1894
Sonntag den 30. September
Erstes Blatt.
Nr. 229
Gießener Anzeiger
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Amts- «nd Anzeiseblatt für den Kreis Gieren.
Hratisöeikage: Gießener Kamilienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Dentsche» Reich.
Berlin. 28. September. Ueber die Rückkebr deS Kai- s e r S aus R o m i n t e n nach Berlin resp. Potsdam ist noch immer nichts Bestimmtes bekannt. Auch über den bisherigen 23er lauf des Jagdaufenthaltes des Monarchen in Rominten liegen keinerlei Nachrichten vor, da der „Hofbericht" diesmal hierüber nicht die geringste Mittheilung gebracht hat. Was die etwaigen weiteren ReisediSposit onen des Kaisers nach feiner Rückkehr aus Ostpreußen anbelangt, so weiß man bis jetzt nur, daß er am 16. October dem Großherzog von Hessen einen Gegenbesuch in Darmstadt abstatten und sich dann noch im Laufe des genannten TageS nach Wiesbaden begeben wird, um daselbst der Einweihung des Kaiser Wilhelm-Denkmals sowie der Eröffnungsvorstellung im Neuen Königlichen Theater beizuwohnen. Abends reist der Kaiser nach Berlin zurück, wo er am 17. October den Besuch des Königs Alexander von Serbien empfängt.
— -Reichskanzler Gras Caprivi hat während feines kurzen Aufenthaltes in Berlin nach der Rückkehr aus Karlsbad eine Unterredung mit dem preußischen Minister- Präsidenten Grafen Eulenburg gehabt. Allgemein nimmt man an, daß die Conferenz beider Staatsmänner vorwiegend der „Polenfrage" anläßlich der Thorner Kundgebung deö Kaisers gegolten hat, und daß im Uebrigen das ossiciöse Dementi in Sachen der dem Grafen Caprivi zugeschriebenen Aeußerung hinsichtlich der „polnischen Landräthe" als ein spectelles Ergebniß der Conferenz betrachtet werden müffe. Ob dieselbe indessen besondere Maßnahmen in der Richtung eines verschärften Borgehens gegen die polnischen Wühlereien und Hetzereien zur Folge haben wird, dürfte noch abzuwarten sein- auch von Veränderungen in hohen Beamtenposteu der Provinz Posen scheint Abstand genommen werden zu
stätten werden von Militär bewacht.
Newyork, 28. September. Wie aus Panama ßt meldet wird, hat bet einer militärischen Revue in ( L der Anarchist Araya fünf Schüffe auf den Präfidenten von Coftarica, Iglest es, abgefeuert, doch blieb letzterer unverletzt. Araya und 24 Mitschuldige wurden verhaftet.
Shanghai. 27. September. Reuter - Meldung. Die chinesischen Offiziere schieben sich gegenseitig die Verantwortlichkeit für d>e Niederlage am Yaluflusse zu. Die Untersuchung dauert noch fort und ein Capitän (Fang Biquen) ist bereits wegen Feigheit hingerichtet worden. Man glaubt, daß noch andere Offiziere hingerichtet werden. Admiral Ting, der in Port Arthur schwere Anklagen gegen einige seiner Offiziere erhoben hat, erklärt, daß sieben Schiffe sich während der Schlacht im Yaluflufse versteckt gehalten hätten.
Alle Annoncen-vureaux deS In- und Auslandes nchmrn Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Brauereien und der socialdemokrattschen Boykottcommission morgen eine Sitzung abhalten.
Berlin, 28. September. DaS „Berliner Tageblatt dementirt seine gestrige Meldung Uber den Rücktritt des Directors der Colonialadtheilung deS auswärtigen Amte«, Legattonsraths Kayser. Das Blatt fügt hinzu, Kayser kehre dieser Tage von seinem Urlaub zurück und werde die Leitung der Colonialabtheilung wieder übernehmen.
