Ausgabe 
28.12.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 303 Erstes Blatt. Freitag dm 28. December

1894

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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. | GrariSokUttge. Anzeigen für den^Gießener Anzeiger" entgegen.

Auntlicher Tbeil.

Gießen, 18. December 1894.

Betr.: Die Kranken«, Jnvaliditäts- und Altersversicherung der Kreisstraßenwarte.

Das Grotzherzogliche Kreisaml Metzen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Sie wollen den Gemeinde-Einnehmer anweisen, bezüglich der bis Ende December 1894 für die Kreisstraßenwarte vorlagSweise gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gememde- krankenversicherung und zwar für 51 Wochen, sowie derjenigen für Jnvaliditäts- und Alters-Versicherung mit der Kreiskaffe abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber, zu welchen die den Gemeinde-Einnehmern demnächst zugehenden Formularien zu benutzen sind, in Empfang zu nehmen.

Wir sehen Ihrem Bericht darüber, daß die gedachte Ab­rechnung erfolgt ist, bis spätestens 1. Februar 1895 entgegen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Für das Geschäftsjahr 1895 sind nachstehend verzeich­nete Personen als Schöffen erwählt:

1) Hillgärtner, Peter L, Allertshausen,

2) Schäfer, Carl I., Wieseck,

3) Dorfeld, Carl, Wieseck,

4) Rompf, Conrad Wilhelm, Langgöns.

5) Brück, Johs. II., Oppenrod,

6) Krämer, Jacob VI., Steinbach,

7) Gerhardt, Philipp, Albach,

8) Schäfer, Joh. II., Mainzlar,

9) Moll, Georg, Allendorf a. d. Ld.

10) Graulich, Wilhelm, Bersrod,

11) Benner, Wilhelm, Treis,

12) Rinn, Wilhelm, Klein-Linden,

13) Rein, Ludwig II., Allendorf a. d. Ld.

14) Jung, Ludwig II., Staufenberg,

15) Hämmerle, Carl, Daubringen,

16) Klinkel, Ludwig III., Ruttershausen,

17) Gundrum, Wilhelm, Reiskirchen,

18) Gerhardt, Heinrich II., Steinbach,

19) Heß, Georg IX., Leihgestern,

20) Schmidt, Philipp V., Lollar,

21) Althaus, Wilhelm, Gr.-Buseck,

22) Pitz, Joh. II., Annerod,

23) Adami, Georg, Gießen.

24) Brücke!, Conrad Carl, Langgöns,

25) Sommer, Jacob n., Watzenborn,

26) Reidel, Ludwig II., Heuchelheim,

27) Amend, Philipp, Allendorf a. d. Lahn,

28) Münch, Joh., Burkhardsfelden,

29) Ranft, Carl Ludwig, Beuern,

30) Schneidmüller, Joh., Alten-Buseck,

31) Wagenbach, Justus III., Alten-Buseck,

32) Geißler, Ludwig, Lollar,

33) Kiffel, Heinrich II., Garbenteich,

34) Volkmann, Georg, Heuchelheim,

35) Hardt, Ludwig, Gr.-Linden, '

36) Balser, Ernst, Gießen.

Gießen, den 24. December 1894.

Großherzogliches Amtsgericht. Langermann.

Bekanntmachung.

In Bezug auf die Geschäftsordnung des unterzeichneten Gerichts ist Folgendes bestimmt:

1. Allgemeiner Amtstag, an welchem Jedermann, ohne vorgeladen zu sein, den Richter sprechen kann, ist Donnerstags von 9 bis 12 Uhr Vormittags und von 2 bis 5 Uhr Nachmittags.

2. Die Sprechstunden des Gerichtsschreibers sind jeden Werktag von 10 bis 12 Uhr Vormittags.

3. Die Schöffengerichtssitzungen sind auf den 16. Januar, 6. und 27. Februar, 20. März, 10. April, 1. und 22. Mai, 12. Juni, 3. und 24. Juli, 14. August, 18. (September, 16. October, 6. November, 4. und 18. Dezember;

die Feldgerichtssitzungen auf den 21. Januar, 13. März, 29. Mai, 17. Juli, 25. September und 20. November und

die Forstgerichtssitzungen auf den 21. Januar, 13. März, 15. Mai, 10. Juli, 25. September und 20. November

festgesetzt.

Lich, den 21. December 1894.

Großherzogl. Amtsgericht.

Süffert.

Die allgemeine Geschäftslage am Jahreswechsel.

Mit besonderer Befriedigung blickt man in keinem Lande der Erde und in keinem Erwerbszwetge auf das GeschäftS- leben des verflossenen Jahres, denn in allen Branchen wird über gedrückte Preise und mangelnden Absatz geklagt und Industrie und Gewerbe, Handel und Landwirthschaft sind dabet ziemlich gleichmäßig in Mitleidenschaft gezogen.

