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Nr. 205 Drittes Blatt. Sonntag den 1. September
Der Hiehener «itnjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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1893
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Der Krieg von 1870|71,
geschildert durch Ausschnitte aus ZeitungS-Nummern jener Zeil.
(Nachdruck verboten.)
1. September.
Einen rührenden Anblick gewährte es, als in der Schlacht vor Metz am 18. August bei dem 1. Garde« Dragoner - Regiment Abends Appell geblasen wurde und 602 reiterlose Pferde von allen Seiten her diesem militärischen Ruse folgten und theils matt, theils verwundet sich dem Regiment anschlosien.
Als Frucht des gegenwärtigen Krieges mutz der deutschen Nation ihr sester staatlicher Zusammenschluß gewonnen werden. Möge dem Frieden die Sicherheit und Macht Deutschlands nach Außen, die Freiheit und Einigkeit Deutschlands nach Innen entspringen. Das alte Kaiserreich deutscher Nation, das im Jahre 1806 durch die Schwäche eines Habsburgers und die gewaltige Uebermacht eines Napoleon zugrunde ging, es möge im Jahre 1870 durch die Macht Deutschlands unter einem Hohenzoller nach dem Sturze eines ohnmächtigen Napoleon im alten Glanze wieder erstehen. Großes hat Bayern und sein König in diesen Tagen deS Ruhmes für Bayerns Ehre und Selbstständigkeit, für Deutschlands Größe und Macht gethan, Größeres aber vermag sein König noch zu leisten. An Süddeutschland, an Bayern vor Allem ist es, die alte Herrlichkeit des deutschen Reiches zurückzufordern- jene Einheit zu begründen, in welcher die Verschiedenartigkeit der einzelnen Stämme weiten Raum und Sicherheit zur Entfaltung, die berechtigte Selbstständigkeit der einzelnen Fürsten felsenfesten Schutz findet. Möge Bayerns König das entscheidende Wort sprechen, das Wort, daS den Geist deS deutschen Kaisers Friedrich des RothbartS im Kyffhäuser weckt und dem deutschen Reiche giebt die alte Kraft und Herrlichkeit! (Münch. „Neueste Nachr.")
In der Nacht vom 26. auf den 27. August galt es, der Festung Straßbur g die Schleußen zu zerstören, welche das Wasier in den Gräben zum Stauen brachten. Für daS Unternehmen waren je tausend Thaler an fünf Mann als Preis geboten worden, und siehe, fünf badische Pioniere haben eS übernommen und glücklich auSgeführt, ohne dabet verwundet zu werden. Die Gräben sind dadurch trocken gelegt worden, und so ist der Sturm erleichtert. Ebenso haben badische Artilleristen auf einem Floß sich NachtS auf das andere von Scharfschützen besetzte Ufer treiben lassen, die Schwimmanstalt los gemacht und in Brand gesteckt und find unverwundet mit der erbeuteten französischen Fahne im Triumphe wieder herübergekommen. DaS Bombardement hat gestern einen noch viel stärkeren Lärm gemacht, und doch find noch nicht alle Geschütze uvd Mörser in das allgemeine
Concert eingelreteu. Was bisher dort geschah, ist nur ein Kinderspiel gegen daS jetzige Wüthen der Geschütze, und die Erde zittert darunter. Von der Stadt auS fliegen die Kugeln bis weit herüber ins Land und eS mutzte obrigkeitlich verboten werden, die Nachbarorte von Kehl zu betreten, denn die Zahl der Neugierigen wuchs immer mehr an. Gestern früh wurde ein Ausfall gemacht, der jedoch unseren Truppen nur geringe Verluste brachte, und in der Stadt erklärte man dies als Sieg, der Commandant ließ Morgens 9 Uhr mit allen Glocken läuten. Auch auf den Wällen nahmen Bürger der Stadt am Schießen Theil, und es scheint ein arger Fanatismus zu herrschen. Der Commandant will die Stadt nur als Schutthaufen übergeben. Ganze Straßen sind niedergebrannt und an tausend Menschen verletzt, viele ge- tödter. In die Krypta des Münsters hatte man die Kranken und Verwundeten gebracht, aber Granaten und Bomben fielen hinein, mit Mühe brachte man die Kranken aus dem Rauch und Qualm.
