Ausgabe 
31.5.1894
 
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* * Verhaftet. Gestern wurde ein älterer Mann (Israelit) ans Watzenborn wegen versuchter Verleitung zum Meineid während der Schöffengerichts-Verhandlung dahier verhaftet.

* Entsprungen Heute Morgen entsprang während der Arbeit im Freien der Gefangene Karl Hofmann. Derselbe verbüßte eine Strafe wegen Diebstahl und hatte bei seiner ersten Verhaftung schon einmal einen Fluchtversuch gemacht.

* * Theater. Das Ensemble von Mitgliedern des Königl. Theaters in Kassel eröffnete gestern mit dem entzückenden LustspieleDer Herr Senator" sein Gastspiel. Der Erfolg, den das Stück und die Darstellung errungen, war ein sensationeller. Wir glauben, daß man kaum ein Vollendeteres Ensemble sehen kann. Aus den Darstellern trat besonders die vorzügliche Leistung des Herrn Jürgensen als Senator, ferner Herr Jaritz als Mittelbach, Herr Hartmann, Frl. Berella und Barreldes hervor. Das Publikum spendete für den genußreichen Abend, den uns das Kaffeler Ensemble bot, stürmischen Beifall. Voraussichtlich dürfte der heutige letzte Gastspielabend eines noch lebhafteren Besuches sich zu erfreuen haben.

* * Brieftaube. Gestern wurde auf dem Seltersweg eine, wie es scheint verirrte Brieftaube aufgegriffen, welche auf den Flügeln den StempelHerrn Lammerz", auf dem Fußring das Zeichen A. K. 93. 32 trägt. Es dürfte in den Kreise» des Brieftauben Sports diese Nachricht von Juterefle sein.

* * Vom 8. bis 13. Juni tagt in Mainz die Deutsche Buchdrucker-Berufsgenoffenfchaft und der Deutsche Buchdrucker- Verein. Das Programm ist sehr reichhaltig. Am 10. Juni ist imHolländischen Hof" zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Gründung des Deutschen Buchdruckervereins ein großes Festmahl mit Damen. Am nächstfolgenden Tage ist Haupt­versammlung des genannten Vereins und am Dienstag den 12. Juni wird mittelst Extradampfer eine Fahrt nach dem Niederwald unternommen.

* * Kinderheim. Seit dem Herbst v. I. hat der Verein zur Hebung der öffentlichen Sittlichkeit in Hannover am Engelbostelerdamm ein Kinderheim eingerichtet, in welchem zunächst solche Mädchen und hoffentlich auch bald Knaben denen während der schulfreien Zeit die Ueberwachung fehlt, Aufnahme, Beaufsichtigung und Verpflegung finden. Bei der Eröffnung des Heims ist in den Reihen der Kinder selbst Nachfrage gehalten und von allen berichtet, daß sie den ganzen Tag über sich selbst würden überlassen sein, wenn man sich nicht hier -ihrer annehmen würde. Es ist eine leider unbestreitbare Thatsache, daß unter den Zwangszög- liugen und zu Gefängntßstrafen Verurtheilten sich sehr häufig Kinder von durchaus braven und rechtschaffenen Eltern be­finden , welche ihre Kinder nicht genügend beaufsichtigen konnten, so daß diese der Verführung auf der Straße zur Beute fielen. Darum ist die Errichtung von Kinderheimen sehr dankbar und freudig zu begrüßen. Es wäre nur zu wünschen, daß das obengenannte bald vergrößert und andere dazu errichtet werden könnten. (Wie bekannt, ist Gießen bereits mit der Errichtung einesKnabenhortes" vorge­gangen. Red.)

* * Warnung. Eine brasilianische Gesellschaft sucht gegen­wärtig für ihre daselbst belegenen Webereien unter scheinbar günstigen Bedingungen deutsche Weber zu engagiren. Es werden z. B. einer Arbeiterin 32 Mark Wochenlohn, freie Hinfahrt und nach zweijährigem Aufenthalt freie Rückfahrt zugesichert. Ferner wird eine Wohnung von drei Zimmern und Küche versprochen. Den Arbeitern muß aber in ihrem eigenen Interesse angerathen werden, den lockenden Aner- Ltetungen mit äußerster Vorsicht zu begegnen. Der Contract enthält, wie derConfectionär" mittheilt, verschiedene Clauseln, welche der Gesellschaft das Recht geben, die Arbeiter stets sofort zu entlassen, ohne irgend welche Entschädigung, während sich die Arbeiter durch Unterschrift des Contracts durch zwei volle Jahre ihrer Freiheit begeben.