Am unerfreulichsten bei dieser Erscheinung ist nun nach unserer Anschauung die Thasache, daß sich, was die Geschäfts­lage unseres Vaterlandes anbetrifft, der deutsche Ausfuhr­handel, das heißt der Verkauf deutscher Jndustrieproducte und sonstiger Handelswaaren auch im Jahre 1894 nicht wesentlich gehoben hat, sogar in einzelnen Zweigen und nach wichtigen überseeischen Ländern, wie nach Nordamerika, noch einen bedauerlichen Rückgang erfahren hat. In diesem Mangel an Absatz deutscher Maaren nach auswärts ist nun offenbar die Hauptursache deS wirthschaftlichen Drucks zu erblicken, denn deshalb liegt nicht nur theilweise die Industrie darnieder, sondern dies ist auch der Grund, weshalb Millionen von Arbeitern und Handwerkern geringen Verdienst haben und sich in ihren Einkäufen beschränken müssen.

Dieser Umstand wirkt natürlich auch nachtheilig auf die Landwirthschaft und alle Gewerbe, zumal auf das Bau­gewerbe, welches in den meisten Städten sehr schwer darnieder liegt. Und daß der Handel und Verkehr bet solchen Zuständen keinen großen Aufschwung nehmen kann, bedarf keiner weiteren Ausführung.

Nun werden alle Industriellen, Landwirthe und Kauf­leute fragen: Wie und wann soll dieser Zustand sein Ende finden? Da tiefer Frieden in Europa herrscht und die Kassen der Banken mit Gold gesüllt sind, wird sich der Zustand ändern, sobald die Industrie wieder größeren Absatz nach dem Auslande hat. Dies dürfte aber nicht eher möglich sein, bis

Feuilleton.

Dir Geologie, rin Stiefkind in der Wissenschaft der Menschheit.

Von Heinrich Becker, Frankfurt a. M.

(Nachdruck untersagt.)

ES sind nun vierzig Jahre, seitdem Carl Vogt, unser berühmter Landsmann, der so lange schon in der Schweiz wohnt, seinLehrbuch der Geologie" herausgab.*) ES waren wenige Jahre, nachdem er seine Vaterstadt Gießen verlassen, als ter Vornehmsten einer in dcm deutschen Par­lament hatte gewirkt und als der Letzten einer mit Uhland und anderen tapferen Helden bis zum gewaltsamen Sturze des Parlaments zu Stuttgart hatte verharrt. Kaum wenige Jahre der politischen Pause, der geistigen Ruhe sür den Censor waren verflossen, als er dies merkwürdige Buch herausgab, ein Merk, welches durch eine große Vorstellung von unserer Erde, durch eine klare Darstellung der Gedanken und eine seltene Anmuth der Sprache vor vielen Werken seiner Landsleute sich auszeichnet.

Man kann von diesem Buche sagen: wer dieses oder ein ähnliches Buch nicht gelesen, der kennt das Vornehmste nicht: er weiß nicht, wie unsere Erde in- und auswendig beschaffen ist. Gibt eS auch viele Menschen, die darum ohne Sorgen leben, so sind es doch andere, deren Pflicht eS wäre, die in jenem Werke niedergelegten Gesetze zu erkennen, weil sie auf diese daS Beste, das Wichtigste bauen: die Mauern, die Häuser, die Straßen, die Städte. Und von solchen Männern haben viele ihre Pflicht nicht erkannt, trotzdem sie den Lehrstuhl von Vogt vielleicht täglich umkreisten.

Vor sieben Jahren feierte Vogt seinen 70. Geburtstag. AuS der ganzen Schweiz, aus dem weiten deutschen Reich, so weit die deutsche Zunge klang, wurden dem Herrn die Glückwünsche gesandt. Viele von den näher und ferner wohnenden Freunden kamen zu den gastlichen Ufern deS Genfer Sees, um die große Natur zu bewundern, die der Meister mit erhabenen Zügen gezeichnet hatte.

*) Im Verlage von F. Vie weg u. Sohn zu Braunschweig.

»

Noch war der Festjubel nur halb verklungen, so kam schon eine schwere Trauerbotschaft, ein Unfall, der die gauze Schweiz erschreckte. In der Nacht vom 5. zum 6. Juli 1887 war an dem Zuger See der ganze lange, eben erst vollendete Kai von der Stadt Zug, sawmt dem Bahnhof und dem Re­gierungsgebäude und einigen Dutzend anderen Häusern, dazu auch vielen Menschen, in die Tiefe des SeeS hiuuntergestürzt. Erschreckt, geängstigt standen die Nachbarn um die Trümmer - rathlos die Vorsteher der Gemeine, die Beamten der Regie­rung, die Ingenieure und Baumeister, denn Niemand ver­mochte zu sagen, wie zu helfen, wo zu retten sei, Niemand konnte wissen, wie fest der Boden unter den eigenen Füßen noch stehe.

