Nr. 254
Dienstag den 30 October
1894
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Amtlicher Theil.
Nr. 40 des Reichsgesetzblatts, ausgegeben den 24. d. M., enthält:
(2199.) Verordnung, betreffend die Einberufung des Reichstags. Vom 23. October 1894.
Gießen, den 27. October 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Die Kanzler- und Ministerkrisis.
Die Frage der gesetzgeberischen Maßnahmen gegen die Umsturzbestrebungen hat sich durch den Rücktritt des Reichskanzlers Grafen Caprivi und des preußischen Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg über Nacht zu einer ernsten politischen KrisiS für Preußen und das Reich verdichtet. Allerdings hatten schon Gerüchte der letzten Tage die Möglichkeit des Eintrittes einer Krisis in den Berliner RegierungS- kretsen angedeutet, aber von einem Rücktritte des Reichskanzlers war hierbei nicht die Rede gewesen, vielmehr wurde versichert, derselbe stehe nach wie vor fest in seiner Stellung. Um so größere Ucberraschung hat daher allseitig die Kunde von der erfolgten Demission des Grasen Caprivi und der Annahme seines Entlassungsgesuches seitens des Kaisers hervorgerusen, während die Nachricht, daß gleichzeitig auch der preußische Ministerpräsident Graf Eulenburg von seinem Posten zurückgetreten sei, weniger überraschend wirkte. Vor- läufig wendet sich daher das allgemeine Interesse mehr der neuen Kanzlekrrtsis zu, deren nächste Ursachen man in dem Verlaufe der gemeinsamen Conferenz der stimmführenden Minister der Bundesstaaten vom 25. October sucht. ES scheint, daß Graf Caprivi in dieser Versammlung m t seinen Vorschlägen zu Bekämpsung der Umsturzparteien nicht durch- gedrungen ist, infolgedessen er hieraus die einzige ihm übrig bleibende Consequenz zog. Allerdings wollen andere Nach- richten wiffen, daß der Reichskanzler seine Demission schon vor der Minister Conferenz gegeben hätte und daß das Gesuch dann in der Audienz Caprivis beim Kaiser die Genehmigung des Monarchen gefunden habe- wahrscheinlich hat aber nachher der Verlauf der Conferenz Caprivi bestimmt, seinen Rücktritts Entschluß aufrecht zu erhalten.
Jedenfalls wurzelt die neue Kanzlerkrisis noch in anderen Vorgängen weit älteren Datums. Marr weiß ja, daß die Gegensätze zwischen den Spitzen der Reichsregierung und der preußischen Regierung schon zu Beginn der Aera des „neuen Curses" auftauchten und daß sie trotz aller Ueber-
Fettitteton.
Einr Heirsih im vorigen Jahrhundert.
Aus dem Tagebuche einer alten Dame. Von L. He in au.
(3. Fortsetzung.)
Als ich zuerst die Entdeckung machte, daß sein Herz sich mir zuneigte, waren meine Empfindungen zum Theil schmerzliche, denn als seine Gemahlin konnte es mir nicht gleich- giftig sein, wenn er an andere Frauen dachte; außerdem wäre eS ja beinahe eine Beleidigung sür meine Person gewesen, wenn er mir seine Liebe angetragen hätte, obgleich er verheirathet war. — Und doch konnte ich ihn nicht tadeln, weil er in die Falle gegangen war, die ich gestellt hatte, vielleicht war es auch ein Glück sür uns, wenn wir uns gegenseitig gefielen! In der Thal, ich fürchte, ich zeigte ihm sehr wenig von der Verachtung, mit der ich ihn behandeln wollte, da ich mir immer einredete, die Zeit der Vergeltung sei noch nicht da- er hatte bis jetzt nur durch die Traurigkeit seiner Blicke und durch dunkle Andeutungen zu erkennen gegeben, daß er unglücklich sei und mir seine Neigung nicht gestehen dürfe.
Gewiß mochte eS wahr sein, daß er vorher manche Frau angebetet hatte, aber eine so achtungsvolle Neigung uud eine so liebevolle wahre Freundschaft, wie er mir gegenüber zeigte, konnte er für keine andere Frau haben. Späterhin hat er mir gestanden, daß die Schüchternheit, ja Furcht, welche ich in der ersten Zeit ihm gegenüber zeigte, einen seltsamen Reiz auf ihn auöüvte, um so mehr, da er eben aus Frankreich kam, wo er viele schöne Frauen kennen gelernt hatte, die in ihrer dreisten Koketterie einen vollkommenen Gegensatz dazu bildeten und nur bemüht waren,'Männerherzen Wunden bei- zubringen. Mein Benehmen erweckte sein Jnteresie, wie er mir sagte, ick erschien ihm kühn und dann wieder von zaghafter Weiblichkeit — sanft und doch obweisend — manchmal von einer Zurückhaltung und Klugheit, wie er sie bis
blückungsversuche doch immer wieder in die Elscheinung traten. Es konnte freilich auch nicht gut anders sein, die | Trennung der Aemter deS Reichskanzlers und deS preußischen Ministerpräsidenten mußte nothwendig zu Rctbungen und Differenzen zwischen den maßgebenden Gewalten im Reiche und in Preußen führen und dieser auf die Dauer unhaltbare Zustand hat jedenfalls zu dem Wechsel in den höchsten Reichs- und Staatsämtern beigetragen. Ob die Crisis mit der Wiedervereinigung des Reichskanzlerpostens mit dem preußischen Ministerpräsidium enden wird, was ja die natürlichste Lösung der Crisis wäre, dies steht freilich noch dahin, offenbar wird aber ein solcher Schritt unter dem Drucke der Verhältnisse früher oder später erfolgen müffen.
