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06/11/1895 Zweites Blatt
 
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Mittwoch den 6. November

Nr. 261

Zweites Blatt

189»

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

und Anzeigeblatt für denKreis Gieren.

chratisöeikage: Gießener Kamikienölätter.

»nnahm« von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncm-Bureaux de» In« und Äultanbc» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

RtbflCtion, Expedition und Druckerei:

Zch»tstraße ^r.7.

Fernsprecher 51.

Die Gießener yernUUnimter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal drigelrgt.

vierteljähriger A5-»«eme»tspreiOl 2 Mark 20 Pfg. mit Vringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Der chtehener Anzeiger ericheint täglich, wil Ausnahme deS MontagS.

Feuilleton.

Unser Gsrten im November.

Allerseelenstimmung in der Natur. Durch WLlder, Felder und Gärten läuten Ruheglocken! Abschied, Heimgang, Grabesstille.

Wo die letzten salben Blätter jetzt noch zögernd ntederschweben, da lagerte über Baumgruppen und spätem Blumenreigen bis in die Mitte deS Weinmonats ein lachender Nachsommer; so spät, wie wir ihn selten sahen. Die ehrwürdige Gartensichte schüttelte darob ihr Haupt und der alte bemooste Stetnttsch raunte ihr zu:Thörichtes Volk! daS rächt sich!" Da» glühende Prunken der Dahlien, das steche Ranken einiger verspäteter Gurken und die geradezu unver­schämten späten Lusttänze der Weißlinge über dem schreienden Roth der Kapuzinerkresse wollten ihm nicht gefallen.

Und eS rächte sich: urplötzlich rauschte auf Flügeln des Nordost der WtntertrabantNachtfrost" einher, zog mit leisem Flug, wie eine Eule, durch den Süden, dann über den Norden des Vaterlandes und mit der ganzen leichtfertigen Herrlichkeit hatte es ein Ende. Wie erwürgt ließen die Georginen ihre Köpfe hängen; die Gurke war zur schwarzen Leiche zusammengeschauert; die Capuztner waren leblos in die Knie gesunken, und unter so manchem welken Blatt auf kalter Muttererde, lag, die lange Rollzunge von sich gestreckt, mit gläsernem Auge und steifen Flügeln Freund Weißling! Mieder wiegte die Gartenfichte ihr ehrwürdiges Haupt und der alte Stein- ttsch sagte:Heute roth morgen tobt!"

Nun hat es zur allgemeinen Ruhe geblasen und die stille Fried- hofSstimmung wird nur unterbrochen, wenn der Nooembersturm seine Register zieht und mit voller Macht über die Stätten des Heim­gangs braust.

Sinnig ist's, dem Sang des Frühlingsstromes zu lauschen, der durch knospende Obsthaine und leise erwachende Wälder zieht; ergreifend, die Stimmen und mächtigen Orgeltöne des November­sturmes am Rande des alten Eichwaldes oder Parkes zu vernehmen.

Ueberkommt uns da nicht Gottfried Kellcr'sche Stimmung, dem Io oft im Sturm derArm in Arm und Krone an Kron" stehende Eichenwald sein altes Lied gesungen?! Mit ihm sehen wir in tiefer Spätherbststille fern am Rande zuerst die junge Eiche sacht sich wiegen. Dann geht es durch die ganze stille Gemeinde an ein Sauscn nnb Biegen. Wie in mächtigem Zuge, zu breiten Wogen anschwellenb, wälzt es sich hoch burch bie Wipfel, kommt als Sturmeswuth ge­zogen :

Unb nun singt unb meist es graulich in den Kronen, in den Lüften,

Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften. Manchmal schwingt die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine: Donnernder erschallt nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine! Einer wilden Meeresbrandung hat daS schöne Spiel geglichen, Alles Laub war, weißlich schimmernd, starr nach Süden hingestlichen. Also streicht die alte Geige Pan, der Alte, laut und leise, Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.

In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder."

Wenn wir in diesen Sturmregistern auch die Geige des

bockssüßigen Pan leicht missen, so bleiben sie doch gewaltig unb erhebend.

