Ausgabe 
4.7.1895 Zweites Blatt
 
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Der (frkftener ZU-eiger erscheint täglich, nut Ausnahme deS MontagS.

Die Hießener Is«mik1<nvlä11er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bngrlegt.

Zweites Blatt. Donnerstag den 4 Juli

Gießener Anzeiger

Kmeral-Mnzeiger.

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chratisöeitage: Gießener Jamitienötätter

All- Nnnoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Nro. 23 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 27. v. M., enthält:

(Nro. 2245). Gesetz, betreffend die privatrechtlichen

Berhältniffe der Binnenschifffahrt. Vom 15. Juni 1895.

(Nro. 2246). Gesetz, betreffend die privatrechtlichen

Berhältniffe der Flößerei. Vom 15. Juni 1895.

Nr. 24 deS Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 26. v. M., enthält:

(Nro. 2247). Allerhöchster Erlaß, betreffend die Ein­richtung und den Geschäftsgang des Kaiserlichen Kanalamts. Vom 15. Juni 1895.

Nr. 25 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 28. v. M., enthält:

(Nro. 2248). Bekanntmachung, betreffend die Unfall- verficherungspflicht der Besatzung von Hochseefischereidampfern. Vom 14. Juni 1895.

(Nro. 2249). Bekanntmachung, betreffend die Anzeige­pflicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Vom 26. Juni 1895.

Gießen, den 1. Juli 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Ein Gang durch die Arbeiter - Colonie Ne« - Ulrichstein.

In den letzten Jahrzehnten, wo der Lösung der socialen Frage mehr denn je nachgegangen wird, ist zur Beschäftigung Arbeitsloser schon so mancher Schritt geschehen, dem man überall mit Wohlwollen begegnet. Vor Allem können hierzu die Errichtungen von Arbeiter-Colonien gerechnet werden. Eine dieser Colonien, und zwar die in unserem Bezirke liegende Neu-Ulrichstein, feierte am 1. Juli 1895 ihre zehnjährige Stiftung. Es dürfte daher wohl am Platze sein, einen Gang durch dieselbe zu machen.

Neu-Ulrichstein ist am besten zu erreichen von Ehrings­hausen, Strecke Gießen-Fulda. Durch prächtigen Wald führt die Staatsstraße über Maulbach und Appenrod nach der Colonie, die auf einem Ausläufer des Vogelsbergs im Kreise Alsfeld liegt. Dieselbe umfaßt ein Areal von etwa hundert Hectar Land. Der Colonie dienen neun Gebäude. Die Jnspectorwohnung bildet die Front und find in derselben das Bureau und die Backstube. Dem Gebäude zur rechten Hand befindet fich das Colonie-Gebäude, in diesem treten wir zunächst in den Speisesaal, der für 120 bis 130 Personen bequem Platz bietet. Hier werden auch die religiösen An­dachten abgehalten. Die evangelischen Colonisten werden von dem Pfarramte Maulbach, die katholischen von dem zu Niederkleen pastorirt. Der Reihe nach kommt die Küche, hinter derselben die Borrathskammer. In zwei großen Keffeln wird gekocht. Das Eßgeschtrr ist blau emailltrt. Die Speisen, welche uns zur Probe gereicht wurden, waren recht gut und wohlschmeckend. Die Köche (zwei Colonisten) machten in ihren reinlichen Anzügen einen sehr guten Ein­druck. Im ersten Stock befinden fich die Schlafräume. In zwei Sälen schlafen die Colonisten. 123 Betten stehen be­reit. An die Schlafsäle schließt fich ein Aufseherzimmer. Die Bodenräume werden zum Lagern von Frucht verwandt. An den Speisesaal schließt sich noch ein Aufenthaltssaal an, in welchem die Leute bei Regenwetter oder wenn sie von der Arbeit zurückkehren, verweilen. Dem Colonie-Gebäude gegenüber steht der Kuhstall, wohl einer der schönsten des Kreises Alsfeld. In Neu-Ulrichstein wird rein Stmmen- thaler Vieh gezüchtet. Das Auge des Fachmannes ruht mit Wohlgefallen auf der Reihe äußerst sauber gehaltener Thtere, die in keiner Beziehung den Originalthieren vachstehen, man kann sogar behaupten, daß kaum in der Schweiz schönere Exemplare stehen. An den Viehstall schließt sich die Futter- kammer. Entgegengesetzt, aber ebenfalls an den Viehstall anschließend, hat die Wasch- und Badeküche ihren Platz ge­funden. In den oberen Räumen (über derselben) sind Kranken und Jsolirstuben, sowie die Handwerkerfiube und BorralhSräume.

