Nr 17« Zweites Blatt. Dienstag den 31 IM
1894
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Keßener Anzeiger
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Ver-irischte»
* Berlin. 27. Juli. Einem schauerlichen Verbrechen ist, wie das „Berliner Tageblatt" meldet, die Polizei in dem Hause Sebafttanstraße 86 auf die Spur gekommen. Daselbst hat das bet dem Kaufmann Krebs in Stellung befindliche Dienstmädchen Clementine Bößler in der Nacht zum 21. dss. Mts. einen Knaben geboren und denselben in der entsetzlichsten Weise mittelst eines Hackmessers zerstückelt und sodann die einzelnen Theile der Leiche in das Abzugsrohr des Closets gezwängt. Die Bößler hat die That etngestanden.
* Wien, 27. Juli. Die Ortschaft Jllnitz bei Oeden- burg ist von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht worben. Ueber 300 Wohnhäuser find niedergebrannt.
* Traurige städtische Verhältnisse herrschen zur Zeit in Wittenberg, der erste Bürgermeister Schild hat sich bekanntlich erschossen, drei städtische Beamte befinden sich in Untersuchung, zwei Magistratsmirglieder und drei Stadtverordnete, die man beschuldigt, daß sie von den Unterschlagungen des Bürgermeisters Dr. Schild Kennrniß gehabt hätten, ohne Anzeige davon zu machen, haben ihr Amt nieder- gelegt und jetzt ist auch noch der Stadtoerordneten-Vorsteher unter Anklage der Beihilfe zum Betrug gestellt worden. Das vom Kaiser Wilhelm dem Bürgermeister Schild anläßlich des SchloßkirchenfesteS geschenkte Katserbild har die Stadt für 300 Mk. aus der ConcurSmasie erworben- dagegen kommt das Silbergeschenk, welches die Stadt für 500 Mk. dem Bürgermeister zu seiner filbernen Hochzeit geschenkt hat, unter den Hammer.
* Aus der SauregurkeaZeit. Wie aus Ratibor berichtet wird, wurde dort dieser Tage ein Herr gut abgeführt, der in der Bierlaune seinen Freunden gegenüber die Wette eingegangen war, dem ersten Dienstmädchen, welchem sie auf der Straße begegneten, einen Kuß aufzudrücken. Der Kuß- lustige gab in der That einer Dlenstfee einen Kuß. Er kam aber schlecht weg. Das Mädchen trug eine Milchkanne und rächte sich für den Kuß dadurch, daß sie dem Don Juan den Inhalt der Milchkanne, fünf Ltrer unabgerahmter Milch, über den Kopf goß. — Eine süddeutsche Zeitung erzählt von einem sonderbaren Schwimmgürtel, den tein Fischer im Kaukasus gebraucht haben soll.
wärtig verboten- ein unberufener Fischer hatte aber dennoch eine hübsche Anzahl von Fischen gefangen unb sie an einer Schnur ins Wafier gelassen. Als er sich von der Polizei überrascht sah, band er sich die Schnur an den Fuß und versuchte schwimmend ans jenseitige Ufer zu entkommen. Kaum hatte er aber zu schwimmen begonnen, als die Fische ihn mit in die Tiefe zogen. Die Leiche ist bis jetzt noch nicht gefunden worden. — Ein Wiener Blatt meldet: Sennor Arce, der jüngst ermordete Präsident von Boltvia, war immens reich und warf das Geld förmlich zum Fenster hinaus. Eines Tages, als er noch bevollmächtigter Minister in Paris war, ritt er bei Vincennes vorüber. Er sah eine Villa, die ihm gefiel. Er trat ein und fand die Familie, der die Villa gehörte, bei Tische: „Verzeihen Sie, wenn ich störe, ich wollte nur fragen, ob Sie diese Villa verkaufen- sie gefällt mir." „Je nachdem, das kommt ganz darauf an." „Was soll sie kosten?" „Zwei Millionen Franken." „Können Sie gleich ausziehen?" „Wenn es darauf ankommt, in einer Stunde." „Nein," sagte d'Arce, „das ist zu spät. Wer weiß, ob sie mir in einer Stunde noch gefällt. Hier eine Anweisung auf zwei Millionen, aber stehen Sie gefälligst auf und gehen Sie sofort." Und die Familie, die den Namen d'Arce kannte, stand auf und der neue Besitzer der Villa setzte sich an den gedeckten Tisch und ließ sich das Essen trefflich schmecken. . . So erzählt man wenigstens die Geschichte.
