Ausgabe 
4.8.1895 Drittes Blatt
 
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N». 181 Drittes Blatt. Sonntag den 4. August

1893

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

MamilienVtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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Alle Annonccn-Bureaux bci$ In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Die in den Gemeinden Atzbach und Launsbach, Kreis Wetzlar, ausgebrochene Rothlaufseuche ist wieder erloschen.

Gießen, am 2. August 1895.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.

Nr. 31 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. v. M., mthält:

(Nr. 2259.) Verordnung, betreffend das Verbot der Ausfuhr von Waffen und Schiebbedarf nach Aethiopien. Vom 27. Juli 1895.

Gießen, den 3. August 1895. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Dr. Melior.

Gefunden: 2 Broschen, 2 Manschettenknöpfe, 1 Taschen­messer, 1 Vtfitenkartentäschchen, Briefmarken, 1 Packet mit Inhalt und 1 Rundreisebillet.

Zugeflogen: 1 Kanarienvogel und 1 Huhn. Gießen, den 3. August 1895.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. I. V.: Roth.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. August. Professor Dr. Heinrich v. Sybel, ber berühmte Geschichtsforscher, ist am Donnerstag früh in Marburg infolge einer Herzlähmung verschieden. Heinrich v. Sybel wurde am 2. December 1817 in Düssel­dorf geboren, widmete sich in Berlin unter dem Altmeister Stanke historischen Studien und habilitirte sich 1842 an der Bonner Hochschule als Privatdocent der Geschichte. 1844 wurde er daselbst außerordentlicher Professor, 1846 erhielt er seine Berufung als ordentlicher Professor an die Universität Marburg, in welcher Stellung er zehn Jahre wirkte. 1856 ging Heinrich v. Sybel nach München, wo er Mitglied der Akademie der Wiffenschaften wurde und das erste historische Seminar gründete. Seit 1861 wirkte er als GeschichtSprofeffor wieder in Bonn, 1875 wurde er als Director der Staatsarchive nach Berlin berufen, unter Er­nennung zum Geheimralh, welche wichtige Stellung der Der- cwigte bis zuletzt bekleidet hat. Parlamentarisch war Heinrich v. Sybel mehrfach thätig. 184849 war er Mit­glied der hessischen Ständeversammlung, 186264 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, dem er dann nochmals non 187480 angehörte- auch gehörte er dem ersten Reichs­tage von 1867 als nationalliberaler Vertreter für Lennep- Metimann an. Jedenfalls wurde aber seine parlamentarische

Thätigkeit durch sein Wirken als Geschichtsschreiber weit Über­ragt, die deutsche Geschichtswiffenschaft verliert in Heinrich v. Sybel einen ihrer glänzendsten Vertreter, der namentlich auf dem Gebiete der Archiv- und Quellenforschungen Groß­artiges geleistet hat. Der Verstorbene hinterläßt eine ganze Reihe mehr oder weniger hochbedeutsamer geschichtlicher Werke.

totales rrnd ProvlnzieUes.

§ NiederMoos, 31. Juli. Ein bedauerlicher Un­fall ereignete sich heute hier oberhalb unseres Orts. Der Landwirth Johannes Döll von Heisters hatte einen Wagen Sand für den Wirth Peter Klein daselbst geholt. Unweit unseres Orts, in der Nähe des Friedhofs, wo die Chauffee ziemlich steil bergab geht, gerieth der Wagen ins Rollen. Klein hatte unterwegs das Fahren übernommen, und der Eigenthümer dcs Geschirrs sich hinten auf den Wagen gesetzt. Klein sprang, die Gefahr erblickend, vom Wagen, gerieth jedoch mit dem einen Bein unter die Räder, so daß ihm ber Wagen quer oberhalb deS Kniees über daS Bein ging, und dasselbe beinahe zermalmt wurde. Der schwer Verletzte wurde durch einen hiesigen Fuhrmann nach seinem Wohnort Heisters verbracht. Obwohl man sofort die Hülfe eines benachbarten Arztes in Anspruch nehmen wollte, so war leider weder in Herbstein noch in Lauterbach ein Arzt zu Hause, und der näher wohnende Arzt Dr. Heinrich Lehr in Freiensteinau war inzwischen verstorben. Der Ver­unglückte mußte deshalb schließlich nach Lauterbach ins Krankenhaus verbracht werden. Den ersten Verband legte der practische Thierarzt Dr. Nuß von hier an.

n. Ulrichstein, 2. August. Zur Feier des Gedenk­tages an die 25 jährige Wiederkehr der glorreichen Tage von 1870/71 haben sich die um Ulrichstein liegenden Orte zusammengeschlossen. Es ist beabsichtigt, in Ulrichstein selbst am 18. August eine größere Feier zu veranstalten, zu der bis jetzt 16 Orte ihre Thetlnahme zugesagt haben. Aus dem reichen Festprogramm heben wir hervor: Festzug durch Ulrichstein, Festrede auf dem Schloßberge, Volks- und Jugend­spiele, Festversammlung in der Festhalle, Feuerwerk und Illumination der Stadt. Die Mitwirkung einer Militär­capelle ist in Aussicht genommen. Alle Veteranen- und Kriegervereine, alle Schulen und Gesangvereine werden ein­geladen. Jetzt nur gutes Wetter, daß das Fest, das in dieser Ausdehnung Ulrichstein noch nicht gesehen hat, gelinge.

