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Freitag den 1. November
Nr 257N Zweites Blatt
Vikrteljähriger
Zlittts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen
Hraüsöeitage: Kießener Aamitienötätter
ein vielfach vorbestrafter, rückfälliger
haben dafür recht viel Bohnen eingemacht, die gut gerathen | Polacke (Srtmrna,
Rnnahmr von Anzrigk« zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
Locales und provinzielles.
n. Bon der Nidda, 28. October. Mit dem feucht-kalten Herbstwetter hat sich bei unS ein schlimmer Gast eingestellt. In Staden trat nämlich Scharlach mit DyphteritiS verbunden, auf. — Im Frachtgeschäft herrscht eben große Lebhaftigkeit. Während voriges Jahr um diese Zeit daS Geschäft gänzlich lustlos lag und Niemand den Bauer nach seiner Frucht fragte, ist die Nachfrage eben eine sehr rege. Der Doppelcentner Wetzen wird mit 15 Mk. bezahlt. Gerste hat den gleichen Preis. Hafer wird vom Proviant- amt in Hanau eben gesucht. Als Lieferanten wünscht dasselbe keine Händler, sondern Laudwirthe. — Wenn man die Händler und Müller nach der Ursache deS lebhaften Frucht geschäfteS fragt, so erhält man die Antwort, daS Getreide sei dieses Jahr von ausgezeichneter Güte. Manche Händler schütten große Borräthe auf, weil sie eine Preissteigerung -um Frühjahr für sicher halten. — Eine große Auszeichnung erhielten unsere landwirthschaftlichen Produkte auch dieses Jahr wieder dadurch, daß auf der Berliner Gersten- AuSstellung an die vom landwirthschaftlichen Verein in Friedberg ausgestellten Proben verschiedene Preise und lobende Anerkennung ertheilt wurden. — Für daS Malter Kartoffeln bezahlt man eben 3 Mk. 50 Pfg. — Im Felde sieht man Heuer viel weniger eingegrabene Kartoffeln und Dtckwurz. Die Trescenz konnte fast sämmtlich in den zu Gebote stehenden Räumen geborgen werden. Spekulative Händler bringen unS gegenwärtig Weißkraut, daS hier gänzlich mtßrathen ist. Der Centner kostet 3 Mk. Viele geringe Landleute müssen bet diesem Preis das so beliebte Sauerkraut entbehren. Sie
Einbrecher. Derselbe war bis zu seiner, unter dem dringenden Verdacht des EtnbruchSdtebstahlS erfolgten Verhaftung auf einem Gute in Wilhelmshöhe in Stellung. Nachdem er nun mit seinem Genossen in der SonmagSnacht aus dem hiesigen LandgertchtSgefängniß auSgebrochen und entsprungen war, hatte der freche Patron nichts Eiligeres zu tbun, als sich an den Ort feiner bisherigen Stellung nach Wilhelms- hähe-WahlerShausen zu begeben, um dort die Kirmeßseier, die gerade stattfand, flott mitzuwachen. Selbst als der Gendarm ankam, genirte sich unser Polacke nicht im Mindesten, tanzte und kneipte luftig mit und entgegnete dann aus die Frage deS Gendarmen, wie es komme, daß er hier sei und woher er komme, ganz dreist, er sei heute aus dem Unter- suchungsgefängniß entlasten worden, da es sich herauSgestellt habe, daß er unschuldig sei. Am anderen Morgen machte er sich dann eiligst auS dem Staube, ohne bis jetzt eine
Spur zu hinterlassen.
Ms.* Fritzlar, 29. Oktober. Auf dem Rückwege von der Kirmeßseier in Gudensberg wurde der Landwtrth B. auS dem Dorfe Werkel deS Abends spät von seinem Stiefvater, dem Dachdecker D., hinterlistig überfallen und durch eine große Anzahl Messerstiche in Brust und Rücken rc. tödtlich verletzt. Die beiden Männer hatten sich in Gudensberg heftig gezankt, weil der dem Trünke ergebene Stiefvater seine erste Frau so schlimm behandelt haben soll.
