Nr. 150 Erstes Blatt.
SamStag den 30. Juni
1894
Der Hiehener Aujeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener A>a milienv tätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt.
Kießener Anzeiger
Kenerak-Mnzeiger.
Viertel jähr,ß«r ÄI#e*mret»FTCi#$ 2 Mark 20 W ** Uringerlohn. Durch die PoK bezogen 2 Mark 50 Pft-
VKöaction. tfiprbitioit und Drucler,':
>ck»tltr«tze Tlr.7. Kcrnsprcchcr 51.
Anrts- unb Anzeigeblatt für ben Kreis Gietzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
chratisbeikage: chießener Kamilienökätter.
Alle Annoncen-Bureaux de» In- und AuSlande» nehme, Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
Amtliche^ TKeil.
Gießen, den 26. Juni 1894.
Betr.: Die Strafregister-
hier Die Nachweisungen der im I. Halbjahr 1894 verstorbenen bestraften Personen.
Der (tzrof,Herzog!. Inste Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberhcffcn
au sämmtliche Qrtspolizeibehörden des Greises Gieftcn.
Sie werden ersucht, die obenerwähnten Nachweisungen beziehungsweise die Fehlanzeigen bis zum 1. August 1894 ohne nochmalige Erinnerung an mich einzusenden.
Jockel. ____
Bekanntmachung.
Ls kommen im Juli zur Erhebung:
1. Directe Steuern,
2. Brandversicherungs-Beiträge,
3. Forst- und Feldstrasen der II. Periode.
Gießen, am 28. Juni 1894.
Großh. DistrictSeinnehmerei I.
Platz.
Präsident Casimir Perier und die politische Lage Frankreichs
Am Mittwoch Nachmittag hat die französische National« Versammlung, gebildet von den Mitgliedern des Senats und der Deputirtenkammer, im Congreßsaale zu Versailles gleich im ersten Wahlgange den früheren Minister und Führer der gemäßtigten Republikaner Casimir Perier mit 451 von 853 Stimmen zum Präsidenten der französischen Republik gewählt. Bedenkt man, daß trotz des Mene Tekel, welches die blutige Htnwegraffung des Präsidenten Carnot durch anarchistische Mörderhand allen unbesonnenen französischen Politikern vor die Augen malte, die Mehrheit der Stimmen, welche Casimir Perier auf den Präsidentenstuhl hob, nur klein war, so muß man die Wege der Vorsehung preisen, daß es gerade die Parteien deS Umsturzes waren, welche indirect die französischen Volksvertreter mahnten, ihre Pflicht gegenüber dem Vaterlande unter -Zurückstellung aller persönlichen Jnteresien zu thun. Da es in Frankreich zur gemeingefährlichen Unsitte geworden ist, Ehrgeiz, Eitelkeit, Begünstigung, Stellenjägerei und schlimmere Dinge bei politischen Bestrebungen eine treibende Rolle spielen zu lasten, da ferner auö diesem Grunde keine Partei der anderen die Führung der Regierung gönnt und außerdem der Radicalismus und SocialismuS bereits starke Mächte im politischen Leben Frankreichs sind, sich auch keiner Autorität fügen, so wäre es wohl leicht zu Unruhen, ja vielleicht zur Revolution in Frankreich gekommen, wenn die neue Präsidentenwahl ohne den moralischen Druck des fluchwürdigen Attentats Ende November unter der Nebenbuhlerschast blind wüthender Parteien hätte stattfinden müsten. Hat doch die große Prügelei, welche zwischen den Deputirren der Demokratengruppe und den socialistischenDeputirten bei einer Wahlversammlung in Paris am Dienstag stattfand, bewiesen, zu welchen Mitteln di- Erz- radikalen greifen, um ihre Gegner zu überzeugen. Aber Dank der Entrüstung und dem ungeheueren moralischen Eindrücke, welchen die urplötzlich gekommene schändliche Ermordung des ehrenwerthen Präsidenten Carnot in