* Die evangelischen Jungfrauen • Vereine Deutschlands. Es ist eine Freude, wenn man gelegentlich auf Bestrebungen stößt, welche die sittliche Gesundung und Kräftigung unseres Volkes bezweckend, bei aller Stille treuer Einzelarbeit doch des weitblickenden und weitgreifenden Muthes nicht ermangeln. Dieser Zug tritt in der Arbeit der evangelischen Jungsrauen- Vereine jetzt deutlich hervor. Die Anfänge der verheißungsvollen Bewegung sind hin und her zerstreut im lieben deutschen Vaterland; hier war es ein Mann, dort eine Frau, welche, das Herz auf dem rechten Flecke, nicht länger ansehen konnte, wie daraus, daß man die jungen Mädchen nach der Einsegnung sich selbst überließ, die übelsten Folgen für ihren sittlichen Character erwuchsen. Bekanntlich find es ja die Jahre zwischen der Einsegnung und der Eheschließung bezw. dem ihr entsprechenden Lebensalter, welche über die Herzens- und Character- bildung des erwachsenen Menschen der Regel nach entscheiden. DieseThatsacheverleihtderGründung vonJungfrauen-Vereinen, welche der sittlichen Bewahrung und Förderung der Mädchen und der gesunden Pflege ihres Gemüthslebens dienen, einen allgemeinen Werth. Er erhöht sich in demselben Augenblick, wo die vereinzelten Vereine sich zu einem Verband zusammenschließen und durch den Austausch ihrer Erfahrungen sich über die Principien und die wirksamsten Methoden ihrer Arbeit klar zu werden suchen. An diesem Punkt sind die ungefähr 1500 Jungfrauen-Vereine Deutschlands angelangt. Sie find auf dem besten Wege zu einer stetigen geistigen Verbindung untereinander- die „Deutsche Mädchen-Zeitung",
das Organ der evangelischen Jungfrauen - Vereine, wird in 13000 Exemplaren gelesen, die Fachzeitschrift zur Leitung von Jungfrauen - Vereinen: „Vorstände - Verband" in 800 Exemplaren- beide Blätter je 1 Mk. Bezugsgebühr bei monatlichem Erscheinen. Letzteres erhielt seinen Namen von der schon 500 Vereine umfassenden Organisation deS Vorstände - Verbandes evangelischer Jungfrauen - Vereine Deutschlands. Derselbe hält regelmäßige JahreSconferenzeu ab, unterhält einen Berufsarbeiter und hat in Berlin N., Borsigftr. 5, ein Centralbureau für die Jungfrauen-Dereins- sache errichtet. Ein Gedanke, der innerhalb des Verbandes sorgsam gepflegt wird, verdient hervorgehoben zu werden: man bemüht fich, die Mitglieder dazu zu erziehen, daß fie in ihrem Kreise willig ihre Kräfte in den Dienst der Nächstenliebe stellen. Ohne daß gerade darauf hingearbeitet würde, dürfte es doch eine Frucht dieser Bemühungen sein, daß sich gerade Mitglieder der Jungfrauen - Vereine melden, um in die Segensarbeit der Diaconiffen, dieser stillen Samariterinnen unserer Gemeinden, einzutreten. Man fieht, es handelt sich hier um ein mit weitem Blick angelegtes und mit Energie betriebenes Werk voll echt christlichen Gehalts. Die Kaiserin verfolgt seine Entwickelung mit warmem Jnteresie und es darf wohl darum bitten, daß gefinnungSverwaudte Frauen und Mädchen sich ihm zur freudigen Mitarbeit anschließen und nicht minder ihm die Männer, welche an dem bald jagenden, bald schleichenden Pulsschlag unseres Volkslebens erkennen, daß es krankt, nach ihren Kräften Förderung zu Theil werden lafien.
