1894
Dienstag den 3t. Juli
Erstes Blatt
Nr. 176
des
ikaqe: Gießener Aamilienbkätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
wird dem Fürsten Bismarck In Erinnerung an dessen Besuch Jenas morgen anläßlich der Einweihung des Bismarck- Brunnens das Ehrenbürgerrecht verliehen.
gewickelte Apfelsinen aus denselben hervor.
„Das ist für Deinen Durst."
Damit legte er die Früchte auf das am Kopfende Wertes stehende Tischchen nieder.
Die Lippen des KtndeS murmelten ein schwaches:
vierteljähriger Abonnemerrts-reisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schukstrahe Kr.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den "Rreis Giefzen.
Der
Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamtliendtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.
dem Aviso „Blitzt geschleppt.
Köln, 28. Juli. Die „Köln. Ztg." meldet auS Petersburg, die koreanische Frage komme der russischen Re- qierung sehr unbequem. Die an der Grenze verfügbare Truppenmacht spiele einem Gegner, wie China und Korea, vornehmlich aber Japan gegenüber, keine Rolle, umsomehr, als an einen Nachschub vor Monaten nicht zu rechnen sei. Dieser ernste Zwischenfall komme Rußland einige Jahre zu früh, woraus dessen vorsichtige Haltung resultire.
Jena, 28. Juli. Auf Beschluß der Gemeindebehörden
Alle Annonccn-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
„Danke!"
Allein die Hände rührten sich nicht, die Liebesgabe zu ergreifen.
di- Ergebnisse d-rs-lbcn näher ins Auge zu lassen. Danach sand im Ganzen, einschltehiich der Marine, 1893 eine HeereS- eraäuzung stall van 268176 Kopsen. Läßt man die Marine außer Betracht, bleiben sür das Heer an AnSgehab-nen und freiwillig Eingetretenen (vor und nach dem dienstpflichtigen Alter) 262323 Mann. Dies ergibt gegen das vorhergehende Jahr, daS letzte Jahr vor der neuen Heeresorganisation, in welchem 194 673 Mann eingestellt wurden, ein Mehr von 67 650 Mann. Die Verstärkung war, wie die „Freis. Ztg. hervorhebt, größer, als in der im Juli 1893 gemachten Heeresvorlage in Aussicht genommen war. Denn in lener, schon nach dem Anträge von Huene beschränkten Vorlage war die Zahl der Ausgehobenen auf 228 500 Mann angegeben, wozu noch 9000 Einjährig-Freiwillige und der Nachersatz kommen sollten. Der Nachersatz aber beträgt höchstens 6 Procent oder 13 710 Mann, was einen Gesammtbedarf von erst 251210 Mann ergibt, also 11000 Mann weniger, als tatsächlich 1893 zur Einstellung gelangt sind. An sich kommt zur Zeit ein solches Mehr der rascheren Durchführung | der zweijährigen Dienstzeit zustatten. Denn je mehr Rekruten eingestellt worden, desto weniger Dreijährige brauchten im Herbst 1893 zur Erreichung des Etatsolls der Truppenstärke bei der Fahne zurückbehalten zu werden. Im kommenden Herbst muß bekanntlich die zweijährige Dienstzeit bei den Fußtruppen vollständig zur Durchführung gelangen und alsdann die Rekrutenzahl sich mit der Normalzahl decken.
Schueidemühl, 28. Juli. Laut Kaiserlicher Cabmets- ordre vom 12. Juli ist die Brunnenlotterie zum Besten der durch das Brunnenvnglück Geschädigten genehmigt worden. Die Loose können durch das ganze Deutsche Reich verbreitet werden. Dem aufgestellten Plan zufolge soll dem Unterstützungsfonds der Betrag von 300000 Mark zufließen. Ein großes Berliner Bankhaus erklärt sich bereits zur Ueber- nahme des Vertriebs der Loose bereit.
Wilhelmshaven, 28. Juli. Bei einem Nachtangriff nahe der dänischen Westküste stießen der Aviso „Pfeil" und das Torpedo-Divisionsboot „D 4" zusammen. Die beiden Schiffe trafen beschädigt hier zur Reparatur ein. „D 4 wurde von
Feuilleton. |
Auf Wiedersehen!
Don Fr. Baumann.
(Schluß.)
Der ArbeitSmann trat ein; mit Vorsicht schritt er weiter, damit seine groben Stiefel kein Geräusch auf dem Parquet« boden verursachten.
Franz, das unglückliche Kind, lag unbeweglich in den Kiffen, das Gesicht der Eingangsthür zugewandt. Er sah von Weitem seinen Vater kommen, ohne die Züge zu beleben, ohne mit der Augenwimper zu zucken.
Nach seinen entsetzlichen Leiden ruhte er in der Morphiumbetäubung, als weile er schon in dem Reiche der Schatten.
Langsam näherte sich der Vater dem Krankenbett und betrachtete fernen Sohn.
