat sich darein gefunden, zu vei kommen, aber er verkommt mit „Grazie'/ - Verstehe man jedoch den AuS- druck „verkommt" nicht falsch. In dem Sinne etwa, daß fich seine Individualität in dem Sumpfe auflöse. Das ist ja gerade das Schöne, Erheiternde und Ergreifende, daß er fich gleich bleibt. Niemals verläßt ihn seine lächelnde Souveränität rrod aller Mißgeschicke und Enttäuschungen, niemals sei« nonchalante Erhabenheit über alles, was man Arbeit, Pflicht, Ehrbarkeit oder so ähnlich heißt."
An die biographische Einleitung, die sich fast zur „Cultur- studie" ausweitet, schließt sich dann die neue Drucklegung der Texte von „DeS Burschen Heimkehr" und von „Datterich , die von der ersten Gestalt, die aus dem Jahre 1837 vor- liegt, in Einzelnheiten abweicht. Fußnoten von der Art, wie sie die populäre ReuterauSgabe hat, vermitteln Nicht-Darm- städtern daS Derständniß der Mundart und daS der Pro-
Dumpfer, Stadt und „Buße — Buße — thut Buße!" Dabei werden Einige still und falten die Hände- Andere haben ihren Spott oder ballen die Faust: „Buße? da- fehlt noch! Ja, diese Pfaffen."
Wohl dem, der einen treuen Freund hat, sagt Sirach.
Der chießeeer Anzeiger erscheint täglich, eM Ausnahme bei Montags
Die Gießener Pamilien v kälter oerbee bem Anzeiger D-chentlich breimtl beigdegt
Buße — Buße — thut Buße! so rufen heute die Glocken durchs Land. Auch sie sagen: eS muß anders werden! Aber nicht „es muß" sagen sie, sondern Du mußt anders werden — in Deinem Herzen, in Deinem Hause, in Deinem Geschäst muß es ander- werden. Du muht zurück zur Wahrheit und Einfachheit, zur Keuschheit und Zucht der Väter- daS allein ist wahrer Fortschritt. Du mußt einen neuen Sinn, eine neue Gesinnung bekommen, die alte Gesinnung festen Glaubens, herzlicher, helfender Bruderliebe.
Und wie geschieht daS? Wer sich in Buße über sein Verschulden vor Gott beugt, der hebt die Hände zum Gebet empor. Größer alö alle Schuld ist Gottes Gnade. Er will nicht strasen upb verderben, sondern vergelten und segnen. Er h t unser Volk noch nicht verworfen und wartet nur auf daS Aufheben unserer Hände, um auS dem dunklen Gewirr unheimlicher Wege auf einen neuen Weg zu Glück und Frieden unS zu leiten. WaS thun heute unsere Hände? Sie ruhen heute von der Arbeit. Beten soll heute ihre Arbeit sein. Beten ist nicht nur Frauen- und Kinder-, sondern vor Allem Mannesarbeit. Sie schändet den Thron so wenig, wie die Hütte. Wer ist ein Mann? Der beten kann!
Darum weg heute mit allem Hadern und Verklagen unter einander! Hin zu Gott Alle, die noch beten können und ihr Volk lieb haben! Hin zur Gnade mit aller Schuld, die jeden Einzelnen und alle zusammen verklagt. JesuS Christus ist die Gnade. ES ist in keinem Anderen Heil.
vermischte».
♦ Kola. 3. April. Nach dem Zurllcktreten des Waffer- wurden auf der überschwemmt gewesenen Wiese unterhalb der Stadt die gräßlich verstümmelten Körpertheile der Leiche eine- etwa zwölfjährigen Knaben gefunden. Einige Kleidungsstücke lagen in der Nähe. Der Kops der Leiche fehlt. Die Staatsanwaltschaft leitete sofort die Untersuchung ein.
» Dortmund, 3. April. Ein schreckliches Unglück ereignete sich heute Abend. Bei dem Abbruche deS Fränkel'icheu Hauses stürzte plötzlich eine Mauer ein, unter deren Trümmern vier Arbeiter begraben wurden. Zwei wurden so schwer verletzt hervorgezogen, daß an ihrem Aufkommen kaum z» denken ist, die beiden Anderen kamen mit weniger erhebliche« Verletzungen davon.
