Ausgabe 
3.11.1895 Zweites Blatt
 
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Der fUjaur Aazeiger erscheint täglich, it Lu-nahme de» Roatag«.

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Zweites Blatt. Sonntag den 3. November

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Vennrsehte».

*Wenn der Herr ein Kren- schickt." Wenig bekannt dürfte die Geichichte des Chorgesanges len, der bei der Ein­weihung der Kaiser Friedrich-Gedäcktnifekirche in Berlin vor getragen wurde:Wenn der Herr ein Kreuz schickt, laßt eS uns geduldig trogen." Der Dichter dieses Gesanges »st ein 13 jähriger Knabe Feodor von Willich, der an derselben Krankheit litt, wie Käfer Friedrich, brm der jugendliche Dichter eS widmete. Der Kaiser war von dieser Widmung so gerührt, dafe er die Dichtung dem Hofcaprllmelfier Radrcke zur Composition übergab. Feodor von W lltch erlag gleich Kaiser Friedrich der unheilbaren Krankheit. Hoscap-ttmeister Radecke starb an einem Schlaganfalle in der Droschke bei der Heimfahrt vom Schöneberger Ufer. Alle drei haben also bereits daß Zeitliche gesegnet, der Dichter des Gesanges, sein Componist und der Kaiser, dem er gewidmet war.

* Da» Portemonnaie der Kaiserin. Gelegentlich der Ent­hüllung des Kaiserin Augusta-DenkmalS mÖoe hier noch ein hübscher Zug der hohen Frau Platz finden, der ein hclleS Licht auf ihren nur auf die Wohlthätigkeit gerichteten Blick und auf ihre in dieser Beziehung geradezu vorbildliche Lhätigkeit wirft. Im Winter de« JahreS 1871 besuchte die Königin die Volksküche, welche der Verein der Berliner Volks- küchen versuchsweise im Asyl für obdachlose Flauen während deS KriegSjahreS eingerichtet hatte. Bei dieser Gelegenheit Überreichte die hohe Frau ter derzeitigen Vorsteherin Frau Lina Morgenstern ein kleine« Elfenbeinportemonna e mit den Worten:Verwenden Sre den Inhalt für die Dienftleute, die Krankenkasse und zur Armenipeisung und schicken Sie eS gelegentlich zurück." Wenige Tage darauf sandte eS die Empfängerin an die Königin zurück mit der poetischen Devise: Du kleines Portemonnaie begleit' auf ihren Wegen die königliche Fee zu aller Armen Segen." So ost nun die edle Fürstin die Vo.keküchen besuchte, lieh sie da« Por­temonnaie mit den Worten:Hier, nehmen Sie den alten Freund" in die Hände der Frau M. gleiten, und stets war der Inhalt in sorgfältigster Be,p ckung mit der Aufschrift: 90 Mark für die Krankenkasse teS Dienstpersonals, 60 Mark zur Speisung Armer und 30 Mark für die Dienstboten der

besuchten Küche. Da daS Portemonnaie stets von Neuem der Kaiserin mit einer poetischen Strophe übersandt wurde, und die hohe Frau den kleinen verfificirten Begleitzeilen gern ein besondere- Plätzchen in demselben gönnte, so entstand bald eine ganze Sammlung BolkSküchen-Dichtungen. DaS historische Portemonnaie, welches nach dem Tode der Kaiserin der Frau Lina M. wieder zugestellt wurde, ist für diese eine bleibende und werthoolle Erinnerung.

Guben, 27. October. Ein taubstummer Mörder stand vor dem hiesigen Schwurgericht. Der Gartenarbeiter Hübner auS Starzeddel hatte im Juli dieses JahreS seinen Vorgesetzten, den prinziich Carolath'schen Obergärtner Rink in Amtitz ermordet. Zu der zwei Tage währenden Ver­handlung war ein der Zeichensprache mächtiger Dolmetscher zugezogen. Nach den Angaben HübnerS war er mit dem Obergärtner Rink, der auf einem Besichtigungsgange ihm wegen verschiedener Ungehörigkeiten Vorwürfe gemacht hatte, in Streit gerathen/ von Rink vor die Brust gestoßen und mit dem Messer bedroht, habe er sich gewehrt und beim Ringen den Obergärtner mit dem Messer, daS er demselben entwunden, erstochen. Hübner giebt zu, daß er die Leiche des Ermordeten beiseite geschafft habe. Die Geschworenen bejahten die Schuldfrage auf Todtschlag, verneinten aber die Frage, ob die That mit Ueberlegung auSgesührt sei. Hübner wurde zu acht Jahren Z-chthaus verurtheilt.

