Ausgabe 
30.12.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1894

Amts- und Anzeigeblatt für den Arris Gieren.

chratisöeikage: Hießener Kamikienökätter.

Abonnements Einladung

r,

m,

S

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

t

9

te al*

adere acken »non rnial.

onen,

n, n.

04

)

0, 0.

0.

Freude wurde der Besuch des Großherzoglichen Paares im Altce-Hospital begrüßt, wo man den Kranken, die daS Fest fern von ihren Angehörigen begehen mußten, einen großen Christbaum angezündet hatte. Auch für die Angehörigen der Hosbedtensteten hatte der Großherzog ein, Bescheerung im alten Palais Herrichten lassen, die er und seine hohe Ge­mahlin mit ihrer Gegenwart beehrten.

Im neuen Jahre sollen nun auch, wie man hört, mehrere kleinere Hosfestlichkeiten stattfinden, so in der ersten Woche nach Neujahr ein Hosconcert unter Mitwirkung der Hofmusik und namhafter Solisten des Großherzogltchen Hof­theaters.

Von dem schon für die allernächste Zeit in Aussicht stehenden Besuch des russischen Kaiserpaares weiß man dagegen in Hofkreisen nichts und so scheinen die be> treffenden Meldungen auswärtiger Blätter hierüber zum Mindesten verfrüht zu sein. Wahrscheinlicher ist die Nachricht, daß das russische Kaiserpaar erst einen Theil der Trauerzeit verstreichen laffen will, ehe es hierherkommt. Uebrigens ist aus Petersburg ein kaiserlicher Courier eingetroffen, der kost­bare Weihnachtsgeschenke für die Allerhöchsten Herrschaften mitbrachte und hier die Gegengeschenke in Empfang mahm.

Recht still sah eS in den letzten Wochen in den Concert- sälen aus, dagegen durfte das Hoftheater gerade in den letzten Tagen vor Weihnachten wider Erwarten dank einiger zugkräftiger Stücke volle und ausverkaufte Häuser verzeichnen. Hänsel und Gretel" übte trotz der vielen Wiederholungen noch immer seine Zugkraft ungefchwächt aus und in den Feiertagen locktenRienzt" und der unverwüstlicheBettel­student" die Schaaren der Besucher in unseren Kunsttempel. Am nächsten Sonntag soll nun ein großes neues Ballet in Scene gehen, das der rühmlichst bekannte Hosballetmeister A. Siems verfaßt hat. Es heißtIn der Hochsaison" und soll eine Menge außergewöhnlicher Überraschungen bieten. Ob es die coloffale Zugkraft derPuppensee" erreichen wird, muß allerdings erst die Zukunft lehren. Sonst läßt sich aus drm Kunstleben wenig berichten, bekannt ist nur, daß man im Hoftheater Fuldas neues LustspielDie Kameraden" und

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

geworden. Gleich dem ungarischen Reichstage stimmte auch das österreichische Parlament den Valutavorlagen in der Regierungsfassung zu. Ein einflußreiches und ungemein beim Volke beliebtes Mitglied des österreichischen Kaiserhauses, Erzherzog Wilhelm verunglückte durch einen Sturz mit dem Pferde tödtlich, sein Tod rief allseitig große Thellnahme in ganz Oesterreich-Ungarn hervor.

Italien, der dritte Staat deS Dreibundes, hatte auch im Jahre 1894, wie schon in den vorangegangenen Jahren, schwere innere Crisen durchzumachen. Förmliche joctcbrcbo* lutionäre Zuckungen, deren Ursprungsstelle Sizilien war, gingen fast durch das ganze Land und nur durch außer­ordentliche Maßnahmen konnte die gefährliche Bewegung wieder unterdrückt werden. Im Juni trat das Cabinet CrtSpt wegen der Schwierigkeiten zurück, auf die es mit seiner finanz- und wirthschaftlichen Reformaction beim Parlamente stieß. Schließlich aber erwies sich Crispi als der alleinige Mann der Situation und so kam denn wiederum ein Cabinet Crispt zu Stande. Wachsende anarchistische Attentate machten für Italien eine besondere gegen den Anarchismus gerichtete Gesetzgebung nöthig, zugleich ging die Regierung auch gegen die Sozialisten schärfer vor. Ein häßliches Nachspiel zum römischen Bankprozeß ist durch die bekannten Anschuldigungen des früheren Ministerpräsidenten Gioletti gegen seinen Amts­nachfolger Crispi herausbeschworen worden, doch kann es kaum mehr zweifelhaft sein, daß der greise italienische Pre­mier schwer verläumdet worden ist, und daß ihm im neuen Jahre eine glänzende Rechtfertigung bevorsteht. In Afrika konnten die Italiener einen bedeutenden Erfolg Uber die Mahdisten durch die Einnahme der wichtigen Stadt Kaffala

