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29.4.1894 Erstes Blatt
 
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Rr 99 Erstes Blatt. Coimtag den 29. April

1894

Der »U^nft Anzeiger erscheint täglich, Bitt AuSnadme des Kontag«.

Die Gießener >e«tri<*l(4tter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Gießener Anzeiger

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Gratisbeilage: Gießener Aamilienötätter.

Alle Annoncen-Burraux des In- und Au-lande» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Gemäß Allerhöchsten Auftrags bringe ich nach stehenden allergnädigjten Dank-Erlaß Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs hiermit zur öffentlichen Kenntniß.

Finger, Staatsminister.

Meine Gemahlin Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin und Ich haben aus Veranlassung Unserer Vermählung aus allen Theilen des Hessenlandes und weit über dessen Grenzen hinaus von Vereinen, Ge­sellschaften und einzelnen Privaten zahllose Beweise warmer Antheilnahme und treuer Ergebenbeit em­pfangen. Sinnige Glückwünsche und Spenden der verschiedensten Art sind Uns aus allen Kreisen und Schichten während der letzten bedeutungsvollen Tage zu Theil geworden und auch sonst hat sich die freudige Bewegung der Bevölkerung in mannigfacher, für Meine Gemahlin und Mich wohlthuendster Weise geäußert.

Es gereicht Mir zur freudigen Genugthuung bei diesem Anlaß aufs Neue gesehen zu haben, mit welcher Treue und Liebe Mein Volk seinem Fürsten- hause zugethan ist, und Ich sage, zugleich auch im Namen Meiner Gemahlin, allen denen, die in den Tagen Unserer Vermählung und Unseres Einzuges in der Hessischen Hcimath Unserer so freundlich ge­dacht haben, herzlichen Dank. Gebe Gott, daß die Uns gewidmeten guten Wünsche in Erfüllung gehen zum Segen Meines geliebten Volkes und Landes.

Ich ersuche Sie diesen Erlaß zu veröffentlichen.

Darmstadt, am 24. April 1894.

Ernst Ludwig.

An den Staatsminister Finger.

2lmtiid?er Theil.

Gefunden: 1 Messer, 1 Brille, 1 Brosche, 1 Nosen- scheere, 1 Cigarrenspitze, 1 Stück von einer Uhrkette, ver« schiedenes Werkzeug, 1 Milckmaaß, 1 Taschentuch, 1 Shlips.

Zugelaufen: 1 Stallhase.

Gießen, den 28. April 1894.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. April. Die erneut in der Tagespresse durch die bekannten jüngsten Auslassungen des Fürsten Bismarck angeregte Frage einer Wiedervereinigung der Aemrer des Reichskanzlers und des preußischen Minister« Präsidenten scheint von einer Lösung weiter denn je ent­fernt zu sein. Wie dieNationalzeitung" auS zuverlässiger Quelle mitzutheilen weiß, sind vorläufig keinerlei Aenderungen in der Stellung deS Reichskanzlers zum preußischen Staats« Ministerium, besonders nicht die Wiedervereinigung der obersten Beamtenposten im Reiche und in Preußen, beabsichtigt. Dem­nach wird der gegenwärtige unleidige Zustand mit seinen geheimen Reibungen und Differenzen zwischen den Spitzen der Reichsregierung und denen der preußischen Regierung auch fernerhin fortdauern, waS aber doch schwerlich im Jntereffe einer gedeihlichen Weiterentwickelung der deutschen Verhältnisse liegt. Vorläufig kann man nur wünschen, daß die innerhalb der maßgebenden Berliner Kreise bestehenden Gegensätze sich wenigstens nicht noch weiter zuspitzen mögen.

ES unterliegt schon jetzt keinem Zweifel mehr, daß die Finanzreform und die Tabaksteuervorlage in der nächsten Reichstagssession wiederkommen werden. Die Nordd. Allg. Ztg." erklärt denn auch, die genannten Gegen­stände würden den vornehmsten BerathungSstoff der nächsten Session bilden, und betont, dte verbündeten Regierungen würden unter allen Umständen an der Tabakfabrikatsteuer festholten. Indessen versichert daS osficiöse Blatt zugleich, die Regierungen seien in diesen Fragen zum Entgegenkommen bereu, so daß das Blatt zu dem Schlüsse gelangt, man dürfe hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. In der Thal sind trotz deS einstweiligen Scheiterns der steuer- und finanzpolitischen Action tat Reichstage dte Aussichten auf eine schließliche Ver­ständigung zwischen Regierung und Parlament keineswegs ungünstige, der Optimismus, mit welchem man in den Ber­liner Regierungskreisen der kommenden Wintertagung deS

Reichsparlaments entgegenzusehen scheint, ist da allerdings nicht so ungerechtfertigt. Aber bis zum muthmaßlichen Zeit­punkte des WiederzusammentrittS deS Reichstags werden noch lange Monate vergehen, eS wäre darum wahrhaftig gut, wenn jetzt die Steuer- und Finanzsragen endlich einmal ruhen gelassen würden, zumal man denselben in weiten Schichten der Nation vorerst gar keinen Geschmack mehr ab­gewinnen kann.

