Unser Harten im Moder.
Ein keck blickender Knabe, Schläfe und Hüsten mit Weinlaub urnkränzt, in der Hand einen vollen Weinbecher, so tritt nach uralter Vorstellung Freund Oct ober zu unS in den Garten.
Der -Weinmond", wie ihn Kaiser Karl der Große an Stelle de- undeutschen „TomittanuS" genannt wisten wollte, will mit Froh- ftnn und Freude die schöne Jahreszeit beschließm: die köstlichste, die letzte unserer Früchte deut uns ihre Gabe, die des Menschen Herz erfreuen soll — den Wein.
Und zu diesem Schluhfest des Herbstes will auch daS schon heimgehende Grün unserer Natur auf ihren trauten Baumgestalten, die uns noch unlängst Schatten und lachende Früchte spendeten, noch einmal wonnetrunken aufleben, noch einmal in glücklicher Erinnerung blüthenschwerer Frühlings- und farbenprächtiger Sommertage schwelgen: des Herbstes Abendionnenstrahlen sollen durch die prachtvoll brennenden Farben der Kronen spielen, die in den niederwtr- belnden Gold- und Purpurblättchen uns viel tausmd mal zum Abschied winken und grüßen.
Und für wie Viele in Gärten und Weinbergen bringt diesmal daS finnige Schluhfest des Herbstes doppelte Freuden ' Was wir still erhofften, ist eingetreten: Königin Sonne hat im heiteren September das Scepter geführt, den schwellenden Früchten deS Weinstock» Zucker, Geist und Blume mit gütig segnender Hand gespendet. Wenn auch der Raum der vo:handenen Fässer der kühlen Keller- räume nicht völlig erschöpft — die Reife der Trauben ist das werthvollste Geschenk für Winzer und Freunde de» edlen Weins.
Nur da, wo Kurzsichtigkeit den schlimmen Feinden und Krankheiten de» Weinstock» nicht wehrte, da war die Sonne machtlos; da blicken im allgemeinen Jubel unbefriedigte Gesichter finster drein.
Wenn wir jetzt im Octobergarten die golden angrflogenen, zart 'bereisten Trauben des „weißen Gutedel" oder die tiefblauen de» „Sanct Laurent" behutsam vom Stocke schneiden und in das flache, laubbelegte Körbchen betten: was könnte uns die alte Reblaube dabei nicht alles erzählen! Kaum eine unserer Gartenpflanzen blickt auf eine so lange und ruhmreiche Vergangenheit zurück.
Zu unserem Staunen würde die ehrwürdige Rebe un» mittheilen können, daß sie bei ihrer einstigen Einführung bei uns auS den sonnigen Küstenländern des schwarzen Meeres, die in graue Zeiten fällt, nicht Neuling unter unserem Himmelsstrich war! Schon einmal hat fie von dem Fleck, den unsere Muttererde auf der Erdkugel bildet, in sonnigen Zeiten, empor zum tiefblauen Himmel gesehen, hat ihre Ranken an uns fremden Zimmt- und Amberbäumen hinaufgeschickt, und ihre üppigen Trauben — eine Beute des riesigen Mastodon und Wanderer vorweltlicher Dickhäuter — in der Wärme tropischen Klimas gereift. Noch keine menschliche Sohle hat damals die Erde berührt; durch Hunderttausenbe von Jahren wohl hat sich seither unsere Erdkugel durch das Weltall gedreht: e» war in der Zeit der sog. Miocene der tertiären Gestaltungsperiode unserer Erde, lange vor dem sog. Diluvium, der EtSzeit! Hat man doch aus den kohligen Schichten des Mainzer Beckens dieser dahingesunkenen Periode die „vitis teutonica“ ausgegraben, eine erkennbare Traube, die einst auf der Urstammsorm aller Weinstöcke der Erde gereift!
Mit der Flora der Tropen, mit bereit Thierwelt, ist auch der Weinstock bei uns wieder untergegangen, und es mag mit der Zeit der btblifchen Angaben stimmen, daß er erst — vom Erzvater Noah am Ararat angepflanzt — nach und nach von den nicht vereist gewesenen Ländern auf seiner Wanderung nach Westen gekommen. Noch heute zeigt man — nach E. Krause — beim Dorfe Arguri die Stelle, wo NoahS erster Weinberg gestanden haben soll. Nach griechischer Mythe hätte allerdings Dionysos den Wein — zugleich mit dem Ep"eu — aus Indien herbeigebracht.