* 6in standesamtliches Curiosum ereignete fich dieser Tage in einem Berliner Vororte. Ein Maurer hatte die Geburt eines Sohnes angemeldet und zugleich die ihm betzulegenden Vornamen angegeben. Am folgenden Tage ging dem Standesbeamten ein höfliches Schreiben des Maurers zu, in dem dieser anzeigte, daß sein „Junge" kein Junge, sondern ein Mädchen sei, und die Namen geändert werden müßten. Der Vater schiebt die Schuld für die falsche Anmeldung der Hebamme zu, die ihm, der auf einen Sohn gehofft, im ersten Moment die Freude nicht hatie verderben wollen, und ihm deshalb fälschlich mttgetheilt hatte, das Kind sei ein Junge.
* Eine seltene Auszeichnung besitzt ein Dresdener Veteran von 1870, der Fleischermeister Fritz Forkert, neben seinem Eisernen Kreuz, nämlich die französische Rettungsmedaille. Forkert erhielt die Auszeichnung dafür, daß er bei der Uebergabe von Metz einen französischen General mit eigener Lebensgefahr vom Tode des Ertrinkens aus der Mosel errettete. Die am rothen Bande zu tragende silberne Denkmünze trägt daS Bildniß von Thiers.
Feuilleton.
△ SmnerunM eines freiwilligen Knvitätsmaaves nvs den August- lllld Scptembertageu des Jahres 1870. (Schluß.)
Der Kanonendonner, welcher während unseres Hinmarsches nach PterrevillerS von Westen vernehmbar war, rollte nun immer deutlicher von Osten herüber. Wir er- stiegen einen Hügel südlich von PterrevillerS, der eine ziem- lich gute Aussicht in daS Moselthal gewährte und von welchem aus der Geschützkampf tm Westen und im Osten unterschieden wurde. Heute wird wieder eine Doppelschlacht geschlagen wie am 6. August bei Wörth und Spichern, sagten wir uns. Die Kanonade tm Westen dauert schon zwei Tage, folglich handelt eS fich um keine Kleinigkeit — und da drüben tm Osten handelt eS fich um sehr ernste Dinge, denn die Artilleriethätigkeit verstärkt fich immer mehr. Unsere Annahme war richtig. Von dem Hügel bei PterrevillerS hatten wir gleichzeitig die Kanonen von Metz (Noiffeville) und bei Westwind die Kanonen von Sedan (Beaumont) gehört.
Unser Marsch ging nun wieder südwestlich nach Ron- court, wo wir ein Rebhühnerpaar aus einer Furche emporscheuchten. Ein allgemeines Ah! erscholl, als die Thterchen in die Lüste schnurrten. Welche Kühnheit, oder welche An- hänglichkeit an die heimathliche Furche muß in dem Pärchen gewohnt haben, weil es fich durch den entsetzlichen Aufruhr, der seit Wochen hier herrschte, nicht vertreiben ließ.
Ungleich günstiger lagen die Reiseverhältniffe auf dem Wege nach der Heimath, als auf der Hinreise. Wir ge< langten am Abend des 1. September schon bis Arö sur Moselle, wo wir erfuhren, daß fich unsere hessische Artillerie neue Lorbeeren zu den alten bei dem Dorfe Noiffeville gesammelt
habe. Am folgenden Morgen (2. September) traf die Nachricht ein: Mac Mahon sei zum zweiten Male geschlagen worden und diesesmal noch vernichtender als bei Wörth. Von der Gefangennahme Napoleons und der ganzen Armee wußten wir noch nichts.
