Ausgabe 
28.10.1894 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 28. October

1894

Erstes Blatt.

Nr. 253

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Amts- unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

Hratisbeikage: Hießener Jamitienökätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Nedactton, Expedition und Druckerei:

KchutstraßeZlr.7.

Fernsprecher 51.

Vierteljähriger Zlbonncmcntspreis t 2 Marl 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

Aamttienvkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelcgt.

Der siebener Anzeiger erscheint täglich, aut Ausnahme deS Montags.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 26. October 1894.

Betr.: Gemeindekrankenversicherung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

cm die GrotzH. Bürgermeistereien de- Kreises.

Die Prüfung der letztenNachweisungen betr. die Krankenversicherung" für das Jahr 1893 hat uns zu einer Reihe von Verfügungen Anlaß gegeben, die den betreffenden Bürgermeistereien in den nächsten Tagen zugehen werden. In denselben ist vielfach auf die in unserem Amtsblatt Nr. 10 von 1893 angeführten, von dem Kaiser!, statist. Amt pro 1891 für die Gemeindekrankenversicherungen des GroßherzogthumS ermittelten Durchschnittszahlen Bezug genommen. Da wir indeffen wahrgenommen haben, daß das erwähnte Amtsblatt bei einer Reihe von Ihnen nicht mehr zur Hand ist, bringen wir die fraglichen Zahlen nachstehend nochmals zum Abdruck:

I. Es kommen durchschnittlich auf je 100 Mitglieder im Jahre 1891

1) ErkrankungsfäÜe: 25,2, 2) Krankheitstage: 436,5.

II. Auf einen Erkrankungsfall kommen 17,3 Krankheitstage. III. Auf ein Mitglied kommen an Krankheitskosten für

1) Arzt.....2,51 Mk.

2) Arznei.....1,65

3) Krankengeld . . . 2,78

4) andere Ausgaben . 0,79

zusammen 7,73 Mk.

IV. Auf einen Erkrankungsfall kommen 30,69 Mk., auf einen Krankheitstag 1,77 Mk. Krankheitskosten.

Diese Normalzahlen zeigen gegen diejenigen früherer Jahr­gänge nur ganz minimale Abweichungen.

Den Gemeindeeinnehmern wollen Sie dieses Ausschreiben zur Einsichtnahme mitt heilen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen, betreffend.

Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-sreiwiüigen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen, den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll­ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs­pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufent­haltsort hat.

2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird.

Der Nachweis der Berechtigung zum ein* jährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen. (Wenn z B. mit Rücksicht auf dar Lebens­alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus- geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ift in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April nachfolgen werde.

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a) Geburtszeugniß;

d) Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit­willigkeit, den Freiwilligen während einer ein­jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, loroie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig- keitlich zu bescheinigen;

c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real­gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Real­schulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch

den Director der Anstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist; ;

d) das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zu pos. b ; daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß.

Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme \ der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben j gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugniffe für die Prima : der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, i sämmtlich nach Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 ausgestellt sein müssen.

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.

Großh. Prüfungs-Commission für Einjährig-Freiwillige zu Darmstadt.

Der Vorsitzende: Buchinger.

Gefunden: 1 Taschenuhr mit Kette, 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Brosche, 2 einzelne Handschuhe, 1 Regenschirm, 1 Mütze, 1 Peitsche, 1 Schlüssel und 1 Aushängeschild.

Gießen, den 27. October 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Neueste Hadorf

WolffB telegraphisches Korrespondenz- Bureau

Berlin, 26. October. Der Kaiser wohnte heute Nach­mittag um 1 Uhr dem Bittgottesdienst in der Capelle der russischen Botschaft bei. Außerdem waren anwesend die in Berlin weitenden Prinzen, der Reichskanzler, der preußische Ministerpräsident, die Minister, die Generalität, die Regi mentscommandeure, die Stabsoffiziere des Alexanderregiments und auswärtige Vertreter.

Berlin, 26. October. Nach zuverlässiger Mittheilung steht die Aufhebung deS Verbots der Lombar- dirung russischer Werthe durch die Reichsbank un­mittelbar bevor.

