Ausgabe 
1.9.1895 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 1. September

Erstes Blatt

M. 205

Aints- und Anzeigeblntt für den Ttreis Gieren

HraLisbeitage: Gießener Aamitienökätter.

Aunabmk von Anzeigen zu der Nachmittags für bm folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Dorm. 10 Uhr.

glieder zu Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit zu erziehen, durch Besserung der wirthschaftlichen Lage für immer wettere Theile deS Volkes den Boden für deren geistige und sittliche Hebung zu schaffen und sie so zur Mitarbeit an der Lösung der Aufgaben des Staates und der Gesellschaft zu befähigen. Erreicht wird dieses Ziel auf dem Wege der Selbsthülfe. Die Genoffenschaft muß auf der ausschließlichen Entfaltung der eigenen Kraft beruhen, nur dann wird sie eine wahre Stütze des Staates und der heutigen WirthfchaftSordnung und eine Schule der Selbstverwaltung für die Mitglieder. Groß find die Erfolge der Genoffenschaften, größer aber ist das Feld, das sich ihrer Thätigkeit noch bietet. Jeder weitere dauernde Erfolg wird davon abhängen, daß sie fest» halteu an den ewig wahren wirthschaftlichen und sittlichen Grundsätzen der Selbsthülfe, Selbstverwaltung und Selbst­verantwortlichkeit, daß sie sich stets bewußt bleiben ihrer idealen Aufgaben, der wirthschaftlichen, sittlichen und bürger­lichen Wohlfahrt des Volkes zu dienen und daß die Genoffen­schaften des Allg. Verbands treu festhalten an der Orgaui- sation, welche sie sich geschaffen haben zu machtvollem Zu­sammenschluß der Einzelkräfte behufs Befolgung und Wahrung gemeinsamer Jntereffen, zur Abwehr und geschloffenem Zu­sammenstehen gegen jeden Angriff und gegen jede Gefahr.'

in der Halle. Dabei werden Musikstücke und Chor- Gesänge vorgerragen und mehrere patriotische Ansprachen ge­halten. Dann soll noch ein großes Feuerwerk abgebrannt werden, das zum Schluß wiederum dasEiserne Kreuz" bringen wird, ein Glanzstück der pyrotechnischen Kunst. Am Sedantage selbst ist dann nochmals großes Militärconcert. Damit werden dann die Darmstädter Jubiläumsfeiern zur Erinnerung an 1870 ihr Ende erreicht haben. Ueber daS finanzielle Ergebniß des ganzen Festes verlautet noch nichts Bestimmtes, doch hofft man allgemein, daß nach den guten Einnahmen ein Fehlbetrag nicht zu befürchten sei. Im Publikum und in der Preffe wird nun vielfach der Wunsch laut, die Militärbehörde möge die Erlaubntß zum Relaffen der Festhalle noch auf ein paar Jahre verlängern. Die Halle ist für Darmstadt dringend nothwendig^ denn für Maffenversammlungen findet fich in Darmstadt leider gar kein ausreichendes Local. Der Saalbau kann auch nach

Saalbühne auch für die nächsten zwei Jahre überlaffen, die MiethSsumme beträgt 1000 Mk. für 1. Juni bis 31. August. An Erfolgen hat es dem Unternehmen nicht gefehlt, und gerade in den letzten Tagen kamen noch einigeHaupttreffer" heraus. Am Montag sang Fräulein Enrici vom Frank­furter Opernhaus denBoccaccio" und fand großen Erfolg. Die französische OperetteMamzelle Nitouche" hat sich die Gunst deS Publikums gleichfalls erworben und konnte mehr- fach wiederholt werden. Auch das Orpheum im Skating Rink hat fich den ganzen Sommer hindurch gut renrirt. Das Programm war stets geschickt und abwechslungsreich zusammengeftellt, so daß stets für die Unterhaltung der Be-

facher gesorgt war.

