Besetzung Timbuktus einen bemerkenswerthen militärischen Erfolg davon. Mit MadagaScar sieht sich Frankreich in einen neuen Krieg verwickelt, der für die Franzosen an- scheinend ebenso kostspielig wie langwierig werden wird.
Rußland mußte gleich Frankreich eine nationale Katastrophe im alten Jahre verzeichnen, den Tod des Kaisers Alexanders III. Nach unsäglichen Leiden erlag Kaiser Alexander in Livadia seiner furchtbaren Krankheit, sein Hinscheiden rief namentlich wegen der Friedenspolitik deS verstorbenen Czaren lebhafte Theilnahmskundgebungen in ganz Europa hervor. Es bestieg Czar Nicolaus II. den russischen Thron, doch ist die Spanne Zeit, welche Czar Nicolaus regiert, noch zu kurz, um sich schon ein bestimmtes Urtheil über die Bedeutung deS stattgehabten Thronwechsels in Rußland bilden zu können. Wenige Tage nach der Beisetzung Kaiser Alexanders fand in Petersburg die prunkvolle Vermählung deS jungen Kaisers mit Prinzessin Alix von Heffen (Großfürstin Alexandrowna Feodorowna) statt. Bemerkendwerth war die Reserve, welche Rußland auch im Jahre 1894 in allen hervorragenderen Fragen der allgemeinen Politik beobachtete.
Das wichtigste Ereigniß für England im alten Jahre war der Rücktritt des greisen Premiers Gladstone und seines Cabinets. Der bisherige Minister deS Auswärtigen, Lord Rosebery, übernahm bei der Neubildung des Cabinets auch den Vorsitz in dem neuen Cabinet. Doch hat das Ministerium Rosebery weder in der inneren noch in der auswärtigen Politik bis jetzt irgendwelche Lorbeeren gepflückt. Im Uebrigen gibt es diesmal von den englischen Angelegenheiten sonst nichts von allgemeinerem Jnteresie zu berichten.
Was die europäischen Staaten zweiten und dritten Ranges anbelangt, so seien aus deren politischer JahreSgeschichte folgende Momente hervorgehoben: Spanien sah wiederholte Umbildungen des liberalen Ministeriums Sagasta, trotzdem find hiermit die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen das „Land der Kastanien" kämpfen muß, keineswegs beseitigt worden. Im benachbarten Portugal wurde das Cabinet Hintze-Ribeiro ebenfalls einer Umbildung unterzogen. In ihren ostafrtkanischen Besitzungen mußten die Portugiesen den Koffern - Aufstand von Lourenco Marquez niederschlagen, was indeffen nur mit Mühe gelang. Belgien, wie sein kleines Nachbarland Holland waren der Schauplatz allgemeiner Neuwahlen zum Parlament. Die holländischen Wahlen fielen ungünstig für die Regierung aus, weshalb das Cabinet Tack van Portvlinet einem Cabinet Roell Platz machte. In ihren indischen Besitzungen mußten die Holländer einen blutigen Krieg mit den rebellischen Balinesen führen. Die belgischen Parlamentswahlen hatten als be- merkenswerthestes Ergebniß die erstmalige Wahl einer Anrahl socialistischer Deputirten wie Senatoren zu Folge. Einen glänzenden Erfolg bedeutete für Belgien die Weltausstellung zu Antwerpen. Im Frühjahr folgte dem Ministerium Beernaert das Cabinet de Burlet. In Dänemark machte das langjährige Cabinet Estrup dem Cabinet Reedtz-Thon Platz, im scandinavischen Doppelreiche dauerte der Unionsconflict fort. Von den Ländern der Balkhanhalbtnsel zogen Serbien und Bulgarien die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. In Serbien gab es im alten Jahre einen
viermaligen Cabinetswechsel und einen neuen Staatsstreich König Alexanders. In Bulgarien wurde das Cabinet Stambuloff durch ein Cabinet Stoiloff ersetzt, das aber schon umgebildet werden mußte. Große Freude bei den Bulgaren erregte die Geburt des Kronprinzen Borts.
