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Samstag den 2. November
Zweites Blatt
Nr. 258
Gießener Anzeiger
Kmerat-Mzeiger.
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Der tUfcxtx Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montag«.
Die Gießener
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vierteljähriger ASonnementspreiOr 2 Mark 20 Pfg. «iS vringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pf-.
rlints- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
chratisöeitage: chießmer Aamitienötätter
Annahmr von Anzeigen zu der Nachmittags für bat folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Lureaux deS In» und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganze»
Conttoltages bis einschließlich Mtternacht unter dem
Militärgesetz.
Gießen, den 12. October 1895.
Grobherzogliches Bezirks-Commando.
Detring, Oberstlieutenant und Commandeur der Landwehr- Bezirks Gießen.
Aintlicher Theil.
Gießen, am 15. October 1895.
Betr.: Herbst-Controlversammlungen.
Das GrotzherzogUche Kreisamt Gießen e* W Gr-Ttz. BfaretrmdlUteU* des SMUi.
Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen laffen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Bei den diesjährigen Herbst-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmeldeamt Gießen gehörigen:
1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve (Anzug: Helm, Waffenrock ohne Schärpe).
2) Reservisten, sowie zur Dispofition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlassenen aller Waffen.
3) Diejenigen, der Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstcontrolversammlung zu- gegangen ist.
Die Ersatz-Reservisten haben bet der Herbstcontrol- Versammlungen nicht zu erscheinen.
Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Tontrolpflichtigen anzutreten haben:
A. Zu Gießen
am 4. November 1895
in Oswalds Gatten für die Bewohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenderg und Herrnwald, Heuchelheim, Klein-Linden, Oppenrod.
1. Appell Vormittags 8 Uhr
Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve sowie sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1888, 1889 und 1890 eingetreten sind.
2. Appell Vormittags 10 Uhr: . .
Sämmtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1891, 1892,1893, 1894 und 1895 eingetreten find.
3. Appell Nachmittags 2 Uhr: _ .
Sämmtliche Reservisten der Garde, Jager, Cavallerie, Feld, und Fuß-Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luft- schiffettruppen, des Trains (einschl. Krankenträger), SamtatS- und Veterinärpersonals, Büchsenmachergehülfcn, Deconomie. Handwerker, Marine-Mannschaften sowie sämmtliche zur Dis- Position der Truppentheile und der Ersatz-Behörden ent laffene Mannschasten aller Waffen und alle übrigen tm Reserve-Verhätlniß stehenden Mannschaften.
4. Appell Nachmittags 3 Uhr 30 Minuten:
für die Bewohner von Allendorf a. d. Lahn, Großen-Lmden, Lang-Göns, Leihgestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.
B. Zrr Lollar
am 5. November 1895
Vormittags 9 Uhr neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Daubringen mit Heiberishausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.
C. Zu Grünberg
am 5. November 1895, Nachmittags 1 Uhr am Bahnhof für die Bewohner von: Allettshausen, Beltershain, Gells- Hausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neu. mühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommermühle, Kesselbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgenhammer, Strellesmühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhards- Hain, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirrberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickarts- Hain, Weitershain mit Hainerhof, Winnerod.
D. Zu Hungen
am 6. November 1895
Vormittags 9‘/i Uhr am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Mufchenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villmgen.
E. Zu Sich
am 6. November 1895
Nachmittags 3 Uhr am Bahuhof für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher- Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Meder.Bessingen, Ober-Besfingen, Ober-Hörgern, Steinbach.
Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Hauptmeldeamt) einzu- reichen und müssen durch die Bürgermttsterei bezw. bei Beamten durch die vorgesetzte Behörde beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten Nothfalle genehmigt.
Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher wegzulegen.
Die Mililärpapiere (Paß und Führungszeugniß) müffen zur Stelle sein.
