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28/11/1894 Erstes Blatt
 
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jRt. 279 Erstes Blatt. Mittwoch dm 28. November

1894

Der Htthener erscheint täglich, mit Au-nahme des Montag».

Die Gießener Aichmiliend kät ler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Kenerat-Wnzeiger.

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Zlints- uni Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Infolge Erkrankung des Feuervisüators P i tz zu Gießen ist der Feuervisitator des zweiten Bezirks Maurermeister Leßler zu Annerod, mit Vornahme der Feuervisttation, jedoch nur für di esen Winter in den Gemeinden:

Albach, Allendorf a. d. Lahn, Dorf-Gill, Garbenteich, GroßeN'Linden, Gruningen, Hausen, Heuchelheim, Holzheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Steinbach, Watzenborn- Steinberg beauftragt worden.

Die in Betracht kommenden Großh. Bürgermeistereien wollen Vorstehendes in ortsüblicher Weife in ihren Gemeinden bekannt machen.

Gießen, den 23. November 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

verltu, 25. November. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist von seinem Aufenthalte in Süddeutsch­land wieder nach Berlin zurückgekehrt, ohne den vielfach erwarteten Besuch am Stuttgarter Hofe abgestattet zu haben. Allerdings hat der Kanzler auch in Karlsruhe keinen Besuch gemacht, aber gewisierwaßen zum Ersatz dafür hat er bekanntlich dem Großherzog von Baden seine Auswartung in Baden-Baden gemacht. Das Unterlasten eines Besuches deS leitenden Staatsmannes des Reiches auch in Stuttgart erscheint in der That einigermaßen auffällig, es ist daher nicht weiter verwunderlich, wenn hierüber in der TageSpreste bereits mancherlei Glossen courflren. Vielleicht verdient eS da Beachtung, daß der württembergische Ministerpräsident von Mittnacht soeben in Karlsruhe geweilt hat und zwarin amtlichen Angelegenheiten", wie eine Stuttgarter Meldung ausdrücklich versichert.

An die Eröffnung deS Reichstages am 5. December, die, wie immer, im Königlichen Schlöffe zu Berlin statlfindet, wird sich unmittelbar die Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes anreihen. Nach dem vorläufigen Programm für diese Feierlichkeit erscheint der Kaiser um 1 Uhr Nachmittags an der Ausfahrt der Ostseite des neuen Reichsbauses, wo der ReichstagSpräfident b. Levetzow an der Spitze einer Deputation des Reichstages, die BundesrathSmitglieder und der Minister von Bötticher den Monarchen empfangen. Beim Eintritt in die Vorhalle Überreicht Baumeister Wittig dem Kaiser den Hauptschlüssel deS Gebäudes unter einer Ansprache des Baurathes Wallot. Hierauf folgt die Besichtigung des Gebäudes und alsdann die Schlußsteinlegung mit den üblichen Hammerschlägen. Schließlich findet im großen Restaurationssaale eine Ver­sammlung statt, bei welcher dem Kaiser eine Anzahl ihm noch nicht bekannter Reichstagsmitglieder vorgeftellt werden sollen. Die Gesammtdauer der Festlichkeit dürfte zwei Stunden betragen.

Noch ist die Vorlage über die Bekämpfung derUmsturzbestrebungenim Schoße des BundeSratheS gebettet, und schon werden Pessimistische Betrachtungen über ihre Ausnahme im Reichstage laut. Auch in dieser Frage wird daS Centrum berufen sein, den Ausschlag zu geben. Selbst wenn diese bei Weitem stärkste Partei des deutschen Parlamente» etwa nur mit der Hälfte ihrer Mitgliederzahl für die genannte Vorlage eintritt, so ist hiermit deren Schicksal bereits doch gesichert. Anderseits aber muß ihr Scheitern als unvermeidlich gelten, wenn das Gros des Centrums oder gar die ganze Partei geschloffen gegen die Vorlage stimmt, da dieselbe ganz sicherlich außerdem von den Soctaldemokraten, den beiden freisinnigen Fractionen und den süddeutschen Demokraten abgelehnt wird. Daß alsdann die neue Regierung wohl oder übel mit einer Auflösung des Reichstages vorgehen müßte, daS wäre kaum zweifelhaft, eS vollzieht sich also der Zusammentritt des Reichsparlamentes unter recht kritischen Zeichen.