Und wie eigen, wenn bann im Novembergarten der Sturm sich gelegt, die letzten aus der Ruhe aufgeschreckten welken Blätter im Mauerwinkrl ausgetanzt, die Sonne hinter zerrissenen fliehenden Wolken Heer den wieder aufgetaucht! Nicht stumm ist unser mit der zunehmenden Macht des Frostes ringendes Gärtchen geworden: feine Sprache ist nur eine leisere, geheimnißvollere unb nicht minber sinnige als in ben Blüthen- unb Fruchttagen! Wer bas Wesen ber früheren verstauben, wirb auch in Die Tiefen der jetzigen einzudringen vermögen.

Es ist, wie wenn vorher kaum beachtete Gestalten in neuem Gewände, traulicher und liebenswürdiger, an uns heranträten!

Dort, an der alten Ulme, an ihrem Nachbar, dem zerfallenden Denkstein, wie freundlich mit seinen glänzenden immergrünen Blättern sieht uns der getreue Epheu an. Gibt es einen herrlicheren Schmuck für Stämme alter Zierbäume, einen tröstenderen, das Symbol der Unsterblichkeit in sich tragenden, der Gedenksteine unfeter Tobten, als die Blätter und Ranken biefer poesie- und sagenumraufchten stillen Pflanze?! Wer die überwältigend poetische und sinnige Wirkung des Epheus in ihrer vollen Größe genießen will, der trete, wenn die Posaunen der Natur zur Rübe blasen, allein in die stillen Heiligthümer epheuumsponnener, zerfallender, einst durch rohe Ge­walten geschaffener Ruinen. Der Zauber, der die gesprengten Ruinen eines Heidelberger Schlosses, so vieler weltfernen Reste von Burgen umgiebt, liegt in der köstlichen Umspinnung mit Epheu. Und gerade wenn die Natur nach ausgelebtem Sommer zur Ruhe geht, da blühen diese alten, oft mächtigen Epheustämme. Es sind keine prunkenden Blüthen, die sich an den gerade ausgestreckten, nicht mehr rankenden Zweige entwickeln, sondern schlichte gelbgrünliche Dolden, die, wenn sie verblüht, noch im Winter die zuerst grünen, im kommenden Jahre schwarz werdenden Beeren ansetzen.

Daß unter Epheu, der einzige Vertreter ber Araliaceen bei uns, keine Schmarotzerpflanze wie z. B. bie Mistel ist, zeigt uns sein Fortkommen nicht nur an Baumstämmen, fonbern auch an Steinen unb Mauern. Die ihm eigenen zahlreichen filzigen Luftwurzeln bienen nur zum Festhalten und Anklammern, nicht zur Nahrungsaufnahme. Schneiden wir den festgeklammerten Zweig unten durch, so nutzen ihm die Luftwurzeln nichts, er muß sterben.

Könnten wir doch die alte Ulme ober ben Stein befragen, was ber verschwiegene Epheu in winterlichen Plauberstunden über seine Geschichte ihnen alles verrathen l Diel, unenblich viel würben wir ba erfahren können, benn bie Geschichte seiner Symbolik ist eine uralte, die sich bis in die Göttersagen der alten Griechen, ja Egypter, verwebt. Ein reiches Bilderbuch würde sich uns da auf- thun. Auf der ersten Seite, prächtig gemalt, die egypiische Gottheit des Lichts, des Guten und Schönen, Ofiris, auf dem Haupt die Mütze milden Straußenfedern, sein Krummstab mit Epheu geschmückt. Dann der chriechische Dionysos dem römischen Bacchus gleich­bedeutend an dessen Rohrstab mit Pintenzapfen sich Epheu zu­gleich mit der Rebe hinauiwand. Bilder kämen nun, auf denen altgriechische Brautpaaren der Epheuzweig als Sinnbild fortgrünender Liebe gereicht, auf denen er ben ersten verstorbenen Christen als Symbol ewigen Lebens in ben ersten Tobtenschrein gelegt würbe.