* Leipzig, 3. April. Man begegnet häufig dem Irr- thum, daß die feit 1890 bestehende dauernde Gewerbe- Ausstellung zu Leipzig, welche im Frühjahr dtese» Jahres im neuen an der Promenade in der Nähe der Bah«- Höfe liegenden Prachtgebäude wiedereröffnet wird, mit der erst im Jahre 1897 stattfindenden Sächsisch - Thüringischen Industrie-Ausstellung verwechselt wird. Beide Unternehme« sind nicht allein völlig von einander getrennt, sondern die Zwecke derselben sind auch etwas abweichend. Bei der tat Jahre 1897 stattfindenden Ausstellung handelt eS sich vor- wiegend um das Schaustellen der Bestleistungen der Ge- sarnrntindustrie SachsenS und Thüringens. Die dauernde Gewerbe-Ausstellung ist eine das ganze Jahr hindurch zugängliche Kausstätte, in welcher jeder Gewerbetreibende für geringe Gebühren eine kleine oder größere Sammlung seiner Erzeugniffe ausstellt, um in Leipzig dauernd vertreten z« sein. Zur dauernden Gewerbe-Ausstellung sind Gewerbe- ! treibende aus dem ganzen deutschen Reiche zugelaffen ««d ' müffen Anmeldungen hierzu baldigst erfolgt sein.
Drilliche 3nit: öen N, un ere
eidercitchi ich in meiner SW- AchninMoll
E. Kess.
M GlW
sta®01 1C-11
vorübergehend im Banne jener Schauerromantik, welcher er auch mit einigen Novellen („Reue versöhnt" — „Daö Griesheimer HauS") tributpflichtig werden sollte. Im Jahre 1840 kam Niebergall wieder nach Darmstadt als Lehrer an das Schmitz'fche Knabeninstitut, daS erst mit der Errichtung der Vorschule des Gymnasiums eingegangen ist und während seines Bestehens den Ruf einer Musteranstalt genoß. Heber dem geistigen Leben der Residenz lagerte damals Friedhofs- stille. Da- Ministerium du Thil wirthfchaftete im Sinne Metternichs. WaS Georg Fuchs über das Milieu der ver- schlasenen Stadt sagt, ist im Allgemeinen richtig, auch daS Urtheil über Dull er, der irn Mittelpunkt deS litterarischen Lebens deS Darmstadts der 30er Jahre stand und welchen FuchS „einen rechten Tropf vor dem Herrn" nennt, läßt sich im Wesentlichen unterschreiben. Ed. DullerS poetische Mittelmäßigkeit gibt fich deutlich in dem „Tannhäuser"-Libretto zu erkennen, an welchem die Musik Mangolds, mit der vor zwei Wintern noch Ernst PaSqus Belebungsversuche vornahm, hauptsächlich scheitern sollte.
Ueberrascht und befremdet hat uns nur folgender Anspruch: „Nächst diesem Apollo deS Darmstädter Parnaß feierte man auch Louise von PlönnieS und H. Künzel, beides recht brave Leute, die nach Schiller'schen und Uhland'schen Mustern manche Reimerei zu Stande zu bringen vermochten, deren poetische Talente aber wahrlich tief unter dem Nullpunkte standen."
DaS heißt, was Louise v. PlönnieS anlangt, wett am Ziel vorbeigeschoffen! Die formvollendete Uebersetzerin ausländischer Poesie, die es auf diesem Gebiete mit Freiligrath aufnehmen konnte, die Dichterin de» Sonettenkranzes „Abälard und Heloife" gehört keineswegs in die Kategorie der Reimschmiede. Georg FuchS findet wohl noch einmal Anlaß und Be- dürsniß, sein etwas vorschnelles Urtheil selbst zu eorrigiren.
In die Zeit deS Darmstädter Aufenthalts fällt NiebergallS reifste Schöpfung „Datterich""), die aus seinem Leben organisch hervorgewachsen ist. AlS Spitznamen hatte man den Ausdruck „Datterich" einem etwas heruntergekommenen Subalternbeamten angehängt, der zu jener Zeit eine komische Rolle in Darmstadt spielte, mit dem Character im Niebergall- scheu Stücke jedoch nur die Neigung zum Trünke und Schuldenmachen, die Arbeitsscheu und den Mutterwitz gemein hat. Von einem Urbilde kann daher nur im "äußerlichsten Sinne die Rede fein. r , v
Feinen p'hchologischen Scharfsinn beweist FuchS bei der Analyse de» „Datterich". Indem er dieses originelle Pumpgenie mit Hauptmanns „College Crampton" zusammenstellt
«) Bezeichnet im Co'fämunbe de» zitteri-en Zustand, i« bem sich GewohnheitssSuser befinben, ehe sie den erste* Lro?scn Alkohol am Tage eingenommen Haden.
ttl-ZNMg.
Oe tystfea k Men, ft e an bei tot
im
mtt
Gießener Anzeig er ™
/-^Aachin, rivä« z°Fr«in”?"|e"
«’S9 >
vi etti*