Ueber außereuropäische Länder ist Folgendes zu berichten: Zwischen Japan und China brach ein für Japan äußerst erfolgreicher Krieg wegen Koreas aus, derselbe dauert jedoch noch immer fort. In Nordamerika ergaben die Neuwahlen zum Congreß einen glänzenden Sieg der Republikaner. In Brasilien nahm der Ausstand gegen die Centralregierung zu Rio de Janeiro ein klägliches Ende. In Marokko folgte Sultan Abd el Apiz seinem Vater Muley Haffan unter schwierigen Verhältnissen nach.
Landwirthschastliche Winke und Kathschlage.
Rückblicke auf das Jahr 1894.
ii.
A Aus Oberhefferr, Ende December.
(Schluß).
Der Dauer sieht das alles mit an! Er weiß, daß ihm bitteres Unrecht widerfuhr; er hat bet den schlechten Zetten nichts zu brocken und zu beißen und sagt: das soll Recht und Gerechtigkeit sein? Wir sollen den Leuten, die Hundertausende besitzen, Vergnügen machen und uns dazu noch aushöhnen lassen? Das sind schöne Zustände. Die Jagd ist ein hochfeines Vergnügen; wer sie ausüben will, soll sich auch fein benehmen. Es muß anerkannt werden, daß unsere inländischen Jagdpächter fast alle verständige Leute sind. Die ausländischen sind es auch, aber sie werden von ihren Jagdläusern und Wtldhütern (um sich ein rothes Röckelchen zu verdienen) unrichtig belehrt und dadurch entstehen die bedauer- lichen Zustände.
Durch solche Machtnationen wird aber der kleine Bauer heftig erbittert und den Soctaldemokraten, die goldeneBerge versprechen, in die Arme getrieben. Der Bauer hat das Gefühl, daß er von den Gesetzen und den Behörden dm reichen Jagdherren oder ihren Vertretern gegenüber, nicht genügend geschützt wird. „Was hilft es denn, wenn ich den Schaden auch anmelde" erhält man zur Antwort; „ich werde ange- schnautzt, oder es wird mir blauer Dunst um die Augen gemacht, daß mir Hören und Sehen vergeht; ich verklag die Hex beim Teufel und eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Soll ich aber Commissionen kommen lasten, die 30 bis 40 Mk. auf einen Schlag kosten, dann falle ich erst recht neben hinunter, denn ich verstehe nichts von der Jagd, ich kann meine Sache nicht führen und vertheidigen und bin schon von vornherein verloren.
Wer je Gelegenheit gehabt hat, auch nur oberflächlich in die hier geschilderten Verhältnisse hineinzublicken, der muß zugeben, daß sie richtig und wahrheitsgetreu geschildert worden sind. Diese Zustände herrschen aber nicht etwa blos bet uns im Vogelsberge, sie herrschen in der ganzen Provinz, im ganzen Lande. Wir sprechen im Sinne vieler Tausende, besonders aber im Sinne der zahllosen, schwerringenden kleinen Bauern, wenn wir diese bedauerlichen Zustände zur öffentlichen Kenntntß bringen uud dadurch vielleicht Anlaß zur genauesten Prüfung geben. Wer hier mtthtlft, der thut ein gutes Werk und der Dank vieler kleiner Leute ist ihm gewiß.
Den Gemeinden kann man dringend rathen, ihre Jagden selbst zu behalten und das Wild möglichst zu verringern, denn der Jagdpacht ist viel unbedeutender, als der Schaden, den das Wild anrtchtet. Diesen Schaden aber müssen die Gemeindeangehörigen tragen und er trifft sie härter, er ist viel nachtheiltiger als der Nutzen, welcher der Gernetr betaste durch den Jagdpacht zu Theil wird. Die Gemeindeumlagen werden gewiß nur um Weniges höher, wenn der Jagdpacht auf die Hälfte oder ein Drittel des früheren Betrages herabsinkt, aber um Vieles höher wird die Zufriedenheit unter den Bürgern, das Verschwinden der Mißstimmung und des Grolles wegen schuldlos erlittenen Unrechtes zu achten sein.