Berlin, 26. October. In der Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege sprachen Behrings Mitarbeiter Ehrlich und Wassermann über die Gewinnung einer Werthbestimmung des Diphtherie-Heilserums. Ehrlich führte aus, die Ent­deckung sei ohne Gleichen in der Medicin, die Jmmunisirung gewähre jedoch höchstens zwei Monate Schutz. Waffermann erwähnte, daß von den am ersten und zweiten Tage be­handelten Kindern keins starb- die Sterblichkeit betrug im Ganzen unter 16 pCt.

Colbergermünde, 26 October. Beim Einlaufen in den hiesigen Hasen wurden zwei Torpedoboote infolge des herrschenden starken Sturmes leicht beschädigt. Ein drittes gerieth auf Grund- zwei Mann fielen über Bord, einer da­von, der Obermatrose Boldt, ertrank. Das Boot hat keinen Schaden genommen.

Budapest, 26. October. Im Marmaroser Comitat steigt die Theiß rapid. Das Hochwasser richtet enormen Schaden an, unzählige Holzflöße sind weggeriffen worden. Der Schaden wird auf über 100,000 Gulden geschätzt.

Loudon, 26. October. Die Abendblätter melken: Am Mittwoch Abend begann General N.odzu seine Truppen über den Yalafluß überzusetzen, bei Sonnenaufgang war die ganze Streitmacht übergesetzt. Inzwischen über­raschte Oberst Saro den Feind in seiner befestigten Stellung bet dem Dorfe Foucheng am rechten Ufer und griff ihn an, obgleich er ohne Artillerie war. Der Kampf dauerte von 10 Uhr Morgens bis zum Nachmittag. Die Chinesen kämpften zuerst gar, schließlich wurden sie geschlagen und zogen sich in Unordnung nach Kulkenchas zurück. Die Japaner zerstörten das Fort und kehrten dann zum Haupicorps zurück. Die Chinesen hatten 200 Todte auf dem Schlachtfelde selbst. Die Zahl der Verwundeten ist un­bekannt. Ein gefangener chinesischer Offizier sagte aus, die Stellung der Chinesen sei von 18 Bataillonen besetzt. Die Japaner verloren 5 Offiziere und 90 Mann. Die Pläne Yamatagas zur nächsten Schlacht seien fertig. Die chinesische Stellung wird wahrscheinlich bet Tagesanbruch am Samstag von allen Seiten zugleich angegriffen werden. Nach den letzten Nachrichten ziehen sich die chinesischen Vorposten auf Kulienchas zurück. Die Batterien dieser Stellung seien auf 11 verstärkt, doch wird bezweifelt, daß sie complett sind. Das Wetter ist günstig.

London, 26. October. Die russische Botschaft ermächtigt dasBureau Reuter" zu erklären, daß aus Ltvadia heute Morgen ein Telegramm eingegangen fei, wonach sich der Zar sehr viel besser befände. Er nahm heute das Früh­stück mit Appetit ein. DerPolarstern" ist beordert, sich sofort nach Ltvadia zu begeben, um den Zaren und die kaiserliche Familie nach Korfu zu bringen.

Petersburg, 26. October. Dem Vernehmen nach lehnte Profeffor Grube ab, die beabsichtigte Operation am Czaren vorzunehmen, da er die Verantwortlichkeit nicht übernehmen will. Die Hochzeit deS Thronfolgers ist auf den 29. October festgesetzt, eine Abänderung des Termins jedoch möglich. AuS Moskau wurden mittelst SonderzugeS die Kronen abgesandt, die bei der Trauung deS Großfürsten verwendet werden.

Petersburg, 26. October. Auf eine Depesche, welche meldete, daß in Ssaratow versammelte Reservisten für die Genesung des Kaisers Gebete verrichtet hätten, antwortete die Kaiserin durch den Kriegsminister:Ich bitte, den Reserve Untermilitärs der Jahrgänge 1877 und 1878 des Kaisers und meinen Dank zu eröffnen für ihre Gebete, die uns tief gerührt haben."