Nicht überall empfing becherfreudiger Klang den Einzug de» siegreichen Weinstocks: schon vor Mohamed, der den Wein verabscheute, ihn noch heute feinen Anhängern verbietet, stellten sich ihm Widersacher entgegen. Doch umsonst. Auch Domitians Verbot, belfelben gefürchteten römischen Kaisers, der dem „October" seinen Namen aufzudrücken befahl, konnte seinen Siegeszug nur verlangsamen, ihm keinen Einhalt thun: Die von den Römern in Gallien angepflanzten Reben fielen zwar, aber in den befreiten Th eil en Germaniens pflanzten und pflegten ihn deutsche Hände.
Die grkßte Ausdehnung, und merkwürdiger Weife auch in den nördlichen Tbeilen unseres Vaterlandes, erreichte der Weinbau nach dem Jahre 1OOO; er hatte sich im späten Mittelalter bis nach Pommern und Ostpreußen erstreckt! Der Dichter Sabinus rühmt Weinberge in der Mark Brandenburg, die auf den Höhen an der Havel einen Wein hervorgebrachl, der ebensogut, wie der von WormS gemundet! Glückliche Zeiten! Heute ist der Weinbau örtlich viel eingeschränkter, denn ohne Zweifel haben in den letzten Jahrhunderten klimatische Veränderungen ftattgefunben; selbst in der heutigen Weinbauregion. Wo noch vor 100 Jahren an den nördlichen Bodensee- Ufern z. B. allenthalben, weit hinein ins Land, Weinberge gestanden, da ist oft auf meilenweit heut« keine Spur mehr davon vorhanden. Wiesen oder Ackerland bedecken die Siätlen, wo ein ft der fleißige Winzer sein Tagewerk vollbracht, wo die Weinlese im Herbst gejubelt.
Nichtsdestoweniger wird heute wohl kaum weniger „Wein prc- duzirt", nur dürfen wir ihn — Gott sei's geklcgt — zum guten Theil nicht „Rebensaft" nennen. Solche erbärmliche Unterfchiebungen weist der edle Weinstock entrüstet von sich; er will auch fortan, wie in ältesten Zeiten, trotz aller Gefahren, die ihm die neuste Zeit, durch die tückische Laus, durch die schleichenden Pilzkrankheiten und die frechen Weinpantscher gebracht, sich nicht irre machen lassen — des Menschen Herz erfreuen. Und dcr Dank dafür ist ibm_ nicht blos im alten Holze der Rahmen kirchlicher Gemälde verkörpert, nicht in den ehrwürdig-schönen Holzschnitzereien, die seine Ranken darstellen, ja fie zum Stammbaum Christi erheben, sondern er ist auch eingegraben in Dolksherzen. Selbst wo kein Wein gebaut wird, entbehren die wenigsten Gärten und Gärtchen ihres Weinstocks, der so manche trauliche HauSwand schmückt und Jahr für Jahr, als treu r Freund der Familie, mit feinem anmuthigen Laub, mit seinen süßen Trauben, Jung und Alt erfreut. —
Wir schreiten weiter. Die lichten Obstbäume sind fast alle leer. Die Früchte ruhen im Winterlager, oder gekeltert im Faß. Nur Kastanien in ihrer stacheligen Hülle winken uns noch vom Baume; im nahen Buschwerk die dunketrothen Kornelkirschen, die leuchtenden Vogelbeeren, der Krammetsvögel SchmauS, und die wenig gefeierte Mispel, deren Frucht durch die ersten Fröste gemürbt, dem jugend
lichen Gaumen immerhin verführerisch genug bleibt. Ta» Rascheln unserer Schritte im welken Laub verscheucht einige Eichhörnchen vom alten Nußbaum, dem fie die letzte Habe an Sküssm plünderten: fie wollten sich beeilen, denn in nächtlicher Stille, wenn der Mond hinter den dunklen Fichten aufsteigt, suchen Heine Gesinnung-verwandte, die „Siebenschlä'er" ihnen die E bschaft streittg zu machen, ehe solche sich zum Winterschlaf hn a'ten Baumstumpf oder gar im verlassene» Starenkästchen zusammenrollen.