* * Eine gewisse Geschäftspraxis, die in ähnlicher Weise nicht selten angewendet zu werden pflegt, hat kürzlich eine strenge Bestrafung erfahren. Ein Hamburger Kaufmann, Namens Friedländer, machte einer Dame ein Angebot auf Kaffee mit dem Bemerken, daß der Kaffee abgeschickt werden würde, wenn in acht Tagen keine ablehnende Antwort ein­ginge. Die Adreffatin ließ die Postkarte unbeachtet und erhielt dann wirklich das Packet unter Nachnahme. Als die Einlösung verweigert wurde, drohte der Absender mit seinem Rechtsanwalt und daß der Dame erhebliche Kosten entstehen würden." Von dieser zudringlichen Mahnung wurde der Staatsanwaltschaft Meldung gemacht und diese erhob Anklage wegen versuchter Erpressung. Das Gericht verurtheilte den Kaufmann zu zehn Tagen Gefängniß- das Reichsgericht hat die Revision des Verurtheilten verworfen.

* * In Amerika verstorbene Heffen. Newyork City, N. 9).: Chas. T. Wiesner, 44 Jahre alt, aus Gießen, Jac. Schröder aus Mainz, Gg. Kilian, 30 Jahre alt, aus Reinheim. Baltimore, Md.: Ernestine Riedel, 83 Jahre alt, aus Griesheim, Georg F. Horlebei, 75 Jahre alt, aus Asselbrunn, Maria Keil, geb. Römer, aus Ettingshausen; Belleville, Jll.: Wittwe Katharina Seifried, 56 Jahre alt, aus Lengfeld. Berea, O.: Frau Anna Maria Quacker, 85 Jahre alt, aus Gimsheim. Des Moines, Ja.: Rev. Cristtan Peisch, 56 Jahre alt, aus Mittelgründau. Lenzburg, Jll.: Frau Franziska Welz, 75 Jahre alt, aus Altheim. St. Paul, Minn.: Rev. PH. Funk, 75 Jahre alt, aus Spitzaltheim.

A Aus dem Ohmthal, 29. Mai. Seitens der Großh. Oberförstereien werden durch die Bürgermeisterämter Er­mittelungen angestellt, ob die Wasserläufe und ihr Ftschbestand, da wo sie verpachtet, sich zum Einsetzen von Forellen­brut auf Staatskosten eignen und empfehlen würden. Ein solches Unternehmen Seitens der Staatsbehörde kann nur im Interesse der Fischzucht wie Fischpächter mit Freuden begrüßt werden. Gerade zur Forellenzucht sind die meisten Ab- theilungen des Ohmlaufes wie geschaffen, nämlich fließendes

Quellwasser und steinige Wasserbetten. Wohl kommen schon Forellen in diesen Waffern vor, aber ,so vereinzelt, daß ein Bruteinsatz dringend erwünscht erscheint. Daß für die Fischereiverpachtungen oft ganz ansehnliche Beträge gezahlt werden, beweist die Verpachtung der Fischerei in der Gemeinde Ruppertenrod. Die früher unverpachtete Fischerei galt bei ihrer ersten Verpachtung 21 Mark, die diesjährige wirft aber einen Betrag von 62 Mark pro Jahr ab, in Hinsicht des immerhin geringen Ftschbeftandes eine erkleckliche Summe.