Livadia, 26. October, 11 Uhr Borm. Die vorige Nacht schlief der Kaiser ziemlich gut. Der Appetit ift ein guter und eS sind keine Schläfrigkeit und keine spasmatischen Erscheinungen vorhanden. DaS Oedem hat sich etwas ver­größert. ____________

Depeschen bei Bureau .Herold".

Berlin, 26. October. Am kaiserlichen Hofe haben sich folgende Veränderun gen vollzogen: Major v. Falken­hagen, der Militärgouvelneur der älteren kaiserlichen Prinzen seit dem Jahre 1889, ist in den Großen Generalstab zurück- getreten. Zu seinem Nachfolger ist der langjährige Militär- attacho in Wien, Flügeladjutant Oberst v. Deines, ernannt worden, der in Wien bekanntlich durch den Flügeladjutanten Oberstlieutenant Grafen v. Hülsen-Häfeler ersetzt wird. Zum neuen Flügeladjutanten des Kaisers ist der Hauptmann v. Kalckstein vom Kaiser Franz Garde Grenadier Regiment ernannt worden.

Berlin, 26. October. Aus parlamentarischen Kreisen wird gemeldet, daß in der gestrigen Sitzung der stimm- führenden Minister der Bundesstaaten völligesEin- verständniß der Minister der Bundesstaaten mit dem Vorgehen Caprivis sestgestellt worden sei. Auf Grund der gepflogenen Berathungen werden die einzelnen Vorlagen nun­mehr ausgearbeitet. DieNationalzeitung" erklärt daS Gerücht über den beabsichtigten Rücktritt des Ministerpräfi- deuten Grafen Eulenburg für unbegründet, des­gleichen die Meldung, wonach die bayerische Regierung gegen eine Abänderung des Strafgesetzbuchs hinsichtlich der Be­kämpfung der Umsturzbestrebungen sei.

Köln, 26. October. Gegenüber den Zweifeln eines Berliner Blattes an der Wahrheit ihrer früheren Mit- thetlungen versichert dieKöln. Ztg." auf das Bestimmteste, daß Caprivi bezüglich der Bekämpfung der Umsturz- Parteien nur eine Ergänzung gereifter Lücken deS Reichs- Strafgesetzbuchs, vor Allem, soweit die Verherrlichung der Verbrechen in Frage kommt, erstrebe. Die Vorarbeiten zur Erledigung dieses Auftrags im Reichsjustizamt seien bereit- seit Mai abgeschlossen. Der Reichskanzler habe eine Ver- schärfung der vereinsgesetzlichen Bestimmungen zur Durch­führung im Reiche abgelehnt.

Wien, 26. October. Aus St. Petersburg wird gemeldet, die Schwäche des Czaren habe bedeutend zu- genommen- er sitze stundenlang im Lehnstuhl.

Mährisch-Ostran, 26. Dctcber. Hierselbft find aber- mals zwei Erkrankungen an asia tischer Cholera vor­gekommen.

Budapest, 26. October. Die kir chen p o litt sch en Vorlagen wurden dem Kaiser zur Sanction unterbreitet.

Rom, 26. October. Gestern Abend versuchten die radicalen Abgeordneten im Verein mit dem socialistischen Gemeinderath in Mailand Protestmeetings gegen das Auflösungsdecret der Gesellschaften zu veranstalten. Die Polizei löste die Versammlung auf, die Abgeordneten zogen sich in ein anderes Local zurück und theilten dort den Zu­hörern mit, daß eine revolutionäre Agitation im ganzen Lande begonnen werden solle.

Stuftet 26 October. Gestern Abend wurde die neue freie Universität eröffnet. Der socialistifche Abgeord­nete Pikard erklärte in seiner Eröffnungsrede, die alte Uni­versität mit der alten bürgerlichen Gesellschaft werde in kurzer Zeit unter dem Anstürmen der Brüderlichkeit und der Gerechtigkeit zusammenfallen. Unter den 60 Professoren,