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2.7.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 152 Zweites Blatt. Dienstag den 2. Juli

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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme beS MontagS.

Die Gießener AnmikienVlätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

Lierteljähriger Avonnementsprelsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

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Amts« und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Hratisöeikage: Gießener Iamikienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« jo kg enden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

All: Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Arntlirhrn Theil.

Bekamltmachmlg,

betreffend den Umbau der Bieberbrücke im Ort Heuchelheim.

Die im Ort Heuchelheim befindliche Brücke über die Bieber wird von Dienstag den 2. Juli l. Js. ab bis auf Weiteres für den Verkehr gesperrt.

Gießen, den 28. Juni 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 29. Juni. Das StaatSminifterium trat heute Nachmittag um 2 Uhr in seinem Dienstgebäude am Leipziger Platz unter dem Vorsitze des Reichskanzlers Fürsten zu Hohen­lohe zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 29. Juni. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Geh. Ober-RegierungS-Raths und vor­tragenden Raths im Ministerium für Landwirthschaft, Domänen und Forsten Dr. Wentzel in Berlin zum Präsidenten der Regierung in Coblenz.

Berlin, 29. Juni. In einer gestern Abend Seitens der Antisemitischen Volkspartei" stattgefundenen Besprechung über die Wahl im Wahlkreise Colberg-CöSliu wurden über das Vorgehen der Behörden die lebhaftesten Klagen geführt. Noch nie sei in einem Wahlkreise daS Wahlgesetz von der Behörde so mit Füßen getreten worden als in Tolberg-EöSlin. Beschloffen wurde, der Vorstand derAnti« semitischen BolkSPartei" solle der Staatsanwaltschaft daS Material unterbreiten und beantragen, daß gegen den Land­rath v. Eisenhardt-Rothe und verschiedene andere Beamte wegen Verletzung des Wahlgesetzes strafrechtlich vorgegangen werde.

Berlin,, 29. Juni. Der Aufenthalt Kaiser Wilhelms in Kiel anläßlich der Canaleröffnungs-Festlich- keiten ist zur Stunde wohl zu Ende gegangen, da der erlauchte Monarch im Laufe des Montag seine Reise nach Schweden, Bornholm und England anzutreten beabsichtigte. Am Freitag und SamStag weilte der Kaiser in Travemünde und beteiligte sich mit seiner SegelyachtMeteor" an den dortigen Regatten. Die Kaiserin ist von der Indisposition, die fie während ihrer Anwesenheit bei den Kieler Festtagen befiel, erfreulicher Weise soweit wiederhergestellt, daß in diesen Tagen die einst­weilige Rückkehr der hohen Frau nach dem Neuen Palais bei Potsdam erfolgen dürfte.

Dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe ist vom König von Sachsen der höchste sächsische Orden, der Orden der Rautenkrone, verliehen worden, dies wohl anläßlich der stattgefundenen Canalfeier.

Berlin, 29. Juni. Der Schluß der Landtags­session ist nach derNordd. Allg. Ztg." spätestens bis SamStag den 13. Juli zu erwarten.

Berlin, 29. Juni. DerVerein deutscher Studenten" hat beschlossen, den Hofprediger a. D. Stöcker um An­nahme der Ehrenmitgliedschaft zu ersuchen. Der Rector Pro- seffor Pfleiderer hat es, wie dieAkadem. Blätter" mit­theilen, abgelehnt, die hierzu erforderliche Genehmigung zu ertheilen. Wie bereits vor zwei Jahren in einem analogen Falle wird der Verein auch diesmal' die Entscheidung des Ministers anrufen. F. Z.

Berlin, 29. Juni. Die Einstellung der Re­kruten bet den Truppentheilen, für welche bis jetzt die Festsetzung des Einstellungstermins Vorbehalten war, hat nach der nunmehr erfolgten Anordnung der General-Commandos in der Zeit vom 16. bis 21. October d. I. zu erfolgen.