Verkehr, Land- tmfc Volksrvirthschaft.
Stuttgart, 28. Juli. lAllgemeiner Deutscher Versicherungs- Verein.) Im Monat Juni 1894 wurden 496 Schadenfälle durch Unfall angemeldet. Von diesen hatten 4 eine gänzliche oder thetlweise Invalidität der Verletzten zur Folge. Von den Mitgliedern der Sterbckasse starben in diesem Monat 55. Neu abgeschlossen wurden im Monat Juni 3914 Versicherungen. Alle vor dem 1. April 1894 der Unfall-Versicherung angemeldeten Schäden tncl. der Todes- und Invaliditäts-Fälle sind bis auf die von 76 noch nicht genesenen Personen vollständig regulirt.
Seitens aller intelligenten Landwirthe verdient ferner die Frage, ob es der deutschen Landwtrthschaft möglich sein kann, den Bedarf an Brodfrüchten wirklich zu decken. Unter einer Voraussetzung möchten wir diese Frage bejahen, nämlich dann, wenn chie deutschen Landwirthe in ihrer Mehrheit denjenigen Weg betreten, der ihnen einige Musterwtrthschaften in Bezug aus die Getreideproduction vorschreiben. Man lese und staune da über die Resultate, welche das Klostergut Hadmersleben in der Provinz Sachsen bei dem Wetzenbau erzielte. Während sonst gewöhnlich in Deutschland der achtfache Betrag der Aussaat bei Wetzen geerntet wird, so sind auf dem Klostergute Hadmersleben bereits auf Flächen nicht unter 3 Hectar Maxtmal- ernten von 49,5 bis 53,29 Doppelcentner Weizen auf das Hectar, mithin das 49- bis 53sache Korn der Aussaat, erzielt worden. Dabei zeigen die Erträge auf jenem Gute eine außerordentliche Stabilität und Unabhängigkeit von den wechselnden Wttterungßverhältnissen. Auch ist nach der Ansicht des Besitzers der Höhepunkt der Leistungsfähigkeit noch nicht ganz erreicht, während der Rohertrag für Korn von 600 bis 700 Mk. auf das Hectar keineswegs durch einen die Rentabilität befeitigenden übergroßen Kostenaufwand bedingt war, vielmehr ein sehr erklecklicher Reinertrag übrig blieb. Wenn nun auch Bodenart, technische und wirthfchaftltche Unterschiede verhindern, daß dieses Mustervorbtld des Wetzenbaues in Hadmersleben einfach nachgeahmt und die Weizenernte um das Sechsfache vermehrt werden kann, so zeigt dieses glänzende Beispiel doch, was durch sorgfältigste Auswahl des Saatgutes, vorzügliche Bearbeitung deS Bodens, regelmäßigste Aussaat nach dem Drillsystem und rationelle Boden- und Kopfdüngung zu erreichen ist. Ferner beweist dieses Beispiel, daß zwar der Landwtrthschaft in ihrer schwierigen heutigen Lage nicht plötzlich, aber bet Anwendung richtiger M'ttel doch langsam und sicher geholfen werden kann, denn der erwähnte Fall der wunderbar gesteigerten Getreidepioduction lehrt, daß durch eine Erhöhung des Durchschnittstandes der landwirthschaftlichen sachkundigen Kenntnisie und Erfahrungen eine Steigerung der landwirthschaftlichen Production auch noch auf anderen Gebieten sehr wohl zu erreichen ist. Bezüglich der Getreideproduction erwähnten wir neben dem Wetzenbau noch ganz besonders den Gersten- und Haferbau, welcher in vielen Gegenden nur geringe Ernten gibt und allein durch vorzügliches Saatgut in feinem Ertrage bedeutend gesteigert werden könnte. Bei dem Ankauf neuen Saatgutes empfehlen wir aber allen Landwtrtben, zumal den kleineren, die nur geringe Mengen kaufen, größte Vorsicht, oa statt renommirtes Saatgut oft minderwerthtge, mit Unkraut vermischte Waare verkauft wird.
