Nr. 281 Erstes Blatt. Freitag den 30. November
1894
Der -ielieaer erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».
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Siebener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung, betreffend die Gründung eines Erziehungsvereins, für das Decanat Grünberg.
Gelegentlich der diesjährigen Grünberger Decanatsfynode ist ein Erziehungsverein für diefs Decanat gegründet worden, welcher die Auswahl geeigneter Pflegeeltern für sittlich ver- wahrloste Kinder, die Ueberwachung der Erziehung und spätere Weiterbildung der Kinder bezweckt. Wenn sich die Wirksamkeit des Vereins auch zunächst nur auf den Bezirk des Decanats Grünberg beschränkt, so ist damit doch keineswegs^ ausgeschloffen, daß auch auswärtige Kinder durch den Verein untergebracht und überwacht werden. Den Großh. Bürgermeistereien wird anheimgegeben, sich eintretenden Falles, insbesondere dann, wenn es sich um Unterbringung von Waisenkindern — auch bei Lehrmeistern nach der Con- strmation — oder solcher Kinder, deren Zwangserziehung durch gerichtliches Urtheil für zulässig erklärt worden ist, handelt, die Hülfe des Vereins in Anspruch zu nehmen. Der Schriftführer des Vereins ist zur Zeit Herr Pfarrer Röschen in Freienseen.
Gießen, den 28. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsche» Aeich.
Darmstadt, 28. November. Wegen des Ablebens Seiner Königlichen Hoheit des Erbgro ßherzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach ist ouf Allerhöchsten Befehl die bestehende Hostrauer bis zum 3. December l. I. einschließlich verlängert worden.
Berlin, 28. November. Der Kaiser gedenkt übermorgen in Kreuzenort in Oberschlesien einzutreffen, um dann dem Fürsten Lichnowsky den angekündigten Jagdbesuch abzustatten. Am nächsten Montag wird der Kaiser, wie nunmehr seststeht, der Vereidigung der Marinerekruten in Kiel beiwohnen und hierauf an der Einweihung der Riesen-Hochbrücke des Nord-Ostsee-Canals bet Levensaus theilnehmen. (S. indeß „Neueste Nachrichten".)
— Die Leiche des Erb g ro ßh erzo gs Carl August von Sachsen traf mittels Sonderzuges am Dienstag Abend gegen 9 Uhr in Weimar ein. Die Leiche wurde durch die mit dichten, in ehrerbietigem Schweigen verharrenden Menschenmassen gefüllten Straßen, in denen sackeltragende Militär- und Kriegervereine Spalier bildeten, zur Kirche übergesührt, wo in Anwesenheit der hohen Herrschaften die Einsegnung stattfand. Am nächsten Tage blieb die Leiche ausgestellt, am Donnerstag erfolgt ihre feierliche Beisetzung unter Theilnahme der von auswärts eingetroffenen Fürstlichkeiten und der Abgesandten der fremden Höfe in der Fürstengruft.
— Die Kunde vom Hinscheiden der Fürstin Bismarck hat in den weitesten Schichten des deutschen Volkes innigstes Mitgefühl hervorgerufen und allgemein ist die Theilnahme an dem tiefen Schmerze des greisen Alt- retchSkanzlers. 47 Jahr lang war er mit der Verblichenen in glücklichster Ehe verbunden gewesen und allzeit hatte er in chr die liebevollste, aufopferndste und zärtlichste Gattin gefunden und in allen Phasen seines so ereignißreichen Lebens war ihm seine Gemahlin treu zur Seite gestanden. Die Fürstin hat es verstanden, ihrem Gemahl stets zur Zeit seiner höchsten Machtfülle wie in den letzten Jahren, da ihm der Glanz kaiserlicher Gunst und Gnade verblaßt schien, eine behagliche, wohlthuende Häuslichkeit zu bereiten, die Fürst Bismarck als echter deutscher Mann so zu schätzen wußte. Tief, tief lastet auf ihm daher der Verlust seiner treuen Lebensgefährtin und noch läßt sich nicht Vorhersagen, wie der fast Achtzigjährige diesen großen Schmerz tragen wird. Allerdings war die Frau Fürstin schon längere Zeit recht leidend und die Aerzte selber betrachteten ihren Zustand endlich alS hoffnungslos, dennoch hatten auch sie nicht gedacht, daß die Katastrophe so rasch eintreten würde. Die unmittelbare Ursache des Todes der Fürstin bildete Wasser- sucht in Verbindung mit einer Erkrankung des Herzens. Die Beisetzung der Leiche erfolgt in aller Stille ohne jebe Feierlichkeit in Varzin. Vom deutschen Kaiser ging auf die ihm sofort Übermittelte telegraphische Nachricht vom Ableben der Fürstin Bismarck alsbald eine längere und überaus herzlich gehaltene Beileidsdepesche in Varzin ein.
