Ausgabe 
29.12.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 304 Erstes Blatt.

Samstag den 29. December

1894

Wehener Anzeig er

General-Htnzeiger.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Der Ortsvorstand zu Biebesheim beabsichtigt, mit dem am 5. März 1895 zu Biebesheim stattfindenden Fasel-, Zuchtvieh- und Schweinemarkt eine Verloosung von Zuchtvieh zu verbinden.

Das Großherzogl. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchtc Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 10 000 Loose zu 1 Mk. das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 70 % des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.

Der Vertrieb der Loose ist im Großheczogthum ge­stattet worden.

Gießen, den 23. December 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Politische Jahresrundschau.

i.

Wenig pflegt ein Jahr im Leben der Staaten und Völker zu bedeuten, dennoch schließt ein solcher Zeitabschnitt immer wieder eine Fülle mehr oder weniger hervorragender Ereigniffe in sich ein, welche für den Politiker einen Rück­blick auf den vollendeten Zeitraum rechtfertigt. Auch das Jahr 1894 zeitigte eine ganze Reihe politischer Begeben­heiten von allgemeinerem Interesse, sie sollen im Rahmen der folgenden Betrachtung noch einmal am geistigen Auge vorüberziehen. Wenn wir mit unserem deutschen Vater­lande beginnen, so gedenken wir zunächst der erlauchten Person des Kaisers, der unermüdlich seines verantwor­tungsreichen hohen Amtes als Schirmherr des Reiches waltet. Wie schon in den vorangegangenen Jahren, so hat Kaiser Wilhelm auch im Laufe des Jahres 1894 Zusammenkünfte mit seinen hohen Verbündeten, mit dem Kaiser Franz Josef von Oesterreich und dem König Humbert von Italien, ge­pflogen, welche Monarchenbegegnungen aufs Neue den un­erschütterlichen Weiterbestand des mitteleuropäischen Friedens- bündnisses bekundeten. Mit dem italienischen Herrscher traf der deutsche Kaiser in den Mauern Venedigs gelegentlich des Frühjahrsaufenthaltes der kaiserlichen Familie in Abazzia zusammen, wobei auch die Kaiserin Auguste Victoria zugegen war. An Abazzia selber aber empfing Kaiser Wil­helm den Besuch des Kaisers Franz Josef, worauf der erstere auf der Rückreise aus dem Süden dem österreichischen Monarchen einen Gegenbesuch in Wien abstattete. Im Sommer unternahm Kaiser Wilhelm wiederum seine her­kömmliche Nordlandsfahrt, auf welcher ihn diesmal die Kaiserin begleitete, und zwar bis Dronlheim; später weilten dann der Kaiser und die Kaiserin abermals am verwandten englischen Hofe. Im Jnlande unternahm der Kaiser zahl­reiche kleinere und größere Reisen, welche der Beiwohnung an den Manöver» des Landheeres und der Marine, Besuchen an verschiedenen Höfen, der Veranstaltung von Jagden usw. galten. Ein für jeden patriotischen Deutschen hocherfreu- licheS Eretgniß bildete der Besuch, welchen Fürst Bismarck auf Einladung des Kaisers demselben am 26. Januar in Berlin abstattete- diese Berliner Reise des Fürsten in Ver­bindung mit dem alsbald erfolgten Gegenbesuche des Monar- cheu in Friedrichsruh bedeutete die vollständige Beilegung der Spannung, welche so lange zwischen dem Kaiser und dem Altreichskanzler bestanden hatte. Fürst Bismarck selber mußte in dem abgelaufenen Jahre das Hinscheiden seiner treuen Lebensgefährtin, der Fürstin Johanna, beklagen. Das deutsche Volk in seinen weitesten Schichten nahm innigen Antheil an dem tiefen Schmerze des greisen Staatsmannes, und diese allgemeine Theilnahme ist dem Altreichskanzler sichtlich ein großer Trost in seinem schweren Leid gewesen.

Der politisch bedeutsamste Jahresvorgang für Deutschland wurde durch den Kanzlerwechsel im Reiche und den hiermit eng zusammenhängenden Minister­wechsel in Preußen dargestellt. Am gleichen Tage, am 26. October, traten der Reichskanzler Graf Caprivi wie der preußische Ministerpräsident und Minister des Innern, Graf Eulenburg, von ihren Aemtern zurück. Obwohl das Doppelereigniß an sich aller Welt überraschend kam, so bildete es doch nur den einzig naturgemäßen Abschluß der schleichenden Crisis, welche in Gestalt steter Reibungen und Differenzen zwischen den maßgebenden politischen Persönlich­keiten im Reiche und Preußen bestanden hatte. Die Übeln