0. Aus Oberhefsen, 27. Mai. Zur Wetterlage. In Nr. 74 (erstes Blatt) desGießener Anzeigers" sprachen wir uns unterm 27. März l. Js. über die damalige Wetterlage aus. Wir wiesen daraufhin, daß wir wieder einem trockenen Frühjahre entgegengingen, erinnerten an die Jahre 1857, 1858 und 1859, bemerkten, daß nach lang­jährigen Beobachtungen die Tage vom 18. bis 26. März entscheidend für die Witterung des nächsten Vierteljahres seien und ermahnten die Landwirthe, rechtzeitig und umsichtig in Bezug auf Ausstellen von Frühjahrsfutterpflanzen sein zu wollen. Heute find genau zwei Monate seit jener Mit- theilung verflossen- der freundliche Leser wird zugestehen, daß unsere Annahme, die sich auf langjährige Aufzeichnungen und Beobachtungen stützt, richtig war. Wenn wir die Regen­menge summtren, welche in diesen zwei Monaten niederging, finden wir, daß sie ungemein gering ist. Wir haben aber den Vortheil gehabt, daß es etwas mehr Winterfeuchrigkeit gab, als im Winter vorher und daß es stets dann etwas regnete, wenn es gerade recht nöthig war. Von Interesse in unseren Aufzeichnungen, die bis zum 30jährigen Kriege zurückreichen, ist, daß man zu damaliger Zeit und während des 17. Jahrhunderts von den Eisheiligen Pankraz und Servaz (12. und 13. Mai) und ihren verheerenden Wirkungen noch nichts wußte. Auch in den alten, echten Ausgaben des hundertjährigen Kalenders, der doch ein Hauptwetterprophet ist, findet sich nichts von diesen Frosttagen. Man kann daraus schließen, daß erst seit etwa 140 bis 150 Jahren diese merk­würdigen Witterungserscheinungen aufgetreten sind und daß diese Erscheinungen ihren Grund in einer Aenderung in der Atmosphäre oder in irgend einem Ereigniß in unserem Sonnensysteme das wir bis jetzt noch nicht erforschen konnten ihre Ursache haben. Zum Schluffe möchten wir noch auf eine andere Witterungserscheinung aufmerksam machen. Wenn im Mai Gewitter drohen, aber nicht zum Ausbruch kommen, wie dies in der dritten Maiwoche, am 18. er., der Fall war, so wird es gewöhnlich kühl und windig darnach. Es hat sich auch diesmal bestätigt. Diese Erscheinungen lassen aber zugleich auf einen kühlen Sommer schließen, besonders wenn die Woche vom 6. bis 13. Juni kühl und regnerisch ist. Wollen abwarten, wie sich diese Woche gestaltet.

Vom VogelSberg, 29. Mai. Wie gut sich der dies­jährige, im oberen Gebirg stets etwas später eintretende Frühling bewährt, zeigt sich an dem erfrorenen Laub des Oberwaldes. Das durch die anfänglich sehr warme Temperatur hervorgelockte Laub ist bis auf wenige geschütztere Lagen total vernichtet und gtebt dem schönen Oberwald fast einen herbstlichen Anblick. Trotz des Umschlagens der Wind­richtung von Nordwest nach Südwest ist die Temperatur hier so niedrig, daß gestern in den Wohnzimmern die Oesen wieder in Thätigkeit gesetzt werden mußten. Daß bet einer solch kalten und dazu anhaltend trockenen Wetterlage die landwirthschaftlichen Aussichten nichts weniger als günstig sind, ist wohl verständlich. Mai und April haben ihre Rollen vertauscht und das viel besungeneMailüfterl" ist eine wahre Winterluft.

Mainz, 28. Mai. Ein mittelloser Reisender, der in Paris 10000 Franken unterschlagen, hat sich hier der Polizei gestellt.

* Frankfurt a. M, 28. Mai. Die Anmeldungen zu den großen Hind ernißrennen am 10. und 17.Juni zu Frankfurt a. M. sind, wie bei 28 000 Mark an Geld und 20 Ehrenpreisen erwartet werden konnte, sehr befriedigend ausgefallen. Für die 13 Rennen wurden insgesammt 146 Nennungen abgegeben und verspricht das Meeting einen sehr guten Verlauf. Die einzelnen Rennen sind: Sonntag den 10. Juni: Forsthaus - Flachrennen, Preis 1000 Mark, 12 Nennungen. Gröditzer Gestüts - Preis 1500 Mark, 7 Nennungen. Verkaufs-Hürdenrennen, 1500 Mark, 9 Nennungen. Preis von Puchhos (Hürdenrennen) 2000 Mk. und Ehrenpreis, 8 Nennungen. Preis von der Oed (Steeple-Chase), 1500 Mark und 3 Ehrenpreise, 17 Nennungen. Preis von Rheingrafenstein (Steeple-Chase) 3500 Mark und 4 Ehrenpreise, 11 Nennungen. Sonntag den 17. Juni: Niederräder Flachrennen, 1000 Mark, 10 Nennungen. Riedhof-Flachrennen, 1500 Mark, 10 Nennungen. Gehspitz- Verkaufs-Hürdenrennen, 1500 Mark, 10 Nennungen. Preis von der Mainkur (Hürdenrennen), 3000 Mark und Ehren­preis, 16 Nennungen. Preis der Villa Leonore (Steeple- Chase), 1500 Mark und 3 Ehrenpreise, 9 Nennungen. Ariadne - Steeple - Chase, 2500 Mark und 3 Ehrenpreise, 12 Nennungen. Großer Preis von Frankfurt (Steeple Chase) 6000 Mark und 5 Ehrenpreise, 15 Nennungen. Der Preis von Rheingrafenstein und der große Preis von Frankfurt sind durch Subscriptionszeichnungen von Freunden des Sports und Firmen Frankfurts gegeben, während die zahlreichen präch­tigen Ehrenpreise von Gönnern des Sports gestiftet wurden. Die 20 Ehrenpreise sollen schon einige Tage vor den Rennen zusammen ausgestellt werden.

