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Samstag den 4. Mai
Zweites Blatt
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Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
Rtdaction, Lxptdikioß und Druckerei:
Fchukslraße Nr.7.
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Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.
Die Gießener
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Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
Zlnrts- und 2lnzcigeblcrtt für den Kreb Gieszen.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den rtXrflftätigtfflAi*• (^toGottOY fti*ttfifÄff«*P Alle Annoncen-Bureaux dcS In- und AuSlande» nehme»
folgenden lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr lU U IcHUlUl Ltl. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 29. April 1895.
Betr. Die Ausführung des Reichsgesetzes vom 10. Mai 1892 über die Unterstützung von Familien der zu Friedens- Übungen einberufenen Mannschaften: hier die Porto- sreiheit der desfallsigen Postsendungen.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gieße« an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises mit Ausnahme der znm Poftbeftellbezirk Gießen gehörigen Gemeinden.
Wir machen Sie daraus aufmerksam, daß die Portofreiheit aller in rubr. Betreff sich ergebenden Postsendungen anerkannt worden ist, und Sie demgemäß berechtigt sind, solche Sendungen unter Beidrückung des Dienstsiegels mit dem Vermerk „Militaria" durch die Post befördern zu lasten.
v. Gagern.
Gießen, den 1. Mai 1895.
Betr.: Erlaß einer Polizei-Verordnung für den Kreis Gießen, betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
Das Grvßherzoglichk Kreisamr Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 18. April d. Js. — Anzeiger Nr. 92 — im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von drei Tagen erinnert.
v. Gagern.
Bekanntmachum.
Am 25. April wurde bei der Kaiserlichen Poftagentur in Heuchelheim eine Telegraphenanstalt mit Fernsprechbeirieb eröffnet.
Darmstadt, am 26. April 1895.
Der Kaiserliche Ober-Postdirector.
Clavel.
Bekanntmachung,
betreffend Abhaltung landwirthschastltcher Vorträge.
Herr Landwirthschaftslehrer Leit Higer in Alsfeld wird Sonntag den 19. Mai l. I., Nachmittags 3 Uhr, zu Watzenborn-Steinberg in der Wirthschast zur Wilhelmshöhe bei Herrn Balth. Schneidmüller einen Vortrag über die Gründ,.ng von Viehzuchtvereinen durch die Gemeinden halten.
Zu diesem Vortrage werden alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Bezirksoerems und Localvereins, sowie alle Freunde der Landwirthschast hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister von Watzenborn und der benachbarten Gemeinden werden hierdurch ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, den 29. April 1895.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Carl Jost.
totales unö LrovinzLelles,
-n. Reichelsheim, 2. Mai. Bei dem Umbau deS dem hiesigen Landwirth Friedrich Richter gehörenden Wohnhauses wurden neben einer Fundamemmauer, in einer Reihe stehend, 18 Silber- und Kupfermünzen gefunden. Sie haben die Größe von Ein- und Fünimarkstücken und stammen aus der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Stücke sind noch im Besitze des Genannten. — Unsere höhere Bürgerschule hat ihr neues Schuljahr mit 21 Schülern, von denen acht neu eintraten, begonnen. — Hier ist man eben viel mit dem Einsammeln der Maikäfer beschäftigt. Man richtet hierbei das Hauptaugenmerk auf die bereits blühenden Bäume, weil sie gerade hier stark ausfliegen und die Blüthen rasch absreffen.
§ Rieder-Moos, 1. Mat. Der hiesige OrtSvorstand hat die Genehmigung zur Abhaltung von Märkten erhalten. Der erste Markt findet am 7. Mai statt, Vormittags ist Ziegen- und Schweinemarkt, Nachmittags Krämermarkt.
§ Crainfeld (Vogelsberg) 1. Mai. Die von hiesiger Bememde bereits im vorigen Jahre geplante Wasserleitung von dem Haselbrunnen nach unserem Orte wird letzt in Angriff genommen; der Bauführer ist bereits hier
eingetrvffen. DaS Unternehmen ist von großem Vorthetl für unsere Bewohner und wird dadurch einem allgemeinen Be- dürfniß abgeholfen, kenn die hiesigen OrtSbürger mußten in den trockenen Jahren 1892 und 1893 ihren Bedarf an Master außerhalb des Ortes au« einem Bache mittelst großer Wasterfässer herbeiholen, im Winter bet grimmiger Kälte. Die Wasserleitung wird so eingerichtet, daß jedes Wohngebäude angeschlossen werden kann.__________________________________
Vermischtes,
* Berlin, 30. April. Eine für die auswärtigen Besucher der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 wichtige und für den Erfolg der Ausstellung einschneidende Frage ist soeben entschieden worden. Der geschäftsführende Aus' schuß hat den Beschluß gefaßt, daß die Ausstellung bis zu spätester Abendstunde — mindestens bis 9, wahrscheinlich aber auch bis 10 Uhr — geöffnet bleiben soll. So berechtigt die finanziellen Bedenken waren, welche dagegen sprachen, daß der Etat durch die Kosten der electrischen Beleuchtung und die erhöhte Besoldung deS angestellten Per- sonalS durch baß lange Offenhalten beträchtlich erhöht werden würde, so hat doch die Uebcrzeugung den Ausschlag gegeben, daß eine Ausstellung, welche berufen ist, in erster Reihe erziehlich und belehrend zu wirken, nicht zu derjenigen Stunde ihre Thore schließen darf, in der die werkihätige Bevölkerung bis weil hinein in die breiten Schichten des Mittelstandes erst die Zeit findet, die Ausstellung zu be suchen. Ist der Entschluß schon im Jntereffe der einheimischen Bevölkerung mit Freude zu begrüßen, so ist er wohl auch mit Rücksicht auf die Besucher von außerhalb gefaßt, deren Zeit begrenzt ist und denen nun Gelegenheit geboten wird, jede Minute für den Besuch der Ausstellung auszunutzen. Die öffentliche Meinung hat sich denn auch sehr befriedigt über den betreffenden Entschluß geäußert.