Die Colonie verfügt über einen großen Vorrath von Kleidung. Jeder neu aufgenommene Colontft empfängt nach dem Bade Anstaltskleidung, des Sonntags Sonntags-Kleidung, ebenso ist Bettwäsche reichlich vorhanden. Die sämmtltchen Räume sind äußerst sauber und reinlich gehalten und zeigt hier wie im Felde, daß ein geübtes Auge, eine sichere Hand waltet. An die Futterkammer in der Front der JnspectionS- wohnung stößt ein VorrathShauS für Kraftfutter mit Boden- und Kellerräumen. Neben der Jnspectorwohnung find die Schmiede, Pferdeställe, Backofen und Schreineret. Die Bodenräume werden zum Aufbewahren von Holz benutzt.

Sodann folgt der Ochsenstall für Zuchtvieh und au diesen schließen sich die mächtig großen Scheunen an. Den Schluß bildet der Schwetnestall, in welchem eine ganze Heerde dieser Borstenthiere Unterkommen findet. Auf der Colonie werden sämmtliche Schweine gegen Rothlauf geimpft und soll sich dies Schutzmittel bewähren. Gezüchtet wird eine Kreuzung zwischen englischem Blut und Landrasse.

Die an die Anstalt stoßenden Gärten find musterhaft gehalten und wird in denselben der ganze Bedarf von Suppen­gewürze, Gemüse und Bohnen gezogen. In dem einen Garten hat die Imkerei ihre Heimstätte gefunden und in recht hübschem Btenenhause stehen 16 Bienenstöcke. Selbst ein Teich mit Nachen fehlt nicht. Um die Colonie find schöne Obstpflanzungen und sollen dieselben reichlichen Ertrag liefern. Das bebaute Feld ist in bestem Culturzustande und die Ernte-Erträge kaum geringer, als in unseren geprtesensten Gegenden. Musterhaft ist die Bewirrhschaftung der ganzen Anstalt, deS ganzen Gutes, dies wird gerne von Jedem an­erkannt, musterhaft von innen und außen. Wer die Colonie, resp. das Gut vor zehn Jahren kannte, wer den damaligen Ertrag mit dem jetzigen vergleicht, der muß gestehen, daß das Menschenmöglichste geleistet wurde. Die angelegte Drainage, die Verwendung von künstlichem Dünger hat sich bewährt. Die benachbarten Landwirthe, selbst mittlere Bauern, haben nachgemacht und die Colonie ist zum Vorbilde der Umgegend geworden.

Von dem Colonie-Betriebe selbst kann berichtet werden, daß in Neu-Ulrichstein, wie in jeder anderen Colonie, jeder arbeitswillige, arbeitsfähige und gesunde Mann Aufnahme findet. Die Hauptbeschäftigung besteht zwar in landwirth- schaftlicher Hantirung, doch find im Bureau, in der Küche, als Calefactoren, in der Waschküche, in den Werkstätten gar manche Kräfte verwandt und auch in den Ställen findet Mancher Unterkommen. Die Colonisten find bescheiden, selten wird über sie eine Klage laut und ist es kaum zu fassen, daß ein großer Theil der Aufgenommenen so gerne das Vagantenleben sühn. Jedem Gegner solcher humanen An­stalten möchten wir den Besuch Neu-Ulrichsteins empfehlen und er. wird sicherlich befriedigt sein. Wer aber die Noth- wendigkeit, das Gute solcher gemeinnütziger Anstalten be­zweifelt, der kennt die Noth unserer wandernden Bevölkerung nicht, der weiß nicht, wie hart für Manchen das Stück er­bettelten Brodes ist, der kennt auch nicht die Gefahren, in die so manches junge Blut geräth, das gerne arbeiten möchte, dem aber überall die Thüre gewiesen wird. So mancher junger Handwerker wandert in fester Hoffnung hinaus, auf seinem Handwerk Arbeit zu finden, fragt und wandert von Ort zu Ort und wenn kein Pfennig von den mit­genommenen Murterpfennigen mehr da ist, wenn der Hunger peinigt, denn Verpflegungsstationen find auch nicht überall, dann greift er zum Betteln, schließlich wird er dem ArbeitS- hause überwiesen und haben fich dessen gastlichen Thore erst einmal geöffnet, so ist nur in den seltensten Fällen ein Heraufarbeiten möglich. Die Arbeiter-Colonien find Asyle für solche Leute, sie nehmen sie auf und gewähren ihnen Schutz.

