Ausgabe 
6.12.1895 Zweites Blatt
 
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Freitag den 6. December

18M

Rr. 287

Zweites Blatt

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Amts- uitb Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

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Der

Gie-e«er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.

Versucher Reich.

D»r«stad1, 4. December. DerDarmst. Zig." wird aus Zarskoje Selo, 3. December, gemeldet: Se. Maj. Her Kaiser und Se. Königl. Hoheit der Großherzog mit den Großfürsten und Großfürstinnen wohnten heute in Petersburg dem Fest des Regiment- SSemenowSky bei. Um 12 Uhr fand Parade und Gottesdienst in der Manege Michael, da- Dejeuner im WinterpalaiS statt. Um 4 Uhr kehrten die Allerhöchsten Herrschaften hierher zurück.

Berlin, 4. December. Der Kaiser traf am Mittwoch früh von seinem Besuche in Breslau wieder im Neuen PalatS bei Potsdam ein. DaS bedeutsamste Moment des KaiferbesucheS in der schlesischen Hauptstadt bildete die Rede des Monarchen beim Festmahle deS OsfiztercorpS des Leib- Kürasfier-RegimentS anläßlich der Ectnnerungsfeter an die Schlacht von Lotgny. Nach der Tafel im Offizierscafino stattete der Monarch dem Fürst Bischof Br. Kopp einen Besuch ab. Am Dienstag Vormittag ließ der Kaiser die Garnison allarmiren, um 1 Uhr nahm er das Frühstück beim Oberprästdenten Fürsten Hatzfeld ein, und Abends dinirte rr bet den erbpr»nzltch meiningen'schen Herrschaften, worauf die Rückreise nach Potsdam erfolgte. *

Der Krieg von l«7O|71,

geschildert durch Ausschnitte tu8 Zeitung- - Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.)

6. December.

AuS Parts. In den Restaurants kann man noch immer so viel Fleisch haben wie möglich. Katzen find im Preise gestiegen, und eine fette kostet 10 FrcS. Heute Morgen hatte ich Rattenragout eS war ausgezeichnet etwas zwischen dem Gescbmack von Frosch und Kanmchen. Ich frühstückte mit den Correspondenten zweier anderer Lon­doner Blätter. Einer von ihnen ließ sich von mir nach längerem Zögern ein Rattenben geben. Nachdem er es ge­gessen, leckte er sich die Finger nach mehr. Der andere da­gegen lehnte mit Abscheu ab, und während er fich an seinem gesalzenen Pferdefleisch ergötzte, welches er unter dem Namen von Rindfleisch genoß, blickte er mit Entsetzen und Ekel auf unS herüber. Ich war neugi rig, ob der Wirth den Muth haben würde, das Kind beim rechten Namen zu nennen - aber daS Herz fiel ihm in die Schuhe,- auf der Rechnung standRagout von Wildpret". (Daily News.)

Rouen, die über 100,000 Einwohner zählende Haupt­stadt deS Departements Seine-inserteure, ist am 6. d. vom rheiurschen Corps unter General von Göben besetzt worden.

Feuilleton.

Verschiedene Auartierr.

Kriegsbilder von jetzt und damals.

Von Moritz von Berg, Verfasser derUlanenbriefe".

(7. Fortsetzung.)

DaS wir miteinander sprachen, nicht weiß ich es mehr. DaS soll der Mund sprechen in solchem Augenblick deS Glücke-? DaS Glück verschließt ja eher die Lippen, als daß eS fie reden macht.

Rar eines weiß ich. Alice sagte, als ich ihr mit leisen Worten von der Sympathie dieser Stunde und dem ewigen Gefühl, daS ich für fie hegte, sprach:Die Liebe ist sür die Männer ja doch nur eine Episode, für die Frauen aber das Schicksal."

Was sollte ich ihr antworten? Nur das fühlte ich in dieser seligen Stunde, daß das Gedenken an fie, daß der Name Alice bei mir und in meinem Herzen sein würde für immerdar und daß mein letzter Gedanke, da- letzte Wort auf »einen Lippen dereinst heißen würde: Alice.

Doch auch die Zeit dieser wonnigen Stunde ging da­hin, der Rus deS alte» Bapttste:Mademoiselle Alice", weckte un» aus unserer seligen Versunkenheit. Er kam zu uuü heran und meldete uns, das Frühstück sei servirt.

So gingen wir denn dahin und während wir neben­einander wieder die Parkwege durchwanderten, da fühlten wir, daß die verfloffene Stunde ein festes Band zwischen un- gewoben hatte. Während unsere Hände nebeneinander heruiederhiugen, schlichen fich kleine zärtliche Finger leise in die meinen hinein, mit festem Druck umfaßte ich fie und dieser Druck bestätigte nur das eben Gesagte, daß, ob wir uns gehören würden im Leben oder nicht, ob die Schranken sich besettigeu lassen, oder ob fie uns körperlich trennen würden, unsere Herzen doch eins bleiben würden für Immerdar.

Schwurgericht.

