Ausgabe 
29.7.1894 Erstes Blatt
 
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Celtersweg 39, iaat.

1894

Sonntag den 29. Juli

Erstes Blatt.

Nr. 175

Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

2lmts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giejzen

Hratisöeikage: Gießener Kamilienökätter.

Alle AnnonceN'Bureaux dcS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Kr.7.

Fernsprecher 51.

vierteljähriger Zbonnemcntsprcis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener A-amiliendlätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelcgt.

Der

Kießener Auzeigtr erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Bekanntmachung.

Der Durchgang vom Brandplatz nach dem Lindenplatz und umgekehrt (an den Marktlauben vorbei) für Fuhrwerk jeglicher Art und Paffanten ist bis auf Weiteres polizeilich verboten.

Gießen, 28. Juli 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

___________________I. V.: Roth.__________________

Gesunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Zwicker, 1 Theil einer goldenen Kette, 1 ftade, 1 Handschuh, 1 Taschentuch, 1 Schürze, 1 Kinderkragen, 1 Arbeitsbeutel, 2 Kinderschuhe, 1 Waschzuber und Badezeug.

Zugelaufen: 1 kleiner Dachshund.

Gießen, 28. Juli 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: R o 1 h.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Juli, lieber die Rückkehr des Kaisers von seiner Nordlandsfahrt ist noch kein genauer Zeitpunkt angegeben, doch dürfte der Monarch in den nächsten Tagen heimkehren.

In der in und ausländischen Presse beschäftigt man sich bereits viel mit der bevorstehenden Reise des Kaisers Wilhelm nach England. Wie aus London gemeldet wird, hat sich der Flottenadmiral Cammerell nach Portsmouth und Cowes begeben, um Vorbereitungen zum Empfange des deutschen Kaisers zu treffen. Obgleich der Besuch des Kaisers privater Natur ist, wird sich der Kaiser nach Aldershot be­geben, wo eine Truppenschau unter dem Herzog v. Connaught stattfindet. Zur Truppenschau soll das erste Dragoner- Regiment, dessen Ehren-Oberst der Kaiser ist, von Irland herüberkommen. Die deutsche Botschaft hat für den Auf­enthalt des deutschen Kaisers Wohnung in Cowes her­gerichtet.

Wie aus München berichtet wird, besuchte der Prinz- regent Luitpold am 26. Juli in Begleitung des Ministers des Innern, Freiherrn v. Feilitzsch, das von den Verwüstungen durch den Wirbelsturm betroffene Gebiet Ober­bayerns. Nach einer Meldung derMünchener Neuesten Nachrichten" hat der Prinzregent eine wettere Spende von 20 000 Mk. zu Gunsten der Geschädigten gespendet.

lieber die bekanntlich noch schwebenden Steuerprojecte der Reichsregierung wird osfictös bemerkt, daß, wenn jetzt in der Presse das Gerücht auf tritt, als ob

die Reichsregierung für den wahrscheinlichen Fall einer Ab­lehnung der Tabaksteuer schon setzt eine Vorlage wegen Er­höhung der Brausteuer vorbereite, so ist diese Angabe jeden­falls in dieser Form nicht richtig. Die Retchsregierung glaubt sicher nicht daran, daß die Erhöhung der Tabaksteuer im Reichstage nicht durchzusetzen sein werde. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß dies wahrscheinlich schon im ersten An­laufe, jedenfalls aber unter Zuhilfenahme der auf dem Ge­biete der Landessteuer liegenden Zugmittel gelingen wird.

, Ausland.

Die leidige Zoll-Taris-Angelegenheit kommt im Senate zu Wafhingtoa nicht vom Flecke. Seitens eines Theiles der demokratischen Senatoren wurde der Beschluß gefaßt, die Tarifvorlage der interparlamentarischen Commission ohne Instructionen zurückzuschicken, jedoch mit der Bedingung, daß die Commission von dem Zuckerzoll in der Höhe von t/8 Prozent abstehe. Da derselbe keine Mehrheit hinter sich hat, ist er indessen zunächst werthlos. Seltsamer Weise stößt das Bestreben des Präsidenten Cleveland, in der Zollsrage zu vermitteln, auf Widerstand in den Rethen einzelner Partei­genossen. Der demokratische Senator Gorman erklärte Clevelands Schreiben für eine Verfaffungsverletzung und forderte den Senat auf, der Tyrannei des Präsidenten ein- müthigen Widerstand entgegenzusetzen. Später ergrffs'Senator Hill daS Wort. Er sagte, der Senat müsse in der Taris- Bill Zugeständnisse machen. Das Repräsentantenhaus habe die Massen der demokratischen Partei hinter sich. Präsident Cleveland habe in seinem Schreiben an Wilson in keiner Weise die Verfassung verletzt. Darauf beantragte der demokratische Senator Caffery, die Conferenz - Commission möge einen neuen Entwurf ausarbeiten, wonach die Zuckerprämie einst­weilen dieses Jahr unverändert beibehalren würde. Der Antrag sand aber keine Annahme.