* Nach der Schlacht bei Sachsenhauseu. Auf dem linken Mainufer bei Frankfurt gab es am Sonntag Nachmittag Verwundete die schwere Menge, deren Transport über den Fluß ebenso wie die weitere Beförderung großes Aufsehen erregte und zahlreiche Zuschauer herangezogen hatte. Zum Glück handelte es sich nur um fingirte Wunden, die aus einem vorausgegangenen Gedankengefecht herrührten. Deutlicher

gesagt: dieSanitätscolonne der Kriegerkam er ad schäft und je eine Abtheilung der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehr veranstalteten die Probe eines Verwundeten - Transportes am Wasser. Im Zollhof befand sich das Hauptquartier der Sanitäter. Unter dem rochen Kreuz der Genfer Convention hatten sich hier die erwähnten Körperschaften gesammelt, außerdem die Generäle von Stülpnagel, v. Meerscheidt- Hüllessem, v. Sasse und v. Chappuis, zahlreiche Offiziere des 81. Infanterie- und des 13. Husaren-Regiments, Reserve- und Landwehr-Offiziere verschiedener Waffengattungen, Militär­ärzte des aetiven und des Beurlaubtenstandes, darunter auch einige Martneärzte, mehrere Vertreter der städtischen Behörden, Civilmediciner, barmherzige Schwestern, Deputationen von auswärts, schon eingetroffene Mitglieder der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und viele Neugierige, die auch außerhalb des Zollhofes, auf der Untermatnbrücke und an beiden Kais reihenweise Stellung genommen hatten. Auf der Sachsenhäuser Sette, mit der dieAramis" der RudergesellschaftGermania" regen Verkehr unterhielt, wurden die Verwundeten, von Mannschaften des 81. Regiments mit wahrer Todesverachtung dargestellt, zunächst mit Nothverbänden versehen, die auch für den complicirtesten Fall vorhanden waren und zum Theil chirurgische Fortschritte namentlich in der Behandlung zerschossener Extremitäten aufwiesen. Dann verlud man die bemttleidenswerthen Schlachtopfer in für Krankentransportzwecke adaptirte Trambahnwagen, es war eigens ein Geleise am Strande gelegt, und in einen geräumigen, ehemaligen Steinschelch. Der RegierungsdampferDelphin" schleppte das mit einem Sonnenschutzzelt versehene Mainschiff über den Fluß, und am Zollhof wurden die Krieger, aus ihren Tragbahren ruhend, mit einem großen Hebekrahn aus­geladen. Sofort griffen die Träger zu und brachten die Verwundeten in das zum Lazareth umgewandelte Magazin. Hier labten barmherzige Schwestern die Kranken mit Medicinen, die nach Aepfelwein schmeckten, Erbsensuppe, warmer Wurst und sonstiger Krankenkost, die inzwischen auf dem rasch unter Gottes freiem Himmel zusammengemauerten Herde von der fahr- und zusammenlegbaren Feldküche bereitet waren. Die Verwundeten legten zum Theil einen heroischen Appetit an den Tag. Auch bei denGesunden" fanden die Kostproben ungeteilten Beifall. Nach der Erquickung packte man die Verwundeten in Eisenbahngüterwagen, wobei die verschiedenen Systeme der Unterbringung beobachtet werden konnten. Es handelte sich darum, Erschütterungen während der Fahrt zu vermeiden- man bringt zu diesem Behuf die Tragbahren durch möglichst einfache und leicht zu beschaffende Vorkehrungen in frei hängende Lage, die von allen Stößen unberührt bleibt, wie etwa Schiffshängematten. Auch Schubkarren, Leiterwagen, Lastwagen, Feuerwehrwagen und ähnliche Vehikel können von geschulten Leuten, wie das am Sonntag gezeigt wurde, in wenigen Minuten'zu einem geeigneten Krankentransportmittel hergerichtet werden. Bei all diesen Hebungen trat eine erfreuliche Sicherheit der Anordnungen und Gewandtheit in der Ausführung hervor. Klare, knappe Befehle, entschlossenes und doch umsichtiges Zugreifen bet der Befolgung arbeiteten ohne den kleinsten Unfall gut zusammen.