Den Meister zu Genf mußte der Unfall tief berühren. Er konnte selber nicht helfen, nicht retten, denn jeder Rath kam zu spät. Er sah nur das Eine, was er längst erkannte: der Sturz mußte kommen, trotz seiner Lehre, denn alle Warnung war vergeblich gewesen. Man hatte gebaut mit Senkblei und Pfahl, mit Ramme und Betonroft und allen Hilfsmitteln, welche die Technik erfand. Man hatte aber vergessen, verschmäht, den Meister zu befragen: so strafte die Natur die Schuldigen, die ihre ewigen Gesetze nicht respectirten.

Carl Vogt gibt in seinem Werke eine Beschreibung von dem Aufbau des Alpengebirges, so groß und so einfach, daß sie dem Einsichtigen rasch zum Verständniß gelangt. Nehmen wir die geologische Karte von Deutschland hinzu, die von dem Nestor der deutschen Geologie, Dr. Heinrich von Dechen, hergestellt ist das Modell für die künftige Karte von Europa dann werden wir VogtS Alpen in großem Farbenbild erkennen.

Wir sehen den breiten granitenen Grundstock- vor diesem in mehreren Stufen die Jura« und Kreide-Gebilde, dann die Molasse und Nagelfluhe. Wie der granitene Grundstock, so laufen auch die vom Meere hergcflößten Muschel- und Kreide« bänke, sowie die Molasse und Nagelfluhe in der Richtung Südwest Nordost. Die weite Niederung zwischen Alpen und Vogesen von Genf bis Passau läuft in derselben Richtung.

Die Wissenschaft sagt uns, der Golfstrom zog in ältesten Zeilen diesen Weg. Wer heute den Sturmgang vom

atlantischen Ocean verfolgt, der sieht, daß ein Sturmzug, mit dem Golfstrom ziehend, zur Bucht von Biscaja herein dringt und südlich vom Anolsgald-Gebirg, theils nördlich, theils südlich von den Alpen herzieht, genau in der Richtung, in der die Flucht von der Alpenwand herläuft.

Wer den Bau der einzelnen Bergstücke betrachtet, der findet, daß jeder Felsen in wagrechte Schichten, wie senkrechte Gänge sich spaltet. Schichten und Gänge durchkreuzen ein­ander in unregelmäßigen Winkeln, in Rautengestalten zerspalten die Felsen. Das Wetter, was auf die Alpen herabschlägt, reißt die Rauten heraus und bildet die Seekeffel, die Thäler. So laufen die Thäler und Seen in gleicher Richtung mit der Axe vom Gebirg (S.-W.N.-O.) oder fast im rechten Winkel zur Axe (S.-O.N.-W.). Die Thäler vertiefen sich im Laufe der Jahrtausende zu ungeheuren Schluchten- die Schichten an den Wänden entbehren der Stütze, sie finken noch und fallen in schräger Neigung zur Thalsohle herab wo der Kessel mit Wasser gefüllt, bis zum Seeboden.

Vogt sagt deßhalb, die ganze Kette der Molasse und Nagelfluhe ist nach S.-W. hin stark geneigt. Als Bei­spiel führt er den Rigi an- der Zuger Berg ist von derselben Beschaffenheit. Danach müffen die ganzen Wände vom Vierwaldstätter und vom Zuger See nicht blos äußer­lich in starker Neigung zum See hin abfallen, sondern auch in ihren vorderen Schichten in selber Weise sich senken. Diese Neigung geht bis zum Grunde des SeeS- im Zuger See bis zu 121500 Fuß Tiefe. Sie wird durch nichts aufgehalten, denn wo ein losgerissenes Stück stehen wollte bleiben, da reißen die nachstürzenden Regenmassen, die vom Sturm gepeitschte Fluth, die hastlosen Stücke zur Tiefe.

Wenn nun vom Berge der Staub, die feinste Verwitte­rung des Gesteins, in den See wird geflößt, dann sammelt sich dieser wohl an dem Strande- in trockenen Jahren bildet er sich zu Uferbänken, die mit Schilf, mit Gras werden bewachsen. Die Thiere grasen darauf- erwachsen Bäume und der Mensch kann eine Weile sorglos darauf wandern und sein Gewerbe treiben. Kommen aber' naffe Jahre, kommen Winter starken Frostes, dann lockert sich die Masse- ein nach­folgender starker Regenguß vermag sie zu lösen und mit