Vier und ein halbes Jahr hat Caprivi als erster Nachfolger deS Fürsten Bismarck die Reichskanzlerwürde und das hiermit verbundene Amt eines preußischen. Ministers des Aeußeren bekleidet. Auch die entschiedensten politischen Gegner des bisherigen Kanzlers werden zugeben müffen, daß er seines schwierigen und verantwortungsreichen Amtes mit größter Hingebung, Gewiffenhaftigkeit und Ueberzeugungs- rreue gewaltet hat, daß er die Reichsgeschäfte unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen mit Eifer, ehrlicher Offenheit und unermüdlicher ArbeitSfreudigkeit leitete. Freilich sind aber anderseits unter seiner Amtsthäligkeit an der Spitze der Reichsregierung so mancherlei bedenkliche Schwächen und offenbare Fehler der Reichspolitik hervorgetreten, welche schließlich zu einer immer heftigeren Opposition gegen den „neuen Curs" innerhalb wie außerhalb deS Parlaments führten. Indessen muß auch erwogen werden, welche überaus schwierige Stellung Graf Caprivi in dem immer schärfer entbrennenden Streite der Palleten hatte, uud caß er beinahe schon vom Beginne seiner ministeriellen Thätigkeit an mit stets wachsenden Schwierigkeiten und Hindernissen kämpfen mußte.
Sicherlich wird es dem Kaiser nicht leicht geworden sein, sich von seinem bisherigen ersten Berather in Reichsangelegenheiten zu trennen, der so selbstlos die Politik des Monarchen vertrat und der sich wiederholt glänzender Vertrauensbeweise seitens seines erlauchten Souverains zu erfreuen hatte. Sehr leicht möglich 'st cs, daß nur ganz besondere Erwägungen den Kaiser zur Genehmigung des EutlaffungSgesuches des Kanzlers bestimmt haben. Als muthmaßliche Nachfolger Caprivis auf dem Reichskanzlerposten wurden eine ganze Reihe von Persönlichkeiten genannt, wie Finanzminister Dr. Miquel, Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf, General Gras Waldersee, Statthalter Fürst Hohenlohe und andere Staatsmänner. (S. den Depeichentheil.)
dahin noch selten bei Frauen bemerkt und dann wieder von kindlicher Offenheit und Furchtlosigkeit.
Endlich erklärte er mir, daß alle diese Widersprüche, die seine Neugierde erregten und seine Gedanken und Blicke feffelten, mich unwiderstehlich für ihn gemacht hätten, und was mein Uebermuth auch Neues erfand, so unerwartet es auch sein mochte, es hatte für ihn immer neuen Reiz. Das ist nun, wie ich vermuthe, was man Liebe nennt — und obgleich ich weit entfernt war, Aehnliches sür ihn zu fühlen, so waren Stolz und Grausamkeit mir sehr abhanden gekommen. Das Bewußtsein, seine Frau zu sein, machte mein Benehmen so seltsam und übte diesen merkwürdigen Reiz auf ihn aus, so daß vielleicht kein anderes weibliches Wesen sein Herz so vollständig gewonnen hätte- er war dem verschmähten Weibe, daö er nicht einmal kannte, treuer, als er ahnte.
Meine Zreundin, MrS. Norword, bemerkte, wie mächtig wir von einander angezogen waren und daß mein Gemahl unablässig meine Nähe suchte, ob ich mich nun in der Bibliothek unter den Büchern oder im Parke unter den Bäumen befand, sie meinte daher: „Ich denke, Molly, Du brauchst Deinen Gemahl nicht weiter zu quälen, er scheint Dich ja zu lieben und seine Liebe wird nicht aufhören, wenn Du ihm gestehst, daß Du seine Frau bist."
Ich war aber, seitdem ich anfing, zärtlichere Gesühle für ihn zu hegen, zaghaft geworden- ich fürchtete seinen Zorn und schämte mich, daß ich ihn durch eine List getäuscht hatte. Je mehr er voll Bewunderung für mich war, je weniger fand ich den Muth, ihm zu bekennen, denn ich meinte, er würde mich dann geringer achten, und so weiß ich nicht, wie es geendet hätte, wenn nicht eine Schlange m unser kleines Paradies gekommen wäre, denn ein Paradies war es für mich geworden.
Ein Nachbar von Mrs. Norword, ein Mr. Merriton, kam ein s Tages in Geschäftsangelegenheiten und da meine Freundin nicht zu Hause war, war ich genöthigt, ihn zu em-
Deutfdye» Reich.