W. Gießen, den 4. December 1895.

Fortsetzung der Verhandlung gegen den Bäckergehilfen und Landwirth Joseph Filz aus Assenheim wegen Verbrechens der versuchten Brandstiftung.

Schreiner Wilhelm Schmidt von Assenheim, als Zeuge vernommen, bekundete, er fei der Bruder des nach Amerika ausgewanderten Schmidt. 1894 sei Filz zu ihm tu die Werkstatt gekommen, wo auch der Bruder anwesend gewesen, hier sei von diesem das Gespräch auf den Brand bet Walther gebracht und da habe der Bruder gemeint: schwätzt so, als ob Du den Brand angelegt," worauf Filz lächelnd erklärt habe, er habe diese Sache auch besorgt und genau erzählt, wie er mittelst eines LichtftumpfeS, den er in einer Streichholzschachtel eingeklemmt, das Stroh an­gezündet hätte. Filz hat öfter vom Walther'schen Brand gesprochen, dieser schwätze aber viel durcheinander. Dina Walther, jetzige Ehefrau Schäfer von Gonsenheim, be­kundet, daß der Angeklagte, so lange fie noch in Assenheim war, fie fortgesetzt bedroht und beschimpft habe. Filz habe im Jahre 1893 erklärt, man sage zwar, er sei ein Narr, aber er mache die Andern alle noch gescheidt. Landwirth Georg Bopp von Assenheim wird vorerst unvereidet ver­nommen. Der Angeklagte Filz behauptet, dieser Zeuge habe ihn verleiten wollen, er solle die Runkel'sche Scheuer anstecken. Der Zeuge stellt dies entschieden in Abrede, er hat aber von dieser Beschuldigung gehört und Schritte beim Bürgermeister gethan, um die Bestrafung durchzusetzen, dieser habe ihn aber davon abgeredet. Er sei mit dem Besitzer der betreffenden Scheuer gut Freund Zeuge wird nachträglich vereidigt. Landwirth August Neuling von Assenheim bekundet, daß die Runkel'sche Scheuer ihm gehört und daß Filz zu ihm gekommen sei und ihm erzählt habe, daß Bopps ihn haben verleiten wollen, die Scheuer anzustecken. Bopp solle gesagt haben, es müsse eia anderes Viertel geben. Der Zeuge hat der Rede deS Filz kein Gewicht beigelegt. Schuhmacher Bopp von Assenheim schildert Filz, mit dem er öfter zu­sammentraf, als einen Schlechtschwätzer und einen Menschen, der zu Schabernack sehr htnneige. Er hat öfter vom Brennen von Scheuern gesprochen. Bürgermeister Pest von Affen heim erklärt, Filz sei ein schwachftnniger Mensch, der viel schwätze, ohne lange zu überlegen, fich selbst ernähren kann er nicht, wenn er auch für manche Arbeiten zu verwenden sein dürfte. Er hält den Angeklagten nicht für fähig, das Verbrechen der Brandstiftung zu begehen. Friedrich Wilhelm Bopp bekundet, daß der Angeklagte gelegentlich

Und nun kamen wir zu den Eltern zurück und nahmen mit ihnen daS Frühstück und späterhin das Diner ein. Mir aber war alles wie ein Traum- was ich gesagt habe bei Tisch, was ich erzählt, kaum weiß ich eS mehr, denn Alicens Augen waren mir gegenüber und die Spitze ihres kleinen Fußes berührte den meinen.

Rach dem Frühstück ging ein jeder von unS seinen Ge­schäften nach, auch ich mußte mich meinen Ulanen und dem Zustand der Pferde einige Zeit widmen.

Als es gegen Abend zu dunkeln begann und eS bald Zeit war zum Diner, da ging ich in den Salon hinab und fand die Eltern dort noch nicht, wohl aber lehnte an einem Fenster Alice und schaute träumerischen Sinnes in den Park hinaus.

Sie kam mir gleich entgegen, re'chte mir ihre Hände und sagte nur daS eine Wort:Endlich."

Darauf führte fie mich zu einem Tische, auf dem ihre AlbumS mit Reiseerinnerungen lagen- diese wollte fie mir zeigen. Als fie mit den kleinen Fingern darauf hinwies, da neigte fich daS blonde Köpfchen leise mir zu, die süßen Augen waren so dicht bei mir, ich legte leise den Arm um fie, zog fie an mich und----------

* « *

Poch, Poch, Poch, ein donnerndes Geräusch gegen die Thür, eine schwere Holzpantine im Fluge gegen die­selbe geschleudert, erweckte mich auS meinem tiefen, seligen Traume.

Unwillig öffnete ich meine Augenlider, und was ich sah, schien mir nach den goldenen Gefilden, in die mich Gott Morpheus geführt, nicht Wirklichkeit, sondern ein häßlicher Traum zu sein.