Berlin, 28. September. Bei der Besprechung der Er- folge der Soctaldemokraten bei den Wahlen zum Berliner Gewerbegericht sagt die „Post", so lange die bürgerliche Gesellschaft sich von der Soctaldemokratte in solcher Weise an Eifer und Thätigkeit übertreffen läßt, so lange sie selbst angesichts der Königsberger Kaiserworte in Lässigkeit und Schlaffheit verharrt, kann das Fortschreiten der Soctaloemokratie freilich nicht wundern. Wer eS ernst meint mit der Wahrung unserer staatlichen und socialen Existenz, muß nach Kräften dahin wirken, die bürgerlichen i Elemente aus ihrem Quietismus aufzurütteln.
Berlin, 28. September. In der Redaction und der Druckerei deS „Soctalist" wurde am 25. September nach einer anarchistischen Broschüre, deren Verfasser E. Henry ist, eine Haussuchung vorgenommen. ES wurde davon nichts gesunden, wohl aber wurden dreihundert andere anarchistische Broschüren mit Beschlag belegt, weil darauf die Druck-
Depeschen bc8 Bure« „Herold*.
Darmstadt, 28. September. Der russische Thronfolger begleitet den Czaren auf seiner Reise in die Krim und kommt dehhalb heute nicht nach WolfSgarten.
Berlin, 28. September. Officiös wird mitgetheilt, der RcichShaushaltSetat werde trotz aller Beschränkungen unvermeidliche beträchtliche Mehrausgaben im ordentlichen Etat enthalten. Die Matrikular - Umlagen würden wesentlich höher sein und die Ueberweisungen nicht unbeträchtlich übersteigen. . __
Berlin, 28. September. Die Commission der Berliner Saalbefitzer wird im Verein mit dem Vorstand der boykottirten
9 Der Fluthgraben vom Teufelslustgärtchen nach der Bahnhofstraße ist nach Verhandlungen mit einigen Anliegern über zweckentsprechende Wasserabführanlagen bereits früher für entbehrlich erachtet und danach mit den übrigen Anliegern zwecks Beseitigung des Grabens verhandelt worden. Die Verhandlungen haben dazu geführt, daß die Anlieger auf Fortbestand des viele Mißstände verursachenden Grabenverzichteten, falls ihnen daS Zuwerfen desselben gestattet und das so gewonnene Terrain kostenlos in ihren Besitz übergeht- sie haben für anderweitige Entfernung der Abwasser auS ihren Hofraithen zu sorgen. Mit Rücksicht daraus, daß der Graben auch für Die öffentliche Wafferabsührung ent- behrlich geworden, beschließt die Versammlung, auf denselben, wie auf das Etgenrhum daran zu verzichten.
Zufolge einer von der Dtrecüon der Anatomie erhobenen Vorstellung wegen der Störungen, die der Fuhrwerks- verkehr auf dem Straßenpflaster in den Vorlesungen und den Experimenten verursacht, hatte die Baudeputation vor
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Georgi, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Emmelius, Faber, Flett, Grünewald, Dr. Gutfletsch, Helfrich, Heyligenstaedt, Hornberger, Jughardt Keller, Löber, Petri, Scheel, Simon, Dr. Thaer, Vogt und
Oberbürgermeister Gnauth macht nach Er- Öffnung der Sitzung Mittheilung von dem Eingänge eines Schreibens de« Kaufmännischen Verein«- 8enannter Verein stattet in dem Schreiben der S.°dtv-r°rdn°-<n.B- - sammlung seinen Dank ab sür d,e Bew lligung -ine- stad - schen Snschufle« t>on 800 Wk., zur Förderung der kauf, männischen FartbildnngSschule bestimmt und bittet, da- dem Verein hierdurch bewiesene Wohlwollen ihm auch sernerhtn zu
der hieraus vorgenommenen AuSloosung von O b li- aationen de« 1893« Anlehens werden, gemäß dem Ttlgungsplan, 30 000 Mk. = 2«/0 zur Rückzahlung -u«.
geloost und folgende Nummern gezogen: Lit. L. 61, 169,
241, 215, 78, 294- Lit. M. 322, 267, 226, 393, 218,
194 169, 89; Lit. N. 70, 799, 82, 134, 181, 116,
474, 639, 176, 464, 747, 413, 788, 751, 476, 520, 514;
Lit. 0. 221, 183, 120, 189, 289, 239- Lit. P. 43, 354, 368, 302, 128, 199, 265, 394.