Magdeburg, 29. Juni. Der Vorstand des Aus­schusses für Jugend- und Volksspiele tagt, seit gestern hier. Aus diesem Anlaß wurden heute auf dem sogen. Krakauer Anger von den Schülern sämmtlicher hiesigen Lehranstalten Bolksspiele veranstaltet, an denen sich gegen 4500 Schüler beteiligten.

Eisenach, 29. Juni. Der 23. deutsche Aerztetag wurde heute geschloffen. 102 Delegirte deutscher Aerzte- vereine waren anwesend. Die Verhandlungen waren ver­traulich. Das Princip der freien Aerztewahl seitens der Krankenkassen wurde mit großer Mehrheit angenommen.

Lingen, 29. Juni. Heute Nachmittag brach unweit von hier der Damm des Rhein-Ems-CanalS. Das Gelände ist überfluthet.

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F. Großeu Buseck, 30. Juni. Unter Theilnahme zahl' reicher Vereine sand heute hier das Bezirksseft deS Krieger' Verbandsbezirks Gießen statt. Aus diesem Anlaß war unser Ort herrlich geschmückt. Nach dem Eintreffen der Vereine, daS unter Böllerschüssen und herzlichen Empfang vor sich ging, ordnete sich auf dem Festplatz ein Zug nach der Kirche, vor welcher das seiner Enthüllung harrende Krieg er­den kmal stand. Nach oem Gesänge der vereinigten Gesang­vereine richtete Herr Bürgermeister Meyer eine Bewillkomm­nungsansprache au die Versammelten, Herrn Pfarrer Deich ert ersuchend, die Weihe des Denkmals vorzunehmen. Herr Pfarrer Deichert hielt hierauf eine wirkungsvolle Weihe­rede - anknüpfend an die Ereigniffe vor 25 Jahren und die damals teuer erkauften Siege, bezeichnete er es als eine Ehrenschuld des deutschen Volkes, besonders Derer zu gedenken, die draußen in Feindesland, gefallen vor dem Feinde oder gestorben infolge von Wunden und Krankheit, ihre Ruhestätte gefunden. DaS Denkmal, das die Gemeinde Großen-Buseck nun errichtet habe, solle nicht nur an die Großtaten von 1870/71 erinnern, sondern die heutige Feier solle sein auch ein Dankfest für den Schlachtenlenker, der so Großes geschehen ließ. Der Traum von Millionen sei erfüllt worden, das deutsche Vaterland repräsentiere heute nach 25 Jahren des Friedens eine Macht. Nicht nur in den Blättern der Geschichte solle der Thaten von 1870/71 gedacht werden, sondern auch äußerlich geschehe dies,indem im deutschen Vaterlande viele Denkmäler entstanden- auch die Gemeinde Großen-Buseck wolle heute ihren Dank abftatten für das, was die Helden von vor 25 Jahren gethan; der Gemeinde sei deshalb Anerkennung zu zollen, ebenso dem Architecten und dem ausführenden Künstler, ferner sei Anerkennung zu zollen den heute erschienenen 33 Vereinen. Das Denkmal möge aber auch stets Zeugniß dafür geben, daß die Gemeinde Gott fürchte und ihren Fürsten ehre, und in dieser Zuversicht möge die Hülle von dem Denkmal fallen. Unter dem Ge­sangDeutschland, Deutschland über Alles" fiel die Hülle und das ca. 5 Meter hohe Denkmal zeigte sich der Fest- Versammlung- es ist aus rotem bayerischen Sandstein von Herrn Bildhauer Martin Schmoll in Gießen schön und ge­schmackvoll, und zwar in der kurzen Zeit von 3 Wochen, aus- gesührt- das Denkmal krönt der hessische Löwe, mit der rechten Pranke das Schild haltend- an den vier Seiten ist es mit kriegerischen Enblemen und dem eisernen Kreuz ge­schmückt und trägt die Inschriften:Mit Gott für Fürst und Vaterland",den Alten zur Ehr! den Jungen zur Lehr" Gewidmet von der Gemeinde Großen-Buseck ihren Kriegern zur Erinnerung an die Siege von 1848,1866 und 1870/71." Nachdem eine Ehrensection mit dem Gewehr salutirt, übergab nach dem Gesang der Nationalhymne Herr Bürger­meister Mayer das Denkmal dem Krieger- und Veteranen- Verein. Herr Garnier gab Namens der letzteren dem Gefühl des Dankes Ausdruck, die Vereine nähmen daS Zeichen des Dankes und der Liebe gerne an, fie würden es als ein Symbol der Treue und Tapferkeit betrachten, aus seinem Anblick werde das jetzige und kommende Geschlechter Muth schöpfen- er dankte Namens der Vereine dem Herrn Bürgermeister, dem Gemeinderath und der Bürgerschaft, ferner dem Baumeister, dem Pfarrer, den Gesangvereinen und den Kameraden und brachte ein Hoch auf Seine Majestät den Kaiser und Seine Königliche Hoheit den Groß­herzog aus. Hierauf setzte sich der Zug, in welchem über 100 Ehrenjungfrauen marschirten und einige 20 Fahnen ge­tragen wurden, wieder nach dem Festplatz in Bewegung- dort angekommen, hielt Herr Klinikverwalter Keller von Gießen an Stelle des verhinderten Vorstehers des Lollarer Kriegervereins eine Ansprache, um zunächst die besten Wünsche des LandeskriegerverbandesHasfia" und des Bezirks Gießen den Kriegern und der Gemeinde Großen-Buseck darzubringen- das Denkmal solle nicht nur ein Zeichen der Erinnerung an kriegerische Thaten sein, sondern auch ein Zeichen der Betätigung des Friedens- der Kaiser habe in den letzten Tagen so oft der Versicherung des Friedens Ausdruck ge­geben, daß auch bei uns nicht oft genug der Friede als daS höchste Gut gepriesen werden könne und alle Kräfte ein­gesetzt werden müßten, den Frieden zu erhalten. Herr Keller feierte schließlich die Gemeinde Großen-Buseck und forderte j die fremden Gäste auf, ein Hoch auf den Ortsvorstand und die Glieder der Gemeinde Großen-Buseck auszubringen. Da an der Feier außer den zahlreichen Kriegervereinen auch sonstige Gäste aus Nah und Fern theilnahmen, war der . große Festplatz bald dicht besetzt und verliefen die Stunden ' unter allerlei Unterhaltung nur zu schnell.