Denn vor mir stand in dem ganzen Reiz ihrer natur­wüchsigen Schönheit Marie Westdorf, die braunen Arme auf die dicken Hüften gestemmt, die rothen Pausbacken zu einem breiten Gr-usen verzerrt, sprach sie die gewichtigen Worte:Wullt Se ok Kaffee drinken, Herr Majur?"

eines Krankenbesuches, den er ihm gemacht, vom Brennen gesprochen und erzählt hat, dem Walther seinen Schweinstall habe er auch angesteckt, daS wiffe heute noch Niemand, und dem Runkel seine Scheuer stecke er auch noch an, damit eS Platz gebe. Dann sei er htngegangen und habe dem Besitzer der Scheuer, Neuling, erklärt, daß er von ihm verleitet sei, die That auszuführen.

Nach Verlesung deS Augenscheinsprotokolls tritt eine Pause bis 3^2 Nachmittags ein.

Friedrich Walther von Assenheim bezeichnet den An- geklagten als einen Menschen, der nicht nur ein Schwätzer sei, sondern systematisch die Assenheimer anetnanderhetze und man würde dort froh sein, wenn man denselben los wäre. Filz sei einmal bestraft, weil er ihn beleidigt habe. Dem Knecht Adolph Klauß von Affenhetm hat er, wie dieser bezeugt, erzählt, er sei von Bopp beauftragt, die Runkel'sche Scheuer mittelst eines Petroleumtopfes in Brand zu setzen. Pfarrer Hechler, Lehrer Bert Haus er und Lehrer Gundermann von Affenhetm geben dem Filz daS Zeugntß eines Men'chen, der nicht lesen und schreiben kann und der zur Confirmation kaum die zehn Gebote und daS Vaterunser kannte, der Angeklagte sei in der Jugend bis zu seinem zwölften Jahre unablässig mit allen möglichen Krankheiten behaftet gewesen. Der Lehrer Gundermann hat nicht geglaubt, daß dieses schwächliche und kränkliche Kind lange am Leben bleiben werde. Die sonst noch vernommenen Zeugen machen gleiche Bekundungen wie die Lehrer und der Pfarrer. Der medtctntsche Sachverständige, Anstaltsarzt Br. Kratz- Heppenheim, erstattet nunmehr sein Gutachten in sehr aus­führlicher Weise. Der Angeklagte habe längere Zeit in der Irrenanstalt Heppenheim verweilt, dort aber trotz seiner und bei jeder Gelegenheit abgegebenen öfteren Versicherung, er verstelle fich nicht, versucht, die Aerzte zu täuschen, er sei aber, wie jeder Simulant, doch aus der Rolle gefallen. Dessen zwar vorhandene nur oberflächliche Gemüthsbildung, mangelnde Characterfeftigkeit, geringe Intelligenz, geringer Verstand und geringe Arbeitsfähigkeit laßt aber keineswegs den Schluß zu, daß der Angeklagte geisteskrank fei oder zur Zett der That gewesen wäre, sodaß seine freie Willens- bestimwung bei Begehung des Verbrechens ausgeschlossen erscheinen könne. Die angeborene geistige Schwäche dieses Menschen, der keinen Character hat, bedingt seine Minder- werthigkeit und wird etu solches Individuum allerdings einem verbrecherischen Anreiz leichter unterliegen als ein normal veranlagtes. Der Angeklagte ist beim Mangel geistiger Fähigkeiten auch weniger im Stande, die Tragweite seiner Handlungen zu ermessen.

Aber war es die Rückwirkung meines seligen, wonnigen Traumes, war es die Stärkung durch den gesunden Schlaf oder schien wirklich die Sonne hinein durch die grünen Wein- ranken vor dem Fenster in das kleine Bauerngemach?

Und fürwahr, sonnige, grüne Zweige klopften an die Fenster, ein kleiner Vogel sang draußen sein Lied, die Sonne stahl sich mit goldenem Schein in daS Zimmer hinein, die Regenwolken waren verzogen und alle Natursttmmen mit der Sonne erwacht.

Aber nicht nur die Stimmung in der Natur, auch mein kleines Zimmer erschien mir in dieser Beleuchtung ein anderes zu sein. Meine nassen Kleider sah ich nicht mehr, an ihrer Stelle lag mein koketter HauSauzug vor meinem Bette. Die Reste der schrecklichen Mahlzeit waren beseittgt und meine wohlbekannte Plüschdecke, die ich bei dem Manöver für solche Fälle stets bet mir zu führen pflegte, verdeckte die Mängel des alten HolztischeS.

Zudem öffnete fich hinter Marie jetzt die Thür und das Geficht meines Dieners Conrad erschien in ihr. Nach­dem ich daher mit bestem Dank das freundliche Anerbieten Mariens abgelehnt hatte und diese verschwunden war, winkte ich Conrad heran und ließ mir von ihm seine Auffassung der Sachlage mittheilen.

Er wäre gleich nach meinem Einschlafen nach vielen Irrfahrten und Abenteuern in der Heide mit dem Wagen angekommen, sagte er, und bald darauf fei auch der Regen dem schönsten Sonnenschein gewichen. Nachdem er fich das Zimmer angesehen und seine Reize erkannt, habe er daS Zelt an geschützter Stelle im Baumgarten aufgeschlagen, die mitgebrachten Büchsen ständen schon im kochenden Wasser und wenn ich Toilette machen wollte, so könnte das Diner gleich servirt sein.

(Schluß folgt.)