In den zehn Jahren sind in Neu-Ulrichstein, so viel unS aus den Monatsberichten bekannt, 2831 Personen aus­genommen worden, von denen wohl mancher wieder in ge­regelten Verhältnissen lebt und dankbar und gern seines Auf­enthalts daselbst gedenkt.

Neu-Ulrichstein ist Grohherzoglich hessische Domaiue, von dem Verein zur Beschäftigung Arbeitsloser für das Groß- herzogthum Hessen und der Königl. preußischen Provinz Hesien-Naffau gepachtet. Die Leitung der Anstalt ist einem Inspektor und drei Beamten unterstellt.

Die Behandlung der Leute ist eine ernste, aber auch höfliche und geben die Beamten jedem Besucher gerne jede Auskunft.

Die Umgegend Neu Ulrichsteins bietet manches recht Schöne, besonders liegt im Ohmthal malerisch schön auf hohem Basaltkopfe die Amöneburg. Außer dem Wege über Ehringshausen ist Neu-Ulrichstein auch von Kirchhain (Main- Weser-Bahn) über Schweinsberg ober von Allendorf (Matn- Weser-Bahn) über Ntederklein zu erreichen, für Besucher, welche etwa übernachten wollen, ist das nahe gelegene Hom­berg a. d. Ohm mit seinen recht guten WirthShäusern zu empfehlen.

focaUf tmfc provinzielle-.

Bilbel, 20. Juni. Infolge eines Sonnenstiches ist am Freitag der Candidat für den erledigten Bürgermeisterposten in Vilbel, der frühere Gerichtsvollzieher und jetzige Specerei- händler Esselborn, irrsinnig geworden. Die Geistesstörung trat zu Tage, als er Montagganz Bilbel"

zu einem Waldfeft einlud, zu dessen Feier tr zugleich eine Unmenge von Speise und Trank, mehrere Musikinstrumente und Betten bestellt hatte. Das Fest unterblieb natürlich.

A Ober-Breidenbach (Kr. Alsfeld), 1. Juli. Am ver­flossenen Donnerstag feierte der hiesige beliebte Lehrer Herr Stein in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit sein 50jähriges Dienstjubiläum. Dem allverehrten Jubilar wurden Seitens seiner Collegen, seiner Schüler und der Gemeinde werthvolle Geschenke verehrt. Telegraphische Glückwünsche aus der Ferne trafen zahlreich ein.

Neu-Zseuburg, 29. Juni. Der 70jährige Elsinger in Isenburg legte gestern Nachmittags Feuer an fein Haus in der Hirtengaffe, nachdem er die Möbel vorher mit Petroleum getränkt hatte. Der Brand wurde von der Feuerwehr rasch gelöscht. Elsinger versuchte zu entfliehen, wurde aber aus- gesunden und verhaftet. Im Polizeigefängniß benützte er einen unbewachten Augenblick, um seinem Leben ein Ende zu machen, indem er fich am Fenstergitter erhängte.