Im Gemüse- und Blumengarten ist eS schon recht öde geworden; aber deS Gartenfreunds sorgende Hand darf nicht rasten. Wo den schrecklichen Verheerungen der KohlweißlingSraupm klug vorgebeugt worden, da sind jetzt gesunde KohlhLupter einzuheimfen Sie kommen mit ihren Strünken in ein Erd- oder Sandlager bet Keller» oder sonstigen WinterraumS, da» fie mit Peterfilienwurzel, Carrotten, Salatbeeten, Schwarzwurzeln, Lauch, Meerettig, Bleichsellerie und Endivien thetten. Nur WinterkrauSkohl und Rosenkohl halten noch die Wache im Garten, dessen sämmttiche abgeleerte Beete tief und grob umgegraben werden. Auf den Spargelbeeien wird bat dürre Kraut abgeschnitten und verbrannt. Gedüngt wird vor de» Umgraben da, wo Düngung im Bauplan de» nächsten Jahre» vor» zusehen; sonst nicht.
Im Blumengartm, wo die letztm Kinder Florms mit de» ersten Frösten kämpfen, und noch und nach dahinsinkm, nimmt die sorgsame Pflegerin die Knollen der Lahlim, Giadiolm, Begonie» und de» Sauerklee» herau», um fie, gut abgetrocknet, einzuwintern. Die der Erde anvertrauten, den kommenden Frühling schmückenden Blummzwiebeln deckt fie mit Fichtenrei», das ebenso für da» bald nöthig roerbenbe Umlegen und Eingraben der Rofenhochstämme, Decfen der niederen Rosen u f w., bereit zu halten.
Im Obstgartm können von jetzt an junge Bäume, auch Wein- tzöcke, gepflanzt rotrben; meist ist e» aber besser, die bezogene» Bäumchen bloß sorgfältig einzuschlaaen, und er ft tm Frühling zu pflanzen. — Die Topf- und Kübelvflanzen sagen ihren S mmer- piätzchen vor dem Hause, auf der Veranda, am traulichen Fenster. Lebewohl, und wandern dankbar in ihre Winterquartiere. Und hu» darf es draußen stürmen, regnen und frieren. Todt ist die Herbstnatur noch nicht; ja ein fröhliche» Blümchen hat auf die freudlose Zeit nur gewartet, um bei jedem Sonnenblick ein Lächeln de» Frühling» über die Stätten des Heimgang» gleiten zu lassen Ernsd Moritz Arndt hat eS besungen:
„ES blüht ein schönes Blümelein, Das steht auf grünen Auen, Von innen und von außen fein, Gar lieblich anzuschauen.
Bald bunt, bald roth und bald schneeweiß Ist eS deS Lenze» frühster Preis.
DeS Herbste» letzte Freude."
Wer rennt das tapfere Tausendschönchen nicht-
Heinrich Frhr. Schilling.
Bekanntmachung.
Zur diesjährigen Ausführung der Ebelftiftung werden u. A. erforderlich und sollen auf dem Submissionüweg bezogen werden:
ca. 25 fertige Anzüge für Knaben,
60 bis 80 Meter Stoff zu Winterkleidern für Mädchen,
ca. 150 Meter Baumwollflanell bezw. Halbleinen zu Hemden.
Leistungsfähige Geschäfte wollen ihre Angebote bis spätestens Samstag, den 19. October d. I. Abends 5 Uhr bei unserem Armenamte einreichen, woselbst auch die näheren Bedingungen, Stoffmuster rc. einzusehen find.
Gießen, den 1. October 1895.
8225 Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur Kenntniß der Interessenten, daß unsere Ai/zprocentigeu au porteur=CbIigationen bei sämmtlichen Bankiers dahier, sowie bei unserer Kasse zu pari zu haben find. Die Papiere sind in Stücke ä 50.— Mk., 100.- Mk., 500.— Mk. und 1000.- Mk. eingetheilt und die Verzinsung erfolgt halbjährlich am 1. Juli und 1. Januar. 7834
Gießen, am 18. September 1895.
