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Zweites Blatt. Mittwoch den 2. October
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Bekannrmachmlß,
die landw. Winterschule zu Alsfeld betreffend.
Die land«. Winterschule Alsfeld beginnt ihren 24. Winter- cursus Mittwoch de« 6. November, Vormittags 11 Uhr. Indem wir hiermit zum Besuche desselben einladen, bemerken wir, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirthen diejenigen Fachkenntniffe, welche heute zur rationellen Bewirthschastung bäuerlicher Güter nothwendig find, in zwei fünfmonatlichen Wintercursen zu vermitteln. Zur Erreichung dieses Zieles lehren an der Schule zwei Landwirthschaftslehrer und vier Hilfslehrer. Die Schule ist mit einer reichen Lehrmittelsammlung zweckentsprechend aus» gerüstet.
Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis 20 Zähren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben; in den oberen Cursus nur solche, welche schon den unteren Cursus mit Erfolg besucht haben, oder welche Nachweisen, daß sie die Kenntnisse, welche der untere Cursus vermitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwirthe können als Hospitanten ausgenommen werden.
Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer, und müssen sich der Schulordnung unbedingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien und können Pensionen zu 30-40 Mk. pro Monat von dem Vorsteher der Schule, Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger, nachgewiesen werden. Das Schulgeld beträgt für das Wintersemester 25 Mk.
Anmeldungen sind an den Aufsichtsrath oder an Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger zu richten, welcher auch bereit ist, speziellere Anfragen zu beantworten.
Alsfeld, den 24. September 1895.
Der Aufsichtsrath der landwirthschaftl. Winterschule Alsfeld, v. Grolman.
Der Krieg von 187O|71,
zc schildert durch Ausschnitte aus ZeitungS-Nummern jener Zett.
(Nachdruck verboten.)
2. October.
Im deutschen Hauptquartier in Versailles find die bedeutendsten deutschen Minister versammelt. ES ist eine wunderbare Fügung deS Schicksals, nach welcher in dem Schlosse zu Versailles, angesichts der sranzöfischen Hauptstadt, die deutschen Staatsmänner unter dem Schutze der deutschen Bajonnette tagen, um die von Frankreich so lange
anqesetndete und gehinderte deutsche Einheit wieder herzustellen.
Endlich hat die Regierung in Tours die Capitulation von Straßburg eingestanden. In Bezug auf Lyon läßt sie die Nachricht verbreiten, „die Ordnung sei daselbst wieder hergestellt." Diese Kunde leidet an bedauerlicher Dunkelheit.
„Der Anblick der Mobilgarde von Lille stimmt mich traurig, wenn ich bedenke, daß Frankreich in wahnsinniger Verblendung glaubt, mit ihnen den Feind von seiner Scholle treiben zu können- Man nehme den ärgsten Strolch unter den Strolchen im Osten Londons, lasse ihn gründlich schwelgen und rolle ihn in diesem Zustande gehörig durch den Staub. Alsdann ziehe man ihm eine am Aermel mit ein wenig Roth ausgeschlagene Blouse an, gebe ihm ein Gewehr, mit dem er nicht umzugehen versteht, ein Bajonnet, von dessen Gebrauch er keine Ahnung hat, und Munition, die er nicht in seine Flinte zu laden weiß, lasse ihn ein« oder zweimal deS Tages in Parade vorbeimarschiren, störe ihn aber sonst so wenig wie möglich. Man gebe ihm ferner zu Vorgesetzten Offiziere, die nie gedient haben, die nicht comman- diren können und die der Mann gründlich verachtet. Wenn er keinen Dienst hat, das heißt während n/l8 seiner ganzen Zeit, so predige man ihm unaufhörlich von der Massenerhebung und bringe ihm den Glauben gehörig bei, daß er und seine Gesellen bestimmt find, den KriegSruhm Frankreichs wiederherzustellen. Und wenn man alles dies gethan, das bischen Fleiß, waS der Mann noch besaß, aus ihm herauSgetrieben und ihn zum faulen Stadtbummler gemacht hat, so hat man ein ziemlich erträgliches Muster von dem Material hergestellt, aus welchem heute die französische Mobilgarde besteht." Daily Telegraph.