Die Uebersicht über die wirklichen Einnahmen und Ausgaben der Vorschule deS Gymnasiums für 1893/94 ergab einen Ausgleich von 5019 Mk., eS ist sonach im Vergleich zum Voranschlag ein städtischer Zuschuß von 934 Mk. erforderlich - eS gingen ein an Schulgeld 4085 Mk. - an Bewl- dungen waren erforderlich 4804 Mk., sür Heizung und Be- leuchtung 150 Mk., für Geschäftsführung 50 Mk
Die durch Ausdehnung des Hands erti gkeit S - Unterrichts aus Holzardeiten u. s. w. nöthig gewordene Thetlnahme des Herrn Lehrer Schmitt an einem UnternchtS- cursus an der Centrallehranstalt zu Leipzig veranlaßte einen Aufwand von 313 Mk. 65 Pf., welcher Betrag im vorigen Jahre in der Erwartung bewilligt wurde, daß derselbe auS der Staatskasse ersetzt würde. Dies ist nach Mittheilung Großh. Ministeriums in der vorigen Finanzperiode nicht mehr angängig gewesen- doch wurde die Theilnahme eines weiteren Lehrers auf Staatskosten in Aussicht gestellt- eS soll danach Herr Schulverwalter CorvinuS an dem Cursus theilnehmen. Mit Rücksicht auf das Entgegenkommen Großherzogl. Staat«, regierung wird beschlossen, die unter Vorbehalt der Rück- erstattung bewilligten Kosten definitiv auf die Stadtkasfe zu I übernehmen.
Die unter Punkt 5, 6 und 7 der Tagesordnung zur I Berathung kommenden Gesuche um Fortführung der Wasser» I leitung a) in den unteren Theil der Wolfstraße, 5) in daS I neu erbaute Müller'sche HauS in der Göthestraße, c) in die I Hosraithe deS Herrn Chr. Bieker in der Mühlgasse wer- I den genehmigt unter den bisher üblichen Bedingungen, daß I die Gesuchsteller einen jährlichen WasserztnS garantiren, wel- I cher 10°/o der jeweiligen Anlagekosten entspricht. Diese I Garantie ist seitens der Gesuchsteller gegeben worden und I werden daraufhin bewilligt: für die Leitung in der Wo f- I straße 445 Mk., für diejenige in der Göthestraße 700 Mk., | für diejenige in der Mühlgaffe 450 Mk.
Dem Gesuch der Bewohner der Wetzsteingasse um I bessere Beleuchtung deS Theils, an welchem die alte Wetzstetn- I gasse mit der neuen Wetzsteinstraße zusammenstößt, wird, I nachdem die Deputation für das Gas- und Wasserwerk daS I Bedürsntß zur Aufstellung einer weiteren Laterne anerkannt, I stattgegeben - die Anlagekosten im Betrage von 120 Mk., I sowie die laufenden jährlichen Unterhaltungskosten im Betrage I von 35 Mk. werden bewilligt.