A Mainz, 1. Juli. Für das im Jahre 1899 statt- findende 10. deutsche T.urnfest wird fich die Mainzer Turnerschaft auf dem am 22. Juli in Eßlingen zusammen- tretenben beutfdjen Turntag zur Uebernahrne bewerben. Außer Mainz kommt als Festplatz vorläufig nur noch Hamburg in Betracht und da das letzte beutfche Turnfest im Norben, in BreSlau, abgehalten wurde, gibt man fich der Hoffnung hin, daß man durch die Wahl von Mainz jetzt der Turnerschaft von Südwcstdeutschland Rechnung .tragen werde. Einen Beweis dafür, daß die Dummen nicht alle werden, liefert wieder die Thatsache, baß ber hiesigen Polizei letzter Tage einer Schwinblerin in bie Hände gefallen ist, die als Kartenfchlägerin ein schwunghaftes und sehr einträgliches Geschäft betrieb. Ihre Kundschaft bestand auS Frauen und Mädchen aller Stünde, darunter solche Personen, die fich nicht damit begnügten, fich für ihr gutes Geld was anlügen zu lassen, sondern die die Schwindlerin auch als Lehrmeisterin - im Kartenschlagen benutzten.

Vermischtes.

* R. Kinzenbach, 30. Juni. Der GesangvereinFortuna" feierte heute unter Theilnahrne des ganzen Ortes, sowie vieler Gäste fein 2 0. Stiftungsfest. Von benachbarten Gesangvereinen beteiligten sich: Arion-Kleinlinden, Lieber­kranz Heuchelheim, Frohfinn-Atzbach, Eintracht-Kleinliuben, Teutonia-Heuchelheim, Frohsinn-Vetzberg, Einheit-Allendorf a. b. Lahn, Eintracht-Rodheim a. b. Bieber, Liedertafel- Launsbach, Eintracht-Hermannstein, HermanuuS-Gleiberg, Lahnthal-Dorlar, Germania-Heuchelheim, Lieberkranz-Robheim a. b. Bieber, Frohsinn-Ruttershausen, Germania-Krofborf, Frohsinn-Launsbach, Liebertafel-Walbgirmes, Gesangverein- Dutenhofen, Lieberhain-Bieber, Gesangverein-Wißmar. DaS Fest verlief prächtig, bie wirkungsvolle Festrebe, gehalten von Herrn Kaufmann Kuhl, enbete mit einem Hoch auf Se. Majestät ben Kaiser. Die Einzelgesänge der Vereine gelangen vortrefflich.

* Frankfurta.M., l.Juli. 5600 Mark gestohlen. Als die Ehefrau des Gastwirths Schmitt,Zur Goethehalle", Gr. Hirschgraben Nr. 20, gestern Abend gegen 12 Uhr fich aus ber im Parterre gelegenen Wirtschaft in ihr im ersten Stock gelegenes Schlafzimmer begab, fand fie bie Thüre bes Zimmers offen, zwei Kleiderschränke unb eine Waschcommobe durchsucht und ein weiteres Schränkchen geöffnet. Aus diesem Schränkchen fehlte eine unter der Wäsche versteckte Caffette mit 5600 Mark Inhalt, 5000 Mark in Gold unb 600 Mark in Wertpapieren. Der Diebstahl muß in ber Zeit von ! 9 bis 12 Uhr geschehen sein, denn nach 8 Uhr hatte Frau Schmitt ber Caffette noch verschiebeneS Gelb zum Wechseln entnommen. Frau Schmitt stürzte nach ber Entdeckung des Diebstahls hilserufend aus dem Zimmer, fiel vor der Thüre bewußtlos zusammen unb konnte erst nach anberthalb Stunben wieder zum Bewußtsein gebracht werben. Ihr Zustanb ist heute noch nicht unbebenklich. Bon ben Thätern fehlt einst­weilen jede Spur.

* Biedenkopf, 1. Juli. Heute Morgen zwischen 1 unb 2 Uhr gingen furchtbare Gewitter, verbunben mit Hagel unb heftigem Stnrmwinb, über unsere Gegenb nteber, welche auf ben Felbern unb in ben Gärten ungeheuren Schaben anrichteten. Viele Bäume sinb theilö vollstänbig entwurzelt, theils abgeknickt, ganze Ländereien weggeschwemmt. Besonders im Grunbe Breibenbach hat ber Hagel sehr geschähet. In LaaSphe ist ber Maschinenschuppen am Bahnhof eingestürzt, sodaß die für den Frühzug bestimmte Locomotive nicht herauS- geschafft werden konnte. Nachdem von Marburg eine Maschine telegraphisch beordert war, traf der Zug mit Verspätung in Biedenkopf ein.