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* Ballonfahrten au8 dem belagerten Paris. In Paris stiegen zur Zeit des letzten Krieges 65 BallonS auf mit 164 Personen, 381 Tauben, 5 Hunden und 10,675 Kilo- gramm Depeschen. Die bet weitem werthvollste Ladung von allen sührte der Ballon „La Bretagne" mit sich, der am 27. October 1870 freigelaffen wurde. Außer dem Führer befanden sich noch drei Personen an Bord, unter ihnen ein Bevollmächtigter deS Finanzministers Picard, Namens Manceau, der in seinem Portefeuille die gewaltige Summe von 7 Millionen Francs, theilS in Banknoten, theil» in Tratten, bei sich trug- das Geld war zum Ankauf von Waffen und Munition in Belgien bestimmt. Die Fahrt verlief für die Jnsaffen ungünstig. Als sie in der Nähe von Verdun landen wollten, bemerkten sie, daß sie mitten unter die Feinde gerathen waren- zwei von ihnen sprangen freilich rechtzeitig auf die Erde und konnten sich in einem Walde verstecken, aber als Manceau ihrem Beispiele folgen wollte, verletzte er sich beim Absprung ziemlich schwer. Von Bauern aufgefunden, wurde er von ihnen zum Pfarrer deS nächsten Dorfes getragen, dem er in der Befürchtung, den feindlichen Truppen in die Hände zu fallen, nicht allein daS Geheimnlß seiner Sendung, sondern auch die Banknoten und Wechsel deS Finanzministeriums an- vertraute. Kaum hatte der Geistliche die werthvollen Papiere verborgen, als sein HauS auch schon von deutschen Soldaten umstellt war, die den verwundeten Luftschiffer gefangen nahmen, ohne natürlich zu ahnen, welche reiche Beute ihnen entgangen war. Einige Ze t späte? begab sich der Pfarrer nach Brüffel und übergab die sieben Millionen dem dortigen französischen Gesandten, der dann ihrer Bestimmung gemäß über sie verfügte. Auch in Frankreich wurden die Einzelheiten dieser interessanten Begebenheit aus der Geschichte der Pariser Luftschifffahrt während der Belagerung erst vor wenigen Jahren allgemein bekannt, als der Pfarrer, der dem Staate 7 Millionen gerettet hatte, am Nationalfesttage (14. Juli) 1893 zum Ritter der Ehrenlegon ernannt wurde, „für außerordentliche, während des deutsch-französischen Kriege- geieisiete D'-'riste." __
Schiftsnaeh richten.
— Der Postdamoser „Roordland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 29. October wohlbehalten in Newyork angekommen.
Fenilleton.
Der gallische Heroencultus und £. Pasteur.*)
Don Georg Malkowsky.
Ein Volk, das seine Geisteshelden ehrt, ehrt sich selbst, und gerade wir Deutsche haben wenig Grund, andere Rationen ob der Befolgung eines Grundsatzes zu tadeln, den wir anerkennen, ohne ihn immer begeisterungsvoll zu bethä- tigen. Nun hat aber jede Aeußerung deS Nationalbewußt, seins - und als eine solche stellt fick tu HeroencultuS dar — auch eine negative Seite, deren Betrachtung zum Wider- spruche reizt. Wenn z. B. Frankreich nach der Ansicht der Franzosen noch immer an der Spitze der Civilisation einherschreitet, so drängt eS die übrigen Nationen in das zweite Glied, und so lange Paris als daS Centrum der Welt gilt, liegen alle anderen Städre an der Peripherie. Im Uebrigen ist die Selbstüberschätzung eine Eigenschaft, um die wir unsere Nachbarn jenseits des Rheines nicht zu beneiden brauchen. Dagegen will es uns durchaus nicht als wünschenSwerth erscheinen, daß wir uns die Werthschätzung der Franzosen zu eigen machen und über unS selbst schlechter denken, als wir e» verdienen. Prostffor Koch hat nach dem Tode L. PasteurS aa deffcn Gat in ein Beileidstelegramm gerichtet, trotz der feindlichen Stellung, die lange Zeit die beiden Gelehrten
•) Wir entnehmen obige interessante Beschreibung der bekannten Samili nieittorift „Zur guten Stunde" (Berlin ^., Deutsche- Verlagshaus Bong u Co., P-eiS deS Vierzehntagheftes 40 Plg.), welche es sich sehr angelegen sein läßt, neben ihrer reichen Fülle von Illustrationen., von spannenden Romanen und Novellen, ihrem Publikum auch in durchaus populärem Stile verfaßte belehrende Artikel zu bieten.