Att-land.

Paris, 25. November. Die französische Deputirten- kammer beendigte am Samstag die erste Lesung der Vor- läge, betr. die Credite für die Madagaskar-Expedition nach dreitägigen lebhaften Debatten. Dieselben haben erkennen taffen, daß in der französischen Volksvertretung doch mehr Gegner des Unternehmens gegen MadagaScar vorhanden find, als ursprünglich anzuuehmen war. Ja, Ministerpräsident Dupuy hielt eS am Schluffe der Generaldebatte sogar für

nöthig, die Vertrauensfrage zu stellen, als der Deputirte Boucher beantragte, die Expedition solle sich aus die Be» etzung der Häsen MadagaScarS beschränken. Der Antrag Boucher wurde indeffen mit 381 gegen 168 Stimmen ab» gelehnt, so daß das Cabinet Dupuy zunächst wieder gerettet st. In der noch am SamStag begonnenen Spezialdebatte wurden dann einige Artikel mit erheblicher Mehrheit geneh» migt; an der Annahme auch des Restes der Creditvorlage st daher nicht zu zweifeln.

Die Eroberung der starken chinesischen Seefestung Port Arthur ist den Japanern, soweit sich die betreffenden Berichte übersehen lassen, erst nach einem langen und schweren Kampfe gelungen. Die chinesische Besatzung mancher Forts vertheidigte sich mit wüthender Tapferkeit und mußte von den stürmenden Japanern bis auf den letzten Mann nieder» gemacht werden. Ueber die beiderseitigen Verluste liege« noch keine genauen Angaben vor. Während eine Meldung von großen Verlusten der Japaner und noch größeren der Chinesen spricht, besagt eine andere Nachricht, die Japaner hätten nur zweihundert bis dreihundert Mann an Todten und Verwundeten verloren, die Verluste der Chinesen dagegen seien noch unbekannt. Wenn indeffen der Kamps bei der Eroberung von Port Arthur wirklich ein so hartnäckiger ge­wesen ist, wie man annehmen muß, so dürfte auch der Ge» sammtverluft der Japaner schwerlich nur 200 bis 300 Mann betragen haben, vielleicht ist er 2000 bis 3000 Mann stark gewesen. Eine weitere Nachricht meldet, die japanischen Truppen würden von Port Arthur wieder eingeschifft werden, man wisse aber nicht nach welchem Bestimmungsort. Ein japanischer Angriff auf Wet-Hai-Wet, den anderen Kriegs- Hasen Chinas am Golfe von Petschili, gilt als bevorstehend.

Netteste Nachrichten»

Wolff« telegraphische« Corresponden,- Bureau

Berlin, 26. November. DiePost" kann die Meldung, eS bestehe die Absicht, im KrtegSmintsterium ein neues Departement zu bilden, weil der Geschäftsverkehr infolge der HeereSverftärkung so sehr an Umfang zugenommen habe, daß eine Entlastung einzelner Dienststellen nothwendig er­scheine, mit allen Combinationen als vollständig unbegründet bezeichnen.