ganz Frankreich hervorgerufen, ist die Lust zur Demonstration und Revolution in den unruhigen Elementen gedämpft worden und eine sehr besonnene Präsidentenwahl hat stattgefunden. Casimir Perier ist der rechte Mann an Frankreichs Spitze, er ist ein edler und ehrlicher Republikaner, ein erfahrener, energischer Staatsmann, ein Feind alles Maßlosen, ein Gegner des Umsturzes im Innern und ein Bekampfer des Chauvinismus nach außen. Außerdem entstammt Perier einer hochangesehenen Familie und ist selbst sehr begütert kann also nicht so leicht verdächtigt werden, sich und seine Anhänger rm Amte bereichern zu wollen. Schon PerierS Vater war Minister der dritten Republik unter Thiers. 1847 geboren, ist Casimir Perier, der neue Präsident, noch verhaltnißmaßig jung. Er erhielt aber eine sorgfältige Erziehung und bereitere sich durch sorgfältige Studien für die staatsmännische Laufbahn vor. Den deutsch-französischen Krieg hat er als Offizier der Mobilgarde mitgemacht. 1876 wurde er als Deputirter gewählt und trat dem republikanischen Centrum bei. Er wurde Vieepräsident der Kammer, nach ^loquet» Rücktritt sogar Kammerpräsident. Dazwischen war er auch
StaatSsecretär und vom 2. December 1893 bis zum 22. Mai 1894 Ministerpräsident. AlS Führer einer gemäßigt republikanischen Regierung werden Perier wohl manche Gegner entstehen, aber in seiner Eigenschaft als Präsident der Republik steht er über den Parteien und seine Hauptaufgabe ist es nur, die Ordnung aufrecht zu erhalten, den Frieden zu hüten und die Minister und Kammern nach der Verfastung richtig functioniren zu lasten. Ohne politische Bedeutung ist auch daS eingereichte Entlastungsgesuch deS Ministeriums Dupuy, denn dieses Gesuch muß bei einem Präsidentenwechsel stets gestellt werden.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphische» Corresponden--Bureau.
Berlin, 28. Juni. In der heutigen ersten Sitzung der Berliner Stadtverordneten nach dem Lyoner Attentat hielt der Vorsitzende Dr. LangerhanS eine Ansprache, die besagte, er glaube öffentlich dem tiefen Schmerz der Bürgerschaft Ausdruck geben zu sollen über den schweren Verlust der französischen Nation. Die Versammlung hörte die Ansprache stehend an.
Berlin, 28. Juni. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Die Commission für Arbeiter st atistik machte am 26. ds. die Erhebungen über Arbeitszeit, LehrlingSverhältniste und Kündigungsfristen im Handelsgewerbe zum Gegenstände ihrer Beralhung. Nach einem Vortrage des Referenten über daS Ergebniß des zweiten Theiles der Erhebungen, welcher in der Einforderung und Zusammenstellung von Gutachten zahl« reicher kaufmännischer Organisationen bestand, beschloß die Commission die zur Ergänzung deS Materials in Aussicht genommenen mündlichen Vernehmungen — in Abweichung von ihren früheren Beschlüsten — nicht durch Commistare an Ort und Stelle, sondern vor dem Plenum der Cymmifsion zu bewirken. Für diese Entschließung war der Wunsch maß« gebend, jedem Mitgliede den unmittelbaren Eindruck von fämmtlichen Vernehmungen zu verschaffen. Diesen Weg ließen auch die bei den Erhebungen über das Bäckereigewerbe gemachten Erfahrungen rathsam erscheinen. ES wird beabsichtigt, 36 Prtncipale, 36 Gehilfen und 10 Geschäftsdiener (Packer re.) zu vernehmen.
Kiel, 28. Juni. Se. Majestät der Kaiser ist an Bord der „Hohenzollern" um 10l/2 Uhr Vormittags von Eckernförde hierselbst eingetroffen.