— Ueber da- Salzen de- Kleehene-, Wtesenhene- rmd GrnmmetS. Wenn es schwer fällt, bei unbeständigem Wetter daS Futter trocken unter Dach zu bringen, kann nicht dringend genug ; empfohlen werden, dasselbe mit Salz zu bestreuen, wofür in der Regel ! schon einige Hände voll für ein zwetspänniges Fuder genügen. Da- [ durch witd nicht nur Schimmelbildung verhütet, sondern gesalzenes ' Heu wird vom Vieh ungesalzenem, selbst besser eingebrachtem, vor- ; gezogen. Das Salzen des Klees und HeueS findet am besten bei i dem Einbringen in die Scheuer oder Futterböden statt.
Der Fischfang auf der Kura ist gegen-
— Wie erzielt der Landwirth Maximalerntens Wenn eine sehr reichliche Production an Körnern, Stioh, Klee, Heu, Rüben unb Kartoffeln auch einen bedeutenden Druck naturgemäß auf die Preise ausübi, so gewähren Ernten, welcbe die Durcdschnitts- ecträge der letzten zehn Jahre bedeutend übertreffen, dem Landwirth doch die größten Vortheile, denn dadurch ist es ihm möglich, die eine oder andere sich ihm darbtetende Conjurctur sicher augzunutzen und zumal die Viehzucht intensiv zu betreiben. Die größte Beachtung
Bibliotheca
Academica et Senkenbergiana.
Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule Gießen.
Von Dr. O. Buchner.
(3. Fortsetzung.)
Für die weitere Verwaltung des Senckenbergischen Bib- liotheksonds ist es vielleicht nicht ohne Interesse zu hören, daß die Einkünfte in willkürlich herausgegriffenen 24 Jahren von 1809 bis 1832 betrugen:
29 f 03'395 fl- 23 fr. oder im Durchschnitt jährlich 2641 fl.
Don dieser sehr beträchtlichen Einnahme hätten nach der Bestimmung des Testaments jährlich 250 fl., also in 24 Jahren 6000 fl., für Büchereinkäufe verwendet werden müssen, in Wirklichkeit aber wurden nur 4637 fl. 11 fr. oder durchschnittlich im Jahr 193 fl. und wenige Kreuzer, also 7,3°/0 der Einnahme in Büchern angelegt. Der Buchbinder erhielt in diesen 24 Jahren 263 fl. 12 kr. oder jährlich nicht ganz 11 fl. oder 0,4 % der Jahreseinnahme. In 8 von den 24 Jahren wurden überhaupt feine Bücher gekauft, und in 19 von den 24 Jahren kein Kreuzer Buchbinderlohn bezahlt, was um so unbegreiflicher ist, als damals noch die meisten Bücher roh, also nicht einmal geheftet in den Buchhandel gebracht wurden.
Der Name Senckenberg wird verschieden geschrieben. Die gewöhnliche und richtige, weil von den meisten Familiengliedern benutzte Schreibweise ist Senckenberg, an unserer Gießener Universitätsbibliothek ist aber der Name nur mit k geschrieben.
Es liegt nahe, die Frage nach der Herkunft der Familie Senckenberg aufzuwerfen, namentlich aber die zweite, in welcher Verbindung unser Renatus Karl vonSencken- berg, der Wohlthäter der Hochschule und namentlich der Universitäts-Bibliothek Gießen, mit dem Gründer des berühmten Frankfurter Senckenbergischen Stifts steht. Wir begegnen bei diesen Untersuchungen den eigenthümlichsten und entgegengesetztesten Charakteren.
Der erste in der Geschichte erwähnte Senckenberg war der Apotheker JohannSenckenberg, der wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Troppau inOestr.-
Schlesien nach der freien Reichsstadt Friedberg in der Wetterau überzog, daselbst großes Ansehen erwarb und 1674 als ältester Bürgermeister starb. Von seinen beiden Söhnen blieb der ältere mit seinen Kindern und Enkeln in Friedberg und verschiedene derselben folgten dem Vater und Großvater auf dem Ehrenposten als Bürgermeister nach, doch war schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts der Mannesstamm erloschen.
Der zweite Bruder Johann Hartmann Senckenberg lebte als Physikus ebenfalls in Friedberg in angesehener Stellung, wurde Mitglied des Raths, heiratete 1681 die Tochter eines Arztes, wurde 1685 auch Bürgermeister, zog aber dann nach Frankfurt a. M. über, wo er 1688 in die Bürgerschaft aufgenommen wurde. 1695 wurde er Physikus, 1700 Phy- sicus primarius und Leibarzt verschiedener Fürsten. Im Februar 1703 starb seine Frau; ihre drei Kinder waren ihr im Tode vorausgegangen. Zu Ende desselben Jahres heiratete er zum zweitenmale, doch hätte er sich nicht so zu eilen brauchen, denn die Ehe fiel sehr unglücklich aus, dauerte aber bis 1730, wo er starb. Seine Wittwe überlebte ihn noch 10 Jahre.