Ausland.

Pari», 27. April. Für dte Verhandlung des Schwur­gerichts gegen den Anarchisten Henry, welche heute Mittag eröffnet wurde, sind innerhalb und außerhalb des Justiz« Palastes umfassende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Der Zu­drang des Publikums zu der Verhandlung ist sehr groß. Während der Verlesung der beiden Anklageacte verhält sich der Angeklagte gleichgiltig. Bei dem Verhör sagte Henry aus, er habe sich in mehreren CaseS umgesehen und sei schließlich ins Terminus. CafL eingetreten, in welchem sehr zahlreiche Gäste waren. Er habe da eine ziemlich lange Zeit gewartet, um eine möglichst große Anzahl Bourgeois zu tödten. Wenn er Revolverschüffe auf die ihn verfolgenden Personen abgegeben habe, sei daS geschehen, um sich seiner Haut zu wehren. Der Präsident constatirt, daß durch dte Explosion eine Person getödtet und 20 Personen verwundet worden. Henry wiederholt, er habe eine möglichst große Anzahl Per­sonen tödten wollen. Der Präsident machte auf den ver- abscheuungSwürdigen CyntSmuS aufmerksam, mit welchem sich der Angeklagte zu seinem Verbrechen bekenne und geht sodann zu der Verhandlung über die Explosion über. Der Ange­klagte beschrieb aus Geheiß deS Präsidenten dte bei dem Attentat im Cafe Terminus benutzte Bombe. Er weigerte sich, anzugeben, woher er daS Dynamit zur Bombe bekommen hatte und versicherte, daß er bet dem Attentat in der Rue des Bons-Enfants keinen Complicen gehabt habe. Ueber feine Thätigkett während des Jahres 1893 und darüber, woher er das Geld zur Anfertigung der Bombe genommen habe, ver­weigerte Henry die Auskunft. Alle seine Aussagen machte der Angeklagte in höchst prahlerischem, affectirtem Tone. Sodann begann daS Zeugenverhör.

Die Unruhen von Bafarhely haben gezeigt, daß die socialiftische Agitation auch in den Theißniederungen deS MagyarenlandeS kräftig Wurzeln geschlagen hat. Die nun beendigte Untersuchung über dte Vasarhelyer Krawalle läßt klar erkennen, daß dieselben nur der Ausfluß einer unter der ländlichen Bevölkerung deS gesammten Comitats Vasarhely

Feuilleton.

Sie Geschwister.

Von JultuS Olden.

* (Schluß.)

Graf BelaS Kammerdiener hatte Befehl, Niemand vor­zulassen ; Pastor Ronay übernahm jedoch alle Verantwort- lichkeit und betrat das Arbeitszimmer feines jungen Freundes. Wie eS schien, unangenehm berührt, sprang dieser von seinem Sitze aus, verbarg etwas in seinem Busen und stammelte ver­stimmt die Worte :Ich wünschte «ich"

Nicht gestört zu werden," vollendete Pastor Ronay, sich setzend.Darf sich die Freundschaft nichts erlauben?"

O ja, sogar sehr viel," erwiderte der Graf sanft.

Nicht von Ihnen, lieber Freund, soll heute die Rede sein, nur von Ihren Schwestern will ich mit Ihnen sprechen."

Von meinen Schwestern!? Und was wünschen die? Fühlen sie sich nicht glücklich? Bis hierher bringt ihr fröhliches Lachen, welches nur verstummt, wenn sie noch lauter singen."

Ihre Schwestern find so glücklich, wie sie eS verdienen; zürnen Sie nicht, wenn sich dieselben heiteren, unschuldigen Zerstreuungen überlassen."

Gewiß nicht! Mögen sie sich ihrer Jugend erfreuen. Mir aber wird es doch wohl erlaubt sein, die Ausgelassen­heit nicht zu theilen, sondern nach meinem Geschmack zu leben!" rief der Gras bitter aus.

Vielleicht, ja," entgegnete ernst Pastor Ronay.Doch weiß ich nicht, ob Ihre selige Frau Mutter an ein solches Zusammenleben dachte, als sie Ihnen die Birte aussprach, den verwaisten Schwestern eine Stütze zu sein. Aber davon wollte ich heute nicht sprechen. Ich komme im Auftrage meiner Neffen Sandor und Arpad, Sie um die Hand von zwei Ihrer Schwestern zu bitten. Sie lieben"

O, schweigen Sie, schweigen Sie!" rief Graf Bela. Sprechen Sie mir nie davon."

