Ausgabe 
1.12.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 283 Drittes Blatt. Sonntag den 1. Deccmber 1898

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Die Gießener

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Advent.

Mit dem heutigen Tage beginnt die christliche Kirche ein «euer Kirchenjahr. Altbekannt ist dieses Tages Botschaft. Denn heißt Advent Ankunft, io klingt seine Botschaft:Dein KSuig kommt zu Dir!" Jesus, der König, kommt zu seiner Gemeinde.

Gilt der Ruf zunächst auch nur der Gemeinde, so dringt er doch auch hinaus in alle Welt. Und er muß hinaus dringen; denn Jeius will überall herrschen. Ihm gehört daS Herz deS Größten wie des Kleinsten, ihm die Obrigkeit »nd der Unterthan. Er will auch in unserm Volk herrschen. Siehe, er kommt! Er will die Herzen der Fürsten regieren, daß ste nach seinem Sinne ihres Amtes walten; er will die Herzen der Beamten, des Heeres besitzen, daß Gerechtigkeit und Zucht und Treue im Lande herrschen.

Er will in'S Comptoir, er will in die Werkstatt, er will in die Gaststube kommen, damit alle Unredlichkeit und alles leichtfertige Wesen vor ihm weiche und die Liebe sich im fleißigen Dienst allüberall übe. Er will in die Schulen­den» er liebt ja die K nder. Er will in die Häuser- denn er allein kann sie zu rechten Friedensstätten machen. Es ist kei« Gebiet des LebenS, da er nicht die Herrschaft beansprucht.

ES giebt nichts auf der Welt, das dem natürlichen Menschen so unerträglich ist als dieser Anspruch. Deswegen hat einst Rom die Christen verfolgt, weil es merkte: Dieser König hat eine unwiderst hliche Macht und beherrscht Alles. Deswegen entbrannte seitdem jedesmal im Volksleben heftiger Kampf, so oft man nur diese Forderung geltend machte und eifrig für den König warb. Wie steht's mit unS und unserm Sott? Brauchen können wir'S wahrlich, daß der König, der die Liebe ist und heißt, in unserm Volke neuen Einzug hält. B'eleS, wie vieles ist nicht, wie er es haben will! Weite Gebiete des öffentlichen und des privaten Lebens haben sich seinem Einfluß entzogen- und darum seuszt alles Volk, darum murrt einer wider den andern. Darum machet Bahn, machet Bahn unserm Gott? Siehe, Dein König kommt?

Und sollten wir nicht gern den Ruf hören? Ist nicht Advent auch der erste Bore der schönen Weihnachtszeit? Ihr harren die Kinder entgegen, weil sie viel Liebe bringt. So gebet, Alte und Junge, dem König entgegen! Er ist ja die Liebe nnd fnmmt ja to oern ?

Deutsche- Reich.

Berlin, 27. November. Im elektrotechnischen Verein hielt gestern Abend der Geheime Postrath Münch eine» Vortrag über JnductionSerscheinungen in Fernsprechl ettun gen. Der Redner gab zunächst eine Ueber sicht über die von der Reichs Poftverwaltnnq ange- wendeten Mittel zur Verhinderung der störenden Beeinflussung,