— Der deutsch-marokkanische Zwischenfall, welcher durch die Ermordung des deutschen Kaufmanns Neumann in der Umgegend von Casablanca hervorgerufen wurde, dürfte seine baldige Beilegung erfahren. Der Kreuzer „Irene" ist auf seiner Reise nach Ostasien in Tanger eingetroffen, um den GenugthuungSforderungen der deutschen Regierung in dieser Affaire den nöthigen Nachdruck zu ver- leihen. Graf Tattenbach, der Vertreter Deutschlands in Tanger, ist nach Fez abgereist, um mit aller Energie die Sache bei der marokkanischen Regierung zu betreiben.
Neueste Nachrichten.
»olffS telegraphtfche« Correspondeu,- Bureau.
Potsdam, 28. November. Der Kaiser gab wegen einer leichten Erkältung die Reise nach Weimar und die Jagd in Kuchelna auf und beauftragte den Prinzen Leopold mit seiner Vertretung bei der BeifetzungSfeier in Weimar.
Prag, 28. November. Bei den heutigen engeren fünf Gemeindewahlen wurden vier Altczechen und ein Jung- czeche gewählt. Das Prager Stadtverordneten Collegium be- teht nunmehr aus 48 Altczechen und 42 Jungczechen.
Loudon, 28. November. Nach einer Meldung des Bureau Reuter aus Port Louis vom 28. November for- dert ein Manifest der Königin der Howas ihre Unterthanen auf, bfii Eindringlingen Widerstand zu leisten. Das Manifest wurde in Aradohalo, in der Nähe der Hauptstadt öffentlich verlesen und enthusiastisch ausgenommen. — Eine Feuersbrunst hat in Antananarivo ungefähr 150 Häuser zerstört. — Die katholischen HowaS bilden ComiteS zum Schutze der Kirchen für den Fall eines Krieges. Die norwegischen und englischen Missionare sandten Deputationen an den Premierminister, der ihnen Schutz zusagte.
Tieutfin, 28. November. Ein kaiserlicher Erlaß entsetzt Li Hung Tschang aller Ehren und Würden, beläßt ihn jedoch in seiner Stellung als Vicekönig.
Hiroshima, 28. November. Meldung des Bureau Reuter. Hier eingegangenen Nachrichten zufolge schlug die erste japanische Armee in der Mandschurei die Chinesen bei Motienling. Die Japaner hatten 40 Todte und Verwundete. Die Verluste der Chinesen seien bedeutend. Chinas Abgesandter Detring überbrachte einen Brief Li Hung TschangS an die japanische Regierung. Japan ist aber nicht geneigt, in Verhandlungen mit Detring einzugehen, wenn er nicht uu- beschränkte Vollmacht habe.
Depeschm deS Bureau .Herold".
Berlin, 28. November. Der BundeSrath wird sich bereits in seiner morgigen Plenarsitzung mit der Umsturzvorlage beschäftigen. Die Vorlage soll in den AuSschüffen mehrfache Abänderungen erfahren haben. Der Entwurf soll am 5. December gleichzeitig mit der Uebergabe an den Reichstag veröffentlicht werden. — Der „Reichsanzeiger" macht bekannt, daß der Verkehr der Fernsprechlinie Berlin-Wien am 1. December eröffnet wird. Das Gespräch von drei Minuten kostet drei Mark. — In Hofkreisen verlautet, der Flügeladjutant Major v. Moltke werde den Kaiser beim Leichenbegängnisse der Fürsti.n Bismarck vertreten. Nach einer anderen Version beabsichtigt der Kaiser, persönlich der Beisetzung beizuwohnen.
Berlin, 28. November. Wie verschiedene Blätter melden, soll der Kaiser dem Gouverneur v. Schele den Orden pour le merite verliehen und ihm dies telegraphisch mit- getheilt haben.
Berlin, 28. November. Im heutigen „Vorwärts" befindet sich der erste Abschnitt der Entgegnung BebelS auf Vollmars Angriffe. Derselbe besteht in Recapitu- lirung und Glossirung der letzteren, sowie in auszugsweiser Wiedergabe Bebel günstiger socialdemokratischer Preßstimmen. Bebel geht hierbei gerade nicht sanft vor, nennt die Aus- laffung VollmarS „lächerliche Tiraden" und eines Klosterschülers würdig. Bebel kommt zu dem Schluß, daß die Tragik der Vollmar'schen Vorwürfe nicht ernst zu nehmen sei, höchstens komisch wirke. — Aus Anlaß dieses ZwisteS im Parteilager tritt die socialdemokratische ReichStagsfraction am 4. December Nachmittags zu einer FractionS-Sitzung zusammen.
Berlin, 28. November. Der Reichstagsabgeordnete Singer hat gegen den Chefredacteur der „Kreuzzeitung" Freiherrn v. Hammerstein eine Verleumdungsklage angestrengt, weil dieser in der „Kreuzzeitung" die Behauptun aufftellte, Singer sei Helfershelfer gewiffer angeblich beim Berliner Bierboykott mit Actien einer hiesigen bohkottfreieu Brauerei vorgenommenen Börsenmanipulationen.
Berlin, 28. November. Der Kaiser nahm heute i» Neuen Palais den Vortrag des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe entgegen.