Seltsame Frömmigkeit. Von dem Schwurgerichte in Münster wurde vor einigen Tagen ein Ackerer zum Tode verurtheilt. Er hatte ein Dienstmädchen überfallen und zu vergewaltigen versucht. Als es sich wehrte, und um Hilfe rief, schnitt er ihm mit seinem Taschenmesser die Gurgel durch, wusch sich daS Blut ab, begab sich an die Arbeit und machte zwei des Weges kommende Jager auf die in der Nähe seiner Arbeitsstelle liegende Leiche aufmerksam und begab sich mit den Beiden auch ruhig an den Ort der That. In der Verhandlung vor dem Schwurgerichte wurde, der BerlinerBolkSztg." zufolge festgestellt, daß der Mörder dem"chen nach der That das Portemonnaie auS der Tasche zog und eine Mark daraus entnahm, um eine Messe für die Seelenruhe seines Opfers lesen zu lassen.

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wie folgt:

Großbritannien (ohne Colonien)

Frankreich 1892

Deutschland 1888

Rußland 1888

Oesterreich-Ungarn 1890

Spanien 1888

Italien 1889

Belgien 1892

Niederlande 1892

Türket 1888

Rumänien 1888

Schweiz 1888

Portugal 1888

Schweden 1885

Dänemark 1880

Norwegen 1884

Vereinigte Staaten 1890

Literatur und Aunst.

Der NationalretckUtzum der «»lturv-tt«*. Unter sorgfältiger Berückstchttgung der Ctnkommensteueritsten, der jährlich zur Taxation kommenden ErblchaftSmasscn usw in allen Kultur­ländern bat ein französischer Statistiker eine Verglelchstabelle über den Nationalretch hum der verschiedenen Völker aufaeü.ll', die Inder bekannten F-milienzeitschrift ,3nr Gute« »t««d«" (Berlin W., Deutsches Ve-lagShauS Bong & Co, Preis des VierzehntagShefteS 50 Pfg) in einem Intendanten Artikel näher beleuchtet wird. Der Nattonalreichthum daS baare Geld, daS n»türlich nur einen kleinen Beftandtheil bUbet, eingeschlossen vertheilt sich danach

Canada 1888

Australien 1888 27

Im Großm und Ganzen soll sich ein beträchtliches Anwachsen des V rmögenS aller Völker constattren lassen. AuS dem weiteren Inhalt des retchhal'tgen HesteS der beliebten Zeitschrift ist besonder« d'e RobertS'fche E'zädlung auS dem deutsch-französischen Kriege : Schlachtenbummler- hervorzuheben, die weitaus daS Feinste und Packendste ist, was die neuere Belletristik über den großen Krieg bervorgebrach' hat. Rühmend anzuerkennen ist auch die neue Aus­stattung der beliebtenKlassiker Bibliothek", von der je eine L-eserung den Heften gratis beilregt. In Hans «oofchen ist für EtchendoissS Gedichte, die gegenwärtig in der Bibliothek erscheinen, der richtige Illustrator gefunden worden, der die in den Gedichten liegende ©ttmmuna meisterlich auch in seinen Bildern wiederzugeben weiß.

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Bankgeschäft

S. Klein

GIESSEN

Marktstr. 4.

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Feuilleton.

Die zweite Frau.