die Telegraphen« und Fernsprech * Leitungen auf andere an demselben Gestänge angebrachte Fernsprechverbindungen auS- üben, selbst wenn diese als Doppelleitungen (mit Hin- und Rückleitung) ausgeführt find. Die früher angewendeten Vorkehrungen, das Drillen (Twisten) der Doppelleitungen, sowie die Anbringung in senkrechten Ebenen hätten den Nach­theil, daß immer nur zwei Verbindungen ohne gegenseitige Beeinflufiung an demselben Gestänge hergestellt werden könnten. Bei Anwendung der dritten Methode, deS Kreuzens der Hin- und Rückleitungen nach bestimmten Grundsätzen, werde die LeituugSanordnung unübersichtlich. Die Reichs.Postverwaltung habe daher 1891 zwischen Dresden und Freiberg (i. ©.), abweichend von den angesührten Methoden, die beiden Drähte jeder Doppelleitung auf einer gemeinsamen Etsenstütze (Winkel- stütze) angeordnet und diese Winkelstützen an den Stangen wechselftändig gruppirt. Da durch diese Anordnung der störenden Lautübertragung auS einer Doppelleitung in die anderen (Mttsprechen) genügend vorgebeugt war, wurde bet der Anlegung neuer Fernsprechverbindungen, wie zwischen Berlin und Hamburg, Berlin und München, Berlin und Wien, Berlin und Stettin, Berlin und Breslau, Berlin und Posen, Köln (Rh.) und VervierS von der Befestigung der Doppel­leitung auf Winkelstützen Gebrauch gemacht, während die an den betrrfienden Gestängen bereits vorhandenen Doppel­leitungen die Anordnung in senkrechten Ebenen beibehielten. Es habe sich dabei ergeben, daß es zur Verhütung deS Mitsprechens zwischen Fernsprechverbindungen, wenn die zu derselben Doppelleitung gehhörenden Drähte (durch An­ordnung auf gemeinsamer Winkelstütze) nahe aneinander ge­rückt, die Winkelstützen mit den Doppelleitungen aber ver- hältnißmäßig weit auseinander gestellt werden. Die Ein­haltung eines bestimmten rechnungsmäßig festqestellten Stützknabstandes sei in der Prox s entbehrlich. Es bleibe dahingestellt, ob in der Folge die Anbringung von Fern­sprechverbindungen an Telegrophengestängen möglich sein werde. Gegenwärtig errichte die Reichs - Postverwaltung besondere Stangenreihen für die Fernsprechleitungen, um diese vor Laut- übertragungrn aus den Telegraphenleitungen zu schützen. Im Wetteren wandte sich der Redner gegen die durch den Telegraphen-Ingenieur Müller neuerdings wieder in Auf­nahme gebrachte Theorie, daß das Mitsprechen durch direkte Stromübrrgänge aus einer (Einzel, oder Doppel) Litung über die Isolatoren, Stützen und Stangenhaken in die andere Doppelleitung hervorgerufen werde und wies durch eine Reihe von Versuchen an einem mit zwei Doppeleitungen auS Broncedraht ausgerüsteten, etwa 6 Meter langen Gestell, das Unzutreffende dieser Auffaffung nach. Es wurde gezeigt, daß bet hinreichender Näheiung der beiden Doppelleitungen ein Mttsprechen zwiichen denselben eintrat, und datz die Stärke der Lautübertragung sich nicht änderte, auch wenn

durch besondere Vorkehrungen ein direkter Stromübergang von einer Doppelleitung (über die Isolatoren rc.) zur andern verhindert wurde, daß dagegen daS Mitsprechen sowohl durch die Vergrößerung des Abstandes zwischen den beiden Doppel­leitungen alS auch durch die Schirmwirkung einer zwilchen die beiden Doppelleitungen eingeschobenen Blechtasel aufge­hoben werden konnte. Zum Schluß wurde auch nachgewiesen, daß die von Müller gegebene Erklärung des von ihm be­schriebenen Fundamentsversuchs nicht zutreffend ist, indem auch hierbei nicht direkte Stromüberlettung, sondern eine Ladungserscheinung auftritt.

Der Krieg von 1870J71,

geschildert durch Ausschnitte «u8 ZeitungS-Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.)

1. December.

DaS GaS ist in Parte ausgegangen. Die Gäste in den Restaurationen müssen ihr Katzen W ldpret im Dunkeln verzehren, und daS ist noch ein Glück- denn im Dunkeln hört der gute und schlechte Geschmack auf, wie ein berühmter Fürst behauptet hat. Die Feinschmecker haben bereits sämmt- liches Geflügel des Pflanzengartens und sogar die beiden Bären verzehrt, die Fürst Cusa dem Garten schenkte. Ei« Salatkopf in den Warmhäusern wird theurer bezahlt, alS die allerschönste Camelie.