— Ein Bild au8 dem Bauwesen. Gegen zwei Berliner Hypothekenmakler schwebt gegenwärtig beim Landgericht I. ein CivilProzeß, der jedenfalls auch noch zu einem Strafverfahren führen wird. Die Streitsache liefert ein interessantes Bild von dem Treiben gewisser Makler und zeigt, wie unter Umständen Bauunternehmer zu schwindelhaftem Thun geradezu gedrängt werden können. Der Maurermeister W. besaß in der Tempelhoser Vorstadt ein Grundstück und ließ darauf, um zur Vollendung anderweiter Bauten Geld flüssig zu machen, eine pupillarisch sichere Hypothek von 65,000 Mk. eintragen. Er wandte sich mit dem Hypothekendocument an einen ihm empfohlenen Director einer Actiengesellschaft Namens G. und dieser lieh ihm darauf 56,500 Mk. unter der Bedingung, daß am 1. Mai die volle Hypothekensumme von 65,000 Mk. an ihn zurückgezahlt werde. G. zahlte das
Darlehn in vier Raten vom 11. bis Ende Januar aus. W. verlor an der durchaus sichern Hypothek von vornherein 8500 Mk. Als nun aber der 1. Mat kam, konnte er nicht zahlen. Um eine Klage und die Subhastation seines Grundstückes zu vermeiden, bestimmte er seinen Hypothekengläubiger zu einer Prolongation bis zum 1. Juni. Für diese Galgenfrist mußte er an G. eine Prolongationsgebühr von 1500 Mk. zahlen. Am 1. Juni zahlte W. die 65,000 Mk. zurück - das Geschäft hatte ihn also grade 10,000 Mk. gekostet. Um aber die Hypothek einlösen zu können, hatte er sich an einen andern Makler Namens L. wenden müssen. Dieser führte ihm eine im halleschen Thorbezirk wohnende Wittwe zu, die ein Capital, wie das gewünschte, für ihre minderjährigen Kinder auszuleihen hatte. Nach den Angaben der Maklerfirma aber wollte die Wittwe auf die Hypothek nicht mehr als 56,000 Mk. geben. In seiner Noth bequemte sich W., dem sehr daran gelegen war, endlich eine feste, in mehreren Jahren nicht kündbare Hypothek zu bekommen, auch noch zu dem Opfer von 9000 Mk., indem er sich den Rest, der so nun zur Einlösung der Hypothek fehlte, anderweitig verschaffte. W. hatte also 10,000 + 9000 = 19 000 Mk. auf 65 000 eingebüßt, also ziemlich den dritten Thetl des ganzen Capitals in einem Zeiträume von noch nicht ganz dreiviertel Jahr. Hinterher erfuhr nun W., daß weder seine neue Hypothekengläubigerin Frau S., noch ein zur Verhandlung zugezogener Waisenrath sich je gesträubt hatten, für die Hypothek den vollen Betrag von 65,000 Mk. zu zahlen und daß sie auch wirklich gezahlt haben. Die Differenz 9000 Mk. hat die Maklerfirma in ihre Tasche gesteckt. Trotz aller Opfer, die er gebracht hatte, ist eS aber W. doch nicht gelungen, sich zu halten. Sowohl das Grundstück, auf dem die 65,000 Mk. standen, als auch noch andere EigenthumS- objecte sind ihm nach und nach verloren gegangen. W. hat unter Beweis gestellt, daß die Makler seine Nothlage gekannt haben. Die Ausbeutung ist um so bedauerlicher und verwerflicher, als fie nicht nur den Maurermeister ruiniert, sondern schließlich auch die Bauhandwerker geschädigt hat, die für diesen Arbeiten übernommen hatten.
* Gegen die Schädigung der Krautfelder durch die Raupen des Kohlweißlings schreibt der RittergutSbefitzer Mülmann- Lauterbach dem „Zwickauer Wochenblatte": „Ich bitte, den Collegen von der Landwirthschaft bekannt zu geben, daß gegen die Schädigung der Krautfelder durch die Raupen des Kohlweißlings ein Ueberstreuen mit Viehsalz sofort hilft. DaS Salz wird möglichst am Abend breitwürfig über das Kraut gesät, löst sich im Thau während der Nacht und daS Fressen der Raupen hört sofort auf. Eine Wiederholung des Verfahrens ist zu empfehlen, zumal wenn nicht alle Pflanzen getroffen worden sind.
Feuilleton.
„A bas les armes!“*)
Eine KriegSerinnerung.
Am 23. December, zwischen 5 und ö1/^ Uhr Nachmittag-, hatten wir rheinischen Jäger die in Becquemont - bei AmienS — eingedrungenen sranzöfischen Jäger über die Hallue-Brücke zurückgeworfen. Jenseits aber — im Darfe Daours — stießen wir von Neuem auf Widerstand - es waren Marinerruppen, die zu Hilfe kamen. Ein lebhafter Straßenkampf entbrannte — alle Häuser waren be- letzt, die Fenster verhängt — Thüren verrammelt. AuS allen Ecken blitzte es auf, aus jeder Oeffnung ragten die Mündungen der ChaffepotS.
„Oberjäger Krauß,**) säubern Sie mit Ihrem Zuge iie Straße, so gut eS geht!" — hatte mir mein Haupt- Man befohlen, auf die Dorfgasie zeigend. Kaum hatte ich die Aase hineingefteckt — zum Glück war ich allein zum Recog- mSciren vorgegangen — als auch hier ein halbes Dutzend Hchüffe knallten. Aber der Jäger muß sich zu helfen wissen. Stoor man sich den Kopf unnütz an der Mauer einrennt, sacht man einen Durchgang. Eine kurze Instruction an »eine Jäger und — ehe noch die Franzosen recht zum Amern kamen, hatten wir mit den Kolben ein paar Thüren eingeschlagen und kamen den Burschen von rückwärts auf dm Leib. An der Gartenseite entlang gingS von einem
*) Aus dem Werke: „Wie wir unser Eisern Kreuz ctmerbcn*. von Friedrich Freiherr von Dincklage-Campe, Berlin. Hnlaa von Richard Bong.