Jetzt hat nun ein anderer Unternehmer den kühnen Plan gefaßt, eine zweite Bariötebühne mitten in der Stadt zu eröffnen, es soll bereits ein großes Haus zum Umbau angekaufr sein. Ob fich die Sache auch im Winter rentiren wird, dürfte zweifelhaft erscheinen, da bildet das Hoftheater, in dem künstlerisch werthvollc Unterhaltung ge­boten wird, doch eine recht gefährliche Concurrenz und für zwei Varisttzbühneu ersten Ranges, das Skating Rink-Orpheum soll auch bestehen bleiben, scheint Darmstadt denn doch nicht der geeignete Platz zu sein. Die Alt er'sche Möbel- Fabrik, die bekanntlich im vorigen Jahre durch eine große Feuersbrunst zerstört wurde, erhebt sich nun als stolzer Prachtbau auf der alten Stelle. Man hofft, den Bau noch vor Eintritt des Winters ganz unter Dach zu bringen, um dann an die Vollendung der Jnnenraume gehen zu können. Darmstadt erhält durch diesen Neubau eine sehr schöne architectonische Zierde, deren Wirkung nur durch die Enge der Elisabethenstraße etwas beeinträchtigt wird.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correfpondenz-Bureau.

Demmin, 30. August. Nach dem Mänöver kehrte der Kaiser an der Spitze des 2. Pommer'schen Ulanenregiments Nr. 9 in die Stadt zurück, wo er von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge enthusiastisch begrüßt wurde. Der Kaiser begab sich zur Frühstückstafel nach dem Osfiziercasino. Die Abfahrt zum Bahnhof erfolgte um 2 Uhr.

Friedrichsruhe, 30. August. Vierzig deutsch-amerikanische Veteranen mit ihren Damen brachten heute Mittag 12 Uhr dem Fürsten Bismarck ihre Ovation dar. Vier Herren wurden zum Frühstück geladen, welches eine Stunde dauerte und unter lebhafter Unterhaltung, namentlich von Seiten des Fürsten, einen äußerst intereffanreu Verlauf nahm. Inzwischen hatten fich die übrigen Theilnehmer an der Huldigungsfahrt vor dem Schlöffe aufgestellt. Der Fürst trat vor das Portal, schritt die Front der Veteranen ab und unterhielt sich mit vielen derselben in leutseligster Weise. Der Vorsitzende der Chicagoer militärischen Vereinigung, Notar Schlaecker, brachte ein Hoch auf den Fürsten aus, in welches alle Theilnehmer begeistert einstimmten. Fürst Bis­marck toastete auf die Deutschen Amerikas und gab wieder­holt seiner hohen Freude über den Besuch Ausdruck. Zum Schluffe defiltrten die Theilnehmer nochmals unter wieder- holten Hochrufen vor dem Fürsten. Freudig überrascht

vierteljähriger Avonncmentrprrise 2 Mark 20 P|g. mit Bringcrloh».

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Kchutkrahk Slt.l, Fernsprecher 51.

dem Umbau den Anforderungen oft nur zum Theil genügen, das ist ein Mißstand, der sich nun schon gar oft sehr un­angenehm fühlbar gemacht har. Zudem ist die Halle so kühn gebaut und so intereffant constrmrt, daß sie an und für sich eine Sehenswürdigkeit bildet. Hoffentlich fällt in dieser An­gelegenheit bald eine günstige Entscheidung.

Im Saalbau fand in dieser Woche das letzte Sommer­fest statt. Die rührige Direction des Sommertheaters hatte dieBanda municipale di Pratolau aus den Abbruzzen gewonnen, die aus 53 geschulten Musikern besteht. Die italienischen Künstler fanden für ihre musikalischen Leistungen unter der flotten Direction ihresMaestro Lorenzo Puppilla reichen Beifall bei dem außerordentlich zahlreichen Publikum. Während der Conceripause führten die Mitglieder des Sommer­theaters das harmlose LustspielchenRecept gegen Schwieger­mütter" von König Ludwig I. von Bayern auf. Das

Alle Annoncen-vureaux de» In- und Ausländer nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Gießener Juqeiger erscheint täglich, rit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Il»«ilie»vkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Generat-Wnzeiger.