Aachen, 28. Juni. Wegen der Verbreitung der Maul- und Klauenseuche in Holland ist die Einfuhr von Wiederkäuern und Schweinen verboten.
Braunschweig, 28. Juni. Heute Vormittag 11 Uhr sand im Saale der hiesigen Handelskammer eine Sitzung behufs Stellungsnahme gegenüber dem unlauteren Wettbewerb statt, zu welcher Vertreter der Handelskammern von Goslar, Halberstadt, Halle, Caffel, Minden, Nordhausen und Osnabrück erschienen waren. Commerzienrath Jüdel erörterte in seiner Eröffnungsansprache den Zweck der Zusammenkunft, nämlich die Einigung über die Arbeitstheilung betreffs dieser Frage. Der Syndikus der hiesigen Handelskammer, Dr. Stegemann, beleuchtete eingehend die Frage sowie die Vorschläge, welche zur Bekämpfung deS unlauteren Wettbewerbs gemacht würden. Sämmtliche Vertreter waren darin einig, daß ein energisches Vorgehen geboten sei und erklärten, an demselben mitwirken zu wollen. Es wurde sodann beschlosten, Mitte September eine große Versammlung abzuhalten, zu welcher die Vertreter der Handelskammern und bewährte Sachverständige geladen und tn der Referate und Correserate erstattet werden sollen.
Budapest, 28. Juni. Abgeordnetenhaus. Die Vorlage betreffend die Besteuerung deS Totalisators ist ge« nehmigt worden.
eilten (WalliS), 28. Juni. Soeben kommt die Nachricht, daß die Eindämmungen des Gletscher Gistroz im oberen Bague-Thal durch Wastermasten niedergerissen worden sind. Die Bewohner der Ebene von Marngny sind in großer Angst. Man sieht Bäume und Balken vom Master der Rhone getragen. Im Jahre 1818 ist die ganze Ebene unter 20 Fuß Master gesetzt worden; eS wird jetzt gleiches befürchtet.
Rom, 28. Juni. Nach einer Meldung der „Ag. Stef." aus Paris ersuchte der Minister de» Auswärtigen den italienischen Botschafter, der italienischen Regierung den Dank der ftanzösischen dafür auszusprechen, daß sie durch ihre Haltung zur Vermeidung peinlicher Cooflicte beigetragen habe. Der Minister versicherte dem Botschafter zugleich, daß keinerlei (Seroaltacte gegen Personen begangen, sondern nur gegen das Eigenthum von Italienern an den bekannten Orten Ausschreitungen verübt seien. Der Minister bestätigte,
daß der Urheber der Vorfälle in Grenoble wenige Tage zuvor auS einer Irrenanstalt entlasten worden sei. Auch beglückwünschte der Minister die Vertreter Italiens zu ihrer Haltung, die sie dort, wo die Ruhe gestört wurde, beobachtet haben.
Rom, 28. Juni. Die Regierung legte der Kammer einen Gesetzentwurf vor, durch den ein außerordentlicher Credit von 100000 Francs verlangt P>ird behufs Re- patriirung italienischer Arbeiter auS Frankreich. Der Entwurf wurde bereits der Budgetcommisston überwiesen.
Haag, 28. Juni. Die Zweite Kammer genehmigte die 1893 in Dresden abgeschlossene internationale Vereinbarung zur Ergreifung von Vorsichtsmaßregeln gegen die Cholera, ferner die Zustimmung der Niederlande zur fünfjährigen Verlängerung der gemischten Gerichtshöfe in Egypten.
Paris, 28. Juni. Bei der Rückfahrt nach Paris wurde Casimir Perier auf der ganzen von seinem Wagen durchfahrenen Strecke mit lauten Zurufen: „ES lebe Perier! CS lebe die Republik!" begrüßt.