**) Oberjäger Krauß diente 1870/71 beim 8. Jägerbataillon, Men 2. Compagnie er einige Jahre spater alS Feldwebel führte. 6t ist, wie der „Wetzl. Anz." mitthettt, ans Ehringshausen Irtirtig.
Hause zum andern. Ueberall Thüren eingerannt und „a bas les armes!" So überraschend drang ich mitunter ein, daß nicht einmal mehr ein Schuß fiel — freilich mitunter hieß eS auch zugreifen oder zuhauen.
Haus für Haus wurde gestürmt — „ä bas les armes — prisonniers!“ Wer mein Französisch nicht verstand, dem wurde Sprachunterricht auf gut Deutsch gegeben. „A bas les armes!“ Viel mehr sagte ich nicht, aber — daS genügte. Fast die ganze Straße war gesäubert, zwei Offiziere und 70 Mann Gefangene waren schon durch einige Jäger zurücktranSportirt. Da — ja, da wäre mirS zuguterletzt fast doch noch schlecht ergangen.)
Eben hatte ich wieder so einen Bau auSgeräuchert, als athemlos ein Jäger meldete, eine Abtheilung Mariner hätten daS HauS besetzt und wären im Begriff — — Ich ließ ihn nicht ausreden. „Mir nach!" rief ich den Jägern zu, „wir werden unS schon nicht einlappen lassen!" Und unten — da kamen sie uns schon entgegen in dickem Haufen. „Halte 1A!" rief mir so eine Blaujacke entgegen — ich glaube, es war ein Offizier — und hob seinen Säbel dabei in die Höhe. Aber ich hatte noch eine Patrone in der Büchse — darauf hatte er nicht gerechnet. AlS die braven Seeleute ihn niederfinken sahen, dicht an der Thür, mochte ihnen doch das Preußenfieber in die Glieder fahren. Wohl hörte ich noch ein paar Kugeln pfeifen, aber meine Jäger waren auch nicht foul — jeder Schuß ein Mapr«. Und — wenn der Feind flieht, wächst der Muth.
Wie das Donnerwetter waren wir dann hinter ihnen, — gar zu eilig, denn bald mußte ich erkennen, daß ich in die Bucht gelaufen — allein — und daß mir kein anderer Ausweg blieb, wie über einen breiten Mühlgraben. Ein Hagel von Geschossen — als ich über den schmalen Balken balancirtt, der schließlich auch noch brach. Zum Glück kam ich auf die Beine zu stehen. Zum Befinnen war keine Zeit.
Also im Bache entlang, niedergebeugt — Schutz zwischen den Ufern suchend — aber; bis an »den Bauch im Wasser — wohlbemerkt Winterwasser. — Der Hereinsall war vielleicht meine Rettung, denn bald kam ich in Deckung und verließ meinen nassen Weg. Aber Gott sei Dank, eS waren keine deutschen Jäger, die schossen, — sonst hätte ich nicht zur Nacht meine fast erfrorenen nassen Beine am Biwakfeuer trocknen können, hätte nicht meine Gefangenen noch einmal begrüßt, hätte ».nicht mein Eisern Kreuz 25 Jahre als Erinnerung an die Hallue getragen und — wäre nicht heute ein froher Waidmann und königlicher Förster zu ForsthauS Dauborn.
* Manöverbrief. In Goldap erhielt ein Quartier- wirth nachstehenden Brief eines Königsberger Grenadiers: „Ich Muß meine beste Dank über das Schehne Kwatiehr das wiehr gehabt haben aus Sprechen dehn wir Sint alle Sehr zufrieden gewesen. Den wiehr haben mehr Bekohmen als wir zu Beanspruchen haben. Nur Eihnö hat uns niecht gefahlen. Dehn dehr Herr und die-Frauh sehr verrickt finnt getobten wehn mahl Einer mit dehn Mädchen gesprochen hatte. Aber sonst im großen Ganzen fient sehr zu Frieden und hinter Lassen dehn Beste Dank. Ts unter zeichnet Sich Ein Deutscher Grenadier Dem die E . . . . (Name der Zofe) sehr gefiel."
* Richt zu verblüffe». Junger Mann (die Tochter deS Hauses beim Abschied küssend): „Hier ist also ein Kuß für Ihre liebe Mama und hier ein Kuß für Ihre kleine allerliebste Schwester." — DaS Fräulein (entrüstet): „Aber, Herr Schmidt, Sie vergessen fich!" — Junger Mann: „Sie haben recht, Fräulein Anna. Alf, hier ist noch einer für mich selbst!"


