Ausgabe 
1.10.1895 Erstes Blatt
 
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Dienstag den 1. Oktober

189»

Erstes Blatt.

Nr. 230

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Hratisöeitage: Kießener Kamitienötätter.

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Die Gießener ^«mikienvrätler werden dem Anzeiger Svüchrntlich dreimal brigelegt.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borin. 10 Uhr.

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.

Kießener Anzeiger

Kenerat-Zknzeiger.

Desstjcher Reich.

Berit», 28. September. DieNordd. Allgem. Zig." schreibt: Verschiedene Blätter haben kürzlich gemeldet, es wären bestimmte Beamtenkaregorien zum Umtausch 3*/,' und 4procentiger CauttonSpapiere veranlaßt worden. Diese Notiz dürste darauf zurückzuführen fein, daß eine inhaltlich übrigens längst bekannte Verfügung des Finanz - Ministers den Beamten der verschiedenen Restarts zur Kenntniß gebracht ist, welche lautet:

Berlin, 26. Juni 1895.

In Anbetracht der inzwischen veränderten Umstände, namentlich des gestiegenen CurseS der dreiprocentigen con- solidirten Staatsanleihe, nehme ich Veranlaffung, meinen Ctrcularerlaß vom 5. April 1892 dahin abzuändern, daß den Anträgen der CautionSsteller auf Umtausch von vier- und dreieinhalbprocentigen Consols in dreiprocentige bis auf Weiteres stattzugeben ist.

Der Ftnanzmintster: Miquel."

Potsdam, 28. September. Auf Jagdschloß Glienicke fand heute Mittag die Taufe des jüngst geborenen Sohnes Sr. Köntgl. Hoheit des Prinzen Friedrich Leopold statt. Den Taufact vollzog der Hosprediger Dryander unter Assistenz des OrtSpfarrerS Rödenbeck. Die Gesänge trug der Militär- Kirchenchor der Garnisonkirche zu Potsdam vor. Der Täufling erhielt die Namen: Franz, Joseph, Ernst, Patrik, Friedrich Leopold. Nach der Taufe fand eine Tafel von 17 Gedecken statt. Generalfeldmarschall v. Blumenthal war in Vertretung Sr. Majestät deS Kaisers, General-Oberst v. Los in Ver- tretung des Kaisers von Oesterreich erschienen.

Stettin, 28. September. Im Wahlkreise Stolp werden die Conservativen an Stelle v. Hammersteins für das Ab­geordnetenhaus Generallteutenant v. Heydebreck, den Vorsitzenden des Stettiner conservativen Vereins, zum Candt- taten Vorschlägen.

Crefeld, 28. September. Die hiesige EisenbahnbetriebS- inipection macht bekannt: Der Rheintraject Spyck-Welle, Strecke Cleve-Zevenaar, ist wegen niedrigen WasterftandeS gesperrt.

Leipzig, 28. September. Bezüglich der in Köln, Magde­burg, Berlin u. s. w. erfolgten Verhaftungen wegen Landesverraths erfährt dieLeipziger Gerichtszeitung" aus absolut zuverlässiger Quelle, daß der vom Crirninal- Commistar Tausch in Köln verhaftete Franzose der Ver­treter eines weltbekannten deutschen industriellen Etabliste mentS war, der aber in Paris lebte und der deutschen poli­tischen Polizei schon seit Langem verdächtig war, wegen der vielfachen Beziehungen, die er in geheimnißvoller Weise mit Personen in Köln, Berlin u. s. w. unterhielt. Seine Ver­haftung durch den Crtminal Commistar erfolgte am 18., als er von Paris nach Berlin kam. Die mit ihm verhaftete Frauensperson tst eine Deutsche. Außerdem wurden vier andere Verhaftungen in Berlin, Esten und Magdeburg vorgenommen. Der Verdacht ist gegen alle L erhafteten durchaus begründet.

München, 28. September. Das Abgeordnetenhaus trat heute zur ersten Sitzung zusammen. Der Präsident ge­dachte des verstorbenen Cultusministecs von Müller. Darauf legte Finanzminister von Riedel daS Budget vor. DaS Jahr 1892 habe geschlossen mit einem lieber» schuß von 15176080 Mk., daS Jahr 1893 mit einem lieber» schuß von 4 931037 Mk.

Kiffiuge», 28. September. Der ungefähr tausend Ein- vohner zählende Ort Ober-ElSbach steht seit gestern vollständig in Flammen.

Anstand.

Wien, 28. September. DaS Militärverordnungsblatt meldet: Der Kaiser Franz Joseph ernannte Se. König!. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen zum Contreadmiral.

Mailand, 28. September. Aus Sassari wird ge­neidet, daß dortselbst seit einigen Tagen eine starke Räuber­bande aufgetaucht sei, und daß sich infolgedeffen die Be- »ohner der umliegenden Ortschaften bewaffnet haben, um gemeinschaftlich gegen dieselben vorzugehen. Wie verlautet, beabsichtigt die Regierung zur Wiederherstellung der Ordnung und Sicherheit auf Sardinien mehrere Bataillone Cara­biniere nach dort abzusenden.