Baugenossenschaft des evangelischen Arbeitervereins zu Gießen, Eingetr. Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht.
Doering, Director._________________Haas, Kassirer
Grossh. Technische Hochschule zu Darmstadt.
Abtheilnngon für Architektur, Ingenieurwesen, Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie (einschliesslich Eleotrochemie und Pharmacie), Allgemeine Abtheilung linsbesondere für Mathematik und Naturwissenschaften). Curaus für Geometer l. Klasse, Winter-Cursns für Consolidations-Geometor und Cultur-Techniker. Staatsprüfungen vor dem Grossh. Prüfungsamto zu Darmstadt, Reichsprüfung für Pharmaoeuten, Diplomprüfung. Prüfung für Nahrungsmittel-Chemiker, besondere Prüfungen für Ausländer. Zulassung der Studirenden zu den Staatsprüfungen für Hochbau-, Ingenieur- und Maschinenwesen in Baden, Bayern, Braunschweig, Hessen, Preussen, Sachsen, Württemberg. Anmeldungen für das Winter-Semester bis 28. October. Einweihung der Neubauten 24. October. Beginn der Vorlesungen 28. October. Programme unentgeltlich und portofrei vom Secretariat gegen Einsendung von 20 Pfg. in Briefmarken. [8049] Oa* Kectorat.
Erweiterte Handweikerschule zu Nidda.
Beginn des Winterhalbjahres 1895/96 am 4. Nov. d. I , Vor mittags SV3 Uhr, Schluß Mitte März. Das Schulgeld beträgt 16 Mk.
Anmeldungen sind bis spätestens 15. October an d-n unterzeichneten Hauptlehrer zu richten, an welchen man sich auch wegen Bezug von Schulprogrammen und etwaiger AuskunftSertheilung wenden wolle.
Der Aufsichtsrath. Die Anftaltsleitung.
C. Ringshausen, F. Meyer,
7474 Vorsitzender. Großh. Hauptlehrer.
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Durch Engagement einer ersten Binderin bin ich in den Stand ge setzt, alle vorkommenden Arbeiten in der modernen feinen Bouquet- und Krauzbiuderei zu übernehmen, auch den weitgehendsten Ansprüchen Genüge zu leisten; und empfehle ich mich einem geehrten Publikum in bekannter reeller Bedienung bestens.
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Großh. HkMe Ltaatskiskllbahnku. Verdingung der Anfertigung und Aufstellung von Einfriedigungen für die Neubaulinie Grünberg—
Londorf.
Die für Bauloos 1 erforderlichen 1615 Ifm Holzeinfriedigungen und 19< 0 Ifm Drabteinfriedtgunaen, sowie die für BaulooS II erforderlichen 1340 Ifm Holzeinfriedigungen und 2920 Ifm Drahtetn- friedigungen sollen tm Ganzen ober nach Loosen getrennt zur öffentlichen Verdingung kommen.
Die Bedingungen sammt Zeichnung sind im Bureauztmmer Nr. 3 der unter, zeichneten Behörde in Gießen (Frankfurterstraße Nr. 64) oder tm Bureau der Neu- bauabthetlung III tn Grünberg (Gasthaus zum Englischen Hof) einzusehen, jedoch zu beziehen nur von der erstgenannten Behörde insgesammt gegen eine postfreie Einsendung von 1 v* 30 oder theil- roetfe gegen Entrichtung von 10 H für jeden Sktenbogen, bezw für jedes Acten- blatt, und von 50 für die Zeichnung.
Angebote sind postsrei und unter ent» pichender Aufschrift an die unterzeichnete Behörde bi» zum Eröffnungs-Termin Samstag den 12. October d. I-, Vormittags 11 Uhr, einzureichen.
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Montag den 7. Mdr. L I., Nachmittags 7>2 Uhr, im »Rheinischen Hof" zu Gießen werde ich öffentlich gegen Baar Der» teigem:
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Gießen, den 1. October 1895.
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