Neueste NachktHteiir.

WolffS telegraphische« Correspondmz-Bureau-

Königsberg i. Pr., 27. Juli. Um 9 Uhr Vormittags setzte sich der Festzug der Studirenden und alten Herren von der Universität nach dem Dome in Bewegung, woselbst der Festactus stattfand. Prinz Friedrich Leopold traf um 10 Uhr ein. Nach einem Gesang begrüßte der Rector die Versammlung, hierauf folgte die Festrede des Prorectors, sodann die Verkündigung der Ehrenpromotionen durch die vier Decane. Zu Ehrendoctoren wurden unter anderen ernannt: Oberpräsident Graf Stolberg, Ober«

präfi)ialrath Maubach, Reichstagspräsident von Levetzow, Kanzler Holleben, Unterstaatssecretär Weirauch, Staatsanwalt von der Trenk, die Professoren der Kunstakademie: Schmidt, Heydeck, Profefforen Neumann-Königsberg, Bogdanow-MoSkau, Kohlrausch-Straßburg, Victor Meyer-Heidelberg, der frühere Kciegsminister Verdy du VernoyS. Die Feier schloß um 12 Uhr. Um 1 Uhr fand die Grundsteinlegung der Palestra Albertina, um 4 Uhr das Mittageffen beim Rector in An­wesenheit des Prinzen statt. Abends Commers.

Coburg, 27. Juli. Der Fürst von Bulgarien nebst Gemahlin und Mutter reisen um Mitternacht von hier ab.

Kopenhagen, 27. Juli. Prinz Heinrich ist an Bord derSachsen" eingetroffen. Der König und die Prinzen, sowie der deutsche Gesandte begaben sich um 12 Uhr auf der Königsschaluppe nach derSachsen" zur Begrüßung des Pristzen und eine halbe Stunde später nach dem Landungs­plätze zurück, wo eine Ehrencompagnie aufgestellt und die obersten Hof- und Staatswürdenträger anwesend waren. Prinz Heinrich fuhr nach der Landung mit dem Könige und dem Prinzen Waldemar nach dem Palais, um die Königin zu begrüßen. Darauf besuchte er das Kronprinzenpaar. Um VI4 Uhr traf König Oscar von Schweden und Nor- wegen an Bord des KönigsschiffesDroti" hier ein und wurde vom König, der königlichen Familie, dem diplomatischen Corps und den Spitzen der Behörden empfangen.

Lyon, 27. Juli. Der Casokellner Morel wurde wegen Theilnahme an den Plünderungen nach der Ermordung CarnotS zu fünfjährigem Gefängntß verurtheilt.

Loudon, 27. Juli. Unterhaus. Buxton erkürte, von den britischen Vertretern in Peking und Tokio seien Telegramme, dattrt 26. Juli Abends, über die Unterhand­lungen zur Aufrechterhaltung deS Friedens eingetroffen- so­mit ist zu jenem Zeitpunkt noch von keiner Seite eine Kriegs­erklärung erfolgt.

Loudon, 27. Juli. Bis heute 10 Uhr Vormittags war weder bei dem chinesischen noch bei dem japanischen Gesandten die offizielle Nachricht von einer Kriegserklärung ein­gegangen.

Petersburg, 27. Juli. Das heutige Gesetzblatt enthält eine Verordnung, betreffend die Erhöhung der Steuer auf Einkommen von Eisenbahnactien über die Garantie hinaus auf 5 pCt., und eine Verordnung wegen Ermäßigung der Kronsteuer von Eisenbahn - Paffagier - BilletS und Etlgut- fcachten.

Feuilleton.

Auf Wiedersehen!

Von Fr. Baumann.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein Sonntag Nachmittag.

Er stand am Eingangsthor des riesigen Krankenhauses der Weltstadt. Ein Fuhrknecht wars, ein schlichter Mann mit schwieliger Faust, im groben Arbeitsrock. Schüchtern trat er ein, nahm den schmutzbedeckten Hut in seine Hand und wandte sich an den dienstthuenden Thürhüter.Sanct Anna-Saal . . . Bett 73 . . . Im dritten Hof, die zweite Thür links . . ."

Wohl war der Frager verwirrt durch die Reihe von Angaben, aber dennoch wagte er es nicht, dieselben wieder­holen zu laffen, die mit blanken Knöpfen besetzte Uniform deS Thürhüters, fein barsches Wesen schreckten ihn ab. Dazu drängten sich hinter ihm Hunderte von Leuten, die der Sonn­tag zum Besuch ihrer Kranken herführte.