trennte: DaS ist ein erfreuliches Zeichen internationaler An- erkennung über das Grab hinaus. Die großen TageS- zeitungen haben dithyrambische Leitartikel über die wissen- schasttichen Thaten deS französischen Gelehrten gebracht und dabei vergeffen, daß diese zum nicht geringen Theile aus deutschen Forschungen resultirten: Das will uns des Guten ein wenig zu viel erscheinen, um so mehr, als Herr Pasteur auf unsere Achtung erheblich mehr Anspruch hat als auf unsere Liebe.
Nach Fr. v. Leffeps moralischem Tode war Profeffor Pasteur unbestritten „der erste Mann Frankreichs", eine Ehrenstellung, über die er gelegentlich schon unter dem Kaiserreich quittirte.
Pasteur und Duruh, der bekannte französische Historiker und Minister unter Napoleon III., begegneten eines TageS einander an der Fiakerstaiion und fuhren zusammen zur Sitzung der französischen Akademie. Am Ziele angelangt, gab Duruh dem Kutscher ein Fünffrancsstück. «Ich habe kein Kleingeld," sagte dieser. — „Dann behalten Sie daS Geld zur Erinnerung an diese Fahrt. Sie haben heute den größten Gelehrten dieses Jahthunderts gefahren." Sogleich holte Pasteur ein zweites FünsfrancSstück aus der Tasche. „So nehmen Sie das auch noch — denn Sie haben heute den größten Minister deS zweiten Kaiserreichs gefahren." — Seither ist das Kaiserreich in die Brüche gegangen und der eben erwähnte Kutscher hat nur die erste Hälfte feines Fahrgeldes mit Recht verdient. Pasteur ist seit mehr als zwei Jahrzehnten der verzogene Liebling seiner Landsleute gewesen, und mit dieser Liebe ist nicht zu rechten, denn sie ist eine wohlverdiente. Nur soll man von unS nicht verlangen, daß wir sie theilen, nachdem der große Gelehrte, sie mit untrer-
kennbaren Zeichen der Verachtung zurückgewiesen. Die ihm unsererseits angeblich angebotene Auszeichnung durch den Orden pour le merite“ — die französischen Nachrufe sprechen mit der oft bewiesenen Unkenntniß der Verhäitniffe vom Schwarzen Adlerorden — hat sich als Zeitungsente erwiesen. Dagegen hat man in dem Nachlaß deS Verstorbenen einen eigenartigen Beweis für feine Auffassung internationalen wissenschaftlichen Verkehrs gefunden. Er haue 1871 daS Doctor-Diplom, welches ihm 1868 von der medicinischen Facultät der Bonner Universität verliehen worden war, mit einem Schreiben zurückgesandt, daS die Barbarei und Heuchelei Derjenigen geißelte, die „in verbrecherischem lieber- muth daS weitere Gemetzel zwischen zwei großen Nationen zuließen". Die Depesche, in der die Bonner Universität „Herrn Pasteur ihre tiefste Verachtung" ausdrückte, fand man neben dem Großkreuz der Ehrenlegion aufbewahrt. Die ganze Angelegenheit ist keine besonders erquickliche, aber sie verdient immerhin als characteristisch verzeichnet zu werden.
WaS daS dankbare Frankreich für feinen großen Tobten thut, ist schuldige Pflichterfüllung, denn er hat dem französischen Weinbau durch den von ihm erfundenen Proceß deS „PafteurifirenS" unvergängliche Dienste erwiesen, er hat die Seidenraupenzüchterei seines engeren Vaterlandes durch die Erkennung der Fortpflanzungsweise der sie zerstörenden Mikroben gerettet, er sicherte die Viehzucht durch die im- munifirende Impfung gegen den Milzbrand und wurde zum „Wohlthäter der Menschheit" durch seine erfolgreiche Behandlung der Tollwuth.
(Schluß folgt.)