Parts, 28. September. Die Morgenblätter melden aus Pizza. Anläßlich der bevorstehenden Ankunft deS Czarewitsch sei in Nizza ein Villa für 50,000 Franken gemiethet worden. Der kaiserliche Garde-Kapitän Wladimir ZverjoniSky habe bereits 15,000 Franken angezahlt. Zahlreiche Arbeiter seien gegenwärtig mit der Instandsetzung der Billa beschäftigt. Man erwartet die Ankunft deS Czarewitsch in den ersten

kalten Tagen. Derselbe soll beabsichtigen, die ganze Winter- Saison über in Nizza zu bleiben.

Madrid, 28. September. Auf den Phtlipinen-Jnseln haben zwischen den Mannschaften des spanischen Dampfers Duero" und den Rebellen heftige Kämpfe statt­gefunden, bet welchen die Letzteren unterlegen sind. Acht- zehn Rebellen wurden getödtet, die Anführer der Rebellen wurden standrechtlich erschossen, und die Gefangenen nach Manilla geschafft.

London, 28. September. Infolge der andauernden Hitze sind hier in den letzten Tagen zahlreiche Hitzs chläge vorgekommen.

Petersburg, 28. September. Wie hiesige Blätter melden, tst die Lage auf Korea eine höchst gespannte, und läßt wichtige Ereigniffe erwarten.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau.

Berlin, 29. September. DieStatistische Korrespondenz" meldet: Nach den vorläufigen Ergebtffen der Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni 1895 im König­reich Preußen bestanden: 66 440 098 Haushaltungen mit 15 475 202 männlichen, 16 016 007 weiblichen anwesenden Personen, 33 316 59 Landwirthschafts - Betriebe, 742 119 Gewerbebetriebe mit mehreren Inhabern, mit Gehülfen ober Motoren.

Berlin, 29. September. DemArmee - Verordnungs- blatt" zufolge ist ein neues Exerzier Reglement für die Cavalierte erlassen, dessen Festsetzungen künftig allein maßgebend sein sollen. Das Reglement wird dem- nächst veröffentlicht werden.

Koblenz, 28. September. Die hiesige Betriebs - Jn- spection macht bekannt: Wegen niedrigen Wasserstandes fallen die Traject - F ährten bei Bingen aus. Das Personen - Trajectboot verkehrt nur noch zwischen Bingen und RüdeShetm.

Kaiserslautern, 29. September. Heute Nachmittag sand die Enthüllung deS Btsmarckdenkmals unter großer Betheiligung der Bevölkerung aus der ganzen Pfalz statt. Der Vorsitzende des hiesigen BerschönerungsvereinS Görg übergab daS Denkmal an die Stadt. Bauamtmann Stempel brachte ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser und auf den Prinz - Regenten aus. Bürgermeister Orth über­nahm das Denkmal Namens der Stadt. Die Häuser tragen Flaggenschmuck- Abends findet in der Fruchthalle ein großes Bankett statt.

Depeschen deS Bureau »Herold-.

Berlin, 29. September. Dem Sprecher der frei-religiösen Gemeinde, Dr. Bruno Wille-Friedrichshagen, sind vom Provinzial-Schulcollegium abermals 1500 Mark, eventuell 150 Tage Haft, auferlegt worden. Die Strafe ist für 15 Frühvorträge festgesetzt Der Vorstand der frei-religiösen Gemeinde hat beim Cultusminifter Dr. Bosse sofort Be­schwerde erhoben. Dem Abgeordneten Vogt Herr find ebenfalls für einen Frühvortrag 100 Mk., eoent. 10 Tage Hast, auferlegt worden.

Wien, 29. September. Infolge deS Verbotes der Statthalterei wegen Abhaltung einer socialdemokratischen Arbeiterversammlung wollen die Arbeiter in den nächsten Tagen durch einen Maffen-Spaziergang auf der Ringstraße demonstriren. Seitens der Polizeibehörde find bereits die umfassendsten Vorkehrungen getroffen worden, außerdem ist das Militär in den Kasernen consignirt.

Paris, 29. September. Nach längerem Leiden verstarb gestern Nachmittag 5 Uhr in Gasch es bei Versailles Pro­fessor Louit Pasteur.

P»tt8, 29. September. Die Blätter widmen dem gestern verstorbenen Dr. Pasteur warme Nachrufe.

Gent, 29. September. Seit gestern Abend ruhen alle großen Maschinenfabriken. DaS Verlangen der socialistischen Arbeiter auf Herausgabe der Unfallkasse im Betrage von 30,000 Francs wurde von den Fabrik­besitzern abgeschlagen mit der Motivirung, daß die Kasse nur den Zweck habe, verunglückte Arbeiter zu unterstützen.

Belgrad, 29. September. Exkönig Milan soll nach Gerüchten, welche in hiesigen Hofkreisen drculiren, die Ab- sicht haben, sich dauernd in Wien aufzuhalten und bereits Ende October daselbst eintreffen.