Berlin, 26. November. DerReichsanzeiger" schreibt: Bei den Berathungen über die Reform des Gemeinde­st e u e r w e s e n S auf Grund des CommunalabgabengesetzeS vom 14. Juli 1893 ist in vielen Gemeinden daS Bestreben nach einer weit über die Absichten der Steuerreformgesetze vom 14. Juli 1893 htnauSgehenden Entlastung des Grundbesitzes und des Gewerbebetriebes hervorgetreten und hat zu dem- entsprechenden Gemeindebeschlüffen geführt. Bekanntlich ist aber eines der hauptsächlichsten Ziele der Steuerreform, ver- möge der schärferen Heranziehung der Realsteuern zu den Communallasten, thunlichst eine Herabminderung der Gemeinde­zuschläge zur Einkommensteuer herbeizusühren. Die Minister der Finanzen und deS Innern ersuchten die Oberpräfidenten und die Regierungspräsidenten mittelst Versügung vom 19. d. MtS., diesen Gesichtspunkt bet der ihnen übertragenen Zustimmung zu den Gemeindebeschlüffen über Erhebung von Einkommensteuer.Zuschlägen bis 150 pCt. im Auge zu be- halten, insbesondere die Zustimmung zur Erhebung von Zu­schlägen über 100 pCt. zu versagen und namentlich sorgfältig zu prüfen, ob dieselben nicht bet auderwettiger Regelung oder durch Einsührung geeigneter tndirecter Stenern ganz oder thetlwetse vermieden werden könn n.

Barziv, 26. November. Der Zustand der Fürstin BtSmarck ist bedenklich, die Schwäche erregt Besorgniß.

Genua, 25. November. Da die Gemeinde Canoglt die Erhebung der Accise auch auf die Ortschaft Ruta aus- gedehnt hat, demonstrtrten die Bewohner RutaS gegen die Municipalität und zerstörten drei Zollhäuschen. 500 Personen waren an dem Tumult betheiligt. Gegen Personen wurde jedoch kein Gewaltact verübt. Die Polize stellte die Ordnung wieder her und verhaftete 8 Personen. Die Erhebung der Accise wird nunmehr mit Hilfe der Be» Hörde auSgeführt.

Amsterdam, 26. November. Heute kam eS zu Zu­sammenstößen zwischen der Polizei und strikenden Bäckern. Letztere zertrümmerten durch Sleinwürfe die Fenster der fort* arbeitenden Bäckereien, plünderten die Brodwagen und warfen daS Brod auf die Straße. 40 von 400 Arbeitgebern, darunter fünf Brodfabriken, bewilligten die Forderungen- be diesen wurde Abends die Arbeit wieder ausgenommen.

Petersburg, 26. November. Bei dem Empfang deS Senats am Freitag sprach der Kaiser zu den Mitgliedern deffelben:Meine Herren? Im Namen meines verstorbenen

Vaters danke ich Ihnen für Ihre Arbeit. Ich bin überzeugt, daß der Senat auch unter mir sich in seiner Thättgkeit allei« von der Wahrheit und dem Gesetz wird leiten taffen." DerRegieruvgSbote" veröffentlicht denDankdeSKaiser» an alle Klaffen der Bevölkerung, an die städtischen Institute und die privaten Gesellschaften Petersburgs für die tiefe Theilnahme au dem Leid, welches den Kaiser und ganz Ruß­land durch das Ableben deS Kaisers Alexander getroffen hat. Der Kaiser lobt die musterhafte Ordnung während der Trauerfeierltchkeiten In Petersburg und Moskau und macht den niederen Polizeichargen ein Geldgeschenk von einem Rubel iro Mann. DerRegierungsbote" meldet ferner: Aur Mittwoch empfing der Kaiser die Deputationen de« siu- ländischen Senats, der finländischen Landstände u. f. w. Er sprach denselben seinen Dank auS für die auSgedrückte« Gefühle der Ergebenheit und beauftragte die Deputation, dieses seinen treuen finländischen Untertanen mitzutheilen.