Der junge Apollo folgt mit bem Epheukranz; unb Bacchus, zu Schift, wie er ben Epheu von seinem Zug nach Jnbien mit zurückbrachte. Dann tanzen wilb epheubegränzte Bacchanten unb Bachantinnen vorüber. Noch weitere Silber folgten, auch aus bem beutschen Alterthum, wo Opserthiere mit bem Epheukranz zum Altäre gezogen; aus bem Mittelalter, wo die vielen Ehren, bie dem Symbol treuer Anhänglichkeit unb Freunbschaft bis in ben Tob galten, ihre Dar­stellung fanbm.

Aber merkwürbig: auch alle nicht von Epheu berankten Stämme, ja sogar bie Mauerritzen unb die Säule der alten Holzpumpe, zeigen in der milden Beleuchtung der späten Sonne ein auflebendes Grün, das im Sommer nicht zu finden war; selbst das Gezweig« des guten Apfelbaumes ergrünt noch!

Es find Tausende von kleinen Gärtchen, die sich jetzt schmücken; sie wollen gerade den am Thor stehenden Winter zum Trotz fitzt ihren winzigen Blumenflor entfalten, luftig blühen, um ihm zu zu zeigen, daß seine Macht nicht alles pflanzliche Leben und Lustig- sein im Garten zu ertöbten vermag. Es finb bie Moose und auch vielerlei Flechten, die in der fortgesetzten Feuchtigkeit aufleben. So selten werden diese unscheinbare Pfl-nzengebilde der Beachtung werth gefunden, und doch bergen sie eine ganze kleine Wunderwelt in sich. Gerade unser gering geschätztes MooS spielt eine nicht geringe Rolle im Haushalt der Natur. Seine winzigen Pflänzchen thun an ver­wittertem Gestein, mit den winzigen Schorsflechten zugleich, wichtige Pionierarbeit. Die klaren, sprudelnden Quellen, die das ganze Jahr am Fuß bewaldeter Berge entspringen, verdanken ihre unverfiegbare Jugend nicht zum kleinen Theil dem moosreichen Waldboden l Wie wenige wissen es, daß unser Erdball allein etwa 3800 Moos­arten trägt; daß diese sich von den Tropen bis zum Eis der Pole eingenistet, und die Gebirge bis zur Höhe von 3800 Meter erklettern! Wem verdanken wir die Bildung ber Torflager, den Schutz so un­geheuer vieler kleiner Nützlinge, Samenkeime, im eisigen Winter? Wer schützt so manche Hütte, manchen Stall vor der Macht des Frostes? Moos ist es, Moos, das zu so vielerlei Verwendung in , der Industrie gelangt, das jährlich zu Hunderttausenden von Gentnern in Gärtnereien zu Bindezwecken gefärbt, um am Allerheiligentage bie Ruhestätten unserer lobten mit frischen grünen MooSkcänzen, in bie die letzten Gartenblumen eingewebt, zu schmücken!

Freilich, der gewissenhafte Obstgärtner sieht die grünen Moos- und Flechtenpanzer an feinen Obstbäumen nicht gern; erschruppert" sie im Gegentheil jetzt eifrig herab, putzt seine Lieblinge aus, streicht sie mit Kalkmilch an, unb umgürtet deren Lende schließlich mit dem sehr nützlichenLeimring". Auch sonst ist im öden Garten, solange der Boden nochoffen*, manches zu thun. Da wird tüchtig umgegraben, Spinat, Schwarzwurzel und Feldsalat, sogar Kerbelrübchen gesäet, Winterkohl und Wintersalat gepflanzt. Hier wird Empfindliches mit Tannenreis,gedeckt, die Rosen roerben umgelegt und eingegraben, überhaupt dem Garten die letzte Wintertoilette gegeben. Und unsere lieben Eingewinterten, die vielerlei Topfpflanzen, vergessen wir auch nicht, besuchen sie häufig, um uns von ihrem Wohle zu über­zeugen. Dann schlagen wir ein paar Nüsse halb auf, benn schon mehrmals hat es an bem Fenster gepickt:Sitt, sttt!" hat es ge­rufen unsere kleinen Freunbe unb Bunbesgenossen, bie Meischen, sinb wieber ba! Heinrich Frhr. Schilling.