ana8ftf d)c Republik wurde im abgelaufenen Jahre von einer schweren Katastrophe betroffen, indem der Präsident Carnot in Toulon dem Dolche eines anarchistischen Fanatikers zum Opfer fiel. Doch zog das blutige Ereigniß keine tiefergreifenden politischen Erschütterungen für daS Land nach sich, da alsbald der bisherige Kammerpräsident Casimir Perier zum neuen Staatsoberhaupte Frankreichs gewählt wurde. Casimir Perier selber war im Mai als Minister- Präsident gestürzt worden, worauf das noch amtirende Cabinet Dupuy berufen wurde. Im Exil, auf englischem Boden, starb der orleanistische Thronprätendent, der Graf von Paris, und im December verschied Ferdinand v. Lesseps, der geniale Erbauer des Suez-Canals, auf seinem Landsitze bei Orleans. Auf colonialpolitischem Gebiete trug Frankreich durch die

vierteljähriger , Avonnemeutspreisr 2 Mart 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge» 2 Mar! 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schutstrahe ^r.7.

Fernsprecher 51.

Politische Jahresrundschau.

II.

Wenden wir uns nun zunächst der mit dem deutschen Reiche so eng verbündeten und befreundeten österreichisch­ungarischen Monarchie zu, so sehen wir hier, daß speciell die ungarische Reichshälfte unter ernsten inneren Erregungen litt, ja, unter dem Eindrücke derselben in das neue Jahr hinüberschreitet. Die Stellung des Cabinets Wekerle war infolge seiner Kirchenpolitik, die ihm die bittere Feindschaft der mächtigen clericalen Partei im eigenen Lande wie die geheime Gegnerschaft einflußreicher Wiener Hoskreise zuzog, allmälich unhaltbar geworden, so daß daS Ministerium An­fang Juni zurücktrat. Es stellte sich indeffen bald die Un­möglichkeit heraus, einen geeigneten Ersatz zu beschaffen, deshalb kehrte das Ministerium Wekerle in ganz unverän­derter Gestalt zur Regierung zurück. Nunmehr brachte Dr. Wekerle die neuen kirchenpolitischen Vorlagen, betr. die Juden Reception, die Civilstandsregister usw. im Parlamente ein, die indessen von der Oberhaus-Mehrheit nur zum Theil genehmigt wurden. Hiermit wurde die Lage des Cabinets auss Neue kritisch, zumal sich auch die allerhöchste Sanction der bislang vom ungarischen Parlamente genehmigten Kirchen­gesetze auffällig verzögerte. Allerdings erfolgte dieselbe im December endlich, aber trotzdem hat jetzt das Cabinet Wekerle zum zweiten Male seine Demission gegeben,- die Neubildung des ungarischen Cabinets wird voraussichtlich nach Neujahr erfolgen. Eine hochgradige Erregung anderer Art wurde im Magyarenlande durch den Tod des ehemaligen Revolutions­helden Ludwig Kossuth und das sich hieran knüpfende scan- dalöse politische Auftreten deS ältesten Sohnes des D'ctators Ungarns hervo^gerufen. Die schwäckliche Politik, welche daS Cabinet Wekerle den Kossuth-Scandalen gegenüber bekundete, hat ebenfalls nicht wenig zu der Verstimmung des Wiener Hofes gegen das Ministerium Wekerle beigetragen. Etwas ruhiger floß das innere politische Leben in Oesterreich hin, immerhin machte daselbst die leidige Sprachenfrage von Neuem Lärm genug, wie dies namentlich bei den italienisch- slovenischen Zwischenfällen in Istrien geschah. Unter den das Coalitionsministerium Wtndischgrätz stützenden Parteien traten mancherlei Gegensätze hervor, die sich besonders deutlich in der noch unter dem Ministerium Taaffe aufgeworfenen Wahlreformfrage ausprägten. Oesterreich nimmt denn auch dieses schwierige Problem mit in das neue Jahr hinüber, doch sind die Aussichten auf seine Lösung erheblich beffere

Zum Bezug des(Siebener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergcbenst ein. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrich­ten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau­fenden . Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s en ansässige Berichterstatter, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur'Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des An­zeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhcssen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück­sichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein ge­diegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- ttkcln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die Gietzener Familienblätter", welche dem An­zeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, 'namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Hochachtend

Verlag desGietzener Anzeiger"

Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).

Nr. 305 Zweites Blatt. Sonntag dm 30. December

:48

10,

Der chieheuer Anzeiger erscheint täglich, 4nit Ausnahme de» MontagS.