* Trier, 26. Mai. Bischof Kor ums Buch über die Wunder, so bei der letzten Ausstellung des heiligen Rockes sich zugetragen haben, ist erschienen. Selbiges ver­meldet auf 192 Octavseiten 11 geprüfte wunderbare Heilungen und außerdem 27 Gnadenbeweise, die von der Commission nicht als erwiesen anerkannt wurden.

Berlin, 27. Mai. Die verkrachte Productiv- Genossenschafts-Bäckerei, die im vorigen Monat in Coneurs gerieth, wird nach Prüfung der Masse, die auf 500 Mk. gewerthet wird, derPost" zufolge, an die Mit­glieder drei Procent ihrer bisherigen Einlagen auszahlen können. Betheiligt, und zwar mit 300 Mk., ist u. a. auch der Verband der Bäckereiarbeiter Berlins.

* Beim Spielen erhängt hat sich in Berlin ein sechs- zehnjähriger Lehrling. Der amtliche Polizeibericht meldet darüber:In einer Bäckerei in der Mariannenstraße gerieth ein Bäckerlehrling beim Spielen mit dem Kopfe in das Strick- werk einer selbstgefertigten Schaukel und erstickte, ehe er ans der Schlinge befreit werden konnte." Der Vorfall betrifft den Bäckerlehrling Josef Langer aus Wien, der bei dem Bäckermeister Kanebley in der Mariannenstraße 45 beschäftigt war. An einem Balken der im Keller befindlichen Backstube hatte er am Donnerstag Nachmittag einen Strick mit beiden Enden befestigt und ein Stück Brett als Sitz hineingelegtt Während er sich schaukelte, rief er auf dem Hofe spielenden Kindern zu:Paßt mal auf, jetzt werde ich mich erhängen." Dann setzte er die Schaukel in eine drehende Bewegung und gerieth ohne Absicht mit dem Hals zwischen die sich zusammen­drehenden beiden Enden des Strickes. Während er bestrebt war, sich zu befreien, glitt er von dem Sitz herunter, hatte aber nun die Kraft gänzlich verloren, da seine Füße den Erdboden kaum berührten. Während die neugierigen Kinder zuschauten, erstickte Langer in der festgedrehten Schlinge. Als bald darauf der Bäckergeselle Ernst Klein hinzutrat, war es zu spät und auch die Wiederbelebungsversuche eines Arztes blieben ohne Erfolg."

* ein Besuch bei der Nacht. In Berlin ist in der Nacht zum Sonntag der Schraubendreher H. Wenzel vom Dache des Hauses Fehrbelltnerstraße 6 abgestürzt. In einer Bodenwohnung des genannten vierstöckigen Hauses hatte W. seine aus Frau und drei Kindern bestehende Familie unter­gebracht. Da er noch eine sechsmonatliche Strafe zu verbüßen hatte und polizeilicherseits gesucht wurde, hielt W. sich ver­steckt auf und besuchte seine Familie nur des Nachts. So geschah es auch in der Nacht zum Sonntag. Der Verfolgte muß plötzlich Geräusch gehört und geglaubt haben, daß die Polizei ihm auf der Spur sei. Um sich zu verbergen, kroch er durch das Bodenfenster auf das Dach, rutschte hier aber aus und fiel auf die Straße. Der Tod war auf der Stelle eingetreten.