Das Gesuch des Braunsteinbergwerks um Er- I laubniß zur Vornahme einer infolge Betricbs-Erweiterung | nöthig gewordenen Wegverlegung wird genehmigt und die | Bedingung gestellt, daß der neu anzulegende Weg in Etgen- I thum der Stadl bleibt, eine Breite von mindestens 5 Meter I erhält, für hinreichende Wafferabsührung event. durch Anlage I eines Grabens gesorgt, der Weg gegen Abrutschen gesichert I wird und die entstehenden Kosten vom Braunsteinbergwerk I getragen werden. _
I Zur Lagerung von Baumaterial auS Anlaß des Bahn- I Hofumbaues war in einer früheren Sitzung dem Eisen- I bahnfiscus ein Theil des zwischen dem Ausfluß der W eseck I in die Lahn, am Hamm, gelegenen Geländes pachtweise über- I lassen worden. Dem Gesuche um Ueberlassung weiteren . I städtischen Geländes in fragt. Gegend zur Anlage einer pro- I vtsorischen Zufahrt nach dem Lagerplatz wird stattgegeben
- das Pachtgeld auf 8 Pf. pro lH Meter 1*^,
auch die Wiederherstellung des Geländes als Wiese zur Be-
firma fehlte. u r I
Frankfurt a. M., 28. September. Der Budapester I Correspondent der „Frkf. Ztg." versichert nach guten Infor- I mationen, daß in der gestrigen BischofSconferenz eine I refignirte Stimmung herrschte. In längerer Debatte wurde I erörtert, ob ein Hirtenbrief an sie Gläubiger zu richten sei, I der die kirchliche Unwürdigkeit der civilen Eheschließung beleuchtet. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Wettere Beratungen sollen. | wurden bis nach der Plenarsitzung des Magnatenhauses ver-
— In der Frage der Bekämpsung des unlau- I ^o6en.
ter en Wettbewerbes findet am 3. October eine Be- I Wien, 28. September. Nach der „Deutschen Zeitung" spreckung im Reichsamte des Innern unter Zuziehung von Kftt bic österreichische Anarchistenpartei aufgeladenen Sachverständigen statt. Die Conferenz soll sich ge(j$|-t ^iner der letzten Führer, Johann Rtßmann, ein im Wesentlichen auf die Erörterung der Grundzüge des an- I c*reunb Mosts, habe Oesterreich verlaffen.
gebltch schon fertiggestellten Entwurfes eines Gesetzes über I Pari«, 28. September. Wie die „Patrie" aus N o m m n y den unlauteren Wettbewerb beziehen. I erfährt, wurde ein deutscher Offizier wegen Grenz- |
------JL.-.---------.— - Verletzung in Haft genommen. Derselbe hatte gelegentlich Neneste I einer Uebung die Grenze um etwa 100 Meter überschritten
»Ölff. W Wk» undsttd-btt betroffen »-eben, al« « sranzMch-s 8Ml't
Thorn, 28. September. Der wegen LandeSverraths rcco 0 September. Gestern fand «m „Casino de
verhaftete Secundaner Schultz wurde heule wegen zweifacher lgll Pro beschießen auf einen neuen kugelsicheren
Majestätsbeleidigung und Diebstahls zu fünf Monaten Ge- I er Die Versuche sollen überraschend günstig
fängntß verurtheilt. _ .. . I ausaefallen sein: öffentliche Proben werden demnächst ab»
Parts, 28. September. Während eine Depesche der ausge^uen ,nn, 9
„Newyork World" von Unruhen in Rio d e Ja ne i r 0 I Paris, 28. September. Seitens der hiesigen japanischen
spricht, empfing die hiesige brasilianische ^sandtfchaft eine Landschaft wird die Nachricht bestätigt, daß der ch inest sch e von heute Vormittag datirte Depesche aus Rio de Janeiro, . in bet Hauptstadt Koreas Selbstm 0 rd verübt worin die angeblichen Unruhen mit keinem Worte erwähnt sandte pa Pi
wurden. Die Meldung der „World" wird hier für voll- I 9 Warschau, 28. September. Im Gouvernement Minsk kommen unbegründet gehalten. (ft untcr ^m Rindvieh die sibirische Pest ausgebrochen.
Malaga, 28. September. Der Aus stand der Ar- Belgrad, 28. September. Der griechische Co ns ul beiter nimmt einen beunruhigenden Umfang an. Die Werk- I ^jsch Zakakis, der am Alexandertage bei einem Toast tnmn 0„. auf den'Czaren sich ungebührlicher Worte gegen Oesterreich. c>os« Ungarn bediente und hierfür vom österretchtschen Consul au San Josv | H gcforbert wurde, ist von seiner Regierung abge etzt und für immer aus dem Staatsdienst entlassen worden. Der österreichischen Regierung ging hiervon officielle
Mittheilung zu. _ --- -
Sitzung der Stadtverordneten
am 28. September 1894.