Verinischtes.

* Lieguitz, 27. Juni. Der deutscheGastwirthstag nahm im weiteren Verlauf seiner Verhandlungen einen An­trag an, den Vorstand zu beauftragen, eine Petition an daS Abgeordnetenhaus abzusenden, in der um Aushebung aller polizeilichen Beschränkungen der öffentlichen Tanz- luftbarkeiten gebeten wird. Sodann beschloß die Ver­sammlung auf Antrag des Vereins Berliner Weißbierwirthe, bei dem Abgeordnetenhause wegen Ausdehnung der Kranken­versicherung auf sämmtliche Dienende im Gastwirths- stande vorstellig zu werden. DeS Längeren wurde ein gemeinsames Vorgehen der in Deutschland vorhandenen Gastwirthsvereinigungen in reichsgesetzlichen An­gelegenheiten erörtert. Präsident Müller sprach sich dahin aus, daß die beiden großen deutschen Gastwirthsverbände, der Deutsche Gastwirthstag" und derBund deutscher Gastwirthe" sich wenigstens bei wichtigeren Angelegenheiten des deutschen Gastwirthftandes einigten. Der Präsident deS Bundes deutscher Gastwirthe, Hotelier FaciuS - Leipzig, drückte im Namen seines Bundes deffen Bereitwilligkeit zu der geplanten Ver­einigung aus.