* Homburg v. d. Hohe, 29. Oktober. Vor Kurzem hat sich auch hier eine M e tz g er - Junun g gebildet, der sich sämmtliche Collegen anschlosten.
Brmgerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Kedaction, Lxpeditt« und Druckerei:
Schulstr«tze yr.1.
Fernsprecher 51.
waren.
n. Orieuberg, 29. Oktober. Der „kalte Markt", der gestern und heute hier abgehalten wurde, erfreute sich eines ungemein regen Verkehrs. Die ganze Gegend gibt sich hier nach vollbrachter Feldarbeit ein Stelldichein. Aber auch Käufer von weit her pflegen sich einzustellen und hatten sich auch in diesem Jahr wieder zahlreich eingefunden. Auf dem Pserdemarkt wurde fast alles verkauft. Arbeitspferde standen hoch im Preis. Junge, kräftige, schöne Thiere wurden für 1000 Mk. abgesetzt, Prima Fohlen, etwas über zweijährig, galten bis zu 700 Mk., jüngere gleicher Qualität bis 350 Mk. Der R'ndviehmarkt war 'nicht so stark befahren wie sonst. Da viel Nachfrage war, wurde das Vieh gut verkauft. Tadellose Kalbinnen galten bis zu 400 Mk., einjährige Rinder 150 bis 200 Mk., einhalbjährige 100 bis 150 Mk. Auch auf dem Schweinemarkt wurden bessere Preise erzielt als seither im Handverkauf. Der Durchschnittspreis für das Paar 6 bis 8 Wochen alte Ferkel stellte sich auf etwa 15 Mk. — Viele Landleute bringen ihre Borräthe in Knoblauch, Rüsten und Birnen hierher zum „kalten Markt", Händler bringen die gleichen Produkte. Auch hierin entwickelte sich ein recht lebhaftes Geschäft. Das Hundert Nüsse wurde mitunter sür 50 Pfg. verkauft.
Vermischte»
Ms * Cassel, 29. Oktober. Einen fast unglaublich frechen Gaunerstreich verübte der eine der beiden auS dem hiesigen LandgertchtSgefängniß entsprungenen Verbrecher, der
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Gießener Anzeiger "
Kenerat-Mnzeiger.
Feuilleton.
Vor Metz.
AuS dem Tagebuche eines hessischen Freiwilligen.
In St. Avold hatten wir Ersatzreserven die Eisenbahn -erlassen und waren von dort vier Tage fast ununterbrochen warschirt, um unsere Truppen zu erreichen, die sich vor Metz befanden. Ich traf mein Bataillon in dem Dörfchen Pierre- villerS am 4. September Abends, und war froh, ein Quartier zu bekommen, denn ich konnte meine Knochen kaum weiterschleppen und draußen regnete es in Strömen. Aber leider war unseres BleibenS hier nicht lange. Schon am folgenden Tage bezogen wir bet Gravelotte ein Biwak, das ich nie vergessen kann. Unter unS hatten >ir einen auf- geweichten Lehmboden und von oben regnete eS unaufhaltsam weiter. Ich hatte mich in meinen gänzlich durchnäßten Mantel gewickelt und kauerte mich so gut eS ging zusammen. Jetzt lernte ich die Freuden einer Belagerung gründlich rennen und sah ein, wie gut ich eS doch in der Heimath gehabt hatte. Aber daS war nicht nur einmal, sondern sechs Tage ununterbrochen sollten wir in dieser entsetzlichen Lage bleiben, sechs Tage und Nächte habe ich die Kleider und Stiefel nicht vom Leibe bekommen. Von Abkochen war natürlich keine Rede mehr, denn es war; kein Feuer zu unterhalten. Neue Truppen zogen heran und die Lebensmittel fingen an zu mangelnam letzten Tage hatte ich nur «och ein Stückchen verschimmeltes Brod zu essen. Regen bis auf die Haut, Schmutz bis an die Knöchel. O Jammer, e Glend! Man kann sich von unserer Lage vielleicht einen Begriff machen, wenn ich sage, daß unsere Divistvn in einer dieser Nächte 1500 Mann Kranke und 85 tobte Pferde hatte.