Petersburg, 26. November. Nach den langen Trauer- Wochen hatte Petersburg heute einen Freudentag: die Hoch­zeit deS Czaren. Helleres, freundlicheres Wetter zog fett den frühen Morgenstunden Tausende nach dem Newßki- Prospekt und den ganzen Tag vom Anitschkow-PalaiS bil nach dem Winter-Palais entlang. Ueberall bildete Militär Spä ter. Die Polizei war fast gar nicht sichtbar. Die wetten Säle des Winter-Palais füllten sich von 10 Uhr ab mit Taufenden von Menschen. Das glänzendste Bild bot der Nicolaisaal, in dem daS kaiserliche Hauptquartier, die militärische Suite, die fremden Souveräne sowie die Groß­fürsten, Generäle, Admirale und Militärdeputatiouen ver- sammelt waren, nächstdem der Wappensaal, wo die bei Hofe vorgestellten Damen in russischem Hoscostüm die Ankunft des Brautpaares erwarteten. Kurz vor 11 Uhr traf die kaiserliche Braut im Winter Palais ein, wo in dem historischen Toilettezimmer der Kaiserin Anna im Deisel« der Ehrendamen die Brauttoilette gemacht wurde. Die Braut trug eine reiche Brillantkrone, einen Goldbrokatmantel und ein weißes silberdurchwirkteS Kleid mit langer Schleppe. AIS Brautblumen waren Orangeblüthen aus der kaiserliche» Orangerie in Warschau verwendet. Um 12 Uhr kündigte» 51 Kanonenschüsse an, daß sich der HochzeitSzug aus de« inneren Gemächern nach der Kirche in Bewegung gefetzt habe. Der Zug ging vom Malachitfaal auS, durchschritt den Concertsaal, den Nicolaisaal, den Marschallsaal, den Saal PeterS des Großen und bog alsdann zur Capelle ei«. An der Spitze des Zuges schritten der Hosmarschall und der Oberhosmarschall- eS folgten über 100 Kammerjunker, darunter auch ausländische, sodann die höchsten Herrschaste«, und zwar als erste« Paar die Kaiserin Wittwe mit de« König von Dänemark, dann der Kaiser in der Uniform de« Prorbraschensk Regiments mit der kaiserlichen Braut, hierauf der König und die Königin von Griechenland, der Prinz Heinrich von Preußen mit der Großherzogin von Coburg- Gotha, der Prinz von Wales mit der Prinzessin Heinrich von Preußen, die Übrigen Fürstlichkeiten und die Großfürsten. Pagen trugen die Schleppen im Vorsaal und vor der Kirche erwarteten der heilige Synod, der hohe CleruS, die Minister, das diplomatische Corpö darunter der deutsche Botschafter v. Werder mit ihren Damen den Zug. Um 12 Uhr 20 Minuten begann die kirchliche Feier, während derselbe» erstrahlten die gegen den Newa-Quai gelegenen Säle i» hellem Tageslichte. Die Kirche sowie die anstoßenden Säle waren durch Kerzen erleuchtet. Unter Ueberreichung bei Kreuzes und Besprengung mit Weihwasser traten die Herr­schaften in die Kirche ein, wo sie vom Metropoliten vo« Ladoga empfangen wurden. Der feierliche Gottesdienst be­gann mit Chorgesang. Nach der Nuntialbenediction stimmte der Metropolit daS Tedeum an, während gleichzeitig be­gonnen wurde, von der Festung 301 Kanonenschüsse abzu­feuern und alle Glocken der Stadt zn läuten. Nach Beendi- gung der Kirchenseier nahm daS Kaiserpaar die Glückwünsche entgegen. Der Zug kehrte sodann auf demselben Weg zurück, daS Kaiserpaar diesmal als erstes Paar. Um 1 Uhr 50 Minuten war die Feier beendet. Um 2 Uhr verließ dal kaiserliche Paar in einem Galawagen das Winter-PalaiS uub begab sich, von den Fürstlichkeiten begleitet, nach der Kasan- kirche zum Dankgottesdienst und sodann nach dem Anitschkow- PalaiS. Die gesammle Feier nahm einen glänzenden »er­laub Den auswärtigen Correspondenten war auch dieses Mal der Zutritt gestattet.

Petersburg, 26. November. Die Trauungsfeier i» der Capelle des Winterpalais erfolgte streng nach orthodoxe« Ritus. Vor der sogenannten Kaiserthüre war eine Estrade errichtet, die mit rosa Seidenstoff überzogen war. Daraus stand ein Kreuz und dal Evangelium mit der vorgeschriebenen