* Vom großen Loose der preußischen Lotterie. Eine sehr richtige Wahl hat diesmal Frau Fortuna mit Bezug auf die Gewinner des großen Looses getroffen: Lauter kleine Leute sind die Glücklichen! DaS LooS gehört in eine Berliner Collecte und wird in zehn Zehnteln gespielt. Die Gewinner sind Steindrücker, Postschaffner, Kaffenboten, Wäscherinnen u. s. tu. Jeder Besitzer eines Zehntel - Antheils erhält 42,100 Mk. baar ausgezahlt. Verschiedentlich freilich find diese Zehntel noch w her getheilt, allenthalben aber herrscht bet den Gewinnern große Freude.
* Eine neue BeleuchtnngSart. In Berlin ist äugen- • blicklich in den Verkaufsräumen der Neuen Gaßglühlicht- ! Gesellschaft, Leipzigerstraße, eine Glüh licht lamp e ohne | Gaßzuleitung ausgestellt, welche allabendlich das Interesse ■ der Vorübergehenden in hohem Grade erregt. Obgleich die i Idee, welche diesen Lampen zu Grunde liegt, nicht neu ist, auch schon verschiedene vergebliche Versuche gemacht worden ( find, daß eigentliche Princip zu verkörpern, so muß die vor- । liegende Ausführung immerhin als Fortschritt auf diesem j Gebiete angesehen werden. Die Behauptung jedoch, daß das erzeugte Licht dem des Steinkohlengaslichtes völlig gleich : fei, widerlegt sich schon zur Genüge bei einem oberflächlichen ! Vergleich mit den ebenfalls ausgestellten SteinkohlengaS- i lampen. Die Campen ohne Gaßzuleitung werden mit Brenn- : fpirituß gespeist; hieraus ergibt sich schon, daß die Leucht- ! kraft keine so wünschenswerthe Ausdehnung erfahren kann, um Gasglühlicht ersetzen zu können. Außerdem ist es nicht unwesentlich, wenn eine Flamme pro Stunde 6 Psg. an Spiritus confumirt. Stimmt diese Berechnung, so ist ein pecuniärer Vortheil bei Benutzung dieser Lampen nicht erreichbar. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch nach dieser Richtung hin Verbefferungen geschaffen werden können. Ein in der Leuchtkraft, Einfachheit der Handhabung und in der Sparsamkeit des Brennstoffes bisher unerreichtes Gaßglühlicht j ohne Gaßzuleitung wurde nun von den Herren Müller j & Friedländer in Berlin durch einen ganz besonders con- ; ftruirten Apparat erzielt. Die Patente für alle Länder darauf ' sind bereits gesichert. Der Apparat ist ein überraschend ein- - facher und kann in Folge dessen bei allen Arten von Lampen, wie i Tisch-, Hänge-, Wand- und TranSparent-Lampen, Candelabern, • Kronleuchtern ohne Schwierigkeiten angebracht werden, j Jeder Laie ist sofort im Stande, die Lampen zum Leuchten zu bringen, weil selbst das Anzünden derselben auf die ein- j fachste Art, nämlich genau so wie bei gewöhnlichen Gas- lampen, oberhalb des Cvlinders, ohne dessen vorherige Abnahme geschieht. Beschädigung der Glühkörper durch Ab- nehmen der Cylinder ist somit ganz ausgeschloffen. Als Leuchtstoff wird ein flüssiger Kohlenwasserstoff verwendet, welcher schon infolge seines größeren Gehaltes an Kohlenstoff eine bedeutend größere Leuchtkraft gicbt als Brenn
spiritus. Von Fachleuten der Beleuchtungßbrauche wurde daß Licht als intensiver erklärt alß das des SteinkohlengaseS. Das L'cht ist ein blendend weißes und ruhiges; die Unterhaltungskosten stellen sich für eine Flamme pro Stunde nur auf einen Pfennig; infolgedessen ist selbst für (lange Brenndauer nur wenig Leuchtstoff erforderlich. Die Erfinder gedenken ihre Lampen demnächst auszustellen und stehen mit einer renomirten Gesellschaft für Beleuchtung wegen Ausnützung ihrer Patente in Verbindung. — (Mitgetheilt vom Internationalen Patentbureau Carl Friedrich Reich eit, Berlin NW.)