Berlin. 27. October. Die „Kreuzzeitung" bespricht in einem Leitartikel den Rücktritt deS Grafen Caprivi und deS Grafen Eulenburg, worin sie n. a. aussührt, eS sei heute nicht an der Zeit, dem scheidenden Reichskanzler einen Nachruf zu widmen. DaS Blatt schreibt dann weiter : „Wir haben ihm, als er vor mehr als vier Jahren sein wahrlich nicht leichtes Amt übernahm, im weilen Sinne deS Wortes Vertrauen entgegengebracht. Aber bald schlug er sowohl in seiner äußeren wie inneren Politik Wege ein, die uns in die Opposition Hineindrängien. Vor Allem seine Militärvorlage und seine Handelspolitik schienen uns für di, Gegenwart und Zukunft gleich bedenklich. Und auch heut, noch stehen wir auf dem gleichen Standpunkte. Wenn unser, Gegnerschaft hie und da eine recht scharfe war, so trägt die Art und Weise, wie Graf Caprivi uns zu bekämpfen liebte, vor Allem die Schuld darckn. Ene Wiedervereinigung deS Reichskanzleromts mit dem preußischen Ministerpräsidium hallen wir für ebenso selbstverständlich wie erfreulich."
Berlin, 27. October. Die „Nordd. Allg. Ztg." kenn- zeichnet in einem Leitartikel die Verhältnisse, unter denen der Rücktritt deS Grafen Caprivi vom Reichskanzlerposten erfolgt- ist. Das Blatt hebt die Schwierigkeit der Stellung Caprivis besonders hervor- er habe erbitterte Gegnerschaften zu bestehen gehabt, die nichts mit der Art, wie er seinen Posten ausfüllte, zu schaffen hatten. Mit welcher Zähigkeit, mit wie ausgedehnten Preßhilfökräften diese Gegnerschaft den Grafen Caprivi auf Schritt und Tritt verfolgte, wisse Europa. Das hohe Lob, daö der jetzt zurückgetretene Reichskanzler sich trotzdem durch seine Charactereigenschaften bei Freund und Gegner erworben habe, wiege unter solchen Umständen doppelt schwer. Keine Schärfe, ja Brutalität des Angriffs und keine Hinterlist der Anklage fei dem Grafen Caprivi erspart geblieben- aber Niemand habe ihm bestritten, daß er mit seinem edelsten, reinsten Wollen, seiner vornehmen, ritterlichen Ge- finnung, seinem strengen Gerechtigkeitssinn eine Zierde unseres Staatswesens bildete.
Berlin, 27. October. Die Demission Caprivis und Eulenburgs ist nicht wegen sachlicher Meinungsverschiedenheiten über die Bekämpfung des Umsturzes erfolgt. Im Uebrigen verlautet, daß die von Caprivi vereinbarten Grund- fätze, betr. das Vorgehen gegen den Umsturz, nicht geändert werden sollen.
Berlin, 27. October. Wie verlautet, ist der StaatS- secretär des Auswärtigen Amtes, Freiherr Marschall von Bieberstein, entschlossen, seinen Abschied nach- zusuchen.
pfangen. Zu meinem großen Mißvergnügen kam dieser Herr nun öfters und erklärte sich offen als meinen Anbeter, waS mein Gemahl, da er sich anderweitig gebunden glaube, nicht thun durfte- seine Eifersucht machte ihn noch unglücklicher und melancholischer wie bisher. Mr. Merriton wagte eß, mir Vorwürfe zu machen, daß ich den Lord zu sehr begünstige und daß dieser meine Gunst nicht verdiene, weil er keine ernste Absichten zu haben scheine, vielleicht habe er sich schon früher in Frankreich vermählt, meinte er schließlich.
Entrüstet ersuchte ich Mr. Merriton, seine Meinung für sich zu behalten, doch sab ich nun mit Schrecken ein, daß ich durch meine thörichte Vorstellung viel Unheil angerichtet, besonders meinem Rufe geschadet hatte und meinem Gemahl noch böse und traurige Stunden bereiten würde. Ich faßte daher den Entschluß, nach Hause zu reisen und dort zu warten, bis mein Gatte käme, dann wollte ich ihm meine Thorheit gestehen und feine Verzeihung erbitten.
Bevor ich aber diesen Entschluß ausführen konnte, ereignete sich etwas, das von großen Folgen für unsere Zukunft werden sollte. Ich war nun drei Wochen in Wickham gewesen und wollte den nächsten Tag ohne Abschied fortreisen, konnte mir aber nicht versagen, noch einmal am letzten Abend den Park aufzusuchen, der sich in der Nähe deS Hauses befand- dort hatte ich meinen Gemahl kennen und lieben gelernt. Er hatte niemals offen von seiner Liebe gesprochen, aber doch von Dingen, die für uns beide von großem Werthe waren- von seiner Person, seinem Leben, von seinen Gedanken über Religion und Poesie und in Allem fühlten wir, daß wir vollkommen übereinstimmten - es war, als ob meine Gedanken die seinen ergänzten und diese vollkommene Seelenharmonie war eß, die unS mit Entzücken erfüllte.
(Fortsetzung folgt.)