Feuilleton.

Wochendriese aus der Residenz

(Ortgtnalbertcht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 30. August.

«Meier auf dem S-Splatz. Sanierte und Theater. - Bau-Projekte.

Nach den raufchenden Festtagen, die Darmstadt für kurze Reit ein ganz anderes Aussehen gegeben hatten, ist nun doch Mc unausbleibliche Festesmüdigkeit eingetreten. Schon die letzte Wiederholung der lebenden Bilder war nur schwach besucht und am letzten Sonntag fand auch die osficielle Nach­feier mit dem großen Volksfest nicht im entferntesten die gleiche Betheiligung wie die Veranstaltungen an den Hauptsesttagen. War man bei diesen genöthigt, von Tausen­den von Theilnehmern zu sprechen, so konnte man da« am vergangenen Sonntag nur von Hunderten. Der Festplatz hatte dadurch ein etwas verändertes Aussehen bekommen. In den Wirthsbuden und drinnen in der Halle gabs diesmal viel Platz und selbst dieechte" Tyrolergesellschaft in der Psch°rrbräuh°ll- nicht allzuni-l B-such-r an btefe

vordem io zahlreich in Anspruch genommen- Stat e. Im Laufe des Nachmittags fanden auf dem großen Podium vor der Halle wiederum turnerische Aufführungen statt, auch wurden mehrere Luftballons steigen gelaffen. Die Restaura­teure machten natürlich diesmal kein sehr fröhliches Gesicht, indessen konnten sie sich mit dem glänzenden Ergebniß der vetfloffenen Tage wohl trösten. Zudem bringt auch der nächste Sonntag noch eine große Vorfeier zum Sedantag. DaS Programm dafür ist folgendes: Nachmittags Concert i» der Fefthalle und auf dem Festplatze. Nach 5 Uhr wird das Aeronautenpaar Miß Polly und Capitän Ferell

waren alle von dem über alles Erwarten guten Aussehen des Fürsten.

Depeschen des Surceu .Herold*.

Berlin, 30. August. Der königliche Hof legt heute für die Erbgroßherzogin von Oldenburg auf vierzehn Tage Trauer an, welche intiefe am 1. und 2. September ab- gelegt wird.

Berlin, 30. August. Der König von Sachsen wird am Sonntag Abend hier eintreffen. Seinem Wunsche gemäfe werden auf dem Anhalter Bahnhofe die Combattanten der sächsischen Armee aus dem Jahre 1870/71, die in Berlin und Umgegend ihren Wohnsitz haben, Ausstellung nehmen. Der König will die alten Krieger begrüßen.

Berlin, 30. August. Der französische Botschafter Herbette wird morgen Berlin auf einige Tage verlassen und erst nach den Sedan-Feierlichkeiten zurückkehren.

Berlin, 30. August. DerReichsanzeiger" meldet: Am 28. August, 4 Uhr früh, wurde der deutsche Schooner Delphin", der keine Hecklaterne Wrte, durch den Dampfer .Gneisenau" in der Nordsee bei hohem Seegang von hinten angerannt und sank um 8 Uhr. Zwei Mann des ersteren sind ertrunken, die übrige Besatzung wurde gerettet.

Berlin, 30. August. Gegenüber einigen Blättermeldungen erfahren wir, daß am Sedan tage keine Protestversamm­lung der Socialdemokraten gegen die Feier stattfinden wird, sondern nur im ersten Wahlkreise eine Partei-Versammlung, die mit der Sedanfeier nicht daS Geringste zu thun hat.

Berlin, 30. August. Der Kaiser von Oesterreich trifft am 9. September Mittags in Potsdam ein, woselbst er der deutschen Kaiserin einen Besuch abstatten wird. Die Ankunft in Stettin zu den Manövern erfolgt am Nachmittag.