♦ „Schlechte Zeiten." Im „Würzburger Journal" befindet sich folgende Betrachtung: „Die werkthätigen Freunde der Tageßliteralur werden immer seltener. Desto mehr freut eß uns, hie und da noch einen dieser edlen Männer zu finden. So schreibt das Schweinfurter Tageblatt: „Herr Bierbrauereibesitzer Heinrich Schubert hatte auch beute wieder, wie so manches Jahr, die Güte, unß durch Heber» fendung eines Bundes der er st en Sp ar gel, schöne kräftige Exemplare, zu erfreuen. Wir werden unß dieselben unter bestem Danke für den edlen Spender gut munden lassen." In Würzburg schickt man den armen Zeitungsschreibern höchstens einen verfrühten Maikäfer oder einen Schmetterling, der sich im Datum geirrt hat. Von Spargeln, und wenn sie so hoch und so dick wüchsen wie der Neubauthurm, fällt es keinem Menschen ein, einer „hochgeehrten Redaction" die Erstlinge zu opfern, von den ersten Gurken, Bohnen und anderen Gemüsen, von den ersten Feldhühnern, Hasen, Schnepfen und anderen Feldfrüchten gar nicht zu reden. Schlechte Zeiten!"
* Unglückliche Liebe zu einer Taubstummen hat einen jungen ungarischen Gutsbesitzerssohn NamenS Dörmeh in den Tod getrieben. Vor Kurzem zeigte ihm ein Freund, dem er über seine Einsamkeit klagte, die Photographie eine- bildschönen Mädchens. Dörmey war von dem Bilde derart bezaubert, daß er nicht eher ruhte, alß biß er im Hause deS Mädchenß eingeführt war. Daß Original erschien ihm noch weit schöner alß daß Bild und so hielt er rasch entschlossen bei den Eltern um die Hand der Tochter an, ohne mit letzterer auch nur ein Wort gewechselt zu haben. Nun erhielt er die niederschmetternde Mittheilung, daß die junge Dame taubstumm sei. In Folge deffen trat er zurück: die Sehnsucht nach jenem Mädchen ließ ihn jedoch nicht ruhen und er entschloß sich nach einiger Zeit, die Werbung zu wiederholen. Seine Eltern setzten aber der Heirath mit einer Taubstummen entschiedenen Widerstand entgegen und der Kampf zwischen Liebe und Kindeßpflicht brachte in dem jungen Manne den Entschluß, auß dem Leben zu scheiden, zur Reife. Er ritt an eine entlegene Stelle des Gutes, jagte sich eine Kugel durch die Schläfe und fiel tobt vom Pferde, daß herrenlos nach Haufe kam.
* Das Wachsthnm der Städte. Vielfach ist die Ansicht verbreitet, daß die Städte in den Vereinigten Staaten viel schneller wachsen, alß in Deutschland. In einzelnen Fällen ist baß ja wohl richtig, besonders da, wo eß sich um Neu- gründungen handelt. Am schnellsten ist Chicago emporgewachsen, welches bei der ersten Bürgermeisterwahl im Mai 1839 nur 4176 und im Mat 1894, also 55 Jahre später, 1,567,727 Einwohner hatte. Im Uebrigen haben aber die Großstädte Deutschlands ebenso schnell und noch schneller zugenommen als die Industrie- und Handelsplätze der Vereinigten Staaten. Wir nennen hier eine Anzahl Städte und führen die Einwohnerzahl derselben nach früheren und jetzigen Zählungen auf:
Newyork Berlin Boston
1870 950,000, 1890 1,215,301,
1870 800,000, 1890 1,579,244,
1875*342,000, 1890
488,477,
Hamburg
1875 263,540, 1890
568,666,
Baltimore
1880 332,312, 1890
434,439,
Leipzig
1875 127,000, 1890
367,147,
St. LouiS
1880 350,000, 1890
452,770,
München
1880 230,000, 1890
350,594,
Cincinnati
1880 255,139, 1890
296,908,
Breslau
1880 272,000, 1890
335,186.
Diese vergleichende Zusammenstellung könnte noch be-
deutend verlängert werden. Die Einwohnerzahl von Milwaukee, Clevekand, St. Paul, New-OrleanS, Indianapolis und Detroit hat nicht so schnell zugenommen wie die von Köln, Dresden, Magdeburg, Frankfurt a. M., Hannover, Elberfeld, Barmen und vielen anderen deutschen Städten. Die Bevölkerungszunahme der deutschen Städte erscheint noch beachtensweriher, wenn man erwägt, daß Deutschland an einer starken Auswanderung leidet, während in den Vereinigten Staaten ein starker Zuwachs der natürlichen Zunahme durch Einwanderung statifindet.