So, nu setze Dir hier hin un warte, bis uffjerusen wirft. Wische Dir aber erst Deine thranigen Dogen wat auS, ick habe Dir ja een reinet Duch injestochen!" ES war nicht etwa ein Vater oder eine Mutter, die diese Ermahnung einem Kinde zu Thetl werden liefe, nein, eine Frau war eS, die so mit ihrem Ehemanne auf dem Eorrtdor deS Gerichts­gebäude« sprach. Aber was war daS auch sür eine Frau! Allerdings, klein war sie nur, aber Energie sprach aus ihren Zügen und Augen, klang aus jedem Wort heraus, das aus ihren etwa« zusammengekntffenen Lippen kam, machte sich in jeder Bewegung geltend, die sie mit Körper und Gliedern auSführte. Und nun der sogenannte Maun! Auf dem grofeen Körper saß ein Kopf mit einem Gesicht, welches völlig nichtssagend gewesen wäre, wenn es nicht den Hang zu geistigen Getränken verratheu hätte. Der SchnapS und die Frau schienen ihm jede Willenskraft geraubt zu haben. Ge­horsam wischte er sich mit einem reinen Tuch die allerdings sehrthranigen"'Augen aus. ES dauerte nicht lange, bi« er aufgerufen wurde. Er ist angeklagt. Ein GerichtSdiener öffnet ihm die Thür zum Anklageraum. Die Frau hält sich dicht neben ihm, auch sie drängt sich hinter ihm in den An klageraum. Bors WaS will denn die Dame da? Wir haben in dieser Sache doch nur mit einem männlichen An geklagten, dem Rentier Wilhelm Krause, zu thun.Un irk bin mit ihm oerheirath, un wo mein Mann bleibt, ta bleibe ick ooch. Mir kriejen (eene zehn Ferde von seine Seite weg." Und m t einer sehr energischen Bewegung setzt sie sich hin. Bors.: Nun, ich habe ja nichts dagegen, bleiben Sie meinetwegen sitzen. Angeklagter, Sie sind der schweren Körperverletzung beschuldigt. Sie räumen die Thal wohl ein? Die Frau: Nee, er nich schuldig. (Auf­springend) Er Hot überhaupt jarnischt inzuräumen. Vors.: Nun hören Sic mal. Was fällt Ihnen denn ein? Wenn Sie noch einmal einen Ton reden, dann lasse ich Sie hinaus bringen.IS jut, denn setze ick mir wieder hin, aber Sie werden mir hernach dankbar sin>, wenn ick rede. Die Herren können denn man jleich uft M'ddag' un uft Abend bi ob verzichten. Bors.: Angeklagter, wie alt sind Sie? Angekl.: Aaaaaacht undundundund

undund vierzig Jahr. Bors.: Gott bewahre, Sie stottern wohl? Angeki.! So'nfo rtfo'nso'nso'n bisbiß bisbiß bisken. Vors.: D7a, ich danke. Mit Ihnen werden wir wohl nicht weit kommen. Ist es immer so schlimm mit Ihrem Mann, oder gibt sich bald, wenn er länger spricht? Die Ehefrau: Sehen Sie wohl, nu müssen Sie mir schon kommen. Nun, bet jiebt sich jarntch, in Jejendeel, bet wirb immer böller, wie jesagt, vor zehne heite Abend werden Sie nich mit ihm fertig. Wenn ick ihn an- kieke, bet er benn man feen Sterbenswort raußfriegt. Aber ick weefe so jenau mit bie janze Jeschichte Bescheed, bet ick uf AllenS Auskunft jeden kann. Vors.: Nun denn er­zählen Sie mal. Die grau: Sehen Sie, icke bin seine zweete Frau. Mein seliger Mann war Wachtrneester. Wat seine erste Frau jewesen is, hat ihm vtlle zu bitte Witten jdaffen, ick habe ihn sozusajen in völlig verdorbenem Zustande iebernommen, indem er kurz jehalten un immer mit Kandare jeritten wer'n muß. Denn er 's eene Nulpe, der eene un- jlückliche Leidenschaft für den Schnaps hat. Un wat seine Freunde sind, die freuen sich darieber, wenn sie ihn mir in völlig rechnungsunfähigem Zustande uff'n Flur lejen können. Ick bin schon deshalb mit ihm in diesem Sommer nach Lichterfelde jezogen. An eenem schönen Julidag mufe ick ihn atteene nach Berlin fahren lassen, weil er wat besorjen mufe un ick wejen jrofee Wäsche nich abkommen kann. Ick jede ihm bet Fahijelb un noch fünf Jroschen extra mit, benn alß Mann mufe er boch öftreren können. Dabei prernse ick ihm in, bet er mir ooch in'n anftänbigen Zustand nach Hause kömmt. Jawoll, bet wirb nevne, bet wirb zehne, bet wird elfe, mein Willem kommt nich. Er kommt ooch nicht mun letzten Zug Det war eene schreckliche Nacht für mich. Am andern Morjen jejen achte rum kriege ick eene Depesche auS Dresden.Sch'cke mir jleich per Telegraf 30 Mk. Dein Wilhelm." Mein Jott doch, denke ick, wie kömmt mein Mann nach Dresden? Da stand noch in bie Depesche etn, bet ick bet Jeld postlagernb Bahnhof DreSben schicken sollte. Ick benke, btt bet am besten wäre, wenn ick selbst Hst,fahren bbäte un mir bett olle Unglückswurm wiederholte. Nach mittags um zwee Uhr steige ick schon in Dresden aus. Ratierlich wende ick mir zuerst an den Inspektor. AIS ick ihm sage, wer ick bin, lacht er fo'n biskrn un meent benn: Ja, mit Jyrem Mann haben die Leite sich wohl eenen Spaß erlaubt. Er kommt hier an un sieht sich wirr us'n