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte aus Zeitungs-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck verboten.)

1. Oclober.

In dem Zeltlager der französischen Gefangenen ober­halb Coblenz wurden plötzlich zwei finstere Tur ko S von Wehen überfallen und brachten zwei Kindlein zur Welt. Die Ueberraschung war sehr groß, denn Niemand hatte Amazonen in der Uniform gesucht. Seitdem werden die TurkoS etwas besser ins Auge gefaßt.

Den Parisern scheint eS hinter ihren Mauern ein wenig schwül zu werden, sie haben sich in der That am 30. September zu einem Ausfall entschlossen. WaS die Franzosen mit ihrem Angriff eigentlich bezweckten, kann man augenblicklich nur vermuthen, da sie ja doch schließlich un­verrichteter Dinge wieder hinter ihre Mauern zurück müßten. DaS 5. und 6. Armeecorps wars sie zurück. DaS einzige Ergebniß des Ausfalls war wilde Flucht der Franzosen und starke Verluste- die schönen Proclamationen Trochus und Gambettas, die Drohungen gegen Davonlaufen: alles ist unbeachtet geblieben, und die Pariser haben nun ein zweites Mal Gelegenheit gehabt, sich durch unmittelbaren Augenschein zu überzeugen, daß die deutschen Soldaten sich ebenso wenig durch großspurige Redensarten, als durch ChassepotS und Mitrailleusen von Parts fortgraulen lassen.

Die sämmtlicken FortS um Paris kanoniren fort» während auf jede Patrouille oder Feldwache, sowie auf jeden Punkt, wo sie einen deutschen Soldaten vermuthen- es sind an einem Tage allein 2500 Schüsse, meist schweren Kalibers, gefallen. Ueberall stehen unsere Truppen außerhalb deS Bereiches dieser Geschütze, die Vorposten zwar innerhalb des­selben, aber gut gedeckt, so daß diese Art deS Gebrauches schwerer Artillerie wohl nur dazu bestimmt ist, den Parisern den Glauben beizubringen, es fände überhaupt schon ein Kampf statt. An der Wiederherstellung derjenigen gesprengten Brücken und Tunnel, welche für die Heranschaffung der Be- lagerungStruppen hinderlich wären, wird mit großer Kraft gearbeitet.

Schwurgericht.

W. Gießen, den 30. September 1895.

Heute Vormittag um 9 Uhr wurde die erste Sitzung des Schwurgerichts pro 3. Quartal für die Provinz Oberhesien eröffnet. Den Vorsitz führt Herr Landgerichtsrath Jung, als Beisitzer fungiren d«e LandgerichtSräthe Dr. Schäfer und Dr. Sandmann. Nach Erledigung der üblichen gesetz­lichen Formalitäten und nachdem die Ausloosung der Ge­schworenen vorgenommen, wird in die Verhandlung eingetreten. Auf der Anklagebank nehmen Platz: 1) Der Schneidermeister Joseph Ring, geboren am 25. November 1847, katholisch, 2) dessen Ehefrau Anna Marie, geb. Beyer, geboren am 14. Juni 1860, 3) der Schneidergeselle Wilhelm Ring (Sohn des Ring aus erster Ehe) geboren am 13. Juni 1876, sämmtlich von Friedberg. Der zu 1) Angeklagte ist wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung vorbestraft, dessen Sohn hat eine Vorstrafe wegen Münzverbrechen verbüßt. Der Ehemann Ring ist des gewohnheitsmäßigen Eigennutzes aus § 180 des R. St. G. (Kuppelei), die Eheleute Ring gemeinsam des ErpreffungSversuchS und der räuberischen Erpressung in mehreren Fällen, der Sohn wegen Beihülfe zu diesen Vergehen resp. Verbrechen beschuldigt, außerdem fällt der Ehefrau Bmg noch allein eine falsche Anschuldigung zur Last, sie hat wider besseres Wissen einen Mann eines Verbrechens bezichtigt. Von den geladenen 23 Zeugen sind 21 erschienen. Die Anklage vertritt wegen Erkrankung des Ersten StaatSanwalik, Staatsanwalt Zimmermann, die Vertheidigung führt Juftizrath Dr. Reatz. Auf Antrag der Großh. Staats-, behörde wird die Oeffeutlichkeit bei dieser Verhandlung wegen Gefährdung der Sittlichkeit bis zur Verkündung des UrtheilS ausgeschlossen. Die Verhandlung wird voraussichtlich morgen gegen Abend zu Ende kommen.

EsceUs *»6 ptostastette*.

Gießen, den 30. September 1895

Dienstnachttchten. Seine Königl. Hoheit der Groß- Herzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 28. September d. I. geruht, den KreiSräthen Adolf Spamer zu Bingen und Franz Gros zu Bensheim den Charakter alsGeheimer Regierungsrath", am gleichen Tage den KreiS- Qmtmännern Ernst Braun zu Mainz, Fritz v. Hornbergk zu Bach zu WvrrnS, Dr. Eduard Wallau zu Gießen,