Pari», 28. Juni. Die Bauunternehmer der Werkstätten btr PariS-Mittelmeerbahn entließen 15 italienische und österreichische Arbeiter, weil die französischen sonst zu striken drohten.
Montpellier, 28. Juni. Ein Anarchist Namen» Laborie wurde verhaftet, er räumt ein, am SamStag mit Caserio gespeist zu haben, welcher ihm den Zweck seiner Reffe nach Lyon anvertraute.
London, 28. Juni. Eine Depesche auS Glasgow meldet: Heute arbeiten in Schottland nur 500 Bergleute, während dreiundsiebenzigtausend feiern. Alle Anzeichen deuten auf einen anhaltenden AuSstand hin. Der Schiffsverkehr sowie der Betrieb der Stahlwerke leiden unter Kohlenmangel.
Chicago, 28. Juni. In Folge des bereits gemeldeten Strikes stockt der Verkehr auf elf in Chicago mündenden Bahnen. Die Bewegung dehnt sich nach Westen aus. In Kalifornien stockt der Verkehr auf der südlichen Pacificbahn, infolge der Weigerung der Gesellschaft, Züge abzulasten, falls das Einstellen von Pullmanwagen verhindert wird. Weitere Ausstände stehen bevor. Der Arbeiteroerband fordert einen AuSstand der Bediensteten der Atchisonbahn.
Depeschen de» Bureau „Herold*.
Berlin, 28. Juni. Der französische Botschafter Herbette hat sich heute nach Kiel begeben, um im Auftrage seiner Regierung dem Kaiser für dieTheilnahme zu danken, welche er Frankreich anläßlich deS Todes CarnotS erroiefeu.
Berlin, 28. Juni. Die „Nationalzeitung" schreibt zu der Meldung, die italienische Regierung habe zu der von Spanien ergriffenen Initiative betreffs internationaler Abwehrmaßregeln gegen den Anarchismus Vorschläge gemacht, dies sei unbegründet. Die spanische Regierung habe sich allerdings mit einer Anregung an bte europäischen Cabinette geroettdet, von Italien auS sei solches jeboch nicht geschehen.
Berlin, 28. 3uni. Der „Localanz." erfahrt zum Fall Kotze, baß bie Haftentlastung KotzeS bereits gestern biScutirt worben fei. Kotze jedoch habe den Wunsch ausgesprochen, bi« zur Beendigung deS Verfahrens in Untersuchungshaft zu bleiben. Die kriegsgerichtliche Voruntersuchung wird mit Unterstützung der politischen Polizei geführt.
Berlin, 28. Juni. Wie die „Post" telegraphisch auS Paris meldet, bedeute die Wahl des Präsidenten Casimir Perier weiter nichts als einen Aufschub ernsterer Ereignisse.
Thorn, 28. Juni. Es werden heute amtlich einige Cholera-Fälle außerhalb deS Weichfelgebiets gemeldet. Eine AmtSvorstcherSfrau in Großgrünhof bei Mewe verstarb an der Seuche nach l1/» tägiger Krankheit.
Wien, 28. Juni. Die Blätter äußern sich über bte Wahl Casimir PerierS äußerst befriebigt. Die „R. Fr. Pr." sagt, burch biete Wahl sei eine bebeulenbc Jabi- vidualität tn den Vordergrund der europäischen Politik geruckt, welche, getragen von dem Vertrauen deS ftanzösischen Volkes, zum Heile der Republik den inneren und äußeren Frieden mit unermüdlicher Hingebung schützen werde.
Prag, 28. Juni. Die Gemeindevertretung von Ctzko w hat beschlosten, gegen deutsch geschriebene Quittungen fern Geld mehr zu verabfolgen, die Quartiergelder für deutsche Lehrer zu streichen und die Gemeindeämter künftig nur Czechen zu verleihen.
Rom, 28. Juni. Im ganzen Lande herrscht