Die Gießener Mamikienvkäller «erden drm Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Feuilleton.

Wochendrirfe aus der Residenz.

(Originalbericht deSGießener »nidget*.)

Z. Darmstadt, 28. December.

Die Feiertage. Vom Hofe. Au8 dem Kuustlebeu. Neujahr.

Das richtige Weihnachtswetter hat uns lange I gefehlt, *Un hat es daS Fest selbst mitgebracht. Schon am ersten Feiertag war die sonst so milde Temperatur ganz bedeutend gesunken, noch mehr am zweiten Festtage und der vom Volke auch gefeierte, aber nicht im Kalender stehendedritte Feiertag" brachte gar ein echt winterliches Schneegestöber und kleidete Alles in ein strahlend weißes Festgewand. Weihnachten ist in der Residenz festlich und fröhlich ver- laufen. Der Verkehr in den Läden hatte sich in den letzten Tagen glücklicherweise ganz enorm gesteigert. Besonders am Sonntag der vergangenen Woche, dem sogen,goldenen , war es oft schwer, in einzelnen Geschäften durch die SÄaaren der Verkäufer durchzukommen. Die Geschäftsleute machten denn schließlich doch noch vergnügte Gesichter, und so dürfte das Ergebniß dieses Jahres, wo sonst im Allgemeinen sehr über die schlecht-Geschäftslage geklagt wird, wie das ja auch «och vor Kurzem beim Weihnachtsgeschäft der Fall war, doch «och die Erwartungen Vieler übertroffen haben. Allerdings war auch von Seiten unserer Geschäftsleute, wie neulich schon bemerkt, Alles geschehen, um den Wünschen des Publikums entaeaenzukommen; die elektrisch erleuchteten Erker erstrahlten allabendlich in größter Pracht und die aufgethürmten Schätze lockten die Käufer nachträglich an. Die Wohlthätigkeit feierte in diesen Tagen auch manches schöne Fest. Zahlreiche WeihnachtSbescheerungen für arme Kinder legten davon schönes Zeugniß ab.

Gleich der verstorbenen Mutter unseres jungen LandeS- fcerrn besuchte auch unsere Großherzogin mehrerd.Chrift. bescheerungen in verschiedenen Anstalten und beglückte die Kleinen, denen dort der Weihnachtstisch gedeckt worden, mit hübschen, zum Theil selbstgefertigten Geschenken. Mit besonderer

NiemannsWas die Alten sungen" vorbereitet und daß noch in dieser Spielzeit ein ganzer Richard Wagner-Cyclus gegeben werden soll. Auch spricht man von einem Gastspiel deS gefeierten Baritonisten Scheidemantel. Für die drei noch ausstehenden Hofmusikconcerte erwartet man verschiedene Solisten von Ruf. . ,

Leider ist ein populäres Concertunternehmen, daS seit langen Jahren bestand und dem unbemittelten Publikum gegen geringes Eintrittsgeld gute Musik bot und das im Sommer auch noch besteht, seit diesem Jahre eingegangen. Wir meinen die Saalbauconcerte, die sich stets großer Beliebtheit erfreuten. Da diesmal auch die sonst so zahlreich besuchten Fastnachtsveranstaltungen, vor Allem die Carnevalssitzungen ausfallen, wird dies von großen Kreisen unangenehm em­pfunden, und hoffentlich wird das nächste Jahr dem Abhilfe schaffen.

Am 13. Januar 1895 wird der heffi,fche Staats­minister, Excellenz Finger, seinen 70. Geburtstag feiern. Der alte Herr steht in voller körperlicher und geistiger Frische auf seinem verantwortungsvollen Posten und hat sich während seiner Amrsthätigkeit die allgemeine Verehrung der Bevölkerung nicht nur von Darmstadt, sondern man tarnt sagen von Hessen und darüber hinaus erworben. Da schien es völlig gerechtfertigt, wenn man an die Veranstaltung einer Ovation für Se. Excellenz dachte, und allgemeines Bedauern hat es erregt, daß Herr Finger mit bestem Dank sich jede größere Huldigung verbeten hat. Das wird freilich .die zahlreichen Verehrer Sr. Excellenz nicht hindern, feiner am 13. Januar dankbar und freudig zu gedenken, und allgemein ist der Wunsch, ihn noch lange Jahre auf feinem schwierigen Poften zu sehen.

Es ist der letzte Bries aus der Residenz, den wir tn diesem Jahre unseren Lesern senden. Auch im künftigen Jahre werden wir im Auftrage der Redaction über alle wiffenswerthen Ereignisse im Darmstädter Leben berichten. Unseren Lesern aber rufen wir zu:

Profit Neujahr!"