Von den fünf Kindern aus dieser Ehe starb eins früh, ein Sohn war Apotheker und wurde 30 Jahre alt. Die drei übrigen Söhne haben für uns größeres Interesse. Der älteste derselben, der schon erwähnte Vater des R e n a t u s K a r l, Heinrich ChristianSenckenberg, war am 19. Oktober 1704 zu Frankfurt geboren, kam aber zweijährig zu seiner Mutter Schwester zur Erziehung nach Gießen, wo er auch noch 1719—1724 als Student der Rechtswissenschaft lebte. Bis 1726 war er in Frankfurt, machte dann 1727 eine größere Reise, studierte noch in Halle und Leipzig und verkehrte viel mit den Gelehrten seiner Zeit. 1728 kehrte er nach Frankfurt zurück, war bis 1730 Advokat, dann erster Rath des Rhein- und Wildgrafen Karl von Dhaun und ggb in dieser Zeit die Selecta juris et historiarum heraus. 1735 wurde er Professor der Rechtswissenschaft an der neugegrllndeten Hochschule zu Göttingen, erhielt ein Jahr darauf von Gießen die juristische Doktorwürde, 1738 die philosophische von Göttingen. In demselben Jahre wurde er Professor der Jurisprudenz und Regierungsrath in Gießen. Seine Ehe wurde bald durch den Tod der Frau gelöst- auch das eine Kind starb. 1744
berief ihn Kaiser Franz I. als Reichshofrath nach Wien und ertheilte ihm 1751 die erbliche Reichssreiherren-Würde. 1764 war er im Gefolge Kaiser Josephs II. bei dessen Krönung in Frankfurt. So starb 1768 Heinrich Christian von Senckenberg in Wien als berühmter Gelehrter und Schriftsteller. Aus seiner zweiten Wiener Ehe hinterließ er zwei Söhne- von dem älteren Renatus wird weiterhin die Rede sein, der jüngere Karl Christian trat in sardinische Kriegsdienste und starb als Hauptmann kinderlos.
Der Bruder des Heinrich Christian Senckenberg war Johann Christian Senckenberg, geboren 1707 in Frankfurt. Durch die unglückliche Ehe seiner Eltern und den fortdauernden Streit zwischen denselben erhielt er sogut wie keine Jugenderziehung. Als ihn sein Vater einst schlagen wollte, reichte ihm seine Mutter einen Stock zur Gegenwehr und dabei hatte er das Unglück, seines Vaters Auge zu verletzen, das dieser infolgedessen einbüßte. Da 1720 des Vaters Haus niederbrannte, war dieser nicht imstande, den Sohn nach Verlassen des Gymnasiums sofort die Hochschule beziehen zu lassen. Sechs Jahre lang bereitete er sich privatim auf das Studium der Medicin vor theils in Herxheim in der Pfalz, theils in Laubach bei dem Gräflich Solmsischen Leibarzt Dr. Reich, theils bei seinem Vater in Frankfurt. Erst im April 1730 konnte er die Hochschule zu Halle beziehen, doch studierte er nur V(2 Jahre, da sein Vater sehr bald starb. Er kehrte zu seiner Mutter nach Frankfurt zurück und diese setzte nun mit ihm den häuslichen Krieg fort. Wenn er auch ohne den Titel als Dr. med. die ärztliche Praxis betrieb, so waren doch durch seine Sonderliebhabereien, namentlich Physik, und Chemie, sowie durch seinen ausgedehnten Umgang und Briefwechsel mit den verschiedenen Gelehrten die Geldeinnahmen nicht derart, wie es seine Mutter wünschen mochte. So entstanden die ärgerlichsten Auftritte. Sie schalt ihn, sie schlug ihn, ja sie warf wohl auch im Jähzorn eine Schüssel nach ihm. All das sah Johann Christian als eine besondere, von Gott ihm auferlegte Prüfung an, die er in Geduld zu bestehn sich bemühte. Und so pflegte er als treuer Sohn seine Mutter, die endlich 1740 starb.
(Fortsetzung folgt.)