Diesem ungerechten Anfinnen kann und werde ich nicht entsprechen," tönte eS würdevoll zurück.Ihren Schwestern bietet sich eine vortheilhaste Versorgung, welche, da gegen­seitige Neigung vorhanden ist, die LebenSzukunft derselben glücklich sichern würde. Wie umfassend auch Ihre Rechte sein mögen, so bitte ich doch nicht zu vergessen, daß Ihre Frau Mutter auch mir solche einräumte."

Und dennoch verweigere ich meine Zustimmung."

So nennen Sie mir wenigstens einen Grund dafür, Herr ®raf; Sie werden einer Ihnen ebenbürtigen Familie nicht solche Beleidigung zufügen wollen, ohne Ihre Handlungs­weise zu rechtfertigen."

Wohl wahr," erklärte Bela.Ich will, ich darf Nie­mand unglücklich machen. Ju einer Stunde sollen Sie meine Antwort haben."

In einer Stunde? Darf ich mir dieselbe hier holen kommen?"

Nein, das nicht- jetzt ist zwei Uhr, um drei Uhr sollen Sie im Besitz derselben sein. Sie werden dann auch Aufschluß über mein Betragen erhalten, lieber alter Freund, und erkennen, daß ich sehr viel unglücklicher bin, als Sie wähnten. Sagen Sie ebenso meinen Schwestern, daß ich ihr Glück nicht stören will- sie mögen mir nicht fluchen."

Langsam wendet sich Pastor Ronay der Thüre zu, den Blick auf den jungen Mann gerichtet- dieser gab kein Zeichen von sich. Als ersterer dann in den Kreis der jungen Leute trat, stürmten seine Neffen mit Fragen auf ihn ein.

Geduld," sprach er,in einer Stunde werdet Ihr die Antwort wissen."

Schlag drei Uhr erschien der Kammerdiener mit einem Briefchen für Pastor Ronay, welches dieser hastig erbrach und spannungsvoll las:Erfahren Sie denn das schreckliche Ge« heimniß, welches mein Leben belastet. Seit Jahren liebe ich eine weine Schwestern! Vergeblich flehte ich zu Gott, ihr B:ld, und wäre es selbst mit meinem Leben, mir aus dem

Herzen zu reißen. Als ich von der sterbenden Mutter vernahm, daß eines der drei Mädchen nicht ihre Tochter sei, belebte mich für einen Moment die Hoffnung, daß Gott mich in seinen Schutz genommen, um kein Verbrechen In meiner Seele keimen zu laffen. Doch meine Schwestern wollten die Wahrheit nicht hören- jetzt denken sie daran, sich zu verheirathen. Ich fühle nicht den Muth in mir, die- zu überleben, und wenn Sie diese Zeilen lesen"

Weiter liest Ronay nicht - er stürzt fort, die Anwesenden in unbestimmtem Schrecken zurücklassend.

Wo ist Euer Herr?" fragt er athemloö den Diener. In seinem Zimmer eingeschloffen," erwiderte dieser. Geschwind Werkzeug her!" befiehlt Ronay zitternd, und fich bückend, sieht er durch baß Schlüsselloch ben Grasen mit einem Revolver beschäftigt.

Die Thüre wirb aufgesprengt.

Unglückseliger!" ruft Ronay,wollen Sie ein Verbrechen mit einem anderen sühnen?"

Ich leide zu unsäglich, um weiter leben zu können." Wenn Ihre Liebe nun kein Verbrechen, wenn Sie vielleicht"

Sprechen Sie es nicht auß," fällt ihm Graf Bela in die Rede.O, enthüllen Sie mir nichts, lassen Sie mich in der Hoffnung sterben, daß ich nicht schuldig bin."

Der Graf will fich wieder deS Revolvers bemächtigen - } die Arme des Freundes umschlingen ihn und bei der gewalt­samen Anstrengung, welche er macht, um sich daraus zu be- fteieu, fällt etwas auf den Boden. Ronay hebt auf: ein geöffneteß Medaillon?

JtkaS Bildntß!" ruft er. . .Nieder auf die Knie, Du Mensch, der Du an der Güte Deineß Schöpfers zu zweifeln wagtest! Ilka ist nicht Deine Schwester! Sie ist ein armes, unschuldiges Kind, die Tochter einer Unglücklichen, deren Fehltritt ihr das Leben gab. Nieder mit Dir auf die Knie, denn Gott ist gerecht, denn Gott ist allgütig! Lebe, um glücklich zu fein!"