Wendm wir unsere Blicke von unseren engeren Verhältnissen über die noch Vieles zu sagen wäre, nach Außen, so ist zu bemerken, daß der Abgang des zweiten Reichskanzlers Caprivi von uns Bauern mit Befriedigung ausgenommen worden ist. Der General - Reichskanzler ist ein tüchtiger, ehrlicher Mann, das wollen wir ihm gerne aussprechen, aber sür bäuerliche Zustände, Einrichtungen, Verhältnisse und Bedürfnisse scheint er doch nicht das rechte Verständniß gehabt iu haben. Bet uns ist die Ueberzeugung tiefetngewurzelt und für Die nächsten Jahre noch unausrottbar: Bismarck hat das deutsche Reich gezimmert, er weiß am besten, was ihm frommt; er hat ein tiefes Verständniß für das Leben und Wiiken des deutschen Bauer» und darum vertraut man ihm in jeder B.ziehung. Da der neue Reichskanzler in die Fußtapsen des Alt - Reichskanzlers einzutreten scheint, bringt man ihm lebhaftes Vertrauen entgegen.
Man glaube aber ja nicht, daß wir uns von den norddeutschm Junkern ins Schlepptau nehmen lassen, denn wir wissen sehr genau, was jene und uns von einander unterscheidet. Wer allenfalls glaubt, daß wir uns zu reaclionären Zwecken mißbrauchen ließen, der irrt sich gründlich. Darum find wir auch für die Umsturzvorlage durchaus nicht begeistert, sondern halten sie in vieler Beziehung für bedenklich. Man beseitige die Ursachen, die die Vorlage hervorgerusm haben und die Wirkung wird schon anders werden.
Von Setten dcr Socialdemokratie werden Anstrengungen gemacht, die materialistischen Lehren den Landleuten verdaulich erscheinen zu lasten. Bis jetzt sind die Erfolge erfreulicherweise noch Null. Die Leute sagen sich mit Recht: Wo das Christenthum herrscht, hat man gesittete Zustände. Wo Muhamedanismus, LamaismuS, Heidenthum herrscht, finden sich Greuel und Grausamkeiten. Manche Länder, wie China, Indien, Aegypten hatten schon vor Jahrtausenden eine hohe Cultur, aber sie blieben stehen, verödeten und verdarben. Niemals hörte man, daß die Chinesen, Inder, Aegypter Hospitäler einrichteten, Blinden- und Taubstummenanstalten schufen, Siechen- häuser bauten; alle diese Wohlthätigkettsanstalten, eine gesicherte Rechtspflege und ähnliche Einrichtungen haben nur die christlichen Staaten. Nimmt man uns das Christenthum weg — und das will ja die Socialdemokratie — dann fallen wir in die heidnische Barbarei zurück. Solange man uns nichts Besteres zeigt als das, was die Socialdemokratie bis jetzt zu bieten vermag, bleiben wir bei unserem Guten und überlassen den neuen Staats- und Religionsstistern ihre Schwärmereien für die Zukunft.
Wir wissen recht wohl, daß bei uns noch Vieles bester werde« muß und daher ist es unsere Pflicht, mttzuwtrken und unsere Schuldigkeit zu thun. So war es vor hundert und tausend Jahren und so wird es in hundert und tausend Jahren noch fein. Jedes Jahrzehnt, jedes Jahrhundert schafft neue Verhältnisse, neue Aufgaben. Es hat noch niemals ein Zeitalter gegeben, in welchem die Menschen alles das hatten, was sie sich wünschten. Die Friedens- zeiten haben die Völker am meisten svorwärts gebracht. Ackerbau, Handel, Gewerbe, Künste und Wissenschaften blühten in FriedenS- zeiten am meisten.