Endlich, am 10. September, wurden wir erlöst: wir tarnen nach Reneville ins Quartier. Ich war wenigstens gesund geblieben und hoffte, nun meine Sachen wieder in besseren Zustand setzen zu können. Doch horch! — eS war gegen 5 Uhr Nachmittags — da raffelt auch schon der Seneralmarsch durch die Gaffen.
Die Tornister wurden unter Bedeckung zurückgelaffen und wir rückten nur mit Gewehr und Patronen gegen die grauen Wälle von Metz vor. Furchtbar dröhnten unsere Geschütze und Schlag auf Schlag sah man die Granaten in der Festung einschlagen. Wir machten etwa 2000 Schritte hinter den Batterien Halt und warteten der Dinge, die da kommen sollten, wahrscheinlich, um einem etwa nachfolgenden Ausfälle der Franzosen zu begegnen. Aber eS kam nichts, «llmälig verstummte das Geschützfeuer, nur hie und da blitzte es noch einmal durch die finstere Nacht auf. Wir marfchirten daher um 10 Uhr in mißmuthiger Stimmung nach Reneville zurück. Aber wie sah eS hier au«! Während unserer Abwesenheit war daS Dorf mit anderen Truppen belegt worden, und statt in mein gutes Quartier kam ich
in eine Scheuer auf Stroh, wo neben mir andere 99 Mann campiren mußten. Mit den Lebensmitteln sah eS auch recht scheu aus- der Laib Brod wurde zu zwei Thalern verkauft, und obendrein war mein Tornister mittlerweile mit seinem ganzen Inhalt gestohlen worden, eine Thatsache, die um so trauriger ist, alS eS von Kameraden ausgeführt worden sein muß, da, wie erwähnt, Bedeckung zurückgeblieben war. Nun besaß ich also nur noch, waS ich auf dem Leibe trug, und das war in einem erbärmlichen Zustande: zerrissen, durch« näßt, beschmutzt.
Am nächsten Morgen verließen wir Reneville und bezogen Vorpostenstellung bet Vaux, wo ich vorläufig ein« quartiert wurde. Gesund war ich immer noch, aber meine Füße waren ausgelaufen und geschwollen, waS sehr unangenehm war, weil ich die Stiefel, die von Wasser und Frost ganz eingegangen waren, nicht mehr auSztehen konnte.
Hier blieben wir nun etwa acht Tage liegen, wenn auch nicht immer im Quartier, so doch ohne größere Märsche. DaS kam mir sehr zu Statten, denn ich konnte mich endlich ein wenig erholen, zumal ich von zu Hause allerlei Eß- und Trinkbares geschickt bekam. Die 1. und 2. Compagnie wechselte alle zwei Tage mit der 3. und 4. Compagnie im Vorpostendienst ab, so daß wir immer zwei Nächte als Gros in Vaux im Quartier, die zwei nächsten im Biwak zubrachten. UebrigenS waren diese Biwaks auf den bewaldeten Höhen recht kalt und luftig. Die Folge war, daß die Zahl der Kranken bedenklich zunahm- von unserer Compagnie lagen schließlich Über 60 Mann im Lazareth, auch der Hauptmann war krank. Aber diese Woche ging doch ohne große Strapazen und Gefahren vorüber. Zwar sausten häufig französische Kugeln gegen unS heran, aber sie flogen in der Regel über unS hinaus und schlugen hinter dem Biwak ein, so daß wir nicht mehr als fünf Verwundete hatten.