General v. Podbielskt meldet aus Versailles, 29. No­vember:Die ganze Bedeutung des von Theilen der 2. Armee, besonders vom 10. Armeecorps gestern bei Beaune la Rolande bis nach Eintritt der Dunkelheit ge­lieferten Gefechts hat erst heute mit Sicherheit festgestellt werden können. Der größte Theil der feindlichen Loire- Armee hat eine vollständige Niederlage erlitten. Der Feind ließ gegen 1000 Tobte auf dem Schlachtfelde- 1600 un­verwundete Gefangene, die sich stündlich mehren, find in unsern Händen. Wir verloren ein Geschütz, nachdem Pferde und Bedienungsmannschaft desselben tobt, und nicht ganz 1000 Manu an Tobten unb Verwunbeten, worunter ver- hältnißmäßig wenig Offiziere." Der Gegner zieht fich immer weiter zurück.

Es wird immer klarer, daß für die letzten Tage de- Novembers von französischer Seite ein allgemeiner Angriff auf die deutschen Truppen auf allen Kriegsschauplätzen ver­abredet war- am Tage vor dem Angriffe der Loire-Armee fand der der Nord Armee bei Amiens aus unsere 1. Armee, und an demselben Tage der Zusammenstoß der Bande Gari­baldis mit den Werder'schen Truppen statt. Daß alle diese Angriffe ebenso wie die gleichzeitigen Ausfälle auS Pari- gänzlich mißglückt'sind, darin liegt der deutliche Beweis, daß Frankreich nicht mehr fähig ist, durch weiteren Widerstand

Feuilleton.

Wochenbriese au« der Residenz

(Origtnalbericht des »Gießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 28. November.

Feier deS GebortSf steS de8 GroßherzogS nnd der Großherzogin. Schleppjagd. Ball. Verschiebens.

Die vergangene Woche stand unter dem Zeichen der Feierlichkeiten, welche auS Anlaß des hohen Geburtsfestes unseres HerrfcherpaareS veranstaltet worden waren. SS kann natürlich hier nicht Aufgabe Ihres Correipondenten fein, über alle aus diesem Grunde arrangirteu Festlichkeiten zu berichten, nur die größten seien erwähnt. Der Freudentag, an dem die ganze Stadt, wie schon die reiche Beflaggung der Häuser zeigte, den lebhaftesten Antheil nahm, ward eingeleitet früh Morgens durch Weckruf der Capellen der verschiedenen hier garnisonirenden Regimenter in,den Straßen der Stadt und durch Choralmubk vom Thurme der Stadtkirche. Die Gratulationen begannen im Neuen Palais schon zeitig am Vormittag. Den Anfang machten Se. Großh. Hoheit Prinz Wilhelm von Heffen und die hier residirenden Fürstlichkeiten, dann erschienen die am hiesigen Hofe accreditirten Gesandten mit ihren Damen, eS folgten die Spitzen der Militär- und Eivilbehörden, sowie die obersten Hofchargen rc. In den Kirchen der verschiedenen Consessionen fanden Festgottesdienste, in den einzelnen Schulen der Bedeutung des Tages ent­sprechende Festakte statt. Die militärische Feier bestand außer den von den einzelnen Truppenthcilen im internen Kreise arrangirten Veranstaltungen, in großer Paroleausgade auf dem Paradeplatz, der fämmtliche Offiziere der Garnison bei­wohnten. Der Divisionskommandeur Se. Excellenz General­