Erfahrungen, welche mit der Trennung des Retchskanzler- postens vom Vorsitz im preußischen Cabinet gemacht worden waren, veranlaßten jetzt die Wiedervereinigung beider Posten in einer Hand. Der bisherige Statthalter Fürst Hohenlohe-SchillingSfürst wurde vom Kaiser in rascher Entscheidung zum Reichskanzler und preußi­schen Minister - Präsidenten ernannt; auf den elsaß- lothringischen Statthalterposten wurde als Nachfolger des Fürsten Hohenlohe ein Verwandter desselben, der Fürst von Hohenlohe-Langenburg, berufen. Während aber in den höheren Reichsämtern keine weiteren Personalver­änderungen nachfolgten, traten solche im preußischen Staats- Ministerium ein. Gleichzeitig mit der Berufung des Fürsten Hohenlohe an die Spitze der Reichs- und der preußischen Staatsgeschäfte war die Ernennung des seitherige« Unter» staatssecretärs in der elsaß-lothringischen Regierung, von Köller, zum Minister des Innern erfolgt, im Laufe der nächsten Wochen reihten sich hieran noch die Ernennung des Landesdirectors von Hannover, des Freiherrn v. Hammerstein- Loxten, zum preußischen LandwirthschaftSminister an Stelle v. Heyden-Cadows, und diejenige des Oberlandesgerichts- Präsidenten Schönstedt in Celle zum Justizmintster an Stelle Dr. v. Schellings. Die Zett des amtlichen Wirkens derneuen Männer" im Reiche und in Preußen ist noch zu kurz, um hieraus schon bestimmte Schlüsse auf die weitere Entwickelung unserer politischen Verhältnisse ziehen zu können, doch haben schon die ersten Schritte der neuen Regierung erkennen laffen, daß sie in ihrer Gesammtpolitik mehr nach rechts neigen wird, als dies von demCurse Caprivi" gelten durfte. Jedenfalls sieht sich aber vor Allem der neue Reichs­kanzler vor schwierige Aufgaben gestellt, wie sie namentlich durch die wichtigsten Vorlagen der gegenwärtigen ReichStagS- session, die sogenannteUmsturz-Vorlage", die Tabaksteuer- Vorlage, die Vorlagen über die Reform der Retchsfinanzen und über die Reform der Börse, sowie durch die Novelle zu den Reichsjustizgesetzen, repräsentirt werden. Zunächst kann man nur hoffen und wünschen, daß die Lösung aller dieser ernsten und bedeutsamen Fragen gelingen möge, ohne daß schwere Conflicte zwischen Negierung und Reichstag zu über­winden wären. Die letzte Reichstagssession gelangte am 5. April 1894 zum Abschluß, ihre hervorragendsten positiven Ergebnisse waren das Zustandekommen der neuen Stempel­steuer-Vorlage und die Genehmigung des russischen Handels­vertrages. Die jetzige Reichstagssession nahm am 5. December ihren Anfang.

Die auswärtigen Beziehungen des deutschen Reiches entsprachen in ihrer Entwickelung und Gestaltung vollständig den gesicherten friedlichen Verhältniffen in Europa. Speciell ist hervorzuheben, daß mit dem Inkrafttreten des Handelsvertrages Deutschlands mit Rußland eine nachhaltige Wendung zum Beffern in dem gegenseitigen Verhältniffe der beiden großen Reiche etntrat. Nicht unberührt ist dagegen Deutschland von dem noch andauernden Kriege zwischen Japan und China geblieben insofern wenigstens, als der Schutz der bedeutenden deutschen Handelsintereffen in Ostafien die Zu­sammenziehung eines stattlichen deutschen Geschwaders in Stärke von 7 Schiffen an den Küsten Chinas nothwendig ge­macht hat. Einen Zwischenfall mit Marokko führte die Ermordung des deutschen Kaufmannes Neumann bei Casal- lanka herbei, doch befindet sich die Sache auf dem Wege gütlicher Regelung. In der deutschen Colonialpolitik waren auch in dem abgelaufenen Jahre verschiedene bemerkens- werthe Vorgänge zu verzeichnen. Mit Frankreich wurde ein Abkommen über die Abgrenzung des Hinterlandes von Kamerun getroffen, dagegen gerieth Deutschland mit England in einen colonialpolitischen Conflict infolge des Vertrages zwischen England und dem Congostaat, der die deutschen Interessen direct bedrohte. Deutschland erhob energischen Protest gegen diesen Vertrag, soweit derselbe die colonialen Interessen Deutschlands gefährdete, und wirklich erreichten die scharfen Vorstellungen des Berliner Auswärtigen Amtes, daß die englische Regierung die betreffenden Bestimmungen des Vertrages fallen ließ. In Deutsch-Südwest Afrika gelang nach jahrelangen Kämpfen die Gefangennahme des rebellischen Hottentotten - Häuptlings Hendrich Witboi durch Major Leutwein, in Deutsch - Ostafrika brachte Gouverneur von Scheele den räuberischen Wahehe eine empfindliche, aber leider nicht nachhaltige Niederlage bei.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 27. December. Ihre Königlichen Hoheiten der-Großherzog und die Großherzogin haben gestern Nachmittag im Palais am Luisenplatz den nichtconfirmirten

Kindern der Hosdienerschaft eine Christbescheerung zu bereiten geruht.