Michelstadt, 1. August. Ein eigenartiger Brautzug, wie er seit Jahren hier nicht mehr gesehen wurde und der an längst vergangene Tage erinnerte, Passirte gestern unsere Stadt. Der Brautzug kam von Habermannskreuz, um nach Meinbruch zu fahren, wohin sich eine reiche BauerStochter verheirarhet hatte. Den Zug eröffnete ein großer, schön geschmückter Bauernwagen, Pferde und Kutscher waren auch mit Bändern geschmückt. Auf dem Wagen stand eine etwa zwei Mcter breite nußbaumene Bettstelle mit allem Bettzeug

und mit weißem Linnen überzogen, ferner waren auf dem Wagen sechs Stühle und ein Tisch aufgestellt. Der folgende Wagen, deffen Pferde ebenfalls mit Bändern geschmückt waren, war mit einer großen Anzahl Körben mit selbstgesertigtem Weißzeug beladen, dazu kamen Küchenschrank, Kleiderschrank und sonstiges nothwendiges Hausgeräth. Endlich aus dem dritten, ebenfalls geschmückten Wagen befanden sich die Braut­leute und die Eltern derselben, ebenfalls festlich mit Bändern und Blumen geschmückt. Den Schluß des Brautzuges bildete eine Kuh, welche an den Hörnern, am Kopfe und am Schwanz mit Bändern geziert war- das gute Thier wurde von bänder- geschrnückten Burschen aus der Heirnath der Braut geführt. Der Zug erregte allgemeine Bewunderung.

A Mainz, 2. August. In der Nacht vom 11. auf den 12 Mai dieses Jahres wurde an den militärischen Schieß­ständen bei Gonsenheim auf zwei dortige Bewohner, die sich unbefugter Weise an den militärischen Anlagen zu schaffen gemacht und auch der Aufforderung, sich zu entfernen, keine Folge geleistet hatten, von einem Wachtposten mit scharfen Patronen geschossen und dem einen eine Verwundung im Oberschenkel und dem anderen eine solche in den linken Vorderarm beigebracht. Das Vorkommniß, welches damals ein gewisses Aufsehen hervorgerufen und besonders um deß- willen viel besprochen wurde, weil dem betreffenden Wacht­posten auf Befehl des Kaisers für fein Verhalten eine Belobigung zu Theil wurde, sand heute vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts fein gerichtliches Nachspiel, indem die beiden angeschossenen Bewohner von Gonsenheim wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu vier beziehungsweise drei Wochen Gefängniß verurtheilt wurden. Bei der gericht­lichen Verhandlung wurde festgestellt, daß die beiden Gonsen- Heimer rauflustige Taglöhner an den Schießständen allerlei groben Unfug getrieben uneben Posten, als er sie zum Weitergehen aufforderte, nicht nur hänselten, sondern auch mit Prügel bedrohten, so daß dem Wachtposten nichts übrig btteb, als von seiner Schießwaffe Gebrauch zu machen.

Schrffsnachrichten.

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl LooS und I. M. Schulhof.

Bremen, 1. August. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Aller, Capitän H. Christoffers, vom Nordd. Lloyd in Bremen, ist heute 7 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.

= A. Gretscher, Giessen Neustadt 55. Giessen empfiehlt Loose aller genehmigten Lotterien.

Prompte Zusendung der Gewinnliste.

Feuilleton.

Wochenbriefe ans der Residenz.

(Originalbertcht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 1. August.

Internationales Wettfahren des RadfahrervereinS. Programm der Kriegerfeste.