In Corny löste sich unsere kleine Sanitätstruppe auf. Die eine Hälfte, mit der Leiche des jungen Offiziers, ging per Bahn über Nancy nach Straßburg, Mannheim und Darmstadt- die andere Hälfte erhielt durch den liebenswürdigen Etappencommandanten von Corny einen Bauernwagen, der über Remilly in feine Heimath bei Saarlouis fuhr und ganz leer war. Die Strecke Corny-Remillh, zu der wir vor zehn Tagen dreißig Stunden brauchten, wurde mit dem leeren Wagen in fünf bis sechs Stunden zurückgelegt. Nun durften auch die Lazarethe von Remilly besucht werden. Das Chaos auf dem kleinen Bahnhofe war bewältigt- es herrschte zwar eine riefige Thätigkeit, die erst nachließ, als die Armee des Prinzen Friedrich Carl nach der Capitulation von Metz ihren Marsch in das Herz von Frankreich nahm: aber es waren doch geordnete Verhältniffe, ohne Wirrwarr und Durcheinander. Auch die Armee- verwaltungSbeamten und das Eisenbahnpersonal leisteten Großes in ihrem Dienste. Unsere Heimfahrt ging per Bahn in einer Tour von Remilly über Saarbrücken und Kaiserslautern nach Mannheim die Bergstraße hinab nach Darmstadt und nahm nur anderthalb Tage in Anspruch.
Wir find zu Ende mit unseren einfachen Mittheilungeu gekommen. Die vierzehn Tage, welche wir auf dem Kriegsschauplätze verbrachten, haben uns die Ueberzeugung tief in die Seele eingeprägt: DaS Schrecklichste, was einem Lande, einem Volke widerfahren kann, ist der Krieg. Nur wenn die heiligsten Güter: Ehre und Existenz eines Volkes, in Gefahr kommen, soll zum Schwerte gegriffen werden und
nicht eher soll es zur Scheide zurückkehren, bis diese heiligsten Güter gerettet find. Denn nichtswürdig ist die Nation, d>e nicht alles setzt freudig an die Ehre. Mit hohem Dankgefühl und mit berechtigtem Stolze, aber ohne Dünkel und Selbstüberhebung wollen wir die Gedenktage feiern. Unseren Kindern und Kindeskindern wollen wir schildern und einprägen, was für herrliche Männer wir anno 1870 besaßen, aber dabet niemals vergeffen hervorzuheben, wie groß diese Männer in ihrer Friedensliebe waren und welch ein Glück es sei, daß der Frieden ein Vierteljahrhundert unter den schwierigsten Verhältnissen bewahrt werden konnte.
Niemals werden uns die Franzosen daS Jahr 1870 vergeben und verzeihen. Wir dürften ihnen Elsaß-Lothringen, die fünf Milliarden und die Requifittonen bis zum letzten Pfennig zurückersetzen, so würden wir in wenigen Wochen darnach ein neues Geschrei um Revanche für die erlittenen Niederlagen hören müssen. Was ging die gloiresüchtige Nation das Jahr 1866 und Sadowa an — und wie ge- berdere fie sich bis 1870! In Jahrhunderten werden die Franzosen noch über uns herfallen, um fich zu rächen, wenn eS nicht vorher möglich war. Möchte die deutsche Nation nicht herabfinken von ihrer Höhe und Männer an ihrer Spitze finden, wie wir fie 1870 besaßen. Die Geschichte lehrt: Die Völker steigen und finken in ihrem Ansehen, in ihren Leistungen. Manche verschwinden ganz vom Erdboden. Aus dem tiefsten Elende hat fich unsere deutsche Nation wiederholt zu hoher Blüthe in Poesie, Kunst und Wissenschaft, auch in kriegerischen Ehren emporgehoben. Wenn wir auch nicht mehr auf der Höhe stehen, wie wir sie 1870/71 erreicht hatten, find wir doch überzeugt, daß uns keine Nation der Welt übertreffen kann, wenn der deutsche Geist fich nicht selbst verliert. — „Deutschland, Deutschland über Alles!"