Berlin, 28. November. Zu der Angelegenheit deS Herrn von Kotze geht dem „B. Loc.-Anz." aus absolut sicherer Quelle die Mittheilung zu, daß nach der neue« Wendung, welche die Angelegenheit unzweifelhaft zu Gunste» des Herrn v. Kotze genommen hat, nunmehr deffen Anwalt )ie Erlaubniß zur Acteneinsicht erhalten hat, wodurch er in die Lage gefetzt wird, gegen bestimmte Personen vorzugehen, welche in dem dringenden Verdachte stehen, bei der Verursachung seiner Festnahme seinerzeit nicht in gutem Glaube« mitgewirkt zu haben. Jedenfalls dürfte die Angelegenheit mit der militärgerichtlichen Rehabilitation des Herrn v. Kotze ihren Abschluß noch nicht erhalten.
Varzi«, 28. November. Die Stimmung deS Fürste« Bismarck ist geradezu trostlos. Der Fürst verbrachte die letzte Nacht schlaflos und antwortete auf Fragen gar nicht oder nur mit einer Handbewegung. Man befürchtet, daß das traurige Ereigniß auf den Gesundheitszustand deS Fürsten ungünstig einwirken wird. Die Aerzte suchen BiSmarck zu überreden, möglichst bald Varzin zu verlaffen. Die Ein- balsamirung der Leiche ist bereits erfolgt, die Section auf Wunsch des Fürsten unterblieben. Die Beerdigung findet SamStag oder Sonntag im Schloßparke von Varzin statt.
Wien, 28. November. In maßgebenden Kreisen bezweifelt man, daß die Kirchenvorlage die kaiserliche Sanction erhalte, bevor noch zwei zu erledigende Gesetze vom Magnatenhause in regierungsfreundlichem Sinne ihre Erledigung finden.
Wien, 28. November. Der Ministerpräfident Fürst Windischgrätz gab im gestrigen Wahlreforrn-AuSschuffe die Erklärung ab, daß die Regierung der Zulassung der Arbeiter zum Wahlrecht 'zustimme. In der Debatte trat eine große Meinungsverschiedenheit hervor, sodaß die Fertigstellung der Wahlreform auf sich warten lassen dürfte.
Wien, 28. November. Die Mitglieder der deutschen Nationalpartei haben an den Fürsten BiSmarck ein gemeinschaftliches Beileidstelegramm gesandt.
Brüssel, 28. November. Der Genter Socialist Anselm stellte in der heutigen Nachmittagssitzung der Kammer Antrag auf eine Creditbewilligung von einer Million FrancS zur Unterstützung der bei den Ueberschwemmungen Beschädigten.
Soeben, 28. November. Wie die „Times" auS Kairo melden, berichtete Pater Rosfignoli, der Mahdi sammle eine 1 5000 Mann starke Streitmacht, um die Italiener in Kaffala anzugretfen, deffen Fall sein Ansehen im Sudan sehr herabgesetzt habe. Eine Abtheilung von Truppen hatte Omdurman schon vor der Flucht deS PaterS verlaffen.
London, 28. November. Ueber die Einnahme von Port Arthur durch die Japaner wird weiter berichtet: Die Japaner haben bei ihrem Einzuge zahlreiche Leichen auS chren Reihen Gefallener vorgefunden, welche von den Chinesen verstümmelt waren.
London, 28. November. AuS Tientsin kommt die Nachricht, daß der Major von Hanneken nach Shan hai-kwan abgegangen ist. Er soll dort die Organisation der Ver- theidigung vornehmen, um den Japanern den Weg nach Peking zu versperren.
London, 28. November. Ein ehemaliger deutscher Offizier, welcher einen Aufstand in Hawai organifirt hat, ist flüchtig geworden. — Der britische Consul in Hawai hat dem Präsidenten der neuen Republik ein Handschreiben der Königin Victoria überreicht, welches die Anerkennung der Republik ausspricht.
London, 28. November. Die Blätter fahren fort, China zum Friedensabschluß zu drängen. AuS den dies- bezüglichen Aeußerungen der größeren Blätter klingt gleichzeitig die Drohung gegen Japan durch, keine Übertriebenen Bedingungen zu stellen, da für diesen Fall die Einmischung anderer Staaten nicht ausgeschloffen sei.
London, 28. November. Einer telegraphischen Meldung auS Halifax zufolge ist der Dampfer „Falcon" mit der Pearh'schen Nordpol ErforschungSrxpedition auf der Höhe der Südküfte von Grönland im October d. I. gescheitert. Die ganze Bemannung des Schiffes ist umgekommen.
Petersburg, 28. November. Die Personalveränderungen werden voraussichtlich in Bälde stattfinden. Nach der Abreise der Kaiserin-Wittwe zu dem Großfürsten Georg erfolgt der Rücktritt PobjedonoszewS und GurkoS. Zn Generalgouverneuren find ausersehen: Für Warschau Großfürst Constantin, für Petersburg Großfürst SergiuS , Alexandrowitfch, für Moskau Großfürst Alexander Michaelo-