Darum wünschen wir Frieden mit unseren Nachbarvölker«, Frieden in Staat und Kirche, Frieden in den Gemeinden und unter ihren Bewohnern. Möchte das neue Jahr 1895 ein Friedensjahr in jeder Beziehung sein, das wünschen wir den freundlichen Leser« dieser Zeitung, besonders aber dem Bauern- und Handwerkerstände; ibm möchten wir einen alten Spruch hierher setzen, den der Dichter Nicolai, geboren 1556, gestorben 1608, dichtete und der so recht für unsere Zeiten und Verhältn ffe paßt, obgleich seitdem schon dreihundert Jahre verstrichen find. Der Spruch lautet:
„Befiehl Dich Gott, hab' Geduld in Noth, Denk an den Tod, gieb Armen Brod.
Schweig', trag’ und leid', hab' acht der Zeit, Auf Dich selbst schau, nit . llen trau, Auf Freund' nit bau, sei nit zu g'nau, Pfleg' deiner G'sund, regier’ dein' Mund, Treib nit bös Fünd', hüt' Dich für Sünd', Die Alten ehr', die Jungen lehr'. Dein Haus ernähr', des Zorns Dich wehr', Halte Dich rein, sei gern allein —
Treulich ich's mein’.
Bekanntmachung.
Nachdem uns auch in diesem Jahre wieder ein Betrag zur Verfügung gestellt worden ist, um eine Anzahl armer serophulöser Kinder im nächsten Sommer in der Kiuderheilanstalt in Bad-Nauheim unterbringen zu können, werden alle diejenigen Bewohner des Sparkaffenbezirks Gießen, welche solche kranken Kinder haben und nicht selbst in der Lage sind, die Kosten bestreiten zu können, aufgefordert, sich bei ihrem Pfarramt oder Bürgermeisterei baldigst zu melden. Bei der Anmeldung ist ein ärztliches Zeugniß vorzulegen, in welchem die Nothwendigkeit einer Badekur bescheinigt fein muß. — Es ist nicht ausgeschlossen, daß Kindern, welche bereits auf Kosten der Sparkasse eine Badekur durchgemacht haben, die Kosten für eine weitere Kur bewilligt werden können. — Die Pfarrämter und Bürgermeistereien ersuchen wir, uns die einlaufenden Meldungen mit den ärztlichen Attesten und einer Bescheinigung über die Bedürftigkeit der betr. Eltern bis längstens Ende Januar k. I. zusenden zu wollen.
Gießen, am 3. December 1894.
Die Direction des Spar- und Leihkasse-Vereins. ___________________ Grüneberg. 9960 Spar- und Leihkasse Greffen.
Im Monat Decmber l. I. werden bei der unterzeichneten Kasse außer den feststehenden Zahltagen, Mittwochs und Samstags, noch an jedem Dienstag und Donnerstag Zahltage abgehalten.
Die Einleger werden ersucht, unter Vorlage der Einlagebücher ihre Zinsen in Empfang zu nehmen, oder zuschreiben zu lassen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar k. I. nicht erhoben sind, werden den Einlegern ohne Weiteres in den Büchern der Kasse zugeschrieben und von diesem Tage an verzinst. Es brauchen hiernach alle diejenigen Ciuleger nicht zu erscheinen, welche nur Zinsen beischreiben lassen wollen, dies kann vielmehr ganz gelegentlich im Lause des nächsten Jahres geschehen.
Gießen, den 28. November 1894.
Spar- und Leihkasse Gießen.
________________________Doering.__ 9764
Spar- und Leihkasse Gießen.
Es wird hierdurch zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß Montag den 31. December l. I. Zahltag abgehalten wird.
Gießen, den 27. December 1894. 10429
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