Wic kamen von Vaux nach ArS an der Mosel, wo ich ein ganz gutes Quartier bekam und mir nichts abgehen ließ. Leider wurde auch ich hier krank und konnte kaum noch meinen Dienst thun. Anfangs October lagen wir in Bionville, gleichfalls in guten Quartieren, und da wir wenig zu thun hatten, wurde nun von früh bis spät exercirt und gedrillt, als ob wir daheim auf dem Exercirplatze wären. Jedoch ich wurde abermals von der Ruhr befallen und hatte mit schrecklichen Schmerzen zu kämpfen. AIS ich wieder einigermaßen hergestellt war, rückten wir nach Chambley ab. Dort feierte ich bei einem vorzüglichen Kartoffelsalat und einer Flasche Niersteiner meinen 20. Geburtstag. Ich hatte mich mit ein paar Kameraden zusammen in eine warme Stube gesetzt, wo wir einen gcmüthlichen Abend verbringen wollten, als auf einmal kurz nach dem FestschmauS eine Ordonnanz erschien und unS die sehr unerfreuliche Nachricht brachte, eß werde um Mitternacht gegen Metz vorgerückt. I Es wurde daher noch in aller Eile corporalschaftSweise Fleisch I gekocht, da« mitgenommen werden sollte, und alle» andere 1 rasch zusammengepackt. Die Franzosen waren nämlich wieder
auSgebrochen und wir hatten nun Aussicht, einmal mit ihnen abrechnen zu können.
Wir legten unS noch ein bischen aufs Ohr, konnten jedoch in der Aufregung nicht schlafen. Draußen pfiff der Wind und peitschte den Regen wider die Fenster - eS war eine unheimliche Nacht. ES schlug halb Zwölf. Ick wollte mich eben marschfertig machen, da trat wieder eine Ordonnanz ein und meldete, es werde nicht auSgerückt. Wie froh wir da waren, kann fich Jeder denken.
Am folgenden Tag — eS war der 25. October — hörte man heftiges Artilleriefeuer. Ich erfuhr, Bazaine habe ganze Regimenter ohne Waffen auS der Festung heraus geschickt, da dort Mangel an Lebensmitteln herrsche, und unsere Artillerie treibe diese Burschen mit Kartätschen zurück. Unruhig verlief auch die folgende Nacht, besonders für unS. Um 2 Uhr wurden wir nämlich alarmirt. Bei einem fürchterlichen Wetter marfchirten wir, ohne erfahren zu können wohin, vier und eine halbe Stunde unaufhaltsam, buchstäblich bis über die Knöchel im Schlamme watend, durch Nacht und Nebel vorwärts. AIS der Morgen dämmerte, wurde Halt gemacht, wir standen dicht vor Metz in Erwartung der Franzosen. Bis 2 Uhr blieben wir, ohne uns wegen des entsetzlichen Schmutzes setzen zu können, geradezu im Wasser auf demselben Flecke halten. Dann wurde der Rückmarsch nach Chambley angetreten. Naß biß auf die Haut, starrend vor Schmutz, aufs Aeußerste erschöpft, wankten die langen Colonnen zurück. Hüben und b i üben sanken die Kameraden ermattet zu Boden, ganze Baiaillone blieben liegen: sie konnten nicht mehr! Mühsam schleppte ich mich durch den bodenlosen Schlamm dahin, stumm, zitternd vor Frost, dann sank auch ich nieder, ich konnte keinen Schritt mehr weiter. Ich wurde in dem nahen St. Marie-aupBaroqueS in einem Wachtlocal der Artillerie untergebracht, wo ich während der Nacht auf warmem Stroh verblieb. Erft am nächsten Morgen trans« portirte man mich auf einem Wagen nach Chambley zurück, denn ich war nicht im Stande, meine Beine zu rühren.
Heute — eß war der 27. October — hatten wir einen wohlverdienten Rasttag. Ich lag in meinem Quartier und ruhte mich aus von den Strapazen des vergangenen Tages, in Gedanken an die Heimath, an die Jugendjahre versunken. Da plötzlich geht die Thüre auf und herein stürzt ein Kamerad mit lautem Jubelruf.
„WaS istS? WaS gibtS?"
„Hurrah, Metz hat capitulirt!" war die Antwort, und „Hurrah" stimm ich ein, und „Hurrah" schallt- hüben und drüben.
Alle Strapazen, alle Gefahren und Nöthe waren auf einmal vergessen, wir hatten sie ja nicht umsonst ertragen. Ein allgemeiner Siegesrausch, ein Freudentaumel beherrschte unS alle. Ach, und was sollte noch für ein Jammer und Elend, was sollten noch Strapatzen und Gefahren an unß herantreten! Iber: c*est la guerret