* Graudeuz. 28. Juni. Ein Fall krassesten Aber­glaubens beschäftigte dieser Tage daS hiesige Schwur­gericht. DerGesellige" berichtet darüber: Der Besitzer Lankau aus Okonin und deffen Ehefrau Eleonore hatten sich wegen Freiheitsberaubung zu verantworten. Die Eheleute haben die 85jährige Wittwe Blech, die Mutter deS Lankau, seit etwa anderthalb Jahren eingesperrt gehalten und menschenunwürdig behandelt. Bei der Verhandlung kam zu Tage, daß die Leute von Habsucht und kraffestem Aber­glauben geleitet wurden. Frau B. besitzt ein Vermögen von 15,000 bis 16,000 Mk. In ihrem vor einigen Jahren errichteten Testament hat fie zu Gunsten ihres Sohnes, des Angeklagten, verfügt. Um nun eine Aenderung dieses Testa­ments durch Einwirkung Dritter zu verhindern, wurde sie gefangen gehalten. Frau Lankau und deren Kinder sagten der Frau B. auch noch Zauber- und Hexenkünste nach. Für allen in der Wirtschaft entstehenden Schaden, namentlich beim Eingehen lebenden Inventars, machte man Frau B. verantwortlich. Um nun den bösen, schädigenden Blick der Frau B. nicht mehr auf das Vieh fallen zu lassen, hatte der Ehemann auf Betreiben seiner Frau an jeder Seite des freien Fensters nach der Straße zu einen 2,50 Meter hohen und mehrere Meter langen Zaun setzen lassen, so daß Frau B. keinen Seitenblick durch die Fenster hatte. Seit dieser Zeit seien nicht mehr so viel Unglücksfälle in der Wirthschaft vorgekommen, wird von Frau Lankau behauptet. Frau B. hatte, so sagte Frau Lankau, so einen giftigen Blick, der ihr durch einen Vogel, der öfters kam und sich auf das Dach setzte, beigebracht wurde. So lange der Vogel auf dem Dache saß, habe Frau B. in Ohnmacht gelegen und nach der Ohnmacht habe sie die Freikunst besessen, d. h. sie konnte dann durch Erheben der Hände oder durch den Blick hexen. Es ist auch versucht worden, den Vogel zu. schießen, aber er konnte nicht getroffen werden. Der Ehe­mann Lankau behauptete heute selbst, daß er von feiner Mutter durch eine Handbewegung und den Blick derart be­hext worden sei, daß er ein dickes Knie bekommen habe, es sei ihm etwas Unbekanntes über Füße und Leib gekrochen. Er habe dann infolge dessen schwere Kopfschmerzen bekommen, die er noch heute nicht los werden könne. Selbst die als Zeugin vernommene Tochter der Frau Lankau ist diesem unerhörten Aberglauben verfallen- fie erzählte, daß Frau B. einmal auf das Gehöft gegangen und dort hingefallen sei und geschrieen habe. Ein Mann, der fie aufgehoben habe, sei bald darauf gestorben und zwar durch den bösen Blick der Frau Blech. Lankau wurde zu einem Jahr Gefängniß, seine Ehefrau zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt.

* Unsere Leser seien auf eine in heutiger Nummer ent­haltene Anzeige der L i eb i g's Fleisch - Extract- ! Compagnie aufmerksam gemacht. Die Gesellschaft hat nunmehr mit dem Verkauf ihres Fleisch-Peptons begonnen, ein Präparat, das bekanntlich zur Ernährung und Kräftigung Magenkranker ganz wesentliche Dienste leistet. Es untersteht der Controlle der Profefforen Dr. Max von Pettenkofer und Dr. Carl von Voit, München, ebenso wie das echte Liebig's F'süsch E?tract, der Haupt-Artikel der Gesellschaft, I das nunmehr schon seit 30 Jahren sich einer stets steigenden Beliebtheit erfreut.

Verkehr, Canö- unb Volksroirthschaft.

Hinbetfl, 29. Juni. Frachtpreise.! Weizen X 14,10, Korn ,* 14.86, Gerste X 12,16, Hafer X 11,50, Erbsen X 00,00, ! Linsen X 00,00, Wicken \X 00,00, Lein X 00,00, Kartoffeln X 6.44, Samen x 16,50.