Bahnhof um un meent, er iS in Lichterfelde und jeberdet sich so sonderbar, bat ick ihn zuerst arretiren lassen wollte. Sein Bittet war aber in Orbnung jewesen. Ick habe mir ben Schaffner heranholen lassen, un ber sagte mir, bet am Abend vorher zwee Herren Ihren Mann nach Anhalter Bahnbof in Berlin jebracht hätten un ihr Mann wäre stark bet. unken jewesen. Un sie hätten ihn in eenen Wajen in bie Ecke jesetzt un hätten bem Schaffner jesagt, er möchte itjn dis Dresden man ruhig schlafen lassen un hätten dem Schaffner jleich fein Bittjet jcjeben, wat ooch bis Dresden jelöft war. So hat er denn ooch richtig biß Dreßdeu je- fd)lafen.Un wo kann ick ihn denn jetzt in Oogenschein nehmen?" frage ick den Jnfpector. Die Nacht teber hat er hier in'n Wartesaal jeiessen un jeschlafen un heite Morjen hat er uf meinen Rath an Ihnen nach Jeld depeschirt. Al« Sie aber bis Mittag noch nischt jeschickt hatten, da hat er feine joldne Uhr un Kette für 30 Mark versetzt un mit dem Ein Uhr-Zug nach Leipzig jesahren, wo er jawoll eene Schwester zu wohnen hat." Ick bin starr un kann bloß noch sagen: Ick danke Ihnen, Herr Jnfpector. Abend« bin ick doch in Leipzig. Aber alß ick an bie Wohnung von meine Schwägerin ranfomme, t« Allen« dunkel un der Ponjeh lagt, fte wäre verreist. Da wäre am Nachmittage schon etn Herr jewesen, der mächtig nach Schnaps jetochen hätte, der hätte ooch nach >hr jefragt. Ick sage, jawoll, den kenne ick un jehe voller Wuth wieder weg. Den andern Mittag bin ick wieder in Lichterfelde. Mein Willem war ooch wieder da, er lag in t Bette un hatte mächtig mit Schnarchen zu dhun. Us'n Abend haben wir unß denn jejen* ftuig ausgesprochen, un den andern Dag mutzte ick mir eenen neien Beier.stiel koofen, während Willem immer wat von Scheiden lassen sprach. Warum weefe ick mch. Nach drei Dage >ß er wieder nach Berlin jesahren un wie ick man jrySrt habe, soll er mit dem Klempner Schulz abjerechnet Haven, der ihn nach dem Bahnhof jebracht un det Bittet für ihn nach Dresden jelöft hat. Schulz sott en bisken jeblutet haben. So ist die Jeschichte. Durch die Beweisaufnahme wird oargethan, dafe der Angeklagte dem Zeugen mit einem BterglaS auf den Kopf geschlagen hat, als dieser ihn höhnisch fragte, wie ihm in DreSben gefallen habe. Der An­geklagte soll 30 Mark Strafe zahlen.Komm Willem!" Da geht sie mit ihm hin.