lieutenant v. Goßler hielt eine Ansprache und brachte ein dreifaches Hurrah auf/ Se. Königl. Hoheit den Großherzog aus, worauf die Musik die Hymne intonirte. Das acttve Offiziercorps der Garnison feierte den Tag durch Festmahle in den einzelnen Cafinos, das inaktive imHotel zur Traube", während ein großer Theil der Bürgerschaft sich zum gleichen Zwecke im festlich geschmückten großen Saale des Städtischen SaalbaueS vereinte. Dort brachte Se. Excellenz Staats- minister Finger einen jubelnd aufgenommenen Toast auf das erlauchte Herrscherpaar aus. Die Studentenschaft der Technischen Hochschule veranstaltete zur Feier deS Tages einen glänzenden FestcommerS imOrpheum". Profefforen und Studirende der Anstalt hatten sich mtt den Vertretern der Regierung bereits am Morgen zu einem Festacte im Neuen Polytechnikum zusammengefunden, bei dem Rector Proseffor Dr. Lepsins die Festrede hielt.

Im Großh. Hoftheater, daS bei festlicher Be­leuchtung in geradezu feenhaftem Glanze erstrahlte, in dem die glitzernden Uniformen der zahlreichen Offiziere und die Brillanten und reichen Toiletten der Damen einen außer­ordentlich farbenprächtigen Anblick gewährten, fand die Premiere von Rezniceks komischer OperDonna Diana" statt, die im Großen und Ganzen einen vollen Erfolg erzielte. DaS Libretto der Oper, das der Componist selbst schrieb, ist eine nickt übele, freie Bearbeitung des gleichnamigen Moreto- fchen Lustspiels, die Musik, die im Allgemeinen originell ist, zeigt eine Fülle herrlicher Klangschönheiten, von denen die Ouvertüre wohl die meisten enthält. Für den Sänger ist weniger glücklich gesorgt, daS Hauptintereffe beansprucht un­bedingt die wunderbare Orchestrirung deS Werkes.

Nach der Festvorstellung sand im Großh. Neuen PalaiS ein Souper zu 60 Gedecken statt, auf daS ein Tanzvergnügen folgte, welches mit einem prachtvollen Cotillou schloß.

Der vergangene Mittwoch vereinte die Elite der hiesigen Gesellschaft, an der Spitze das Großherzogltche Paar nebst hohem Besuch zu einem nicht minder glänzenden Feste. Der Darmstädter Schleppjagd-Verein" gab seinen Ball, der Dank der sorgfältigen Vorbereitung deS ausführenden ComitöS sich zu dem gelungensten Arrangement der Saison gestaltete. Bei dem stattgehabten Souper führte Se. Königl. Hoheit der Großherzog die Gemahlin deS Masters deS Vereins, Freifrau von TreScow zu Tisch, während deren Gatte Ihre Köntgl. Hoheit die Großherzogin führen durfte. Den Glanzpunkt des Balles bildete ein Cotillon, bei dem Comteffe Dönhoff, eine Tochter des h'er weilenden preußischen Gesandten, auf einem Triumphwagen erschien und Blumen im Saale verthetlte.

Inmitten der rauschenden Festesfreude erhebt fich häßlich das Gezänk der Parteien vor den morgen stattfindendcn Stadtverordnetenwahten. Die schöne Einheit, von der ich Ihnen neulich berichtete, ist in letzter Stunde gestört worden, bereits haben die bürgerlichen Parteien drei Wahl­zettel aufgestellt, um die der Kampf nun in nicht sehr erbau­licher Weise tobt. Hoffentlich rächt sich der Parteihader nicht in der entscheidenden Stunde!

Erfreulicheres kann ich Ihnen von der Thätigkeit unserer jetzigen Stadtverordnetenversammlung berichten, durch die in der letzten S'tzung der lange gehegte Wunsch der Bürger­schaft, eine bequemere Verbindung der einzelnen Stadttheile zu besitzen, endlich dadurch der Verwirklichung näher gebracht ward, daß der Bau einer electrifchen Straßenbahn zum Beschluß erhoben wurde. Ueber die beiden projectirten Linien, in denen jene die Stadt durchschnetden soll, wird Ihnen nächsten- Bericht zugehen.