Mittwoch den 20 November, Nachmittags 3 Uhr,

soll auf bem hiesigen Ortsgericht bie bem Gemüsehändler Heinrich «rieb 1. in Gießen gehörige Hofraithe:

Flur I Nr. 360 44 qm im Tiesenweg öffentlich meistbietenb versteigert werben

Gießen, ben 11. Oktober 1895. Großh. OrtSgericht Gießen.

___________I. A.: Bogt.________8464 Submission.

Die Füllung des Eiskellers in den neuen Kliniken soll auf dem öffentlichen Submissionswege vergeben werdens,M M -

Die Lieferungs-Bedingungen können auf dem Verwaltungs-Büreau der genannten Anstalt, Nachmittags von 36 Uhr eingesehen werden.

Offerten find bis

Montag, 11 November 1895, Mittags 158 Uhr,

dahier einzureichen.

Zuschlag erfolgt am 15. Nov. 1895.

Gießen, am 1. November 1895.

Großh. Verwaltungs - Direction der 9226 neuen Kliniken.

Uuh-Gursus.

Gründliche Erlernung aller

Futzarbeiten.

i« 50 Stunden. Preis 15 Mark. Srfolg garantirt. Schülerinnen »erden täglich angenommen.

Frau A. Friesse, 8903 Ludwigstraße 12, part.

Bekanntmachung, betreffend: Ausführung des Gesetzes vom 22. Mai 1895 wegen Ge­währung von Beihülfen an ehemalige Kriegsteilnehmer.

Von Großh. Kreisamt Gießen ist uns in rubricirtem Betreff der Auftrag geworden, ein Verzeichniß sämmtlicher in Gießen wohnender Per­sonen, welche im Unteroffiziers- oder im Mannfchaftsstande des Heeres und der Marine an dem Feldzuge von 1870/71 oder an den von deutschen Staaten vor 1870 geführten Kriegen ehrenvollen Antheil genommen haben, aufzustellen und binnen acht Tagen vorzulegen. Wir fordern daher alle betreffenden, in Gießen wohnenden Personen, welche nicht etwa als Mit­glieder dem hiesigen Krieger- oder Veteranen-Verein angehören, und als solche uns bereits mitgetheilt werden, auf, sich binnen drei Tagen bei der unterzeichneten Stelle anzumelden unter Angabe von Jahr, Monat und Tag der Geburt, Charge und TruppentheU, sowie der mitgemachten Feldzüge.

Gießen, den 1. November 1895.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth. 9251

Rähabend.

Durch den starken Zudrang zu unseren Nähabenden ist eine weitere Theilung nöthig geworden. Es sollen sich künftig versammeln:

1. im alten Rathhaus, Freitags von 5 bis 7 Uhr, die Schul­kinder, Freitags von 7i/2 bis 9 Vs Uhr, die älteren Mädchen.

2. im Schwesternhaus (Lonystr. 2), Mittwochs von 7bis 91/, Uhr die Frauen, die in der Lukas- und Johannesgemeinde wohnen; Freitags von 71/2 bis 9^ Uhr die Frauen, die in der Matthäus- und Markusgemeinde wohnen. 9253

9045

Bahnhofstraße 51. Tcleph. 102.

Aaa roh. feine erlesene Sorten, sowiein sorgfältig gewählten Mischungen in eigner Rösterei stets frisch gebrannt, Thee diesjähriger Ernte, feinster Qualität, f!a no ntlTll walt garantirt rein und leichtlöslich, lose CvvCvU jJ Ul w vl y vorgewogen, von 2 Jt pr. Pfd. an, empfiehlt August Noll,

Bekanntmachung.

Zur Ausführung der am 2. December l. I. stattfindenden Volks­zählung ist eine größere Anzahl geeigneter Personen nothwendig, welche sich dem Geschäft eines Zählers unterziehen wollen.

Es werden daher solche, welche sich an dem genannten Geschäfte, sei es unentgeltlich, sei es gegen Bezahlung, betheiligen wollen, hierdurch auf gefordert, sich spätestens bis zum 9. l. Mts. auf unserem Bürean (Weidengasse Nr. 5) zu melden.

Gießen, den 1. November 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. E.:

___________________v. Bechtold, Regierungs-Affesior.__________________

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