Das internationale Wettfahren, das der Darmstädter Radfahrerverein, einer der drei großen hiesigen Radsportvereine, die eigene Rennbahnen besitzen, am vergangenen',Sonntag abhielt, gestaltete sich zu einem hervor­ragenden sportlichen Feste trotz der glühenden, geradezu un­erträglichen Hitze, die den ganzen Tag über herrschte. Nicht nur die Antheilnahme des Publikums war außerordentlich stark, sondern auch die Zahl der Nennungen zu den einzelnen Rennen 140 überstieg die bei ähnlichen Anläffen früher erreichte bedeutend; darunter hatten vier der Gemeldeten bereits den TitelMeistersahrer" errungen: Merbel, Mertz, der jedoch später nicht am Start erschien, Opel und Stamm. Auch die Zahl derer, die am erstklassigen Fahren starteten, wies viele Namen auf, die einen guten Klang in Radsportkreisen besitzen, wie Haun, Hasemann, Habich, Verhoyen, Lothar Lehr, Zimmermann rc. Zu dem besonders in den letzten Wochen in den Tagesblättern eifrig diScutirten Kampf um die Meisterschaft für Heffen auf dem Niederrade hatten sich 16 der besten hessischen Amateur­fahrer gemeldet. Der Grund, warum gerade der Radfahrer­verein das Glück hatte, trotz feiner nicht allzu großen numerischen Stärke, stets die Elite der bekannten Rennfahrer

auf seiner Bahn vereint zu sehen^ mag wohl weniger in deren vorzüglicher Beschaffenheit, denn gut sind die beiden anderen auch, als in deren Länge zu suchen sein. Während nämlich die meisten anderen Rennbahnen nur 333*/g Meter lang find, mißt die in Frage stehende 500 Meter. Das Sportsfest wurde eingeleitet durch eine Corsofahrt durch die Straßen der Stadt, an der sich über 200 Fahrer mit ihren Bannern bethelligten. Für die Rennen selbst hatte man, um dem in letzter Zelt eingerissenenBummeln" zu begegnen, eine Zeitbeschränkung bei den Fahrten eingeführt, dahin gehend, daß, falls die vorgeschriebene Zeit nicht eingehalten würde, eine Reduction der Preise stattfinden solle- es wurde indeffen nicht nöthig, von dieser Maßregel Gebrauch zu machen. Im Ganzen wies das Programm 6 Wettfahren auf, unter denen von den offenen Rennen besonders das Tand^nfahren das Publikum in außerordentliche Spannung versetzte, da es fünf Paare auf der Bahn zeigte, die zu den besten Süddeutschlands gehörten. Leider war es diesen Größen nicht gestattet, in dem Kampfe um die Meisterschaft mitzustreiten, da sie Berufsfahrer sind, und jenes Rennen nur für Amateure offen ist. NickitS desto weniger gestaltete sich der Kamps höchst interessant und die erreichte vorzügliche Zeit von 8 Minuten 84/6 Sec. (Blankenhorn- Worms) für 5000 Meter zeigt, daß auch recht gut gefahren wurde, indeffen wäre daS Rennen jedenfalls noch viel interessanter geworden, wenn es für alle offen gewesen wäre - so lange jedoch der elgenthümltche Unterschied zwischen Berufsfahrern und Amateuren gemacht wird, werden jedenfalls die besten Kämpen von den Meisterschaftsfahren ausgeschlossen sein.

Das Programm für die großen Feftlichkeiten zur Erinnerung an die Kriegstage von 1870/71 ist

mittlerweile fpeclaUftrt zur Veröffentlichung gelangt. Danach ist, wie schon im letzten Briese angedeutet, der 18. August der Hauptfesttag. Der Aufstellung des FestzugeS, die um halb 10 Uhr Vormittags beginnt, geht der Empfang der auLwärtigen Kriegervereine und die Gedächtnißfeier in den Kirchen der verschiedenen Confesflonen voraus. Der Zug selbst zeigt die Entwickelung der Uniformirung der hessischen Truppen seit Landgraf Philipp dem Großmüthigen in Gruppen, ebenso werden auf Festwagen Coloffolbüsten, Allegorien u. s. w. vorgesührt. Der Abmarsch des Zuges geschieht vom Jäger- thore aus nach dem Lanbes-Kriegerdenkmal und dem Großh. Residenzschloß, von wo auS Seine Königliche Hoheit der Großherzog denselben besichtigen werden, nach dem Exercier- platze. Dort auf dem Festplatze findet dann nochmals eine eigentliche Gedächtnißfeier für die Opfer des Krieges statt, ebenso wird eine solche am 19. August Morgens auf den Friedhöfen abgehalten werden Für den Nachmittag des Gedenktages von Gravelotte ist dann ein gemeinsames Mahl der Veteranen in der Einthellung nach den alten Truppen- verbänden vorgesehen, außerdem Concerte und Aufführungen in der Festhalle, Prolog, Vorführung lebender Bilder, ©eenen aus dem Kriege 1870 darstellend, nach Entwürfen von Pro- fester Hermann Müller. GesangSvorträge, turnerische Pro- buctionen und Feuerwerk auf dem Festplatze werden den Tag beschließen. An den folgenden Tagen werden Nachmittags und Abends Volksfeste auf dem Festplatze abgehalten werden. Nach besonderer, noch näher zu bestimmender Ordnung wird bann die Feier des LudwigStages am 25. August und die Sedanfeier am 1. September begangen werden. An Festen mangelt es uns also für die nächste Zelt nicht.