Friedrichsrnh, 30. August. Die deutsch-ameri­kanischen Veteranen wurden heute Mittag vom Fürsten Bismarck empfangen.

München, 30. August. Seitens des königlichen Staats­ministeriums des Innern erging an sämmtliche KreiSregte- rungen eine Entschließung, daß am 2. September sämmtliche Staatsbetriebe ihren Bediensteten und Arbeitern, welche den Feldzug 1870/71 mitgemacht haben, der ganze Tag bet voller Lohnzahlung fretzugeben sei. Die Nicht-Com- battanten erhalten den Nachmittag bei voller Lohnzahlung frei.

Gastein, 30. August. Die Nachricht, daß Fürst Bis­marck den hiesigen Badeort binne« Kurzem zum Kurgebrauch besuchen wird, ist unbegründet. Es handelt sich höchst wahr­scheinlich um einen der beiden Söhne des Fürsten.

Brüssel, 30. August. Aus Southould wird ge- meldet, daß ein englisches Küstenschiff daS belgische Fischer­schiffZeelust" beim Fischen in en glische r Zone über- rafchte. DaS belgische Schiff wurde rach einem heftigen

| Cine Ballonauffahrt veranstalten, Abends ist große patriotische I Sommertheater schließt am Samstag seine Spielzeit. Die fteier in der Halle. Dabei werden Musikstücke und Chor- Direction bekam von der Stadtverordneten-Versamml^ung die

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend den Bau einer Kretsstraße von Staufenberg nach der LandeSgrenze gegen Odenhausen.

Der Fahrweg von der Haltestelle Friedelhausen bis zur LandeSgrenze gegen Odenhausen wird für den Fuhrwerks­verkehr bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, den 30. August 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen: v. Gagern.

Gefunden: 1 goldener Ring, GUd, 2 Taschentücher, 1 Paar und 1 einzelner gelber Handschuh, 1 Henkelkorb, 1 Kinderhut, 2 Kämme mit Futteral und 2 Wagenkapfeln.

Gießen, den 31. August 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Roth.__________________

Deutsches Reich.

K. Augsburg, 30. August. Nachdem der Allgemeine eutsche GenossenschaftStag in den beiden Ver­sammlungen von gestern und heute seine Berathungen fort­gesetzt hatte, wurde derselbe heute Nachmittag 2 Uhr ge- schloffen. Zwei Anträge waren von der Tagesordnung ab­gesetzt worden. Die Berathungen haben sich während des Zeitraumes vom 28. d. M. bis heute erstreckt auf die An­gelegenheiten aller Genoffenschaften im Allgemeinen, ferner auf die der Creditgenosfenschaften, der Consumvereine, sowie der Magazin-, Rohstoff-, Productiv- und Baugenoffenschaften im Besonderen. Es wurden sämmtliche Anträge der Tages­ordnung mit grofeer Majorität angenommen. Dieselben be- ziehen fich auf die Revifionsangelegenheiten, auf die Abwehr gegen alle Einflüsse, die dem Grundgedanken der auf Selbst­hülfe beruhenden Schulze'schen Genoffenschaften gefährden könnten, sowie auf die Förderung des genossenschaftlichen Ge­schäftsbetriebs der Handwerker und schließlich auf die An­feindungen der Comumvereine. Unter den Anträgen befand sich auch der einstimmig angenommene, vom Anwalt gestellte: Den Genoffenfchaften in Preußen kann nicht empfohlen werden, Lentralkaffen zu dem Zwecke zu errichten, um mit der (vom Staate errichteten) Preußischen Centralgenoffenschaftskaffe in Geschäftsverbindung treten zu können." Der ebenfalls einstimmig angenommene Antrag des engeren Ausschusses lautet:Der Allgemeine Genoffenschaftstag wolle erklären: Aufgabe und Ziel der Genoffenschaft ist es, die Einzelkräfte in dem wirthschaftlichen Organismus des Staates zu sammeln und zu wirthschaftlichen Gesammtkrästen zu verbinden, die Mit-