So schritt er voran, trat in den Garten, in die Höfe seinem Ziele zu. Heller Sonnenschein umhüllte das alte Gebäude und nahm die Traurigkeit hinweg, die sich sonst in seinen Mauern widerspiegelte. Die frischgrünen Rasen im Hofe erheiterten das Bild, die Bäume zeigten lebensvolle Triebe und ein Springbrunnen plätscherte luftig inmitten des Raumes. Fern unter dem Säulengang sah man Frauen und Mädchen, alle weiß geschürzt, mit den mannigfachen Dienftverrichtungen des Hauses beschäftigt. Zwischen ihnen, ihre Anordnungen ertheilend oder zur Eile mahnend, die religiösen Schwestern, die den Krankendienst der Anstalt leiteten. In einem Fenster bemerkte man die Köpfe einiger jungen Hilfsärzte. Dieselben rauchten munter ihre kurzen Pfeifen und riesen eins der eben vorüberschreltenden Dienst­mädchen mit neckendem Zuruf an. Lachend gab dieses das

Scherzwort zurück und zeigte hierbei zwei Reihen Prächtiger Zähne in einem von Gesundheit strotzenden Gesicht.

Das machte unserem Fuhrmann Muth und er fragte: Wo ist der Sanct Anna-Saal?"

Sie begleitete ihn etwa hundert Schritte weit und wies ihm von fern den Treppenaufgang zu genanntem Saale.

Mit schweren Schritten, wie mit Pferdehufen, die tief in den leichten Kies der Hofwege etnbrangen, schritt der Mann weiter.

Nicht nur die Müdigkeit, auch der Alkohol machte seine Beine so schwer. Seit einem Jahre, seitdem seine Frau ihm gestorben und er mit seinem zwölfjährigen Jungen allein war, sprach ihm sein Heim, sein HauS nicht mehr an. Wenn der Junge im Spiel die Rückkehr vergaß, fand er selbst das kärgliche Mahl nicht vorbereitet. Auch das Bett wurde nur selten noch frisch ausgemacht. Eine unendliche Traurigkeit füllte die Hütte, die stumme Melancholie der Räume, in denen Niemand uns erwartet.

Da hatte er denn im Wirthshause Standquartier ge­nommen. Dort brachte er lange Stunden zu und oft ver­ließ er die Schänke erst zu vorgerückter Nachtzeit, bezecht und schwankenden Ganges, um sich auf das Lager zu strecken, auf dem fein einziger Junge Franz schon schlief.

Wieder faß er eines Abends nach beendetem Tagewerk in der unheilvollen Schänke, manches Glas schon hatte er geleert, da plötzlich erschien ein Eilbote des Pvlizeicommissars seines Wohnbezirks, um ihn zu suchen.

Ein großer Bierwagen hatte seinen Knaben, der inmitten der Straße spielte, überfahren, die schweren Räder waren über den Körper des Jungen hinweggerollt.

Das war vor acht Tagen geschehen, an einem Montag. Heute war Sonntag, der Ruhetag, und der Vater kam, um dem verunglückten Kinde seinen Besuch im Krankenhause ab- zustatten.

Vor der Schwelle der Glasthür des großen Saales an­

gelangt, blieb er zögernd stehen. Das blendende Weiß der Betttücher und Fenstervorhänge beängstigte ihn, der Anblick des im Glanze der Nachmittagssonne liegenden, fast reich ausgestatteten Saales hielt ihn zurück.

Da er sich nicht von der Stelle bewegte, hatte eine der dienenden Schwestern sein geängstigtes Gesicht hinter den Scheiben der Glasthüre bemerkt. Sie näherte sich ihm.

Wünschen Sie einen Kranken zu besuchen?"

Er hielt seinen Hut, der wie seine Blouse abgenutzt und farblos war, in seiner Hand, die Lippen bebten im ver­nachlässigten Barte.

Ich suche Nummero 73."

Die Schwester wandte sich um und wies auf das letzte Bett der langen Reihe.

Nummero 73? Das ist das Kind, welches überfahren wurde?"

Sie sah den Besucher fragend an, dann fügte sie hinzu: Ist es Euer Sohn? Es geht ihm nicht gut."

Ernst und stumm nickte der Ankömmling mit dem Haupte.

Sie werden ihn wohl kaum bei Besinnung finden- da er zu große Schmerzen erduldete, hat der Arzt Morphium­einspritzungen gegeben, die Qual zu mildern."

Als der Besucher immer noch sprachlos auf dem Platze blieb, fuhr sie fort:

Ist seine Mutter nicht mitgekommen?"

Da antwortete Jener:

Sie ist tobt."

Nun, so gehen Sie zu ihm hin, aber ^sprechen Sje nicht zu viel mit ihm."

Dann fügte sie ganz leise bie Worte hinzu: 'Und sagen Sie ihm Adieu!"

(Schluß folgt.)