Das Gesicht des Knaben war weiß wie sein Bett, ab- gemagert und vergeistigt, die Augen erschienen größer und irrten verständnißloS umher.
Furchtsam stützte der Arbeiter seine Hand auf das eiserne Bett und beugte sich vornüber, seinem Kinde zu:
„Nun — Franz — es geht Dir schlecht?"
Da der Knabe nichts erwiderte, fuhr er mit den Händen in die Tasche seiner Hose und zog zwei in Seidenpapier ein-
Weßener Anzeiger
Heneml-Anzeiger.
Berlin, 28. Juli. Zur E n t l a st u n g des mtt zu vielen privatrechtlichen Proceffen belasteten Reichsgerichts beab- sichtigt die Regierung, die Grenze, bei welcher m vermögens- rechtlichen Streitigkeiten die Revision in dritter Instanz । zulässig ist, auf mindestens 2000 Mark zu er^eiL [
— Zum Commandeur der deutschen Schutztruppe in Kamerun ist Rittmeister von Stetten, früher im 3. bayerischen Cheveauxlegers-Regtment, ernannt worden.
Berlin, 28. Juli. Die auf gestern Abend einberufenen Z9 Boykottversammlungen waren 9-ößtentheils schwach besucht. Sämmtliche Redner traten energisch für Difrecht- baltung des Boykotts ein. Eine Resolution, keinen Tropfen Ringbier zu trinken, wurde in allen Versammlungen an-
AnsUrud.
Wien, 28. Juli. Die „Deutsche Zeitung" meldet telegraphisch aus Hermannstadt, daß dort gestern der Führer der ungarischen Rumänen, der Pfarrer Dr. Lucucin, von Gensdarmen erschossen wurde. Einzelheiten
Pari?, 28. Juli. Gestern sind 2 5 Anarchisten gegen welche am 9. August die Schwurgerichtsverhandlungen beginnen, in die Concierge gebracht und in Einzelhaft genommen worden. Die Anarchisten sind von jedem Verkehr mit der Außenwelt vollständig abgeschlossen, auch mtt ihren Vertheidigern dürfen dieselben nicht zusammenkommen. Diese scharfen Maßregeln stützen sich bereits auf die Bestimmungen des Anarchistengesetzes. , .
Paris, 28. Juli. Senat. Der Justtzmimster Guerin verlas das Decret, durch welches die Session für geschloffen erklärt wird. Darauf wurde die Sitzung aufgehoben. Deputirtenkammer. Der Ministerpräsident Dupuy verlas das Decret, welches die Session für beendet erklärt. Pascal Grousset (Socialift) protestirt heftig hiergegen, indem er erklärte, er habe Dupuy benachrichtigt, daß er ihn wegen der Begnadigung der von dem Gerichtshof für die boulangi» stischen Angelegenheiten Verurtheilten interpelliren wollte. Der Ministerpräsident erwiderte, der Schluß der Session sei auf Grund der Verfassung erklärt. (Widerspruch auf der äußersten Linken.) Die Sitzung wurde darauf aufge-
Paris, 28. Juli. Gestern Abend 11 Uhr erfolgte in der Seine vor dem Kammergebäude eine heftige Explosion. Die Detonation wurde im ganzen südlichen Stadtviertel gehört und man glaubte sofort an ein Attentat. Polizisten, die in der Nähe waren und vorübergehende Leute sind jedoch der Ansicht, daß ein Anarchist sich einer Bombe habe entlebiger. wollen und sie deshalb über die Concordienbrücke in tue Seine geworfen habe. ,
— Im französischen Senat hat sich doch eine thetlweise recht scharfe Opposition gegen das Anarchisten gesetz geltend gemacht. Nachdem die sofortige Berathung des Gesetzes am 27. Juli beschlossen war, bekämpfte Floquet das Gesetz, das allen freiheitlichen Principien zuwiderlaufe und gefährlicher sei, als das jüngst in der Schweiz erlassene Anarchistengesetz, da es sich hauptsächlich gegen Ueberzeugungen | und Preßvergehen richte. Auch Beaumanoir bekämpfte den
flen"n, 28. JuU. Der „Reichsanz-ig-r" veröffentlicht heute die landesherrliche Anerkennung des neuen Btschoss Georg Komp als Bischof von Fulda.
Berlin, 28. Juli. Bezüglich des ersten und bis setzt eimiaen hiesigen Cholera fall es wird gemeldet, daß de donner Krankheit leicht befallene Frau Stürtz ^°^eutc aus dem Moabiter Krankenhause entlassen werden wird.