Berlin, 27. December. Die weihnachtliche Fest­pause hat in den inneren Angelegenheiten keinerlei bemerkenöwerthereS Eretgniß von politischer Bedeutung ge­zeitigt. Seit der Weihnachts-Vertagung des Reichstages pulsirt überhaupt das ganze politische Leben in Deutschland nur sehr langsam, die mancherlei schwebenden TageSsragen von politischem wie sonstigem allgemeineren Interesse sind bis auf Weiteres mehr in den Hintergrund getreten. Er­wähnenswerth wäre höchstens die von derKöln. VolkSztg." gebrachte Nachricht, wonach eine durchgreifende Neu­organisation in der allgemeinen Verwaltung Preußens, verbunden mit Ersparniffen, geplant sein soll. Es handele sich darum, eine Zwischeninftanz fallen zu laffeu> entweder den Landrath oder die Regierung, wahrscheinlich wird auf letztere verzichtet werden. Die Angelegenheit bilde den Gegenstand von Erörterungen und Erwägungen bei den zuständigen Ministern. Dazu bemerken Berliner Blätter, daß der Plan einer völligen Neuorganisation der allgemeinen Verwaltung Preußens schon öfters dagewesen sei und daß er sich wohl ausführen laffen würde, nur seien auf keinen Fall die Landrathsämter zu entbehren.

Die Beilegung der langenBier seh de" in Berlin zwischen den vereinigten Brauereien und der Social- demokratie istim Princip" in einer gemeinsamen Conferenz der Bevollmächtigten beider Parteien beschlossen worden. Die bevollmächtigten Vertreter des Brauerei-Ringes erklärten ihre Zustimmung zu sieben Forderungen der socialistischen Parteileitung, während der Reichstagsabgeordnete Singer für den anderen Theil zusicherte, es solle auf Grund der betreffenden Zugeständnisse der Brauereien den zwischen Weihnachten und Neujahr einzuberufenden Volksversamm­lungen die Aufhebung des Bierboycotts empfohlen werden. Zweifellos wird sich auch die große Mehrzahl derGenossen" in diesem Sinne entscheiden und es steht demnach für den 1. Januar 1895 die osficielle Beendigung des von beiden Seiten mit großer Zähigkeit geführten BierkriegeS zu er­warten. Man kann sich indessen des Eindruckes nicht er­wehren, daß die Sozialdemokratie bis zu einem gewissen Grade als Sieger aus diesem Principienkampfe hervorgeht. Sie hat von ihren ursprünglichen hauptsächlicheren Forde­rungen lediglich diejenige der Anerkennung der socialistischen Maifeier seitens der vereinigten Brauereien fallen lassen, anderseits jedoch wurden von ihr sehr wichtige Punkte durch­gesetzt, vor Allem die Wtedereinstellung des Restes der strikenden Brauereiarbeiter und die besondere Berücksichtigung der übrigen entlaßenen Brauereiarbeiter bei Aufstellung der Listen des vereinbarten neuen Arbeitsnachweises. Es dürfte sich früher oder später zeigen, daß dieser AuSgang des Ber­liner Bierboycotts gleichbedeutend mit einer erheblichen Stärkung des Selbstbewußtseins der Socialdemokratie ist.

Graf Schuwalow, der bisherige Bot­schafter Rußlands am Berliner Hofe, ist durch eine Ordre des Czaren am 25. December zum General- Gouverneur von Warschau und Commandirenden des Warschauer Militärbezirks ernannt worden, an Stelle des Generals Gurko. Alle jene, welche ein dauerndes, aufrichtiges, sreundnachbarliches Verhältniß zwischen Deutschland und Rußland wünschen, werden den Grafen Schuwalow gewiß nur mit Bedauern von seinem Berliner Posten scheiden sehen. Denn während seiner langjährigen diplomatischen Wirksamkett am deutschen Kaiserhofe hat sich Graf Schuwalow allzeit als ein warmer Förderer möglichsten Einvernehmens zwischen den beiden großen Nachbarmächten erwiesen und in dieser Richtung hat er sich namentlich in jenen wiederholten kritischen Momenten bewährt, die im Laufe der letzten Jahre in dem Verhältnisse zwischen Deutschland und Rußland hervortraten. Man kann darum nur hoffen und wünschen, daß auch der künftige Botschafter Rußlands in Berlin, über dessen Per­sönlichkeit allerdings noch nichts Näheres festzustehen scheint, in dem versöhnlichen und ausgleichenden Sinne des Grafen Schuwalow wirken möge.

Neueste NacheIchten.

Wolff» telegraphische» Eorrespondenr-Bureau.

Berlin, 27. December. DerReichsanzeiger" bringt eine Mittheilung des FinanzminifterS an die königlichen Re- gierungen, daß eine Entscheidung darüber, ob, beziehungsweise in welchem Maße, die im landwirthscha ftlich en Be- triebe selbstgewonnenen Roh- und HilfSftoffe von der Roheinnahme der Brennerei bei der Gewerbesteuer in Abzug zu bringen seien, nur durch das OberverwaltungS-