— Die Heeres-Ergänzung Jsahre 18 ,
über welche jetzt ziffermäßige genaue amtliche Berichte - liegen, war die erste Aushebung zur Ausführung der neuen . Heeresorganisation. ES ist deshalb von besonderem Interesse,
Zu Füßen des Bettes stand ein Stuhl. Mechanisch ließ der Mann sich nieder, indem er respectvoll seine schmutzbedeckten Füße unter den Sitz zo§. Er hatte seinen Filzhut auf die Erde niedergelegt. -
Seine Gedanken verließen das Bett, den Saal — sie entflohen durch das geöffnete Fenster. Ein unbekanntes Gefühl ergriff ihn, ein Leiden, das nicht physisch war, durchruckte den gequälten Mann. Ein Schleier senkte sich auf “ne W « zu sehen, und er fühlte seinen
Körper niedergedrückt auf den Sitz des Stuhles, als sei er
Plötzlich stieg ein tiefer Seufzer auS seiner Brust emP c\Q c0 war es auch gewesen, als er zum ersten Male dies Haus betreten hatte, um seine Frau zu besuchen. Man hatte sie ihm gezeigt, ausgebreitet auf dem Bett, mit den« selben Fieberaugen, mit derselben Blässe. Dann hatte man ihn davon benachrichtigt, daß sie verschieden sei, und er war nur noch gekommen, die Todte als die Seimge anzuerkennen, ehe man sie einsargte und begrub. Am folgenden Tage war er zu seinen Pferden zurückgekehrt, ein Trauerband am Arm. Während des Tages, wo er zu arbeiten hatte mttJemen Thieren, unter dem ewigen Hüh und Hott war ihm der Wechsel nicht gar so unerträglich gewesen. Allein des Abends, wenn er noch nicht den Fuß auf die Treppe lewer Wohnung gesetzt hatte, überfiel ihn fern ganzer Schmerz. - c^efct sollte er auch den Jungen verlieren, nichts blieb ihm, kein Heim, — keine Seele, nichts mehr, das ihn fernerhin nach Hause locken könnte.
Sein Herz erbebte, er fühlte es, daß sein grausames Schicksal sich besiegele, das Kind nahm alles mit fort. Alles, was ihn noch gehindert hatte, wüst und rauh zu werden, wie seine Karrenpferde, die er mit dem Stiefel stieß, alles, was ihn noch abhielt, sich ganz dem Trünke zu ergeben.
An den übrigen Krankenbetten plauderten die Besucher,
da vernahm man die Freude der Erretteten, der Wieder, genesenden, da wurden tröstende goldene Zukunftsplane gesch^det^an^ ben auf seine Brust sinken und verblieb so, bis ein Wächter sich ihm näherte und ihm auf die Schulter klopfte:
„Es ist fünf Uhr . . . die Besuchszeit ist vorüber . . .
Sie muffen sich zurückziehen, mein Freund!"
Ohne Widerspruch erhob er sich, wandte den Kopf ab wärts, damit sein Kind ihn nicht höre, und fragte leise.
„Könnte ich nicht morgen wiederkommen?
Der Beamte machte ein Zeichen, welches anbeitote, daß es nicht von ihm abhänge, eine lolche Erlaubniß zu "^".Wenden Sie sich an die Schwester, Kamerad!"
Der Fuhrmann näherte sich ber Diacontssin, in beiden Hänben hielt er den Ranb seines Hutes.
Sie hob bie Arme unb wies zum Himmel.
Denken Sic nicht baran---das ist in der
Thai unmöglich *---Me Regel des Hauses ver.
blEtet®r beftanb nicht weiter auf seinem Anliegen, allein er kehrte zum Bette seines Knaben zurück, neigte sich über ihn und drückte einen Kuß aus seinen Mund.
Auf Wiedersehen! . . Auf Wiedersehen, mein Junge.
Er sah das Kind mit innigster Zärtlichkeit an. Wie sehnlich wünschte er, nochmals seinem Blicke zu begegnen, nochmals in diese Augen schauen zu können, die er geöffnet nie mehr Wiedersehen sollte.
Allein bie Blicke bes Kranken blieben entfrembet, innerer Visionen zugewandt.
Sie richteten sich nicht einmal dem Manne zu, der nun der Ausgangsthür zuschritt, gebrochen und stumm.
Amtliche»' Theil.
Bekanntmachung.
Betr' Die Zulaffung von Loosen auswärtiger Lotterteen rum Vertrieb im Großherzogthum.
Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Ausstellungs-Ausschuß des 13. deutschen Wembau- Conareffes die Erlaubniß ertheüt, die Loose einer am 8. September im Anschluß an den 13. beutschm Wembau- Eonareb zu veranstaltenden Verloosung von Gegenständen des Weinbaus u. f. w. innerhalb des Großherzogthums zu verlrelben. Behörde genehmigten
VerloosungSplan dürfen 10000 Loose a 0,50 Mk. ausgegeben werden und muffen 50 °/o zum Ankauf von Gewmnsten verwendet werden.
Gießen, am 27. Juli 1894.
Großherzogliches KretSamt Gießen.
v. Gagern._______
Deutscher Reich.


